Edelfedern

Sprache & Schreibe der Gegenwarts-Journaille

 

Die Mission der Presse ist, Geist zu verbreiten
und zugleich die Aufnahmefähigkeit zu zerstören.


Vervielfältigung ist insofern ein Fortschritt,
als er die Verbreitung des Einfältigen ermöglicht.


Journalisten schreiben, weil sie nichts zu sagen haben,
und haben etwas zu sagen, weil sie schreiben.


                                                                       Karl Kraus

 

Die beharrlich weiter wachsende Folge von Beispielzitaten auf diesem SubLink
gibt keine Gesamtübersicht zu dem, was Tag für Tag an Falsch-, Fehl-, Schlamp-
und Pein-Schreibe in deutschsprachigen Periodika, Presserzeugnissen, Printmedien (Netzkommunikation inklusive) zu finden ist. Zum Nachweis der Gültigkeit jenes Diktums von Karl Kraus: „ … der Stil kann beweisen, dass einer ein Mörder ist“, kann sie dennoch dienen.
   Man kann dem nicht entgehen, muss nicht danach suchen. Von der Postwurf-Anzeigenpost bis zu überregionalen „Qualitäts“-Tages- und Wochenzeitungen, vom Revolverblatt bis zur regionalen „Heimat“-Abopostille, vom Nachrichtenmagazin bis zur Yellow Press, erst recht in  Amts-, Verbands-, Fach- und Interest-Organen:  Schon Headlines, Sky- & Sublines sind gespickt mit dem, was nach Eigen-Einschät- zung der Urheber unter „Edelfedern“ läuft – falschen Satzkonstruktionen, falschen Deklinationen & Konjugationen, Beugungen, Bezügen, Zeitebenen, Partizipien, Konjunktiven, Wortbedeutungen. Inflationär breitet sich derlei dann erst recht in Fließsatztexten aus. Dies gerade dort, wo einst sauberes, korrektes, wenigstens regelgerechtes Deutsch als Normalität gelten konnte, nicht zu reden von dem Ehrgeiz (bei Gelingen verbunden mit ein wenig Stolz) einiger Redaktionen, die sich ehedem als Bewahrer, ja Bekenner einer niveauvollen, konkret: richtigen, kultur-geprägten, zugleich berufsbewussten (und -bedingten) Schriftsprache Deutsch verstanden. Also des einfachen Nachweises professioneller Beherrschung der journalistischen Arbeitsbasis Sprache.
   Deren Niedergang beschränkt sich nicht auf Grammatik, Semantik, Syntax, Interpunktion. Er erstreckt sich längst auf Stildetails und Inhaltsaspekte – insgesamt also auf jene Fertigkeiten, deren Beherrschung für berufsausübende Wortwerker als selbstverständlich gelten müsste.
   Eine Reihe subjektiv ausgewählter, doch typischer Anlassbereiche, dazu noch exemplarische Fall-Einzelbeispiele, geben den Stand heutiger Medienschreibe in groben Ausschnitten zu erkennen – vom Sammler hier nicht strategisch-planerisch eruiert, sondern beiläufig, tagesabhängig, auf den Umgriff seiner Regel-Lektüren reduziert. Darum dominieren hier Fundsachen aus beiden täglichen Zeitungs-rezeptionen und auch aus diesen nur, was bei interesse- und stimmungsabhängiger, oft flüchtiger Rezeption vors Leserauge kam, also ohne jede Tiefenrecherche sich von selbst aufdrängte. Dazu diverse Überraschungs-Trouvaillen von eher zufälligen Blicken in andere Medien, aus Hotel, Reisezug, Wartezimmer, Probeexemplaren.
   Ist man auch schmerzhaft mit den nahezu täglichen Ärgernissen in seinen Leib- Informationsquellen konfrontiert, hat man so doch gesicherte Kenntnis davon,
dass es in anderen Kern-, Leit- und Geltungsmedien ganz genauso zugeht. In
FAZ, DIE ZEIT, DER SPIEGEL, Die Welt, FR, Handelsblatt, LOCUS, Cicero, RhP, WAZ, Tagesspiegel, in ARD&ZDF sowieso: überall dieselben Fehler, Verstöße, Ärgernisse. En suite.


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   Tagesfunde
– ungezielt seit Jahreswechsel  2014/2015


„Das Parlament ist paralysiert, vorgezogene Neuwahlen stehen im Raum
  wie der Elefant zwischen den Scherben des Porzellanladens.“
                                                      
(Cathrin Kahlweit / SZ Ukraine-Report 3-2016)

„Carolin Kebekus gilt als Deutschlands vielversprechendste und talentierteste
 Komikerin und Entertainerin.“
(WDR)

„ … wie Gerhard Schröder und Wladimir Putin den Petersberger Dialog
 aus der Taufe hoben
.“                                  
(Stefan Braun / Süddeutsche Zeitung)

 

„Man müsse die Debatte entlang der Regeln führen … “
                                                                                       
(Christoph Hickmann / SZ)

„ … Putin habe aus gesundheitlichen Gründen abgesagt.“      (Julian Hans / SZ)
Abgesehen davon, dass es in solchen Anlassfällen immer krankheitliche Gründe sind: Spricht etwas dagegen, einfach und klar „wegen Erkrankung“ zu schreiben?

„Wie Vitali Klitschko die deutschen Okkupanten samt ihrer Helfershelfer
 verharmlost …“
                                           (Reinhard Lauterbach / junge Welt)

„ … dass die Redaktion des WDR die Ausstrahlung aus Jugendschutzgründen
 in ihr Spätprogramm verschiebt.“
              (Süddeutsche Zeitung / Medien)

„Gesundheitsminister Daniel Bahr sagte, CDU und CSU würden einen
 anderen Ansatz verfolgen“                                         
(Robert Rossmann / SZ)
Gemeint ist nicht, dass die es würden – also täten, wenn sie könnten. Sondern
(indirekte Rede, Konjunktiv 1), dass sie faktisch einen anderen Ansatz verfolgten.
(s. unten - Konjunktiv & Indirekte Rede)


„Er sollte signalisieren: Die beiden sind sich trotz aller anderslautenden 
 Spekulationen einig.“
(Susanne Höll / Süddeutsche Zeitung)
Also entweder: trotz allen anderslautenden … Oder: trotz aller anderslautender …“ (wenn es denn schon der falsche Genitiv sein muss). Die erstgenannte Version wäre
die richtigere. Denn „trotz“ wird vom Dativ bestimmt: Man trotzt den Gefahren
und d
em Geschick und sagt „trotzdem“, nicht trotzdessen ...

Der prominenten Gäste zum Trotz … “           (TV-Kommentar WDR/3sat)

 

„Plan B statt deutschem Euro“        (jW / Schwerpunkt / Interview-Headline)
 Wegen dem. Während dem. Statt dem.  --- (s. unten: Dativ killt Genitiv)


„Tote bei Untergang von russischem Schiff“ (Head im Nachrichtensender ntv)

Säbelrasseln zum Anfassen, das soll Putin schrecken“ (BR-Rundschau)

„ … gar eine Sekte, die bereits den Kindern Rassismus lehre.“
                                                                                  (Claudia Wangerin / jungeWelt)

„ … hatte der Parteitag Trittin aufs Schild gehoben“ (Daniel Brössler / SZ)
  Da fragt man sich: Aufs Straßenschild oder Ladenschild oder Klingelschild?

„ … gibt es keine internen Kungelrunden, in denen seismische Störungen schnell
 zum Erdbeben hochkochen
.“                                         
(Peter Issing / DIE WELT)

Meisterstück knapp gefasster Dialektik:
Grünes Licht für Vertragssperre (Daniel Brössler / SZ)
Eine Sperre hat freie Fahrt --- vom Ampelgrün freigegeben.

Dialektik vom Feinsten:
Stopp dem Stau! (Garmisch-Partenkirchener Tagblatt / Münchner Merkur)
Wie macht man das: einen Stau stoppen?

„Die militärische Option liegt auf dem Tisch.“ (Stefan „Nato“ Kornelius / SZ)

Triumph der Edelfedern-Kunst:
Duell zu siebt Süddeutsche Zeitung zur Unterhauswahl in Großbritannien

„ … gemäß griechischer Berechnungen.“ (ARD-Tagesschau)

„ … dank Schilder am Revers der Schaffner mit vollem Namen.“
                                                                                               
(Jannis Brühl / SZ)

„ … dass SPD-Chef Gabriel auf ein Gesetz zur Vorratsdatenspeicherung
 dringt.“
(Tanjev Schulz / SZ)
Man kann es dringend oder dringlich machen, kann in etwas dringen = irgendwo eindringen. Aber was Gabriel da macht, heißt drängen. Er dringt also nicht, sondern drängt auf ein VDS-Gesetz.

Aller Unkenrufe zum Trotz: Organisatoren ... zufrieden“
                                                                        (jW / Aufmacher-Headline Politik)

„Hallenbad auf der Kippe (SZ Region / Headline-Aufmacher)

„Badehaus noch nicht in trockenen Tüchern
                                                          
(Münchner Merkur / Region Nachrichten)

„Lieferung von atomar bestücktem deutschem U-Boot an Israel genehmigt“
                                                                                               (N24 Nachrichten)
 Ein U-Boot genehmigt die Lieferung?
 Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod. (B. Sick) – s. unten


„Die noch epochalere Begegnung der Präsidenten soll am Samstag
 stattfinden.“
                        (Boris Herrmann / SZ-Politik, Korrespondentenbericht)
 --- epochal, epochaler, am epochalsten - ?

„ … können die Augenzeugen sich entgegen ihrer vorherigen Aussagen
   nicht  mehr erinnern.“                            
(ARD / Pressetext zu Zero Tolerance)

„Die Bilderstürmer haben entlang der Friese und Reliefs ausgediente Ölfässer
  aufgestellt … “
                 (SZ-Feuilleton / Paul-Anton Krüger / Nimrud-Report)

„(Milo Rau) versucht in The Dark Ages nichts weniger als den Ursprung des Bösen zu erkunden …“ (Tim Neshitov / SZ-Feuilleton /Theaterkritik)
Ein wahrer Klassiker: Der Rezensent sagt aus, Milo Rau erkunde den Ursprung des Bösen am Allerwenigsten von allem, eben nichts weniger als ihn. Er meint das exakte Gegenteil dessen, was er aussagt: nicht weniger, also mehr, besonders viel, intensiv, gründlich.

„CDU/CSU bemühen nichts weniger als die Daseinsvorsorge, um einen geforderten Eingriff in das Grundgesetz zu vertuschen.“
                                                                                             
(cwr / jW Tagesglosse)
Der linke Kommentar macht es nicht anders. Die C-Parteien bemühen „nichts weniger“, also diesen Eingriff weniger als alles andere, also alles andere mehr. Man will das Gegenteil aussagen, merkt's leider nicht.

„Zwei, die sich nicht leiden konnten: Vogler und Rilke“
                                                                          (Antje Weber / SZ-Region Kultur)
Wer wen? Beide, im Journaille-Neuschreib: „sich gegenseitig“? Oder jeder sich selbst, gleichsam im kulturbetrieblich gern konstatierten Künstler-Selbsthass? Gemeint ist vermutlich jene Emotionslage, für welche die deutsche Sprache eine so schöne wie klärende (und darum im Boulevardgelaber untergehende) Vokabel hat: einander.

„Mehr Aufträge – wenn China nicht querfunkt (Daniela Kuhr / SZ-Wirtschaft)

„ … nach Swindon gekommen, um seine Partei auf die nächsten drei
  Wochen
einzuschwören.“                      
(Christian Zaschke / SZ-Report England)
Wieder ein Inhaltsverfall in Richtung Wortbedeutungs-Entleerung: Bisher konnte
man inflationär die immer gleiche Wendung „schwört ein /schwor ein“ (wenn nicht
gar à la SZ bereits: „schwörte ein“) vernehmen, wenn ein gemeinsames Engagement vorzubereiten ist oder war. Also:  „ …. Schwor die Gefolgschaft auf den Kampf ein, das Wahlprogramm ein, die Kampagne ein, die Inhalte, Parolen, Ziele ein“.
Jetzt wird schon auf bloße Zeiträume eingeschworen, Wochen, Tage … Demnächst vielleicht auf Termine, dann Personen, dann Räumlichkeiten?

 Unschlagbar, preisverdächtig:

„ … Burgenbloggerin im Mittelrheintal soll der strukturschwachen Region
  auf den Zahn fühlen
“                                    
(SZ / Headline im Ressort „jetzt.de“)

„ … die Beteiligten mühen sich, ein größeres Kompromisspaket zu stricken.“
                                                                                                         
(ZDF / heute)
   Einmal davon abgesehen, dass die Vorstellung, Pakete ließen sich stricken, eine absonderliche, jedenfalls nicht edelfedern-adäquate ist: Wieso wird unter und von Politikern, Wirtschaftsführern, Planern, Beiräten Stabsabteilungen andauernd „gestrickt“ – Konzepte, Strategien, Programme, Geheimpapiere oder schlicht Pläne?
Hat schon je jemand eine Projektgruppe strickender Egg Heads am Werk gesehen?
Es ist so ähnlich wie in dem anschließenden Vorgang, bei dem die durch Stricken erzeugten Vorgehensweisen (wiederum: Strategien, Kampagnen, Aktionen …) dann ständig „gefahren“ werden. „Ma sagt ja nix, ma redt ja nur."
(= Regelkommentar zu
sowas von Felicitas Amler)



„ … während an der Konzernspitze ein bizarrer Machtkampf tobt“.
                                                                                             
(ZDF / heute-Journal)
Dass im Akutjournalismus jeder Dissens, jeder Meinungsunterschied, jeder Konflikt, jede Kontroverse, die eine Meldung wert sein könnte zum Weltbeben aufgeblasen zu werden hat und darum grundsätzlich „tobt“, ist tägliche Nachrichten-Erfahrung. Jeder Hergang, der zwei Seiten = zwei (oder gar mehr) Meinungen betrifft, muss als Vorgang infernalischen Ausmaßes dargestellt werden. Das Metier kennt keine ordentlichen, kennzeichnenden Begrifflichkeiten mehr; es reckt sich zwanghaft zu Superlativismen, die keine Differenzierungen, gar Nuancen mehr zulassen – und eben damit sogar den extremen Begriff zum inhaltsleeren Gelaber verhunzen und entwerten. So hat selbst die kleine, stille Hinter-den-Kulissen-Intrige, gar eine Zwischen-den-Zeilen-Andeutung die Ausmaße eines Orkans oder Taifuns, der eben tobt, also jede Grenzsetzung durchbricht, niederwirft, umstürzt, zersplittert, pulverisiert, destruiert, wie Orkane und Taifune
das mit Bäumen, Dächern, Mauern, Häusern, Dämmen machen. Jeder Funke: ein Flammendes Inferno. Jedes laue Lüftchen: eine Kontinentaldrift. Somit auch jedes Fünf-Worte-Knurren eines Einflusshabers: der Anbruch einer neuen Ära. Wer darauf nicht sogleich kuscht, löst Vorgänge aus, die nur als Toben zu vermitteln sind. Selbst wenn das kleine Hin und Her, das folgen mag, gerade mal als seltsam, also etwa „bizarr“ erscheinen mag – ohne Toben geht es nicht. Kein Wunder, dass so die Absurdität einer Bizarrerie (also maximal: Absonderlichkeit) na was schon: tobt.
Und
tobende Bizarrerien in einem, demselben Satz zum neuen Sprachfund werden.
Karl Kraus: „Keinen Gedanken haben und ihn ausdrücken - das macht den Journalisten.“

„Auf der anderen Seite passen Nokia und Alcatel-Lucent gut zusammen“
                                                             
(Caspar Busse / SZ Wirtschaftskommentar)
Auf welcher Seite? Rechts, links – im (N)Irgendwo? Busse verrät uns so viel:
„Es gibt nur geringe Überlappungen.“


„Ein Millionär soll auf obskure Weise dazu bewegt worden sein, sein
 Vermögen der Stiftung zu vermachen.“
                                                                  
(Katja Riedel / SZ-Panorama / Subhead)
Zum transitiven und intransitiven Sinngebrauch eines Verbums. Man hat bewegt: ein Objekt, eine Materie (ein Auto, einen Koffer, einen Rasenmäher und natürlich: sich). Einen Menschen, Handelnden, Geistbefähigten – den hat man bewogen. Es ist dasselbe Elend wie bei geschwört, erwägt, geschindet, geschliffen, erleidet, gepreist … alles allfällig
in Ihrer SZ.


„Wen trifft es das nächste Mal -- Einen selbst?“
                                    (SZ-Chefredakteur Kurt Kister zum Germanwings-Absturz)

„Gergiev, der zur Präsentation aus Zeitgründen nicht nach München kommen konnte … “ (Doktor Brembeck, SZ-Feuilleton, der auch je eine „Extremsopranistin“,  eine „spartanisch herb komponierende und zutiefst gläubige“ Musikerin, dazu „Wagner-Schnipsel“ und eine „aus dem Mainstream herausstechend einzige Dirigentin“ entdeckt, zur MüPhilh-Saisonvorschau)

„Grünes Licht für die Maut“ (SZ-Headline in Politik, Nachrichten)
Das ist annähernd so wie „Stop dem Stau“: Eine Zugangsgebühr, im Effekt also Freifahrtsperre, erhält „Grünes Licht“, somit freie Fahrt.

Noch schöner, im gleichen Dummsprech:
„Grünes Licht für die Mietpreisbremse (ZDF heute / Nachrichten)

Todesstoß für mobile Verschlüsselung (SZ-Wirtschaft, Aufmacher-Head)


„Garniert hat er seine Darstellung mit Beispielen selbst leidvoll erlittener
 Einflussnahme durch Wirtschaftsbosse – auch per nächtlicher Anrufe.“
                                                                      
(SZ Politisches Buch / 3.2.2015)

„Seine Frau hatte ihre Arbeit im Krankenhaus aus gesundheitlichen Gründen aufgeben müssen“ (Hans Holzhaider / SZ-Gerichtsreportage, Seite 3)
Und das, obwohl die Arbeit, die aus 'gesundheitlichen Gründen' endete, in einem Krankenhaus geleistet wurde. Ob es daran lag, dass dieses nur für krankheitliche Anlässe zuständig war?

Entlang der historischen Fakten …“                                     (jW / Medien)

„Scobel: Solidarität auf dem Prüfstand.“                     (3sat / Sendungs-Titel)

„Hartwich stellte vollmundige Werbeversprechen auf den Prüfstand.“
                                                                          
(HörZu / Programmankündigung)

      Ein Prüfstand ist ein Gerät oder eine Vorrichtung, mit dem ein technischer
     Gegenstand auf seine Eigenschaften reproduzierbar geprüft werden kann.
     Zu einem Prüfstand gehört neben der mechanischen Ausführung zur
     Aufnahme des Prüfgegenstandes auch die entsprechende Sensorik und
     Steuerung, um die Eigenschaften generieren und Messwerte protokollieren
     zu können. Was man nach gängiger Journaillepraxis Tag für Tag so alles auf
     den Prüfstand stellt, geht auf keinen Messwert.


„Die geplanten Trassen spalten inzwischen auch die Naturschützer.“
                                                                                                (SZ-Bayern / Öko-Report)

 

„ … Bombenanschlag, der 32 sozialistischen Aktivisten das Leben kostete.“
„ … Beileid für den Anschlag von Suruc, der konsequenten Gegnern des
   Erdogan-Regimes das Leben kostete.“  
(Peter Schaber / jW Schwerpunkt)

Inhaltlich gibt der leitende Oberstaatsanwalt München I ein weniger
  gutes Bild ab.“
                             (Wolfgang Wittl / SZ / Bayern-Kommentar)

„Am Münchner Haus der Kunst sah er mutig der Vergangenheit ins Auge.“
                                                               
(SZ Feuilleton / Aufmacher-Subhead)

„ … so wie die Gründung der Agentur für die Modernisierung der Ukraine
    im Beisein internationaler Prominenz aus der Taufe gehoben wurde.“
     
(Cathrin Kahlweit, Ukraine-Putsch-Lobpreiserin & Russland=Putin-Denunziantin
                                                                                                                     /  SZ-Politik)


Als erste Kommune im Landkreis wird dort ein Jugendrat gewählt.“
                                                                       (SZ-Region / Kreisausgabe TÖLZ-WOR)


 Auch eine liebe Journaille-Usance: die falsche Partizipialkonstruktion.
„Von derartigen Erfolgen verwöhnt, sind Rückschläge umso
 schmerzhafter.“                                                                            
(SZ-Forum)
   Ja, Bauchschmerzen soll man nicht auf die leichte Schulter nehmen.
   Und Rückschläge schon gar nicht verwöhnen.


  dto.:
„Damit begründete das Nachrichtenmagazin seinen Mythos vom
 'Sturmgeschütz  der Demokratie'. Obgleich heute längst ihr Bettvorleger,
  hallt
der Vorgang immer noch nach“.

                                                                                 (Robert Allertz / jW Schwerpunkt)
 Ein Vorgang, der nachhallt, ist längst (= schon lange) zum Bettvorleger mutiert.

  auch nicht schlecht:
Als konservativer Politiker gefiel es Mayer-Vorfelder, der bereits mit
  31 Jahren persönlicher Assistent des … Hans Filbinger war ….

                                                                                              (Philipp Seldorf / SZ Sport)

 Weil sowas so schön und klärungsklar ist, noch mal in Steigerung:
„Nürnberg hat sich nicht nach einer neuen Kulturstätte gesehnt. Doch
 versprochen von Horst Seehofer, nutzt die Stadt die Gelegenheit nun zum
 Rundumschlag.                                 (SZ / Region, Bayern, Aufmacher-Subhead)
Was hat Seehofer versprochen? Offenbar die Stadt Nürnberg. Wem er sie versprochen hat, bleibt offen. Doch darum, weil sie versprochen wurde, nutzt die Stadt dies und schlägt jetzt rundum. Soviel zur Kultur, ihren Stätten und Kolporteuren.

  dto.:
"In der Villa der Verstorbenen angekommen, geschehen dort seltsame Dinge."                                                   (Presse-Ankündigung eines Horrorfilms in der ARD)
 

„ … des öffentlich-rechtlichen Fernsehsenders ERT beschlossen, der aus Spargründen geschlossen worden war.“
                        (Cerstin Gammelin / SZ-Politik / Feature Griechenland „Reformen“)

   Wieder schwer im Kommen: Der dreistöckige Hausbesitzer.
 „Gericht verhängt Jugendstrafe über mehrfachen Rückfalltäter.“
 „Bis heute zählt der zweifache Oscar-nominierte
Hollywood-Klassiker
  ‚Singin In The Rain‘ zu den beliebtesten Musicalfilmen.“
                                                                             (SZ-Region / Kulturberichte & Service)

„Reiter verwahrt sich gegen eine öffentliche Diskussion über Standorte, bevor
 die nicht auf ihre Realisierbarkeit geprüft wurden.“

                          (Ressortleitung SZ-Region / zu einem Münchner Konzertsaalprojekt)
„Bevor nicht“ ist eine falsche (wenngleich notorisch im Gebrauch stehende) Redewendung, die das Gegenteil dessen aussagt, was gemeint ist: OB Reiter will nicht über Standorte diskutieren – entweder: bevor deren Realisierbarkeit geprüft wurde / oder: solange diese nicht geprüft wurde. Der Schreiber will sagen, Reiter verwahre sich jetzt gegen eine öffentliche Diskussion (und zwar solange keine Prüfung auf Realisier-barkeit stattgefunden hat; dann mag er diskutieren). Doch faktisch sagt er aus, Reiter verwahre sich gegen eine Diskussion, bevor diese nicht geprüft wurde, was Unsinn ist, weil sie – die Realisierbarkeit – ja bisher/derzeit noch der Prüfung harrt. Ergo: Erst wenn sie nicht geprüft sei, werde Reiter seine Verwahrung beenden. So offenbart sich eine höhere Art von Schreibschwurbel. 

„Die Mietpreisbremse soll in einigen Bundesländern mit Verzögerung
  starten."                                                      
(dpa / Tagespresse 30.4.2015)
  Wenn auch mit Verzögerung: Eine Bremse startet. Wie geht sowas?

„Trotz interner Machtkämpfe und zuletzt schlechteren Umfragewerten freut
 sich die AfD weiter über Mitgliederzuwachs.“  
(SZ-Politik / Meldungsspalte)
 
Was denn nun: Genitiv oder Dativ? Vorsorglich mal beides im selben Satz?

 Weil’s so schön war, dasselbe am selben Tag noch einmal:
„Heinrich Bedford-Strohm, dem bayerischen Landesbischof und seit einem
 halben Jahr Ratsvorsitzender der EKD … “

                        (Matthias Drobinski / Religions- & Kirchenexperte der Süddeutschen)

 Der journalistische Boulevard-Komparativ, nur durch den Superlativ zu toppen.
Eindeutiger hätte das Urteil der Experten von Stadt, Staat, Bayerischem
 Rundfunk und Orchestern nicht ausfallen können.“
                                                            
(Christian Krügel / SZ-Ressortleitung Region)
  ---   eindeutig – eindeutiger - am eindeutigsten ...

Wenn ein Kultursender sich analogisch gebärdet:
„Ein Foto des deutschen Fotografen Peter Lindbergh brachte den Stein der
 Model-Ikonen
ins Rollen.“
                      
       (arte / Ankündigung einer TV-Doku „Die Ära der Supermodels“)

„ … IP-Adressen von Computern, die gegen deutsche und europäische
  Interessen verstießen.“                  
(Christoph Hickmann / SZ-Politik / Titelseite)

Thüringens AfD-Sprecher Björn Höcke ist wegen seiner Äußerungen über
 die NPD in der eigenen Partei in die Kritik geraten.“
          (AFP-Meldung)
Thüringens AfD-Fraktionsvorsitzender Björn Höcke versucht nicht, seinen
 extrem rechten Kurs zu verschleiern …“
                       (jW / Bildunterschrift)
Der Mensch, der Höcke heißt, ist keineswegs „Thüringens AfD-Sprecher"! So wenig
wie Gerhard Schröder ungeachtet damaliger Pressemeldungen „Niedersachsens Juso-Vorsitzender“ oder Florian Streibl „Bayerns FW-Fraktionssprecher“ waren oder sind. Es gibt Thüringens Ministerpräsidenten, Sachsens Staatsregierung, Hessens Wirtschaftsminister, Münchens Oberbürgermeister. Doch Vereinigungen, Gesell-schaften, Verbände, Fraktionen, Vereine – die sind nicht Repräsentanzen eines Bundeslandes oder gar Nationalstaats. Die thüringische AfD ist kein Staatsorgan.
Also ist sie nicht „Thüringens AfD“, ihr Pressesprecher schon gar nicht „Thüringens AfD-Sprecher“. Es handelt sich um den Sprecher der thüringischen AfD oder den Vorsitzenden der AfD-Fraktion im Thüringischen Landtag.
 

„Am Mittwoch hatte die Polizei in fünf Bundesländern Wohnungen von
 vermeintlichen Mitgliedern der OSS durchsuchen lassen.“
                                                                
(Markus Bernhardt / jW Politikbericht)
Hatte die Polizei Wohnungen vermeintlicher OSS-Mitglieder durchsuchen lassen?
Oder hatten vermeintliche Mitglieder der OSS bestimmte Wohnungen durchsucht?


Transitiv – intransitiv, nach Belieben:
„Nach vagen Beschreibungen fertigt ein Spezialist ein Phantombild an,
 das überall in der Upper Westsite aufgehangen
wird.“
                             (Pressetext des TV-Senders VOX zur Serienfolge Law & Order)

Zweimal auf derselben SZ-Seite:
“Der bisherige Amtsinhaber Arthur König hatte aus Altersgründen darauf verzichtet.“ -- „Praxen, die aus Altersgründen aufgegeben werden …“
                                              
 (beides auf SZ-Politik, Greifswald-Wahl & Ärztetag)

„Jedoch habe die Politik den achtsemestrigen Bachelor nicht mit Geld
 unterlegt
, so dass er gar nicht fahrbar ist.“
(OJO / SZ Schule & Hochschule)
                                                                                                                           ???

„23,0 – 15,9 – 22,6. Hinter den Prozentzahlen verstecken sich die CDU-
 Ergebnisse in Brandenburg, Hamburg und Bremen.“

           (Robert Rossmann / SZ-Politik / Kommentar zu Landtagswahlergebnissen)
Der pure Unsinn. Das Gegenteil trifft zu: Die Ergebnisse verstecken sich nicht hinter
den Prozentzahlen. Sie sind mit ihnen identisch, werden durch sie evident.


Und gleich nochmal – am gleichen Platz:
Dahinter verbirgt sich der Verdacht, dass manche Waren nicht im israelischen
 Kernland, sondern in der Westbank produziert werden.“

                        (Peter Münch / SZ-Politik / Israel-Besorgnisse der Merkel-Koalition)
 Nein, im Gegenteil: Hier kommt der Verdacht, der sich keineswegs verbirgt,
 zum Ausdruck, hier wird er offenkundig.


„Beim Bier ist diese Gangart nicht ganz so inflationär.“
 (Und wieder: Die Locker-Brillanz der Jungprofis im SZ-Münchenteil, hier
 „Die Leiden des Spezitrinkers“ vom Nachwuchstalent K. Eisenberger (s. unten)


„Darin, dass Cameron sich mehr Entgegenkommen ausrechnet, als ihm
  gewährt werden kann.“              
(Daniel Brössler / SZ-Kommentar zu GB-EU)
  Entgegenkommen ausrechnen – wie macht man sowas?

„In Offenhausen wurde ein Soldatengrab mitsamt seiner SS-Runen
 jahrzehntelang gepflegt … “                   
(SZ-Region /Bayernteil /Aufmacher)

Die Stellungnahme (Köster-Oppinion) gilt im Europäischen Parlament
 als weitgehendste Beschlusslage gegen die derzeitigen Pläne zu den
 Freihandelsabkommen TTIP/CETA.“

    (Anmerkung auf NachDenkSeiten / zum Beschluss des EP-Rechtsausschusses
                                                                       über TTIP-Schiedsgerichte
)
 Progressio librarii: gehend, gehender, am gehendsten …

„Die Zahlungsunfähigkeit erscheint immer unausweichlicher.“
   (Der sonst hochzuschätzende Rainer Rupp in jW / Schwerpunkt zur Euro-Zone)

„Ncht etwa, weil hier eine andere Partei eine negative Kampagne gefahren
 
 hätte …“                           
(Stefan Braun / SZ-Innenpolitik / FDP-Parteitagsbericht)
 Kampagnen werden betrieben (soweit nicht nach Neuschreib: gestartet).
 Wieso sie in den Medien immerzu gefahren werden – keine Ahnung.


„ … nach den jüngsten Erfolgen in Hamburg und Bremen spricht alles
 dafür, dass Lindner & Co. viel Beifall einfahren werden.“ 
(der selbige Obige)
Im normalen Leben lässt sich Beifall erringen, erreichen, erfahren, erleben, auch gewinnen oder auskosten oder, oder, oder – aber im Medien Neuschreib, da wird er eingefahren. Abgeleitet von der schon länger etablierten Medienquatsch-Schreibe „(Wahl)Ergebnis eingefahren“. Sprache lebt – im Zweifel bis zur Verdummwesung.

„Ihre Erfolge könnten zwar auch daran liegen …“              (nochmal der Obige)
 Hoffentlich liegen sie dann warm.

„Verschwörungstheorien auf dem Vormarsch.“                        (ntv / Pressetext)

Entgegen aller Versuche, die Konflikte öffentlich herunterzuspielen,
  scheint das Auseinanderbrechen der beiden Lager programmiert.“

                                                                                                       (John Lütten / jW Politik)

„Da ahnte Guardiola noch nicht, dass auf ihn eine Debatte zurollt, die vor
  allem von Allofs und Dufner intoniert wurde.“

                        (Benedikt Warmbrunn / SZ-Sport / Feature zum Bundesliga-Ausklang)
 Eine Debatte wird intoniert, woraufhin sie zurollt.

 

Wider dem Davonstehlen vor der Geschichte“
                     (Leider, leider: Headline auf den NachDenkSeiten, zum Briefwechsel
                                                                        Rudi Dutschke & Peter Paul Zahl)

 

„Im Bayerischen Nationalmuseum, dem unbekanntesten der großen Museen, glänzt der Barock.“
                                           (SZ-Feuilleton / Sub-Head über einem Bericht-Essay
                                                                        des sonst großartigen Gottfried Knapp)

   ---  unbekannt, unbekannter, am unbekanntesten!

 

SZ-Edelfeder in der Rolle einer Chef- und Starfeder:
„Knapp zehn Jahre ist sie jetzt Bundeskanzlerin , mehr als die Hälfte davon
geht es
immer wieder um den Staat ….“
In neun Tagen droht Griechenland der Staatsbankrott.“
                        (Nico Fried / Kommentarkasten „Im Profil“ / SZ-Meinungsseite 4)
Dass Griechenland in neun Tagen der Staatsbankrott drohe, ist Unsinn. Der Staatsbankrott droht dem Land seit Monaten (seit nämlich eine deutsche Bundes-kanzlerin im Verbund mit EU-Austeritätsdoktrinären und „Troika“ es zugrunde „sparen“ lässt). Der Bankrott könnte in neun Tagen eintreten – doch dann droht er
nicht mehr. Sondern dann ist eingetreten, was bis dahin lange gedroht hatte.

 

„ … richtet Weitling sein Hauptaugenmerk nicht auf ein sich in Deutschland
  erst noch in Entwicklung befindliches Fabrikproletariat.“

                                             (Alexander Brandenburg / jW – Kultur / Buchrezension)

 

„Nächste Woche proben BRICS und die Schanghaier Organisation für
 Zusammenarbeit (SCO) im russischen Ural den Aufstand gegen die unilaterale
 Weltordnung.“           
                                  (jW / Schwerpunkt / Sub-Head über einem Bericht des sonst
                                                          hochzuschätzenden Reinhard Lauterbach)

Zu hoffen ist, dass statt einer Aufstandsprobe ruhige, überlegte, konzeptionelle Politik-schritte mit Langzeitwirkung und Bestand in Gang gesetzt werden, der Quatsch vom Aufstand, der geprobt werde, also bloße Boulevardschreibe in den Kategorien und Formeln des konzernpressetypischen Propagandajournalismus ist. jW und Lauterbach stehen in der Regel verlässlich gegen einen solchen. Warum also werden auch von Redakteuren ausgewiesen linker Medien andauernd die Sprach-Notzüchtigungen des kapitalistischen Lohnschreibekartells adaptiert? (s. Stereotyp-Sentenzen / unten)

„Erbe von reicher Obdachloser gesucht“  (SZ / Panorama / Meldungs-Headline)
Eine reiche Obdachlose sucht einen Erben? Oder wird der Erbe einer reichen Obdach- losen gesucht? SZ-Leser haben die Wahl. Sie scheinen zu wissen, was gemeint ist. Schließlich sind sie aufgefordert, anspruchsvoll zu sein.


„Durch die rasch gewachsene Ortschaft war die Zustimmung zum Bau
 einer eigenen Kirche groß.“ (SZ-Region / Bericht zum Kirchenjubiläum Schäftlarn)
 

SZ-„Thema des Tages“ / Prominenzplatz S. 2:
„Als Alexis Tsipras … nach Rom reiste, rechnete er sich viel Goodwill aus.
                                     
(Oliver Meiler / SZ Rom-Korrespondent – in Standardform)
“Goodwill“ ist das englische Wort für immaterielle Vermögensposten = einen Image-Wertstand im Rechnungswesen bilanzierender Unternehmen - und im Marketing
deren Ansehenswert. Der Begriff steht nicht etwa wörtlich übersetzt für „guten Willen“ i.S. von Entgegenkommen, Hilfe, Zugewandtheit. Ein Spitzenkommentator großer und bedeutender Medien sollte das wissen - und die ihn redigierenden Partner in der Hauptredaktion ebenso. Mal abgesehen davon, dass sich weder das Eine noch das Andere „ausrechnen“ lässt. Ja, das "Weltblatt aus München“ – Stand 2015, Slogan:
„Seien Sie anspruchsvoll!“


„ … statt sich an der nutz- und konzeptionslosen Deutschen Oper Berlin
 zu  versuchen, geschliffen werden soll also nicht etwa ein Hort bürgerlicher 
 Behäbigkeit.“
                                           (Bertold Seliger / konkret Kultur - 7/2015)
... und der leichthin geschwörte Eid, den man zunächst gepreist hatte, war dann
 ursächlich für das erleidete Verhängnis ...

 

„Glücklich strampelnd dem Stau auf der Spur“.
                                                                      
(SZ-München / Headline im Lokalteil)
 Damit sich die Spur des Staus strampelnd verfolgen lässt, braucht dieser aber
 erstmal  Grünes Licht – oder?

 

„Am Samstag läuten wir den Countdown zur großen Schlagernacht
 am Wörthersee ein.“                                
(ORF-Vorschau-Ansage / 25.7.2015).
Einen "Countdown" (also eine Einleitung) einleiten - dies natürlich als "einläuten", klar. Fehlt nur "grünes Licht". Dummgeschwurbel, Leerschaum. Erinnert wieder mal an den damaligen SPD-Fraktionschef Fritz Erler im Bonner Bundestag auf den Blubber-Kanzler Erhard: "Die Ausführungen des Herrn Bundeskanzlers waren heute  wieder sehr reziplikativ.  Sie werden fragen, was das heißt. Das heißt gar nichts, das spricht sich bloß so schön."

 

„Am Tatort in der Rudower Straße wird dem Opfer gedacht.“
                                                                                              (Tanja Rest / SZ Panorama)

 

Schwimmen auf Messers Schneide“            (SZ-Sport / Aufmacher-Headline)

„ Das Veterinäramt will die Kühe eines Bauern abholen, aus
  Tierschutzgründen
.“…              
              (SZ Panorama / Aufmacher-Subhead)


„Im Münchner Museumsquartier passiert kaum etwas. Doch nun soll
 das Vorhaben ‚Kunstareal‘ Fahrt aufnehmen.“
 
                                                                        (Stefan Mühleisen / SZ-Region/ Kultur)

 

„In den Hinterzimmern wird gefeilscht, an Paragrafen geschliffen,
  Stimmen werden neu gezählt.“
 (Oliver Meiler / SZ-Korrespondentenbericht)

„Wrack von vermisstem Flugzeug gefunden.“
                                   (SZ Politik /Nachrichten / Aufmacher-Headline)
Sowas kommt dabei raus, wenn Meisterschreiber beharrlich den Dativ zum Tod des Genitivs einsetzen. Was ist passiert? Hat ein vermisstes Flugzeug ein Wrack gefunden? Oder war das Flugzeug selbst die Fundsache, agnosziert durch ein Wrack? Vermutlich. Dann hätte es klarer, genauer, richtiger heißen sollen: Wrack des vermissten Flugzeugs gefunden. Liegt näher, klingt richtiger, ist besser verständlich. Warum also wird
verbohrt immer wieder mit falschem Kasus getitelt?

 

„In der Schweiz soll es den Kuhglocken nun endlich an den Kragen gehen.“
                 (B5 aktuell – das Informationsradio des Bayerischen Rundfunks / 23.8.2015)

 

„Bilanz der Straßenschlacht vom Sonntag:
                     Zwei Polizisten verletzt, zwei Menschen festgenommen.“
                                                                     
(ntv – der Nachrichtensender / 23.8.2015)
 

„Das Gesetz ist nichts mehr und nichts weniger als der Versuch,
  (die Einheimischen)  zu besänftigen.“                   (Susanne Höll / SZ Meinung, S. 4)
 

„Der DFB fechtet die Behauptungen des SPIEGEL an.“  (Nachrichten sport 1-TV)


„Solche Kraftreserven darf sich der Sechszylinder auf die Fahne schreiben.“ 
                                                                                     
            (sport 1 / TV Testbericht)


„Anstand und Aufrichtigkeit könnten Tausenden das Leben kosten.“
                                                                       (Petra Hallmayer / SZ-Bayern, Kulturberichte)

„Die Stadt am See will sich auch diese Frau aus Travemünde mit ihrer
   Familie ansehen …“                                                  
(Peter Burghardt / SZ-Politik)
   Wer bitte wen?
 

„Wer sich nicht sicher ist, auf welchen Werten die Europäische Union
  gegründet ist, kann nachschlagen.“                              (Daniel Brössler / SZ-Politik)

„Albert Göring ist dann sehr darüber verwundert, dass er – natürlich
 aufgrund seinen Namens – sofort verhaftet wird.“
           (Bernd Graff / SZ-Medien)

„Als wenig erwünschter Ausländer kam für Salvatore Willy Brandts Amnestie
  nicht infrage
.“         (Willi Winkler / SZ-Feuilleton, im Nachruf auf Gaston Salvatore)

 

„All den Sportarten, denen sich nur alle vier Jahre eine große Bühne bietet,
  muss das einen Schrecken einjagen.“                   
(René Hofmann / SZ Meinung, S. 4)

„Zum Wunder, wie es seine Parteifreunde beschwört hatten, fehlt dann doch
   noch eine ganze Menge.“

      (Oliver Meiler / SZ-Korrespondent in Rom, zur dortigen Kommunalwahl Juni 2016)

„Als Thuli Madonsela eine Schülerin war, hing sie ein selbst gezeichnetes
   Mandela-Portrait in ihrem Zimmer in Soweto auf.“
                                                                 
(Tobias Zick, SZ Seite 3, Südafrika-Report)
 

„Bis zum heutigen Tag läuft sie an fester Fronten entlang.“
                                                                    (Joachim Käppner / SZ-Meinungsseite 4)

" ... hat Löw für das Testspiel gegen Norwegen ... aus Verletzungsgründen
  
abgesagt."   
                                                      (SZ-Sportredaktion / August 2016)


  “E tu, Brute?“ - Kaum zu glauben:
„Der gescheiterte Militärputsch ist jetzt Anlass, auf eine Tarnung von Willkür
   weitgehendst zu verzichten“.

                         (Dr. jur., Dr. h.c. theol. Heribert Prantl / Mitglied der Chefredaktion und
                                         Ressortchef Innenpolitik der Süddeutschen Zeitung / 22.7.2016)

    gehend – gehender – am gehendsten - ?


 „ … mitsamt des Fremdenhasses.“

            (Cathrin Kahlweit / SZ Kommentarseite 4 / über Orbáns EU-Politik / 10.10.2016)

 „Heimatminister Markus Söder ist wirklich nicht mit einem mangelnden
   Selbstwertgefühl
geschlagen …“    
                  (Katja Auer / SZ Bayern / 10.10.2016)


„Misogynie ist noch immer mehrheitsfähig. Vielleicht haben wir alle zu sehr
  in unsere Filterblasen gelebt, vielleicht haben wir uns zu sehr in Sicherheit
  gewogen.“

                         (Juliane Löffler / der Freitag / 11.11.2016 – zur US-Präsidentenwahl)
 Ein beinahe schon trendiges weiteres Beispiel aus der Serie „die Bastionen werden geschliffen“. So wie die Partizipialform von ‚Bastion schleifen‘ geschleift heißt – so
lautet die von ‚sich in Sicherheit wiegen‘: gewiegt. Journalisten-Grundhandwerk,
sollte man annehmen.



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Boulevard-Satzbau, notorisch:  Sinn- und erkenntnisfrei.
Beliebt vor allem in Bildunter
schriften: Attraktion der Satzverdrehung. Voranstellung der Satzaussage – gilt offenbar als chic.


„Haben gut lachen: Die streikenden Metaller nach der Urabstimmung“
                                                                                     
(jW / Kapital & Arbeit)

„Moderiert: Markus Lanz“ (HörZu / TV-Programmkommentar)

„Kennt im Fußball alle Stimmungslagen: Holger Badstuber“
                                                                                              (SZ-Sportteil)

„Stellte sich mutig der Übermacht betrunkener Randalierer: Walter Vogt“
                                                                                       
(SZ-Regional/München)

„Musste lange auf einen Oscar warten: Westernlegende John Wayne“
                                                                                               
(Magazin stern)

„Will nicht einen, sondern Milliarden Euro zurück: Bayerns Finanzminister
 Markus Söder.“
                                                                (jW / Kapital & Arbeit)

„Kommen auf dem Gipfel der Amerikas zusammen: US-Präsident
  Barak Obama und Kubas Präsident Raúl Castro.“        
(jW / „Rotlicht“)

„Verwandelte zwei Elfmeter, aber das reichte nicht: Gladbachs Max Kruse“
                                                                      
(SZ Sport / Pokalspiel-Kommentierung)

„Hat mit seinem Erstlingsroman die französische Literaturlandschaft
 erschüttert: der 22jährige Soziologiestudent Éduard Louis“
(jW- Feuilleton)

„Hat alles im Griff: Florian Janik“ (SZ Bayern / OB-Listung)

„Gab die erste Geige freiwillig ab: Lothar de Maizière …“
                                                                                       
(jW / „Thema“: DDR 1990)

„Sieht so gar nicht nach Öko aus: Max Schlereth im Foyer …“
                                                                                                   
(SZ-Region / Leute)

„Kennen sich
(nicht einander?) schon aus dem Elysée: Joe Kaeser und Gerhard
 Cromme nach Gesprächen mit dem französischen Prädidenten…“
                                                                                       
(Leo Klimm / SZ-Wirtschaft)

„Ließ einst mutmaßliche Schwarzgeldgeschäfte durchgehen und ist heute
  Sonderaufklärer bei der Bundeswehr: Klaus-Peter Müller.“ 
(SZ Wirtschaft)

„Wirkt plötzlich wie ein vergilbendes Dokument aus einer lange
  vergangenen gold-schwarzen Zeit: Das Dortmunder Trio …“
                                                                      
(SZ Sportbericht zur Bundesliga)

„Beobachten die Geldübergabe: Ritter und Stark.“ (HörZu / Tatort-Bericht)

„Schweigen sich beharrlich an: Ted und Marion.“ (HörZu / Bildtext)
 (Schon wieder: Nicht etwa „einander“?)

„Steht auf Kunst: Das amerikanische Multi-Talent Cory Arcanger …“
                                                                                 
(SZ-Region / Kultur)

„Greifen jungen Tänzern unter die Arme: Simon Aladag und Mira Würm.“
  (Vielleicht effektiver: unter die Füße?)                  (SZ-Region / Kultur)

„Haben sich nichts zu sagen: Eddie und Gwen“ (HörZu / Film-Aviso)
  sich! ich mir dagegen eine Menge, aber das mache ich still mit mir ab.

„Gibt Stoff: Tanja Beck.“ (SZ-Panorama)
 Das Ressort Panorama in der Süddeutschen offenbart immer öfter:  
  Vorbild
BILD

„Bringt Schwung ins britische Parteiensystem: Die Chefin der Scottish
  National Party.“                                                    
(jW / BU in „Rat und Tat“)

„Hat den Richtungskampf bei Podemos gewonnen: Pablo Iglesias.“
                                                               (Thomas Urban / SZ-Politik / Korrespondentenbericht)

„Wird doch nicht an die USA ausgeliefert: Dmytro Firtasch.“
                                                                             
(Cathrin Kahlweit / SZ „Seite drei“)

 „Sorgte schon mit ihrer Vorliebe für Dirndl für Debatten: Dorothee Bär.“
         (SZ-Online über Staatssekretärin CSU-MdB Bär im FC Bayern-Trikot im Bundestag)

„Haben große Träume: Joe und die Künstlerin Mandy.“
                                           
(ARD / Presseankündigung zum Filmdrama „SoulBoy“)

„Heimste zahlreiche Auszeichnungen ein: Musikfilm-Doyen Rudi Dolezal.“
                                                                         
(Servus-TV / Pressemitteilung Aviso)

„Kritisiert das Rettungssystem für Griechenland, ohne Klartext zu reden: Bundesbankchef Jens Weidmann.“                              (jw / Kapital & Arbeit)

 

„Hat gut lachen – und die Haare schön: Lionel Messi nach seinem traumhaften
 Sololauf über den halben Platz, der zum 1:0 für Barça führte.“
                                                      
(SZ-Sport /zum Bericht über die Copa del Rey)

„Wohnt noch in Hamburg: Pegida-Kandidatin Tatjana Festerling.“
„Hofft auf den Amtsinhaber-Bonus: Kandidat Dirk Hilbert.“
„Wollen hoch hinaus: Markus Ulbig (CDU) und Eva-Maria Stange (SPD).“
                       
(dreimal nebeneinander: SZ-Politik / Bericht zur OB-Wahl in Dresden) 


„Hechtet den Bällen weiterhin für Manchester United hinterher:
 Torwart David De Gea.“ 
                                    (SZ-Sportteil / Ressort Fußball)

 

„Spielen sich auf Pressekonferenzen die Worte zu wie ein erprobtes Doppel:
 die Grünen-Fraktionschefs Bause und Hartmann.“
                                                               (SZ-Bayern / Landtags-Situationsbericht)


Gesteigerte Leistung – mit Ausbauperspektiven:
„Will den Einfluss der Tour-Veranstalter beschränken, aber deshalb nicht
gleich einen Krieg anzetteln (,sondern ein positives Ergebnis in Verhandlungen erreichen, wobei sich die Beteiligten mit Respekt begegenen sollten … usw. usf.): UCI-Chef Brian Cockson“                             
(SZ-Sportteil / Ressort Rennsport)

Ausbauzustand:
„Schreitet voran in Richtung seines Ziels Präsidialsystem mit viel Macht
 für ihn: der türkische Staatschef Erdogan.“

                                                                         (Bildunterschrift: SZ Politik / 7.12.2016)

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So geht das Tag um Tag, Ressort für Ressort:
„Traf im Hin- und Rückspiel gegen seinen alten Club:“ / „Finden unerwartete  
 starke Unterstützung:“ / „Entdeckte wichtige Geheimnisse:“ / „Langweilen
 sich und schmieden Reisepläne:“ / „Rechnet mit den Mördern seiner Eltern
 ab:“ / „Glaubt an die große Liebe:“ / „Tappen im Dunkeln:“ …
Es reicht!

 25. Juni 2015. Die Sprachverhunzung ist alltäglich, ozeanisch, immer gleich.
                         Ödet an. Keine neue Erkenntnis.

 

starten das neue Universalverbum
für beginnen, anfangen, in Gang setzen, antreten, schaffen, initiieren, kreieren,
ergreifen, verfolgen, betreiben, aktivieren, auslösen, eröffnen …
Neuerdings zudem meist transitiv gebraucht: Man startet nicht (i.S. von setzt sich
in Gang, bewegt sich fort)
– sondern startet etwas, ein Objekt. So der sinnwidrige Alltagsgebrauch. q.e.d


„Mitte November starten griechische Einheiten die Gegenoffensive“
„Anfang April lässt Hitler das Unternehmen Marita starten“.
                                                                       (Stefan Ulrich / Süddeutsche Zeitung)

„Das Gute-Laune-Programm starten!“ (Ratschlag in Springers DIE WELT)

„ … indem Russland weitere Militärübungen startete.“
                                        
(Julian Hans / = "der Lügenhans" / Süddeutsche Zeitung)

„Rudy Tauscher startet ein Brauhaus in Manhattan“ (SZ-Wirtschaftteil / Head)

„Die katholische Kirche startet ihre diesjährige Misereor-Kampagne“
                                                                                                   
(dpa / Tagespresse)

„Prinz William startet seinen neuen Job als Militärflieger“   (N24 Nachrichten)

„NDR und NachDenkSeiten starten gemeinsamen Zuschauerrat
                                                                     (Aprilscherz-Head auf den NDS / 1.4.2015)

Fracking startet zunächst nur auf Probe“ (Head in Springers DIE WELT)

Freibad Frankfurt-Hausen startet in die Saison! (Hessischer Rundfunk)

„ … startete das japanische Militär einen Erstschlag.“ (ntv / Hist. Doku)

„ … startet die Kanzlerin ihren diesjährigen Sommerurlaub (BILD)

„Heute startet die Spargelsaison offiziell“ (BR-Rundschau / TV-Nachrichten)

„Das Wochenende startet diesmal meist regnerisch"  (SZ-Region / Wetter)

„Wegen der Stationierung russischer Raketen auf Cuba startet US-Präsident
 John F. Kennedy eine Seeblockade
(SZ-Politik / Konfliktchronologie)
 Immer wieder: Man startet eine Blockade, also Einhalt, Sperrung, Beendigung.
 Wie man sowas wohl macht?


„Die Große Koalition startet eine Vortragsreihe zum Bürgerdialog …“
                                                (gesamte deutsche Tagespresse nach dpa-Meldung)

Kunstprojekt startet in den Ämterdschungel“ (SZ-Region / München)

„Das war bei den begeisternden Spielen 1936. Ein paar Jahre später startet
  die Katastrophe
“                                         
(N24 – der Nachrichtensender)

„ … hätte die Bewerberauswahl demnächst starten müssen.“
                                                                                 
(SZ Region / München)

„ … so wird die Maut des Bundesverkehrsministers im Lauf des Jahres 2016
  an den Start gehen.“              
(Daniela Kuhr / SZ-Politik, Parlamentsbericht)

„Morgen startet der Tag freundlich.“ (Servus-TV / Wetterbericht)

 

„Am 3. Mai hat die Deutsche Welle (DW) eine Website mit Informationen
 zur Pressefreiheit gestartet.“                                                       
(SZ Medienseite)

„Die automobile Leistung startet derzeit bei 163 PS.“
                                   (Michael Specht / SZ „Mobiles Leben“/ Testbericht Jaguar XE)

„Das 68. Festival von Cannes startet mit einem Sozialdrama.“
                                                                  
(SZ-Feuilleton / Head Filmfestspielbericht)

„Der Tag startet teils freundlich, teils grau in grau.“  (SZ Wetterbericht 21.5.05)

„Ein gutes Dutzend Organisationen hat in Sachen Vorratsdatenspeicherung einen Aufruf an die SPD gestartet. Worum geht es dabei?“ 
                                                                      
(jW / Thema-Interview, Fragestellung)

„Schon gibt es erste Forderungen, im Landesverband einen Mitgliederentscheid
 zu starten.“                                
(Josef Kelnberger / SZ-Politik / Länderreport)


„Le Monde hat seine Serie nun trotzdem gestartet.“
                                                           (Julian Hans, der „Lügenhans“ / SZ Literatur)
 

„Erstens startet dieses Wachstum nach Jahren von Stillstand und Rezession
 von einem niedrigen Niveau aus.“
                                                 (Sebastian Schoepp / SZ-Auslandsbericht Spanien)



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    Deutschsprech der Wehrhaftigkeit – u.a. immer wieder Brössler:

       „Der Einsatz der Bundeswehr in Syrien ist militärisch und
                                                                       symbolisch richtig!“

    Symbolisch! Hoffentlich ist das den bombenwerfenden und bei Anlass kanonenfütternden Bundeswehrsoldaten bewusst.
    Derjenige, der sowas predigt und im erstaunlicherweise immer noch angesehensten Quali-Bildungs-Führungsblatt auf Meinungsseite 4 verbreitet, weiß, was deutschem Ansehen in der Welt gut tut, scheiß auf die Verschleude-
rung von Rüstungs-, Waffen- und Kampf-Millionen wie auch die Hingabe prospektiver Soldatenleichen. Deutschen Fühlens und Symbolisierens ist er
mächtig, dieser Europakorrespondent. Leider nicht so sehr der deutschen Sprache (s. mehrmals oben und in der Folge). Auch im Kontext zu diesem seinem „Einsatz“-Aufruf beweist er’s wieder:

          „Die Europäische Union ist in ihrer Geschichte nichts weniger
            gewesen als eine Verteidigungsgemeinschaft.“

                                                   (Daniel Brössler / Süddeutsche Zeitung / 27.11.2015)
Nichts weniger – also eine Verteidigungsgemeinschaft gerade nicht. Nichts weniger als diese. Also diese am allerwenigsten. Und so fragt man sich: Muss
die EU das jetzt ausräumen, ändern, konterkarrieren? Ist das die Symbolik, die
dem Brössler mit samt dem Militärischen so richtig erscheint? Nö, er meint
wieder mal nur das Gegenteil dessen, was er schreibt. Edelfeder.


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bei – das universale Verhältniswort, mit dem sich die anderen ersetzen lassen:
zu/zum/zur, mit, auf, unter, über, zwischen, neben, durch, gegen, wegen ….


Streit bei Trackingverfahren eskaliert.“
(Nachricht in der Süddeutschen)

Bei Wachstum rückt das Land gerade an die Spitze der EU-Staaten“
                                                                            
(Thomas Urban / SZ Außenpolitik)

„Kontrahenten einigen sich bei Atomsperrvertrag“ (SZ-Politik / Titelheadline)

„Bundesregierung rudert bei E-Autos zurück.“ (ntv – der Nachrichtensender)

„Berlin bleibt bei Reparationen hart.“ (SZ-Außenpolitik / Aufmacher-Head)

„ … fordert ein Anreizsystem bei Kauf von Elektroautos“ (Daniela Kuhr / SZ)

„ … um die Städte und Gemeinden bei Kosten der Unterbringung von
 Flüchtlingen zu entlasten.“         
(Frankfurter Rundschau / Politik-Nachrichten)

„Eine Sittenkomödie, bei der es vor Sittenlosigkeit nur so wimmelt.“ (WDR)

„Wir brauchen beim Mindestlohn eine Beweislastumkehr“
                                                          
(Reiner Hoffmann / DGB-Vorsitzender, zu dpa)

„McKinsey kam zu dem Ergebnis, dass beim Ausbau des Internets der
 Freistaat nicht gut aussieht.“                     
(Frank Müller / SZ-Region Bayern)

Kompromiss bei Gleichstellungsstreit“ (SZ-Region / München)
 

„Frankreich: Massive Proteste bei Arbeitsmarkt-Reform“
                                               ARD-Tagesschau / Head 26. Mai 2016


„Dauerstreik bei Kitas droht.“ (SZ Nachrichten / Headline)

„Polnischer Politiker erhofft Durchbruch bei Waffenlieferungen an Kiew“
                                   (jW / Aufmacher zur Feuerpause im Donbass-Konflikt)

Bei Klimaschutz streitet die Allianz mit der Industrie.“
                                                                      
(SZ Wirtschaft /Subhead)

„Kurz zuvor war sogar die Blockade bei der Vorratsdatenspeicherung von
 den zuständigen Ministern aufgelöst worden …“
(Nico Fried / SZ-Meinung)

Bei Gewehren für die Kurden ist wenigstens nicht Geld das Motiv.“
                         (Meister brillanten Formulierens: Joachim Käppner / SZ-Meinung)

„Vor allem beim Mindestlohn habe man sich gestritten.“
„Wochenlang hatte die Union die Arbeitsministerin beim Mindestlohn scharf
  angegriffen …“
„ … langfristig würde die SPD das Leugnen der bürokratischen Probleme
 beim Mindestlohn Wirtschaftskompetenz kosten.“

                                                              (Thomas Öchsner / SZ-Wirtschaft in SZ-Politik)

„Der Leiter der Geretsrieder Realschule … lenkt bei Mietpflicht für
  Schulschränke ein.“                                             
(SZ-Region / Kasten-Headline)

„Grüne und SPD rudern bei Sicherheitsdiensts-Zuschuss zurück“
                                                                                          
(SZ / Region / München)

„Die deutsche Entwicklung laufe in die völlig falsche Richtung, vor allem
 bei der Rolle der Präsidenten.“                                  
(SZ / Schule und Hochschule)

„Die Post erhöht die Dividende, will aber bei den Löhnen sparen.“
                                                                                             
(SZ / Thema des Tages)
 Man spart an etwas.

Demokraten bremsen Präsident Obama bei Freihandelsabkommen aus.“
                                                                                                (SZ-Politik / Headline)
Tatsächlich haben Obamas Parteifreunde nicht den Präsidenten gebremst,
gestoppt, aufgehalten oder gar „ausgebremst“. Sondern eine Mehrheit für seinen Gesetzentwurf zur Beschleunigung der Verhandlungsführung zu TTIP verhindert. Bremsen ist eine Handlung, die einen Lauf oder Ablauf stoppt, aufhält, beendet. Das macht man während eines Ablaufs. „Bei Freihandelsabkommen“ gibt es nichts zu bremsen, schon gar nicht auszubremsen.


Beim Personal ähneln die Jobcenter einem Gemischtwarenladen.“
                                  
(SZ-Wirtschaft / Headline in einem Kastenzum Arbeitsmarkt)

 

„Sozialgericht Karlsruhe muss über Sanktionen bei Hartz IV urteilen.“
                                                       
(SZ-Politik / Sub-Head zum Gerichtsbericht)

 

„CDU bleibt hart bei Homo-Ehe“                                                            (dpa)

„CSU: Juncker fehlt bei PKW-Maut der Durchblick“ (SZ-Titelseite /Aufmacher)

„Ihrem Wahlprogramm treu bleibend, lehnt die Syriza-Regierung jede weitere Verschlechterung bei Löhnen und Altersbezügen ab.“
                                                           (
Helke Schrader / jW Korrespondentenbericht)

„Geldgeber fordern Reformen bei Renten und Mehrwertsteuer.“
                                                                                                       (SZ-Titelseite Head)


„Pazifik-Anrainer erzielen keine Einigung bei Freihandelsabkommen.“
 
                                                                                                     (N24 / Tagesnachricht)

 

„Auch in Deutschland haben Menschen das Gefühl, von den Eliten
 hereingelegt zu werden, etwa beim Euro oder bei der Einwanderung.“

         (Spitzenedelfeder Nikolaus Piper, Chefideologe des neoliberalen Gesamtkurses
                                                                                               der Süddeutschen Zeitung)

 

„Rathaus zerstritten bei Wohnungsbau“   (SZ Region / Aufmacher 15.10.2015)

Bei käuflichem Sex gehen die Weltanschauungen weit auseinander.“ 
                       
(Constanze von Bullion / SZ-Politik zum Protituiertenschutzgesetz)
  Anschaungen, Meinungen, Urteile hat man nicht bei, sondern über etwas.

„Eine Umfrage zeigt die Nöte der Kommunen bei Flüchtlingen“
                                                                                                  (Headline SZ-Politik)

„Frankreich: Massive Proteste bei Arbeitsmarkt-Reform“

                                                                   (ARD-Tagesschau / Headline 26.5.2016)


 

Dativ killt Genitiv

„Ich bin überhaupt keine Freundin von irgendeinem Krieg, aber …“
            (Rebecca Harms, olivgrüne Paradekriegerin & Russland/Putin-Hasserin,
                                               Fraktionsvositzende B‘90/Grüne im EU-Parlament)


„Delegationen aus allen EU-Ländern versammelten sich, um den Opfern
  zu gedenken …“
     (dpa / SZ & Tagespresse nach den Charlie-Hebdo-Morden)

Wegen uns können die Spiele ruhig weitergehen.“
                                                                                  (Münchner Merkur / Sportteil)

Während den Wahlkämpfen war er immer gut drauf.“
                                                                         
(Berliner Zeitung über Helmut Kohl)

“Aufgrund von langen Erfahrungen konnte das örtliche Handwerk sich auf 
  bewährte Strategien stützen.“
(MM / Dachauer Nachrichten / Lokalwirtschaft)

„Wenn sich Griechenland nicht bewegen will: Wegen mir kann es gern zur
   Drachme zurück wechseln.“

                                                   (FAZ zitiert Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble)

Statt teurem Rogen hat das Land nun einen neuen Finanzskandal.“
                                         
(Susanne Höll / SZ Politik / über Fischzucht im Saarland)

„USA: Proteste nach Tod von Schwarzem.“ (jW / Meldungs-Titel)

„Besuch bei den Nachfahren von einem, der als Kriegsheld verehrt wird.“
                                                                      
(SZ Politik / Aufmacher-Subhead)

„Übernachtungsquoten infolge dem Aufschwung gestiegen.“
                                                                      
(Münchner Merkur / Tourismusbericht)

„Das sind die Freundinnen von mir.“ (sowas im Laufe eines Drehbuchs
 dutzendfach: Dialogkunst in
ZDF-Fernsehserien-Folgen, hier: „Der Bergdoktor“).

 

„Vor wenigen Wochen hatte sich Aubameyang eine gelbe Karte wegen
  irregulärem Jubel eingefangen‘.“  
(Klaus Hoeltzenbein / Ressortchef SZ-Sport)


„ … meist dienstags, wegen angeblichem Prozessbetrug im Fall Kirch.W
„ … klagte die Münchner Staatsanwaltschaft Fitschen und Ex-Kollegen
 wegen versuchtem Prozessbetrug an.“

„ … hat Breuer, der mal eine große Nummer … war, nichts als Ärger
 wegen  seinem TV-Interview über Kirch.“

            (Dreimal aus ruhmvollen Tasten der SZ-Wirtschaftsredaktion – in concert.
  Aufmacher zum DB-Prozess: Hans von der Hagen, Klaus Ott, Stephan Radomsky)


„Mit List und Wagemut kann sich de Neuville den Intrigen und dem Verrat
 erwehren“.                                       
(Bayerisches Fernsehen / Filmankündigung)

  Holocaust-Überlebende im Gespräch mit ZDF-Boulevardmoderator Lanz:
„Ein wenig Angst, sich das anzuschauen. Ja, wegen Ihnen, Markus Lanz.“
                                                                                              (jW / Medien / TV-Vorschlag)
 

„ … findet ein Mini-Gipfel statt, der Slowenien helfen soll, dem Chaos
   Herr zu werden.“                                                     (Daniel Brössler / SZ Politik)

 

„Michael Rediske, Vorstandssprecher von 'Reporter ohne Grenzen', stimmte
mit dem Bundesvorsitzenden des Deutschen Journalisten-Verbandes, Frank Überall, überein, dass es diesem Schritt nicht bedurft hätte ..."

                (ARD Tagesschau / Meldung zum Fall Erdogan-Böhmermann / 17.4.2016)

 

 

Genitiv killt Dativ

Die tägliche Ausbeute in allen News-Medien allerorten:

dank des
Man dankt des Geschickes, seines Vaters, ihres Chefs …

entgegen des
Man wirkt des Eindrucks entgegen, urteilt entgegen der Tendenzen …

entsprechend des
Man handelt entsprechend des Befehls, entspricht der Anweisungen …

gemäß des
Die Polizei verhielt sich absolut gemäß der Vorschriften …
Gemäß des Regierungswillens gab es keine Alternative …


laut des
Laut der Gesetzestexte sollte der Entwurf längst vorliegen …

samt des
Die Kanzlerin erschien samt des kompletten Kabinetts …

neben des
Neben des Ministervortrags kam auch der Beirat zur Wort

entlang des
Man wandert an des Ufers entlang ….
„Entlang der historischen Fakten …“
(jW / Medien)
„ ... was sie entlang der Frontlinien sahen“ (Christian Mayer / SZ-Gesellschaft)

gegenüber des
Man stellt sich gegenüber des Hauses auf ….

zuliebe des
Die Bäuerin hatte ihres Sohnes zuliebe geschwiegen …


 

_______________________________________________

 

Der Klassiker --- weithin bereits Umgangssprache:
„ … wider besseren Wissens.“

 

 

     Konjunktiv 2 (Konditionalis)
     für Konjunktiv 1 (Indirekte Rede)

„Der Vento sei ein Mittelklassewagen in Indien … Das Stufenheck würde doch was hermachen.‘“                                     (Elisabeth Doster / SZ-Wirtschaft /
                                   über ein Statement von Angela Merkel zur VW-Markenpolitik)


„Es ginge ihnen nicht ums Geld, betonten die Ungeduldigen …“
                                                                                 
(Joseph Hanimann / SZ-Medien)

„Regelmäßig fiel ‚Die Rechte‘ durch Provokationen auf. Zum Beispiel wollte
 sie von der Stadtverwaltung wissen, wie viele Juden in Dortmund leben
 würden
…“                                    
(Markus Bernhardt in jW / Politik / 10.2.2015)

„Er beklagt, dass viele Konservative reflexartig die Polizei verteidigen
  und Afroamerikaner dämonisieren würden.“
                                                                                 
(Matthias Kolb / SZ-Medien)

„Wirtschaftsverbände argumentierten dagegen, dass es so einen Arbeitnehmer
 gar nicht gäbe
           
(Drei Böcke in einem Satz, alle Achtung: Thomas Öchsner / SZ-Wirtschaft)

„ … das Leugnen der bürokratischen Probleme beim Mindestlohn würde vor
  allem Wirtschaftsminister Gabriel zu spüren bekommen.“
 
(Was werde – nicht würde – Gabriel zu spüren bekommen? „das Leugnen“? Oder
 eher eine Wirkung davon? –
Robert Rossmann / SZ-Politik / zur Lage der GroKo)


„Das PEN-Zentrum gab bekannt, sechs Autoren würden sich an der
 Darstellung von Muslimen … stoßen“.
(Würden sie das? Natürlich tun sie es
 schon – deshalb die Meldung.
/ SZ-Feuilleton – Kulturmeldungen)

 

„Everding reagierte mit Trauer und Bestürzung auf das Aus. Besonders
  leid täte es ihm um die 150 Mitwirkenden.“
Armin Gruene / SZ-Region Kultur)
Damit es Everding leid täte, müsste zuvor eine Bedingung erfüllt sein. Dann täte
es ihm leid. Doch weil es ihm bereits aus vorliegendem Anlass leid tut, kann er in indirekter Rede nur sagen: es tue ihm leid.


„Nicht nur der Boulevard, sondern auch die renommierte NeueZürcherZeitung
 würde dabei den Ausbau des Geheimdienstest unterstützen.“
                                                                                 
(SZ-Kultur / Meldungsspalte)
Wie oben, ad infinitum: Die NZZ würde den Ausbau mangels Konditionen nicht
erst unterstützen, sondern sie tut es nach SZ-Meldung bereits. Was berichtet wird.
Und also heißen muss: … werde … unterstützen.


„Ich habe so mit achtzehn „Die Blechtrommel“ gelesen, vermutlich weil ich
  gehört hatte, der Roman wäre nicht nur bedeutend, sondern skandalös.“

                                    (der Autor Franz Dobler in seinen Post-Günter-Grass-Notizen)

„Die US-Seite habe doch ein Abkommen nach dem Vorbild von Bad Aibling
 angeboten – und dort würden sich solche Zusicherungen finden.“


„Die CIA winkte bei Schindler ab – sie würde kein No-Spy-Abkommen
 unterzeichnen“   
              (zweimal Georg Mascolo / SZ-Politik / NSA-Recherche)

„Horst Heldt sagt, es ginge ihm blendend.“
                                                                        
(Philipp Seldorf / SZ-Sport, Bundesliga)
 Es ginge ihm gut, wenn = falls was geschähe?

„ … fühle er sich von sogenannten Parteifreunden härter attackiert als von
  AfD-Gegnern. Und das würde etwas heißen.“

                                   (Josef Kelnberger / SZ-Politik / Feature zum AfD-Konflikt)
Gemeint ist: Das heiße etwas. Oder: wolle etwas heißen.

„Nun sei er Rentner und würde die Sommermonate mit seiner Frau in ihrem
 Dorf verbringen.“                         
(Karin Leukefeld / jW Politik-Report aus Beirut)
Also auch die fabelhafte Nahost-Korrespondentin Leukefeld: Modus-Wechsel in ein
und demselben Satz. Ständig und überall: Indirekte Rede und Konjunktiv in fröhlicher Beliebigkeit. Der Rentner verbringt die Sommermonate tatsächlich im Dorf seiner Frau, er braucht nicht erst Konditionen, die ihm das ermöglichen würden. In einer indirekten Rede folgt auf „sei“ ein „und werde verbringen“ bzw. „und verbringe“.

 

„Nachdem verlautbart wurde, die griechische Regierung hätte sich mit den
  Gläubigern geeinigt …“
                  (Heike Schrader / jW Korrespondentenbericht)
 Hat sie eben (damals noch) nicht. Auch nicht in indirekter Rede.

 

 

Aufhebung der Reflexivität Sprachverhunzung zeitgemäß
= von Werbeslogans ins „seriöse“ Mediendeutsch übernommen, dort fortzeugend immer neue Scheußlichkeiten gebärend.

Ein reflexives Verb drückt jene Tätigkeit eines Subjektes (Sprechers) aus, welche sich auf es (ihn) selbst bezieht. Reflexivität ist ein Sonderfall der Handlungsrichtung eines Verbs (Diathese): sich etwas sichern, sich bekleiden, sich zeigen, sich informieren, sich bewerben, sich engagieren, sich anmelden, sich aufstellen, sich klarmachen …

Sprache lebt? Zum Beispiel – in epidemischer Ausbreitung:

„ Einmalige Vorteile sichern! “
                        (Längst gängiger Slogan – Sparkasse / Lotterien / Dienstleister)

„ Jetzt bewerben. “ (Stellenanzeigen von AWO und Siemens-Konzern)

„ Nun aber rasch informieren! “ (Aufruf der Versicherungswirtschaft)

„ Unser Rat: Pünktlich anmelden. “ (Bayerischer Rundfunk / B3)

„ Engagieren bringt den Erfolg! “ (Headline WAZ-Beilage)

„ Angesagt ist: Frühzeitig einbringen. “ (Aviso zur WettbewerbsTeilnahme)

„ … besser vorausschauend erkundigen. “
                                              
(Haushalte-Information des Bayer. Innenministeriums)

„ … von Anfang an klar positionieren “ (ZDF / heute-journal)

„ … heißt es: zum Start aufstellen“ (ARD Sportreporter Gerhard Delling)
 

„ Warum nicht fünf Jahre lang über Garantie freuen.“
                                                                                 (VW Gatrantie Report 2015)


Neueste Errungenschaft in der Assekuranz-Werbung:
  „Jetzt kümmern!“

Der Irrsinn zeugt sich fort:
  „Jetzt für den Ticketalarm registrieren!“ (Slogan der eventim-Services)

Beim LOCUS brechen alle Dämme:
 „Einfach gesund ernähren!“
                                    (Supplement-Ankündigung von FOCUS, Juni 2015)

Stereotyp-Sentenzen
Die zum Erbrechen immer gleichen abgestandenen Redensarten

Seminar unter dem Titel:
 Politik im Kreuzverhör – Wahlversprechen auf dem Prüfstand …
                                               (SPD Bayern / Georg-von-Vollmar-Akademie / 2014)
Jedes Wort eine abgenutzte, abgenudelte, verbrauchte, in Ideen- & Gedankenlosigkeit versteinerte Begriffshülse. Und überdies reiner Unsinn: Politik kann, anders als ein Angeklagter, kaum im Kreuzverhör stehen – nicht mal in einem Eröffnungsverhör. Versprechen wiederum können auf keinen Prüfstand gestellt werden (auch dieser ein völlig vernutzter, seinem Ursprung komplett entratener Terminus aus der Fertigungs- und Anwendungstechnologie, dessen Bedeutung kein Verwender noch zu kennen scheint).  Und was eigentlich ein Kreuzverhör ist, weiß unter all den Wortmüllwendern auch niemand. Die Begriffe sind zu Sprechblasen erstarrt, mit denen stets anderes gemeint wird, als sie aussagen.

„ Grünes Licht für …“
Wofür es im Journalistenjargon nicht alles „grünes Licht“ gibt! Sogar für Stopps, Begrenzungen, Sperrungen, Abschaltungen. Also selbst fürs genaue Gegenteil des Gesagten. Und keiner stört sich dran.

„ ...  werden zur Kasse gebeten.“

wird von seiner Vergangenheit eingeholt.“

„ … beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit.“

„ … muss man Geld in die Hand nehmen.“

„ … kommt immer mehr unter Druck.“

„ …. ist in die Schlagzeilen geraten.“

 

„ … müssen den Gürtel enger schnallen.“
         analog: " ...   müssen tiefer in die Tasche greifen."

 

" ...   stürmte die Charts."  /  " ... schlüpfte in die Rolle."

„ … rüttelt an der These (Erkenntnis, Gewissheit, Annahme) …

„ Der Beschluss (der Plan, die Vereinbarung, der Vorschlag, die Drohung)
        ist vom Tisch.“

„ … die sich Chancen auf die Staatskanzlei nach der Landtagswahl
        ausrechnet.“

Wie sich die in journalistischen Texten Tausenden Akteuren tausendfach zugeschriebene Fähigkeit realisiert, Chancen auszurechnen , ist ein Mysterium.
 
 „ … proben den Aufstand.“
 Inflationär, ja nahezu ausschließlich verwendet, wenn irgendwo ein Widerspruch
oder Widerstand, eine Gegenbewegung, ein Protest ahn- oder spürbar wird – ohne
dass irgendwer unter den Schreibern eine Ahnung davon zu haben scheint, worauf diese Wendung beruht(e). Nämlich auf dem Titel eines Bühnenstücks von Günter
Grass: Die Plebejer proben den Aufstand, das von einer Theaterprobe im Berliner Ensemble (während der Volksproteste am 17. Juni 1953 in Ostberlin & DDR) handelt,
bei der Shakespeares Coriolan eine Parallele zu den demonstrierenden Arbeitern der Baustelle Stalinallee und der Theaterleiter/Regisseur, im Stück genannt „der Chef“,
eine Anspielung auf die Rolle Bertolt Brechts darstellten. Der analoge Gebrauch der Wendung mag irgendwann als lustige Anspielung gemeint gewesen und als witzig empfunden worden sein. Heute ist er in seiner ozeanischen Ausschließlichkeit, reflexions- und gedankenfrei, nur mehr nervende Leerformel und Belanglosigkeit – umso mehr, als keiner der millionenfachen Anwendungsfälle irgendeinen Bezug herstellt oder auch nur ahnen lässt.


„ … hing seinen Job an den Nagel
Ozeanisch verbreitete Dummdeutschformel. Abgesehen vom falschen Gebrauch des intransitiven Verbs (es muss richtig transitiv heißen: hängte), ist die Fähigkeit, umso mehr die Üblichkeit, einen Job oder Beruf an den Nagel zu hängen, so abwegig, dass
nur der Fehlgebrauch einer recht anders lautenden Redensart zugrunde liegen kann: „etwa einen Hut an den Nagel hängen“ (also ein Utensil ablegen, deponieren) = eine Tätigkeit beenden/ aufgeben. Die umgangssprachliche Wurzel: Früher wurden viele Geräte, Hüte, Kleider usw. an Wandnägeln aufgehängt, wenn sie nicht gebraucht wurden. Aus dieser Übung entwickelte sich schon vor Jahrhunderten die Redensart,
die im gegenwärtigen öffentlichen (Presse-/Werbung-)Deutsch zu absurdem Quatsch verhunzt wurde und wird.


„ … wie vom Erdboden verschwunden
Auch ein Klassiker. Die Banalität der Aussage kommt aus ihrer Tautologie: Jedes Verschwinden ist per se eines von der Erde, vom Ambiente, also auch vom Erdboden.
In der Abnutzung der Wendung, deren Sinn und Inhalt niemandem mehr auch nur
eine Sekunde des Merkens wert erscheint, enthüllt sich ihr nunmehriger Quatsch.
Die ursprünglich-sprichwörtliche Version hatte den Wortlaut
„wie vom Erdboden verschluckt. Damit war ein irrealer Vorfall, ein Bild bezeichnet, das als Extrem und damit als Analogie so klar wie wirksam war: Verschwinden in einem Nichts von Zeit, Raum, Wahrnehmbarkeit. Nur das Ereignis „verschwunden“ ist feststellbar = existent, der Rest ein Rätsel – wie vom Erdboden verschluckt. Um bei der Analogie zu bleiben:
Der Sinngehalt der Redensart ist verschwunden, wie von Hirnschwäche verschluckt.


„ … Alarmglocken schrillen / … schrillten die Alarmglocken
Glocken läuten, klingen, schallen, dröhnen – schrillen aber nicht. Nicht mal das
poetisch-verniedlichte Toten- oder auch Zügenglöcklein schrillt. Wenn es denn schon Alarminstrumentarien sein müssen: Alarmklingeln schrillen, sofern sie nicht eben klingeln. Das lässt die journalistischen Ozeanik-Wortwahlen unberührt, ihre Benutzer kalt. Und darum schrillen allerwegen, täglich wohl zehntausendmal,  in der Tages-mediensauce – die Glocken.


„ … der Tag von Potsdam die Nacht über Deutschland einläutete“.
bedeutungs-analog:
„ … den Startschuss zu Deutschlands dunkelster Zeit gab“.
Ohne solche Aufblase-Sentenzen geht es nicht: Immer wird etwas eingeläutet oder
mit Startschuss eingeleitet (gegenwärtig eher: gestartet, s. oben). Tage und Nächte werden eingeläutet (obwohl sich weit und breit keine Glocke bewegt), Zeiten mit Startschuss versehen (obwohl weit und breit kein Startfeld kauert, kein Starter wartet, keine Startpistole griffbereit ist). Dummdeutsch in Reinform – und darum inflationär
in Mediengebrauch:  "Startschuss zu einer dunklen Zeit" (die ja ihrerseits ein abgenudeltes Stereotyp bildet).


(sich) neu erfinden
Alle erfinden sich neu oder müssen sich neu erfinden. Gleich ob Fehlentwicklungen, Karriereknicks, Niederlagen, Erfolglosigkeiten vorliegen - die Lösung besteht im
„sich neu erfinden“. Das verordnen die Laberschreiber rundum allen und jedem –
vom Minister über die Theaterintendanz bis zum Fußballteam. Eine im Ansatz mal durchaus intelligent gewesene Wendung, durch ozeanische Dauer- und Überall-verwendung längst zur nervenden Öde-Floskel abgebraucht.

 

„ … aus der Taufe gehoben"
Das Ritual einer Taufe vollzieht in Regel und Kernbedeutung die Aufnahme in eine Aberglaubensgemeinschaft, meist verbunden mit einer Namensgebung für den Täufling. Ableitungen mit eher ironischer Zusatzbedeutung haben eine neue Objekt-Benennung etabliert, so bei der Namensvergabe für ein Schiff, Gefährt, Gebäude, mitunter auch für ein Zoo- oder Haustier. Im analogiesüchtigen Alltagsjournalismus hingegen haben das Verbum „taufen“ wie seine Substantivierung „Taufe“ in grotesken Abschweifungen wieder Neu- und Außerdem-Verwendungen zugewiesen bekommen
–  ach nein, das klingt nach bewusstem Vorgang, plausibler ist die Annahme eines schleichenden Bewusstseinsverlustablaufs, mithin denkfreien Adaptionsprozesses, der am Beginn noch sinnvolle Parallelität, dann vielleicht augenzwinkernde Verfremdung signalisiert haben mag, aber wie so viele sonstige Sprechmüll-Figurationen (man denke an „Aufstand proben“ oder „Zeit einläuten“) irgendwann in die Breite wucherte, Slangqualität erlangte und dann ähnlich wie „nichtsdestotrotz“ in die Labertextfabri-
kation einwachsen konnte. Doch das reicht den Edelfedern meist nicht: Nun wird nicht mehr einfach „getauft“, sondern vornehm spruchblasig „aus der Taufe gehoben“, was angesichts all der universell-beliebigen Objekte dieses hochtrabend apostrophierten Handelns besonders abstrus, lächerlich, unsinnig erscheint. Im Edelfedern-Geschwurbel werden aus der Taufe gehoben: Vereinigungen (wie die neue Sozialdemokraten-Allianz), Kongress- und Begegnungsveranstaltungen (wie der „Petersburger Dialog“), Tondich-tungen und Sinfonien, Firmen-Niederlassungen, Förderprojekte, Forschungsvorhaben, Militärbündnisse, Wirtschaftsunionen und Währungsverbünde, Preis- und Titelträger, Fakultäten und Institute ... Es sollen auch schon Fußball-Arenen und Weltraum-Missionen aus der Taufe gehoben worden sein
*). Wer da wen tauft, also mit welchem Ritual aus welcher Zuständigkeit an wen welche Namensetiketten vergibt, welche Taufpaten dem Vorgang beiwohnen, gar Patenschaftsverpflichtungen übernehmen,
und welcher Sinn derlei Aktionen innewohnen könnte – alles Leerhülsen, ohne Geist und Gehalt, weil ja schon die Wortwahl nichts als Leerformel war. Dennoch und offenbar untilgbar: Der berufsgerechte (oder: -bedingte) Zero-Thinker & Vain-Writer
will doch nicht auch noch bedenken, was er so in die Tasten mistyped, wenn er nur bewährte Stereotypicals repetieren kann.     

    *) „ … die knifflige Partitur, die Wilhelm Furtwängler 1928 aus der Taufe hob.“
                                                               
(Wolfgang Schreiber / SZ-Feuilleton, 7.9.2015)

 

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                  Kleine Sünderlein
   Der „Steuersünder“ treibt sein Wesen so lange, wie es Steuern gibt,
 und hält damit die Strafjustiz am Laufen. Er ist aber auch ein immer-währendes Ärgernis für Sprachfreunde …, die daran erinnern, dass der Begriff Steuersünder „reine Propaganda“ sei und dazu diene, „eine Straftat zu verschleiern“. In der Tat kennt das Strafrecht keine Sünder, sondern nur Straftäter, und zu diesen gehören nun mal auch Leute, die gegen die Steuergesetze verstoßen. Wer Steuerbetrüger als Steuer-
sünder bezeichnet*), gibt der überaus populären Vermutung Raum, Steuerverkürzung sei ein Kavaliersdelikt. Im Hintergrund rauscht dazu das ähnlich populäre Lied „Wir sind alle kleine Sünderlein / s’war immer so, s’war immer so“. So recht der kritische Leser hat, so wenig sollten
wir freilich übersehen, dass die Sünde ihrerseits einen, wie die Theologen es ausdrücken, Abbruch personaler Beziehungen zwischen Mensch und Gott bedeuten. Ein Kavaliersdelikt oder gar eine Gaudi ist das auch nicht.

                                                (Hermann Unterstöger / im SZ-Sprachlabor, 27.8.2016)
*)  wie es die SZ unlimitiert ständig tut, vor allem im Wirtschaftsteil

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             Irrsinns-Krönung

  Geschichte schreiben
/ bzw. geschrieben

Geschichte schreiben die Historiker. Punkt. Nun ja, in engen Grenzen – etwa
zur Zeitgeschichte – tun das noch Schriftsteller, Reporter, Protokollanten,
auch Schriftführer in Politik, Wirtschaft, Kultur (obwohl die eher aufzeichnen, notieren, vermerken). Im Übrigen wird Geschichte gemacht, beeinflusst, gestaltet, erlebt, erlitten, gedeutet, gefälscht ...  usw. Und sowas ist durchwegs auch gemeint, wenn im täglichen deutschen Blätterwald oder Wellenmeer „Geschichte geschrieben“ wird. Irgendwann hat die Lohn- und Bedarfsschreiber-Community, von der Nachricht bis zum TV-Serien-Drehbuch, eine scheinbar moderne, für chic geltende Wendung kreiert, dann multipliziert, dann ausge-breitet, dann inflationär wortmüllend in den Alltagsschreibsprech infiltriert.
Die Folge: Dummdeutsch-Krönung en suite. Reines Grauen. Ubiquitär und
ozeanisch.
Zum Beispiel:

„Das Münchner Olympiastadion hat Sportgeschichte geschrieben.“
                                                                                                   (tz München / Lokalsport)

„Bocuse-Kreationen haben Kulinarik-Geschichte geschrieben.“
                                                                                                (LOCUS / Highlife & Society)

„Dieses Jahr haben wir Bundesliga-Geschichte geschrieben“
                                                           (Ralph Hasenhüttl / Coach des FC Ingolstadt 04)

„Nächsten Sonntag wollen wir Cupgeschichte schreiben.“
                        (Ulrich Hoeneß, Steuerbetrüger, Präsident des FC Bayern München)

„Soll Prostitution weltweit legal werden? Die Antwort könnte Geschichte schreiben.“                                           (Gustav Seibt / SZ-Feuilleton / Aufmacher)

„Deutsche Orte, die Geschichte schrieben“
                                                             
(HörZu, das erste TV-Magazin / Serientitel)

"Debatten, die Geschichte schrieben"                               (Der Standard, Wien)

Es geht noch dämlicher:
Gedanken, die Geschichte schrieben“                   (ORF / Ö 2 - Kulturmontag)

gesteigert:
Momente, die Geschichte schrieben.“        (Pressetext des Profitsenders RTL)

kaum überbietbar:
Bilder, die Geschichte schrieben“            (ZDF Info-Kanal / Feature-Serientitel)

Sozusagen Doppelschwachsinn:
„Die Gruppe 47 hat Literaturgeschichte geschrieben.“         (3sat / KulturZeit)
Die Spitzengarnitur der deutschen Nachkriegsliteraten schrieb Literatur und machte
so  Literaturgeschichte. Geschrieben wird/wurde diese aber von Literarhistorikern
und im übertragenen Sinn noch von Literaturkritikern.


„Am kommenden Wochenende könnte in Minsk Geschichte geschrieben
  werden“                                  
(Stefan „Nato“ Kornelius / Süddeutsche Zeitung)

Deutsche können gut Fußball spielen und Bier trinken. So weit so gut,
 aber eigentlich können die Deutschen noch sehr viel mehr. Egal ob es um
 Physik, Sport oder Literatur geht, gibt es Deutsche, die man auf der ganzen
 Welt kennt.
Hier ist unsere Top Ten deutscher Persönlichkeiten, die Geschichte
 geschrieben haben.“                
(eHow Deutschland / Online-Nachschlagewerk)
 Es folgen aufgelistet Naturwissenschaftler, Musiker, Maler, Romanciers/Lyriker,
 Sportler, Politiker. Unter 12 genannten Persönlichkeiten kein Historiker, überhaupt
 niemand, der irgendwann irgendwie über irgendwas Geschichte geschrieben hätte.


„Sie haben Geschichte geschrieben – die Frauen der deutschen
        Gewerkschaftsbewegung.“
                                           
(Verlag Psychosozial / Buchtitel und Pressemitteilung)

„Drei Jauch-Kandidaten haben Geschichte geschrieben.“
                                      
(RTL Pressemeldung zur TV-Show „Wer wird Millionär?“)

„Diese Auto-Hersteller haben Geschichte geschrieben.“
                                                                
(DIE WELT / Headline im Wirtschaftsteil)

„Plätze, auf denen Geschichte geschrieben wurde. Von Kiew über Kairo
 bis Istanbul: Auf zahlreichen Plätzen weltweit wurde
Geschichte geschrieben
.
 Wir zeigen sie in einer Bilderserie.“
                                                               (Augsburger Allgemeine / Aus aller Welt)

„In diesen Hotels wurde Geschichte geschrieben. Von weltpolitischen
 Entscheidungen und Eskapaden prominenter Zeitgenossen. Lesen Sie hier …“
                                                                            
(Rheinische Post / Reisebeilage)

„Diese Cafés haben Geschichte geschrieben. In Palma de Mallorca.
 Entdecken Sie … “
                                         (Freizeit-Zeitung / Report Mallorca)

„BEN-Bühne hat lokale Musical-Geschichte geschrieben.“
                                                
(Main-Echo / Ressort Stadt + Kreis Aschaffenburg)

„Ein Jahr danach: Es wird Geschichte geschrieben! Das Halbfinale gegen
 Brasilien. Was für ein Spiel! Mit sage und schreibe 7:1 fegt die deutsche 
 Nationalmannschaft … “
                           
(Südkurier / Rückblick Fußballjahr)

Autos, die Geschichte geschrieben haben. VW Bulli. Der Bulli ist und bleibt
 seit seiner Premiere 1950 eine Legende. Er bot von Beginn an vielfältige 
 Einsatzmöglichkeiten – als Kleinbus, Nutzfahrzeug …“

                                                                              (Berliner Zeitung / Themenbeilage)

„Lobo – ein Wolf schreibt Geschichte.“ (Servus Österreich / TV-Nachrichten)

„Brigitte Faßbaender brilliert mit den Kindertotenliedern, die sie wie niemand anderes sang und damit Musikgeschichte schrieb.“
                                                                                                  
(Naxos / PR-Texte)

„Von Leo Tolstoj für Anna Karenina erfunden, im Ulysses von James Joyce auf
 die avantgardistische Spitze getrieben – der sogenannte Bewusstseinsstrom
 hat Literaturgeschichte geschrieben.“
                                                          
(Michael Saager / konkret /„buch & markt“)

„Es geht in Riga, wo mit ziemlicher Sicherheit keine Geschichte geschrieben  wird, doch um Geschichtsschreibung.“
                                                           
(Daniel Brössler / SZ-Politik / zum EU-Gipfel)
 

„In dem Bordell, das deutsche Rechtsgeschichte schreib …“
                                                                                          (Verena Mayer / SZ-Panorama)

 

„Hier begegnen sich die Welten – mit dem Banner, das Geschichte schreibt.“                                                                                                 (SZ-Region/ Aufmacher-BU)

 

„Prost! - Wenn Bier Geschichte schreibt.“
                                                            (ntv – der Nachrichtensender / Magazinbeitrag)

 

 

 

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Besonders ekelhaft: Die Ex-Menschen

„Hans Korte trauert um seine Exfrau.“

„Rolf Eden feiert mit seinen Exgespielinnen“

„Die Kanzlerin trifft Exminister wieder.“

„SPD-Kreisverband lädt Exmitglieder ein.“

„Reitlehrer beerbt Exgeliebte.“

Am 15. April 1979 starb in Hamburg der deutsche Schauspieler, Bühnenmime, Regisseur, Autor, Synchronsprecher, als Filmakteur zeitweise prominent und
beliebt gewesene Harry Meyen. Er war bis 1975 mit dem deutschen Weltstar Romy Schneider verheiratet. Die Ehe verlief und endete unglücklich. Meyen, der Romy Schneider das Sorgerecht für den gemeinsamen Sohn überlassen hatte, war, wohl auch infolge sich mehrender Misserfolge, in schwere Depressivität gefallen. Er wurde erhängt aufgefunden. Hi, fein, der Presseboulevard hatte seine Aufmacher-story. Wer erwartete, dass die deutsche Kulturschande
BILD das Ereignis zu einem alle Konkurrenten übertrumpfenden Scoop aufblähen werde, lag richtig. Doch zu diesem Zweck konnte den Gossenblattlern der auch an Bekanntheit zuletzt stark abgebaute Meyen nicht reichen. Erst seine Rolle als ehemaliger Ehemann der Weltberühmtheit Romy Schneider musste den „Aufhänger“ (welch BILD-affine Wortwahl!) tragen. Und so erschien die BILD-Titelseite mit der 15-cm-Headline: ROMYS EXMANN TOT. Abscheulicher, widerlicher, ekler hat selbst BILD kaum
je einen tragisch verstorbenen Menschen zu Medien-Müll verarbeitet. Sein Name: nur ein Nullwert, nicht schlagzeilentauglich. Die drübergehängte Bezugsgröße: übergriffig dreist per Nickname in Beschlag genommen und schmierig bedreck-fingert, als sei die prominente Schauspielerin ein Redaktionsmaskottchen, analog "Kaiser Franz" und "unser Benedikt". Dazu die Konnotation mit „Ex-“: der nun wehrlose Anlassgeber verkocht zum seiner letzten Würde beraubten Stück Billig- food. Nicht zu übersehen auch der willkommene Stammtisch-Beiklang vom "Ex-Mann", also einem, der nicht mal ein richtiger Mann (mehr) war.

Man hätte meinen können, wenn schon ein einschlägig ausgewiesenes Revolverblatt sich in solchen Kloaken suhlt, dann werde sich wenigstens ein relevanter Teil der Rezipienten, jedenfalls von Medienarbeitern aus dem „Quali“- und Serioso-Segment der Branche, abwenden. – Doch nein! Mag man BILD im eigenen Weltblatt auch demonstrativ belächeln, sogar ironisieren (zu Zorn und Abscheu reicht es nie, so „unter Kollegen“): Eine griffige, ja knackige = zitierfähige Formel, wie nur BILD sie kann (bei anderer Gelegenheit etwa GNADE, MONIKA! oder WIR SIND PAPST! oder HAU AB, BLATTER!), die kann man doch nicht am Rande des Boulevards liegen lassen, die muss man noch verbraten = erst zitieren, dann als Eigenprodukt wieder- & weiterverwenden, dann in den Normal- & Universalgebrauch überführen. Eines Tages ist sie „sprachschöpferisch“ zu einem Teil der sich gängig-tätig verändernden, wie es heißt: „lebendigen“ deutschen Sprache geworden, wie „Kids“, „geil“, „nichts-destotrotz“. Und so liest sich‘s heute in  medienalltäglicher journalistischer (und darum Normal)-Gängigschreibe: „seine Exgattin“, „Ihr Expartner“, „unser Ex-Chef, „euer Exvorsitzender“, Ex-Mann, Ex-Frau, Exbegleiter, Exgeliebte, Exvermieter … bis zu „Sex mit der Ex“.

BILD macht dumm? Ja sicher. Und deshalb:
BILD macht, prägt, erzieht, lenkt, belügt, bevormundet, formt Deutschland.
Drum sind die Ex-Erscheinungen längst umganssprachlich im Schwange, allüberall in der sogenannten seriösen Qualitätspresse - so auch in meiner SZ, überregional & lokal.

 

 

Master Class  –  Kulturkritik

„ … konnte Luca Pisaroni als sein Freund Guglielmo mit baritonaler
Stabilität punkten
.“    (Helmut Mauró / Opernrezension / Süddeutsche Zeitung)
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„Die drohende Pauke ist die Basis, auf der Petrenko Menetekel des Unheils errichtet.“

„ … mit  fulminantem Drive, den Siegfried-Ryan allerdings mit einem die Phrasen ausdellenden Tenor konterkariert.“

„Siegfried, der sich als zukünftiger Erlöser vorsorglich ein Schwert und eine Kalaschnikow gebastelt hat … “

„ … lässt er Wotan seinen in Prologelage und Blowjob ausartenden Frieden machen.“

                        (aus Bayreuth: Reinhard J. Brembeck / Süddeutsche Zeitung)

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    „ Wir senden heute Wolfgang Amadeus Mozarts Oper LE NOZZE DI FIGARO
      – Die Nacht des Figaro “

           (Anmoderation im Programm NDR Kultur des Norddeutschen Rundfunks - 1/2016)
                                 

   „ Nun hören wir den Tenor mit der Romanze des Enzo ‚Cielo e mar' aus
         Ponchiellis Musikdrama LA GIOCONDA – Himmel und Erde

                               Ansage in einem Sängerportrait des Tenors Sándor Kónya im Programm
             B4-Klassik des Bayerischen Rundfunks (seit den 1980ern bisher 4mal so gesendet)


 

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   „Auf den Spuren der geschichtlichen Hintergründe“
                                                                      
(Headline / SZ – Das politische Buch)
      Hintergründe, die Spuren hinterlassen, auf die man sich dann begibt.

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Sieben Jahre lang hat der sterbliche Liedermacher Tannhäuser mit der unsterblichen Pornoqueen Venus durchgevögelt, jetzt kann er nicht mehr.“

„ … kauert er in der hellen und tunnelartigen Lusthöhle seiner Gespielin“.

„ … trifft er auf das aseptische Bordell der Venus, majestätisch im tief ausgeschnittenen, weißen Abendkleid, mit dunkler Stimme und handfester Erotik ausstaffiert.“  (Wer trägt das Abendkleid - der sterbliche Liedermacher?)

Er erwehrt sich der immer wieder urplötzlich und fordernd aus dem  Orchestergraben aufsteigenden chromatischen Lockungen des Sexus.“

„ … und dann eben auch ein bisschen undurchhörbar.“

„ … lässt sich als Opernregisseurin kaum auf das ihr sichtbar unvertraute Gebiet
 der Personenführung ein, sondern würzt mit fabelhaften Tänzern das Geschehen.“


„ … so kommt der himmlische Gnadenakt, der die von Wagner und Tannhäuser  verzweifelt erhoffte Erlösung mit der Unwahrscheinlichkeit eines Deus ex machina
in Szene
setzt, nicht nur für den Sängermeister und Elisabeth zu spät.“


Wie meinen? - (dies alles von der nicht nur eitel-kapriziösen, sondern offenkundig
         auch sexmanischen Expertenfeder
Reinhard J. Brembeck / SZ-Feuilleton)

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„ … abfahrende Laufstege behindern Sicht und Verständnis, eine halb nackte
und halb schwule
Boygroup turnt dazwischen genauso wie die Belegschaft eines Hausfrauenbordells.


„ … die all seine (Brittens) Opern bis zu seinem offen schwulen Letztling ‘Death
 in Venice‘ zu Fallstricksammlungen für Regisseure machen.


       (Eine „offen schwule“ Oper – sowas gibt nur beim „Experten für Kunstgesang“
                                           und offen sexfixierten
Doktor Brembeck – SZ-Feuilleton)
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„Jeder Vokal, der nicht bei drei auf den Bäumen ist, wird ewig in die Länge 
  gezogen“.


„Verglichen mit seinem letzten recht okayen Album … “

                                                                                   (Rafik Will / jW  Feuilleton)
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 „Da verabschieden die drei (befremdlicherweise von Männern gesungenen) Parzen den
   Haudrauf Theseus aus der Unterwelt und merken süffisant an, dass er das Höllenreich
   nur verlasse, um eine Hölle daheim vorzufinden. Dort ist tatsächlich der Teufel los,

  hat sich doch Theseus’ Ehefrau Phädra an ihren Schwiegersohn herangemacht.

     (SZ Kultur / Geburtstagsartikel zum 250. für Jean-Philippe Rameau:  
     The Untouchable Doktor Brembeck wieder mal als Bescheidwisser: Bekanntlich
     = wie von jedem Gymnasiasten gelernt, macht sich Phädra nicht an einen Schwiegersohn
     heran
– sondern fällt in Liebe zu ihrem Stiefsohn.)


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„Muss ein schizophrener Moment sein, wenn Petras zur Hand nimmt,
 was Kater geschrieben hat …“

Was ist ein schizophrener Moment?

„Kater treibt immer noch um, dass seine Eltern ihn 1969, als er ein Kind namens Armin Petras war (?), mit in die DDR nahmen und er diese er erst 1988 wieder verließ. 27 Jahre später wird einem (?) nun wieder die DDR untergeschoben … “
Was der Rezensent so alles weiß über die Umtriebe von Theatermachern!

„ … kümmerliche Liedchen, die im besten Fall eine Atmosphäre von knieweicher Befindlichkeit erzeugen …“ (beim Rezensenten?) „ … im schlimmsten aber Text und Szene einfältig doppeln“.
Im besten und aber im schlimmsten Fall.

„Das klingt nach Beckett, fühlt sich aber an wie Baggersee …“
Wie sich Baggersee anfühlt, weiß die gebildete SZ-Leserschaft doch. Ja?

„ … zeigt Petras auch als wunderbaren Menschenversteher. Umso trauriger,
 dass das Ganze (?) dann wieder in einer kruden Fantasie (?) über Blaubarts
 Burg (??) versumpft.“

Was versumpft in kruder Fantasie über Blaubarts Burg? Klar: das Ganze!

Noch mehr vom Ganzen:
„ … man wundert sich, wie so grandiose Momente in einem so merkwürdigen Ganzen (?) untergehen können wie die Würstel (?) in der Erbsensuppe (??).“

Der ganz normale Eitel-Irrwitz von Kaisern ohne Kleider im Kostüm der Bildungsbürger-Informanten. Sowas hat der Kulturteil der Süddeutschen Zeitung
im Tagesangebot: 
hier von Egbert Tholl / SZ-Feuilleton / auch als Opernkritiker eine Klasse für sich.

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„Eine Sittenkomödie, bei der es vor Sittenlosigkeit nur so wimmelt“
(WDR)

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„Kunstprojekt startet in den Ämterdschungel.


„Mit Shabbyshabby kommt ein ungewöhnliches Projekt auf die Münchner zu
 und auf die Stadt.“


„Es gelten Fragen zu klären wie: Ist das rechtlich zulässig?“

                                               (Christiane Lutz / SZ-Region München / Kulturbericht)

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Mediensprache der Wissenschaft:

„Zentral war die Forderung, jüdische Akademiker nur entsprechend ihres
   prozentualen Anteils
an der Gesamtbevölkerung zum Studium zuzulassen.“


„Das Bestreben … kam aus den betreffenden Gesellschaften heraus.“

„Es führt kein Weg an der Erkenntnis vorbei, dass zu diesem zutiefst
   antidemokratischen Aspekt … Deutschland und Österreich gehörten.“


„ … die Frage, ob die Bedeutung des NS für die Geschichte des Antisemitismus
    relativiert werden muss. Die Antwort kann nur verneint werden.“


„ … verstärkt Spuren von Antisemitismus an den Hochschulen … unter die Lupe
     zu nehmen.“

                        (Prof. Johannes Koll, Univ. Wien / SZ „Das politische Buch“ / 25.7.2016)
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Die Edelfederngeneration von morgen übt sich:

„Erst neulich, im Don Luca an der Leopoldstraße – da war wieder so ein Abend. (Echt!) Die Bier- und Cocktailgläser haben sich immer schneller geleert, und einer der Durstigen glaubte alsbald (brillant, der Zeitwechsel im Ereignishergang!), eine rattenscharfe Mieze am Nebentisch ausgemacht zu haben. Ob er sie, die Mieze, später nach Hause begleiten sollte? („Sollte“ setze einen nötigenden Einfluss voraus, dem hier aber der Anweiser fehlt. Nicht doch eher: „solle“, i.S. von „könne“?). Die nächste U-Bahn-Haltestelle sei (sagt wer?) ja nur einen Katzensprung entfernt. Man kann sich an derlei Sprüchen (wo war da ein Spruch? von wem gesprochen?) versuchen, darf sich aber nicht wundern, wenn das Gespräch (welches? wessen?) dann recht plötzlich beendet ist ...“
Solches – noch drei Absätze lang – eröffnet eine Lokalaufmacher-Glosse der Süddeutschen Zeitung im April 2015. Um in dieser hochangesehenen „Hochburg des Qualitätsjournalismus“ (= eigene Rangzuweisung) als Autor tätig sein zu können, muss man außer akademischer Ausbildung auch Auslandsaufenthalte, Berufspraktika, dazu möglichst einen Hochschulabschluss nachweisen. Etwa hier ein Auslese-Volontär
                Korbinian Eisenberger unter „Szene München“ in der SZ / Region Lokales.

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„Allerdings hält sich Rosenmüller etwas allzu sehr damit auf, die Bowlingklamotte
 aus diesem Rossini
herauszuklopfen.“

Scheinlockerheit, die unterm Selbstbewunderungsorden mit Spiegel und Hüftband ein einziger Nacktkaiserauftritt aus Eitelfaxen und Dummbeutelei ist – das kann nur der Doktor Brembeck:                     R.J. Brembeck / SZ-Feuilleton / Opernrezension)

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„ ... hatte der junge Sänger leichte Probleme, über das Orchester zu kommen.
 Später konnte er mit gut fokussiertem Bariton diese Klippe umschiffen, blieb
 allerdings in der Deutung allzu gradlinig, um nicht zu sagen eindimensional“.


„In einigen Passagen, die allzu dicht, um nicht zu sagen dick instrumentiert
 waren …“

                                               (Michael Stallknecht / SZ-Region / Kulturberichte)
Da kombinieren sich Anmaßung, Schreibschwierigkeit und Redundanzzwang in wenigen Zeilen. Der SZ-Kritiker bemäkelt einen Großmeister kompositorischer Perfektion und Pädagogik – Alexander Zemlinsky – wegen dessen zu „dicker Instrumentation“. Er vermag nicht auszudrücken, was der Gesangssolist mit fokussiertem Bariton bessert, teilt aber mit, dass dieser etwas „umschifft“, nämlich „diese Klippe“. Sodann hat er Probleme, klar auszusagen, was er gern mitteilen möchte, schränkt es erst ein, um es gleich wieder doch zu sagen, doch nur mit dem behaupteten Vorsatz, dass er‘s eigentlich nicht sagen will oder kann – dies aber gleich zweimal, nämlich mit: „um nicht zu sagen“. Brillant. „SZ-like“, wie das früher in
diesem Medienhaus hieß.


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„Die schönste … Anekdote hat er dennoch nicht übernommen: Sie handelt
 von seiner Konkurrenz mit dem Schriftsteller Hubert Fichte, den er, Raddatz,
 doch gefördert hatte, und den Fichte dann in seinen eigenen Tagebüchern
 nachträglich schmähte.“

                        (Willi Winkler in SZ-Literatur über F.J. Raddatz / Jahre mit Ledig)
Wer schmähte wen? Fichte den Fichte?

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Über den US-Justizthriller-Autor John Grisham:
„Warum er so viel besser ist als alle anderen, bleibt sein Geheimnis.“
                                                                      
(SZ Krimi-Kritik / Joachim Käppner)
Warum das SZ-Literaturressort eine solche Blüte der Logik in Druck gehen lässt,
bleibt sein Geheimnis.


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„Hinter freundlichen Comicbildern auf Museums-Shop-Nippes verbirgt
 sich
ein großes Werk zu schwierigen Zeiten.“
(Andrian Kreye / SZ-Feuilleton)
Reiner Quatsch – wenngleich millionenfach im Edelfederngebrauch: Allerwegen „verbirgt sich“ nach medialem Denknicht-Usus das Eigentliche hinter dem Banalen.
In Wahrheit wird die Information „hinter“ der Ansicht (nämlich in der Ansicht und vermittels der Ansicht) offenbar, verbirgt sich also nicht, sondern macht sich im Gegenteil kenntlich.


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„Jetzt, mehr als siebzig Jahre nach dem Buttercreme-Horror schaut auch
 München dieser Erkenntnis ins Auge. Und erblickt … einen weißen Würfel.“

Wo - im Auge? Noch einmal mit Gefühl: Eine Stadt schaut einer Erkenntnis ins
Auge - und erblickt einen Würfel. Und zwar nach einem Buttercreme-Horror.
Poésie journalistique à la circonstance!


Tonnenschwer ruht die Erwartung darauf, angehäuft in Epochen des
 Zwists … “

In Epochen angehäufte Erwartung ruht – und zwar tonnenschwer.
Gemeint ist vermutlich: lastet. Jedenfalls tut sie‘s angehäuft.


„Das Gedenken wird komfortabler und keimfreier.“
 -- keimfrei – keimfreier – am keimfreiesten! Wenn etwas von etwas frei ist,
 dann weist es nichts davon auf. Noch keimfreier als keimfrei geht also nicht.


„München … verehrte ihm (nämlich Hitler) einen Mercedes mit Chauffeur.“
So sehr verehrte München den kommenden Führer, dass es ihm ein Auto verehrte,
nicht etwa schenkte, verlieh, dedizierte, zur Verfügung stellte, übergab, lieferte …


„ … umfasste der NS-Verwaltungsbezirk 68 Gebäude mit … Ämtern für Volksgesundheit oder Buchbinderei. Und wenn es je Beweise gebraucht hätte,
dass das Verbrechen aus dem Schoß eines Karteikastens gekrochen war, dann
lagen Sie hier.“

Nicht doch eher: lägen (oder auch liegen) sie hier? Die Beweise, wenn es sie gebraucht hätte (also nicht gebraucht hat). Diese dafür, dass ein Karteikasten einen Schoß hat –
zum Rauskriechen des Verbrechens in Ämtern für Volksgesundheit oder Buchbinderei.


                    (all das von Sonja Zekri / Ko-Ressortchefin SZ-Feuilleton / zur Eröffnung
                                                            des Münchner  NS-Dokumentationszentrums)

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„Schließlich spielen Frauen im Topdirigentengeschäft eine noch unbedeutendere Rolle als in Aufsichtsräten von Großkonzernen.“

Noch unbedeutender als unbedeutend? Oder gar am Unbedeutendsten?

„Petrenko, Nelsons, Dudamel sind in dieser Hinsicht ihren Kollegen
um ein Stück weit voraus.“


Der geübte Feuilleton-Rezipient weiß sogleich: Das kommt von niemand
  anderem als
„The Untouchable“ Doktor R. Brembeck / SZ-Titelseite, Kasten.

 

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  „ … die komplette Zeitschrift habe ich dann unter meinem Hemd
    versteckt und die ganze Busfahrt Schiss gehabt. Ich war so froh, als ich
    dann mein AD/CD-Poster aufhing.“
  „Klar fand ich die Auszeichnung geil, aber meine Eltern fanden das
    noch geiler.“
  „ … und mir wurde der Kopf geschert, weil ich genäht werden musste.“

                             (Kulturredakteurin Anne Backhaus im SZ-Supplement ‚Gesellschaft‘)

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Über Fahrkultur:


„Das knackige Handling, die spontanen Lenkreaktionen, die super Fahrwerksabstimmung … und der trotz aller Sportlichkeit gute Komfort.“

„Hinzu kommt ein Sahnemotor, der wunderbar geschmeidig am Gas hängt,
 klasse dreht.“


„ … genau jene Prise an coolem Sound entwickelt, dass es nicht peinlich-
  prollig klingt“.


„Können wir nur wärmstens empfehlen, selbst wenn sich der Mini auch
 manuell klasse schalten lässt.“


„ … ordert die exklusiv für das Topmodell bereit gehaltene Farbe Rebel
  Green im Kontrast mit dem Chili Red Dach.“


„Kaum ein Hersteller hat nicht so eine Rennsemmel im Programm.“

Stimmiges Design, … knackige Fahreigenschaften, … gepaart mit einem
  Hauch von Exklusivität.“


„Der aufgebaute Vierzylinder wurde von einem weißen Papier aus komplett
 neu konstruiert.“


Grund ist das satte Drehmoment …“

 Brillanz im Stil der neuen Zeit: Tastensound bei SZ „Mobiles Leben“ (Stänkerwitz
 der Leserbasis: „Debiles Übergeben“)
               – vom SZ-Fachautor Michael Specht.

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Der Ressortkollege kann es auch:

„Vorläufiger Höhepunkt der motorischen Evolution ist eine Proll-Karre mit 
  fiesem Heckflügel.“


Bei unseren TDI-Aggregaten stehen wir mit dieser Technik kurz vor dem
 Serieneinsatz.“


„Bei der Tuning-Sünde geht es nicht um künftige RS-Modelle.“

„Was den Dinosauriern zum Verhängnis wurde, soll dem Audi Q7 E-tron
 nicht passieren.“

Gemeint ist: Die Ursachen dessen (nämlich des hier nicht benannten Verhängnisses)
und nicht dieses selbst sollen dem Audi nicht passieren – nicht aber, was da mal so hingeschrieben steht.


„Plug-in-Hybride in der Klemme
„Künftig soll es ein Dreizylinder wie im BMW i8 richten.“


            (Joachim Becker / SZ „Mobiles Leben“ / Trendbericht zu Elektroantrieben)

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„ … setzt das animierte Scala-Orchester ein und malt das uranfängliche
  Chaos als Tondichtungsgebrodel
.“
            (Brembeck, wer sonst? / SZ-Feuilleton / Premierenbericht Scala di Milano)

Zum Gesamttext dieser Rezensentenleistung: wieder mal ein echt Brembecksches  Ignoranz-, nämlich Pressdichtungsgebrodel s. Nachträge / Attacken / Brembeck 3)

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“In diesem Drecksloch eine Armee von Musikern“

„ ... kein verdruckster Typ, eher massig, die Locken lang, das Einstecktuch bunt, Präsenz wie ein Öltanker.“

„Die Wortkaskaden umspielen Abgründe“.

„ Aber der Hit sind Stangen für Handy-Selfies.“

„Heute spielen hier jene, die sich misstrauen.
„Die Menschen widersprechen einander, sie negieren sich.“

Hä? „einander“ oder „sich“? Also der eine den anderen, oder jeder sich selbst?
Auch eine Lösung: Beide Wortoptionen in einen Satz packen – und damit diverse Deutungsvarianten eröffnen. Man nennt es Kulturjournalismus.


„Die Stimmen wuseln durcheinander wie aufgeschreckte Tiere, hier Klarinetten-Getümmel, dort unruhig rumorendes Horn. Wasfi dirigiert ausladend und anekdotisch.“

           (Sonja Zekri / SZ-Feuilleton Ko-Chefin – auf gutem Wege zum Brembeck-Style)

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Vom Über-Ich zum fiesen Es

Wenn man mit dieser Szene im Hinterkopf in „La tēte haute“ sitzt,
 ist es
erschreckend, welche devote Kehrseite dieser Film propagiert.“

Speziell dann. Sonst nicht?

„ … eines Sozialstaats, der die einzige Hoffnung auf ein besseres Leben darstellt? Lauter kann man gar nicht mehr nach einer schützenden Mami flennen.“
„flennen“ – Klarer kann man gar nicht mehr seine Neoliberal-Arroganz belegen.

„Dass Cannes-Zirkusdirektor Frémaux zwei Wettbewerbsfilme programmiert hat, die im Kampf um die Goldene Palme wohl keine ernsthafte Konkurrenz darstellen werden, könnte man als Seufzer der Erfahrung auslegen. Weil die paar Tausend Fachbesucher und Journalisten in den ersten 48 Stunden vor allem damit beschäftigt sind, sich auf der Suche nach Orientierung, Koffein und W-lan gegenseitig durch den Festspielpalast zu schubsen.“
Jede Wendung ein Treffer. Und erhellend, um nicht zu sagen: kenntlich.

“Für diesen Film hat er nun Teile des „Pentameron“ von Giambattista Basile verfilmt, einer Märchensammlung aus dem 17. Jahrhundert: viele Intrigen, viel Sex, viel Witz und auch viele mutierte Insekten.“
Für diesen Film verfilmt.

Doch dann beginnt der Schwurbel erst richtig:


Wenn man den oberen Teil des Palastes mit seinen … Hallen für die Pressekonferenzen als eine Art Über-Ich des Weltkinos begreift …“
Und warum sollte man sowas tun - ??

„ … dann ist der Marché du film“ das fiese Es des Kinos.“
Klar. Vollkommen logisch.

„In diesem Jahr sind die Verkäufer an ihren Ständen noch ein bisschen
 ralliger als sonst.“

Von dem Urheber solcher Gaga-Wortkunstmache ganz zu schweigen!

              Dies alles und weit mehr liefert in einem einzigen Cannes-Festival-Report                                            der Filmressort-Reporter David Steinitz, SZ-Feuilleton.

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Kunst vom Gebrauchtwagenmarkt

„Automobil-ikonologisch gesprochen …“

„Wo Amerikas Rechte das Amerikanische als solches zunehmend exklusiv
 versteht
(exklusiv, also für sich allein? oder alleinstehend bzw. -ständig? Dann
 müsste es wohl heißen: „als exklusiv“)
, sehen sie es in Dallas, jedenfalls bei
 diesem Festival, entschlossen andersherum.“

 Aha: Amerikas Rechte sehen das Amerikanische entschlossen andersherum.

„Der camouflagefleckig bemalte Tarn-Sportflitzer des mexikanischen
 Künstlers.“


„Denn patriotisch ist diese euphorische Haltung zur Einwanderung
 natürlich auch, vielleicht sogar patriotischer als diejenigen, die immer
 nach noch undurchdringlicheren Grenzen rufen.“

Noch undurchdringlicher als undurchdringlich geht nicht. „un-„ drückt eine Letztsteigerung im Negativen aus, wie das Wort „Unmöglichkeit“ etwa. Wenn etwas „un-„ ist, kann es nicht noch „unner“ werden.
Und eine Haltung kann nicht patriotischer sein als Leute, die rufen. Die haben
ggf. eine – und zwar unangenehme – Haltung, welcher die apostrophierte euphorische Haltung zur Einwanderung an Patriotismus überlegen sein kann. Ansonsten werden hier Äpfel durch Birnen kompariert – was zu vermeiden früher zum Basis-Rüstzeug
von SZ-Redakteuren gehörte..

                                   (Peter Richter / Kunstausstellungsbericht / SZ-Feuilleton)

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Ragout de cerveau.
Auch dem geschätzten Ressort Film (im seit Jahren hermetisch, leser-fern/-fremd
und absonderlich-abgehoben sich spreizenden SZ-Feuilleton) wachsen offenbar
die Tastenvirtuosen zu, die am Shuttle-Style jenes anderen SZ-Ressorts, das einmal Visitenkarte des Blattes und vielbeneideter Ausweis international orientierten Spitzenjournalismus‘ war, ihre Lehr-, resp. Leerprägungen finden: der Seite 3, jetzt
unter dem immer rotziger, alberner, blasierter, eitler sich ausstellenden Gorkow.
So in nervender Expansion der im Folgenden mit einem einzigen (weiteren) Beitrag
aus Cannes der „Filmautor“ Steinitz: Satzbau so beliebig wie ungeordnet. Satzaussage, Partizipien, Relationen, Anhänge, Parentesen in fröhlicher Wurstigkeit gerührt. Immer locker drauflos, mit gossigem Unterton. Wie beim Gekritzel auf Klotüren.


„Das Ergebnis ist ein aufregender, intimer Blick in die Obsessionsfabrik
 des Überregisseurs.“


„Letztlich ein weiterer Lückenbüßer, denn was die Zuschauer eigentlich
sehen wollen, und was ihnen dieses Jahr bislang verwehrt blieb: wie ein künftiger Klassiker der Filmgeschichte das erste Mal über die Leinwand flimmert – oder gleich mehrere.“


„So wie zum Beispiel im Superjahrgang 2013, als ein opulentes Meisterstück … zwischen zwei noch bezaubernderen Filmen zerrieben wurde.“

Nachdem der Chinese Jia Zhangke daran scheiterte, die Pulsfrequenz der Zuschauer mit seinem zärtlichen, aber zum Schluss zähen Melodram ‘Mountains May Depart‘ über eine Dreiecksbeziehung zwischen einem Mädchen und zwei Jungs, die sich über Jahrzehnte erstreckt, zu erhöhen, gab Sorrentino allen Nostalgie-Süchtigen den Stoff, den sie brauchen.“

„In ‚Youth‘ tummeln sich alte Schauspiellegenden …“
Schauspiellegenden können sich nicht tummeln. Gemeint sind wohl Schauspielerlegenden?

Damit man den Film sofort als Werk eines europäischen Autorenfilmers erkennt,
 gibt es natürlich sehr viele nackte Menschen, was der Handlungsort aber auch leicht macht.“

„Dort liegen Michael Caine und Harvey Keitel gemeinsam am Pool und leiden am Leben, an der Kunst und daran, dass sie beim Urinieren nur noch ein paar Tropfen herausbringen.“
„Ein herrlicher Film also, wenn man zu sanftem Realitätseskapismus
 und Melancholie neigt.“

                                               (David Steinitz / SZ-Film / Bericht vom Cannes Festival)

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         Mal wieder ein Blick zum Doktor Brembeck

   Diesmal, SZ 8.12.2016, zu Jacques Offenbach:
„Spotteten dessen Stücke einst die französische High Society (die bekanntlich eine
haute
société war) in den Untergang, so blieb danach nicht sehr viel mehr übrig davon als gutgelaunte Musik, die zuletzt im harmlosen Operettenbiedertum erstickte.“

   Da haben wir wieder den ganzen Brembeck in einem Satz. Offenbachs Stücke „spotteten die High Society in den Untergang“, boten „gutgelaunte Musik“, „erstickten“ im „harmlosen Operettenbiedertum“. So also ist das mit Offenbachs Unsterblichkeit – erstickt im Biedertum. Er weiß nichts von Karl Kraus und seinen Analysen (schon gar nicht seinen Editionen und Nachdichtungen) zu Jacques Offenbach, schöpft wieder mal aus dem vielbewährten exklusiven Laberborn. Und zielt mit notorisch flotter Lockerschreibe wie üblich haargenau am Sujet vorbei.

    Dabei fällt noch eine nicht minder flotte Vorbeischreibe zum historiographi- schen Hintergrund (pardon, auf Brembeckisch natürlich „Background“) ab:
Ich hatte gedacht, nicht die „französische High Society“, sondern die morsche Belle Epoque unter dem Parvenue-Empereur Bonaparte III sei es gewesen, die
da unterging, definitiv erledigt durch Bismarcks Preußen- & Verbündeten-Heere. Brembeck sieht sie „in den Untergang gespottet“, weil Musikbühnenwerke ja bekanntlich zu „spotten“ vermögen. So einfach geht Geschichte.


    Der Bescheidwisser spart auch weiter nicht mit Spezialwissen: Wir haben Offenbachs Orphée oft genug auf Bühnen erlebt und von Tonträgern vernommen, um zu wissen, dass der Titelheld im Stück die Geige spielt – und werden nun belehrt, er sei ein Lyravirtuose. Seltsam, dass man in Offenbachs Partitur und Instrumentation vor lauter Violinsoli so gar nichts davon hören kann. Dafür „erblühen die Holzbläser in mürber Melancholie“. Und „Säufergott Bachus“
(der im Werk nicht vorkommt, aber Brembeck ist ja ein ausgewiesener Fan des sog. „zeitgenössischen Regietheaters“, darum sei ihm auch dies konzediert), Bachus also „schlürft Gift wie Koks“ (den man ja bekanntlich schlürft). Orpheus hingegen, der Lyraspieler, ist „der Misogynie ergeben“ (also der Weiberfeind-lichkeit anheimgefallen) und wird „nach Ende“ (nicht etwa am oder beim Ende) „des Stücks dann von Bachus-Sympathisantinnen zerfetzt“. Wie das – nach Ende des Stücks – wohl inszeniert sein mag?


    Noch weiter im Text? Regrettable: Ich hab’s nicht bis zum Brembeckfinale geschafft. Es reicht dann auch wieder für ein paar Monate.


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Auf der Abwärtsbahn

Die Süddeutsche auf Akut-Parterreniveau – im Wochenend-Spam-Tivoli
Panorama: STYLE, Gesellschaft, Mode, Karriere, Mobil ….

Desperanto --- soweit herunterkommen kann ein Weltblatt, das einmal Seriosität und Anspruch verkörperte und sich nun en suite als Boulevard-Sumpfblüte ausstellt, im galoppierenden Niveauverlust nicht einmal mehr auf Sinn, Ausdruck, Sprache hält, nur noch darauf aus scheint, dass es kesselt und rülpst und gluckst und brunzt. Wie sich der alte Kurti eben die Jugend und die Zukunftskultur vorstellt. Grammatik, Rechtschreibung, Sinngehalt, Interpunktion – alles Hekuba, scheißegal. Die neue Leitlinie: Gorkow-Tonality? Jedenfalls eskaliert hier eine Müll- und Mistproduktion, die sich als Nachweis von Zeitgemäßheit gebärden will.
Das ist in vollem Lauf, Steigerungen Tag für Tag und an Wochenenden ozeanisch.
So wie hier – im SZ-Buch „Stil“. Man muss es ungekürzt genießen. Selbst im trendy Blattragout noch triumphiert Tiefparterre-Perspektive. Mit adäquaten Mitteln:
Zeit- und Ebenen-Wechsel nach Belieben. Bezüge wurscht. Folgerungen aus dem Nichts. Fälle und Beugungen frech gerührt, Wortbedeutungen gekillt. Jeder kann
es sehen, doch was soll’s? Nur die Tonality zählt.
                                 
Und zwar so: Zu einem Foto des US-Filmstars und prominenten Scientologen
Tom Cruise im Jeans-Freizeitlook mit Cowboyhut, erschien am 13. Juni 2015 in
der SZ das Folgende:
 

Tom Cruise protzt mit Jeans
Herrje, ist das wirklich die aktuelle Version vom Tom Cruise? Ein leicht angesoffener Barbecue-Daddy aus Texas? Man sieht regelrecht, wie er in der Minute nach diesem Foto die Hände zusammenpatschen wird und irgendwas mit Mundgeruch johlt. Dann wird er breitbeinig in ein viel zu großes Auto einsteigen, wo die Klimaanlage das Hitzköpfchen ein bisschen herunterkühlen darf. So ist das mit den Jeanshemden – man landet damit sehr leicht in einer Ecke, in der es niemand verdient hat zu landen. Das liegt daran, dass es ein enorm niedrigschwelliges Kleidungsstück ist und simple Gemüter im wahrsten Sinne anzieht. Hose, Jeans, Hemd Jeans und dazu ein Hut, der früher mal eine Kuh war. Fertig ist der Cowboy, 365 Tage im Jahr und überall zwischen Itzehoe und Idaho. Wenn einer wirklich Pferde oder zumindest Rasenmäher durch die Gegend zieht, staplert, truckert oder schlachtet, ist das Jeanshemd natürlich stimmig. Es ist urwüchsige Arbeitskleidung, die deswegen eben nicht zu akkurat gekrempelt, gefärbt oder gar mit zierlichen Knöpfen und Brusttaschen ausge-stattet sein darf wie dieses Modell. Es muss eingetragen aussehen, wie auf dem Körper geblichen. Das gilt auch für die jungen, bärtigen Stadtholzfäller in Tokio, Toronto und Thalkirchen. Ihre Interpretation mit Trucker-Cap, engen Hosen und Boots wirkt meist deutlich männlicher als die Cruise’sche Variante: Rodeo-Gürtel, eine obszön spannende Hose, spießige Brille, Porno-Requisiten, Americana für Einfallslose.
Die Brechung, bitte!
                                                                 MAX SCHARNIGG

Die „Brechung“ ist bereits geliefert.
Grob gezählte 20 Fehlerhaftigkeiten: Falsche Bezüge, willkürliche Zeitwechsel, Deklinations- und Konjugations-Ragout. Dazu mindesten fünf Behauptungen,
die sofort vom kommentierten Bildinhalt widerlegt werden. Weiter wilde Schwadronade ohne Logik oder Sinn. Und Deutsch kann der brillante Verfasser
auch nicht, kennt u.a. nicht den Unterschied zwischen verblichen und gebleicht. Brillant. So profiliert man sich heute als SZ-geeignete Edelfeder. Was mag der
Leser davon haben? Andererseits: Warum sollte er sowas lesen?


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        Media-Making morgen Matters & Relevances

Wohin die Trends führen, von denen die sog. Qualitätspresse in dynamischem Prozess erfasst ist – das offerieren längst die E-Medien, etwa aus den "Formaten", die im Kabarett als Unterschichten-TV verulkt werden, hingegen nachweislich gerade bei sog. bildungsnahen Nutzergruppen Quote schaffen. Etwa so:

„mein RTL“ exemplarisch
Informationen aus der Sender-Pressestelle – für Printmedien, die sowas als Service in Druck übernehmen und ihre Leser damit als Insider ansprechen:

     * für Mittwoch, 12. August 2015 – 20’15 & 21’15 Uhr

     Die Bachelorette (D 2015 / 6)
Kaum hatte die Balz begonnen, da wollte einer schon wieder gehen. Deniz
fühlte sich dem Druck nicht gewachsen. Dann fiel ihm aber ein, weshalb er gekommen war, und entschied sich zu bleiben. Seine Rivalen waren nicht amüsiert, besonders Katsche fand drastische Worte: „Wenn du ein cooler
Typ bist, verpisst du dich auch.“ Offenbar ist Deniz uncool, er blieb. Dann
der nächste Angriff: Deniz säuselte im Vier-Augen-Gespräch mit Alisa, da
funkte Robbin wenig gentlemanlike dazwischen. Keine Frage, da haben sich frühzeitig schon zwei gefunden, nur nicht die Richtigen …


      Adam sucht Eva -
      gestrandet im Paradies (D 2015 / 5)
Drei Neue hat es auf die Insel gespült. William kommt aus München, stammt
aus Uruguay. „Eine Frau kann mit jeder Figur schön sein“, ist er überzeugt. Heike aus Bad Tölz wird "bei Männern mit langen Haaren schwach“. Johanna, Dritte im Bunde, bezeichnet sich als „kleines Liebespaket, das weiß, was es will.“

        Dazu noch ein Trend, der nicht aufzuhalten ist.

HörZu – "Deutschlands erstes TV-Magazin" – bewertet das Nudisten-Paradies
von RTL in der Spalte „Flops“ (faktisch animierend) so:

   „O MANN! Die Sonne brennt, der Sand ist heiß. In 'Adam und Eva' gurren
   am Karibikstrand drei weibliche Nackedeis um den Stuttgarter Stenz Gaetano.
   Der zeigt, was er hat. Und zwar alles. Am Ende gewinnt die Blondine.
   Leider nur komisch, bieder und unsexy.“

 Medienkritik trendy: Nackte Stenze im TV, die alles zeigen, was sie haben,
  dies aber leider nicht sexy genug.


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                                     K.K. hat alles voraus gewusst:

             
Am Anfang war die Presse / und dann erschien die Welt.
              Im eigenen Interesse / hat sie sich uns gesellt.
              Wenn auch das Blatt die Laus hat / die Leser gehn' nicht aus,
              Denn was man schwarz auf weiß hat / trägt man getrost nach Haus.
              Sie lesen, was erschienen. / Sie denken, was man meint.
              Noch mehr lässt sich verdienen, / wenn etwas nicht erscheint.
              Wir schreiben oder schweigen, / ob jeder auch zerspringt,
              Wenn uns nur unser Treiben / was bringt.

              Die Zeit lernt von uns Mores. / Der Geist ist uns zur Hand.
              Denn als Kulturfaktores / sind wir der Welt bekannt.
              Wir dringen, bringen, schlingen / uns in das Leben ein.
              Wo sie den Wert bezwingen, / erschaffen wir den Schein.
                                                                                                             (1921 / Ø )   


       
             

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© Klaus Ulrich Spiegel