Überlebensgroß Herr Grass

Das ist mal eine (im Grunde fällig gewesene): sommergurkenzeitbegünstigte, vorwahlorientierte, besonders durchschaubare und auch deshalb extra-schäbige SPD-Wahlkampfchose. Und, weil mal wieder der überlebensgroße Nobelpreisträger im Spiel ist, für seriöse Meinungsbildnermedien wie die SZ ein Grund, eine giftige Bemerkung zur Groß-Headline auf der Titelseite 1 des Gesamtprodukts oben, also als Hauptaufmacher des Tages, zu platzieren, von Brössler, wem sonst. Erfahrungsgemäß werden weitere Zirkusakte folgen, erstmal in öffentlich-rechtlichen Nachrichten und Magazinen. Sodann auf dem Boulevard, mit BILD an der Spitze (einem Blatt, mit dem Grass erklärtermaßen keine Tischkante, geschweige denn Rede teilen will). Dann wird der Blätterwald erbeben.

Kreiert hat das Ganze mit dem vorgeblichen Anlass 150. Geburtstag der Sozialdemokratie der hinreichend ausgewiesene Herr Manfred Bissinger, vor drei Jahrzehnten mal links-kostümiert Gremlizas Chefredakteur bei konkret, nach dem kürzestzeitig folgenden Konflikt erst Freischreiber für den SPIEGEL, dann Blattmach-Beauftragter bei Gruner & Jahr, dann eine Art Spitzenfeder bei der Ganske-Gruppe, dort Chef der kurzlebigen DIE WOCHE, schließlich Moderator gescheiterter Boulevard-Versuche, aber immer stark in finanziellen Ressourcen — mit Direkt-Zugang zu SPD-Größen, so vor allem dem damaligen Hannoveraner Parvenü G. Schröder.

Bissinger war der Veranstalter und V.i.S.d.PrG jener 1/1 Zeitungsseite-Anzeige in FAZ, SZ, Welt, WamS, Bild, BamS etc. Auch wir sind das Volk!, in dem die mutige Reformpolitik der Regierung Schröder + Fischer gepriesen, also für Agenda 2010 + Hartz-Gesetze trompetet wurde, mit Günter Grass an der Spitze im Verbund mit Müller-Westernhagen und Friends, vor allem aber mit Josef Ackermann/Deutsche Bank, den Vorständen von Bahn, Telekom, Stahl und Chemie, Arbeitgeberverbänden (vor allem Metallindustrie + INSM) und BDI. Derselbe Bissinger macht nun, nach eigenen Vorbildern, ein Interview mit dem immer noch namhaftesten deutschen Schriftsteller, seit 1961 als SPD-Trommler, de facto Repräsentant des rechten Kanalarbeiter-Flügels der SPD ausgewiesen, schon Ende der 1960er mit der DraDra-Großintrige gegen Heinar Kipphardt und die Münchner Kammerspiele im Verbund mit dem damaligen OB Dr. Vogel einschlägig geübt. Er folgt damit nicht nur dem Exempel seines damaligen Knüllers Das Große Geld für Schröders Agenda (s. o.), sondern auch des ebenso konzipierten Clous Grass mit Schröder-Fischer-Scharping und BILD für den völkerrechtswidrigen Überfall auf Jugoslawien, genannt Kosovo-Krieg.

Ziemlich direkt nach dem sog. Asylkompromiss, also dem Verrat der Engholm-Glotz-R.Schmidt-SPD im Verbund mit Bundesinnenminister Schäuble an Hunderttausenden Flüchtlingen und nicht zuletzt der eigenen Verfolgungsgeschichte, programmrhetorischen Humanität und Internationalität, der UN-Charta, einem zentralen Verfassungsrecht der Bundesrepublik Deutschland, als unsereiner (so etwa Georg Kilian, Gabi Haussleiter, Walter Gierlich, Birgit Lang, Thomas Heckenstaller und ich) aus der SPD austrat/en, da trat auch Grass aus dieser seiner Partei, ja eigentlichen Mentalgemeinschaft, aus — natürlich mit bundesweit donnerndem Applomb, um schon kurz darauf wieder für Gerhard & Doris die nächste Bundestagswahl-Werbeinitiative in Gang zu setzen, manifestiert in einem Volksfest in der Dortmunder Westfalenhalle, wo der Dichterfürst längere Passagen der Relation von Älterwerden und Haarefärben widmete, streng auf Nobelpreisniveau.

Und so ist es geblieben. Ein neueres Beispiel: Einer der sonst sehr respektablen Gegenwartsgeister, leider ein wenig zu eitel, der Doktor Tilmann Spengler, rühmte sich anlässlich einer Lesung hier in Münsing eines nächtlichen Currywurst-Mampfs in Lübeck mit Altkanzler Schröder am Rande der Fete zum 85. Geburtstags von Grass 2013. Ja, mit dem Agenda-Anrichter privatim zu verkehren, das krönt hierorts noch immer selbst für bedeutend geltende Geister, wieso also nicht Grass?

So schließen sich die Kreise. Und in solchem Kreis ist Bissinger immer mittenmang, immer auf der Klaviatur kanaliger Netzverbindungen, mit denen Grass-Winde (was sag ich: ‑Stürme) vor Bundestagswahlen auf die Titelseiten zu bringen sind: pro Krieg, pro Hartz, pro SPD-Rechtskurshalter von Münte bis Steinmeier & Co. Termin und Personal und Strippen sind die gewohnten. Nostalgiker mit Grass-Selbsttäuschungserfahrungen wie ich hätten vielleicht gerade jetzt doch erwartet oder wenigstens erhofft, der renommierte Großliterat werde sich wg. Freiheit des Geistes und informationeller Selbstbestimmung wie auch Schutz des Individuellen zum globalen NSA/BND-Abhör-Abgreif-Datenskandal äußern. Tja, aber der wurde erst manifest, als der Sommer- und Vorwahl-Knüller noch in Arbeit, der Großgeist samt Bissinger also anderweitig gebunden war.

Ja, alles ganz nach Kurt Tucholskys Erkenntnis:

Wie sich der kleine Moritz die große Politik vorstellt — genauso ist sie!

Interessant, vor allem uneingeschränkt schamlos, dass ohne jeden personalisierbaren Anlass wieder mal kein geeigneterer Anlasslieferant als der vor und bei dem diesjährigen SPD-Desaster überhaupt nicht öffentliche, nicht mal kommentierend beteiligte, geschweige spektakulär die SPD attackierende Oskar L. herhalten muss. Jedoch: Wer sonst, wenn’s darum geht, dass alles schön titelseitengriffig und boulevardverwendbar abläuft? Sein Rücktritt seinerzeit als Bundesfinanzminister aus dem wahlprogrammverhöhnend-wortbrüchigen Schröder(/Blair)-Kabinett war also der schmierigste Verrat, den je ein Politiker begangen habe.

Als der von Grass zu Recht oft gerühmte Gustav Heinemann ebenfalls aus inhaltlichen Überzeugungsbekenntnis und wegen Programm- und Eidesverrats seines Kanzlers aus Bundesregierung und CDU austrat, um später zur (damals noch Willy-Brandt)-SPD zu finden, da war das nicht nur lt. Grass eine Ruhmestat. Von Oskar L. behauptet Grass, dieser habe hinfort eine Regierung unter SPD-Führung verhindert — schändlich, schädlich, schäbig. Er weiß trotz Altersverranntheit natürlich ganz genau, dass dieser Oskar, keineswegs zu ungeteilter Freude seiner Kombattanten, jedesmal, wenn es um Regierungsmehrheitsbildungen geht, die Unterstützung der Linken offeriert: Entweder als Koalitions- oder als Tolerierungspartner. Jedesmal!

Wer also verhält sich hier schmierig: Die im Bund mit Grass jedesmal ihr Grundsatz- und natürlich aktuell ihr jeweiliges Wahlprogramm verraten? Oder jener, der aus Abscheu vor eben diesem Verrat seinerzeit seine Mitwirkung daran versagte? Die Antwort ist ganz klar.

Aber nun kommt noch eine weitere bundesrepublikanisch notorische Kontinuität zum Tragen, die der Bissinger kennt und nutzt. Er hat sie hinreichend mitbewirkt:

Jene Medien, die Tag für Tag und Jahr um Jahr jedes Konzept, jedes Projekt, weithin gar Reden, Auftritte, Erklärungen von Repräsentanten der Partei und Fraktion Die Linke verschweigen, unterdrücken, unerwähnt lassen — die haben sofort ganze Seiten und ganze Dokumentations- bzw. Magazin-Beiträge bereit, wenn sich in, an, bei dieser Partei eine Panne, ein Irren, ein Streit aufbauschen lassen. So die geliebte SZ.

Nur auswahlweise: zuletzt zweimal im Bayernteil. Einmal zu einem kryptischen Denunziationspapier, das aus obskuren Quellen, ohne Verfasser/Absender an niemanden, keine Gliederung, kein Gremium, auch kein Medium ging, nur so in irgendwelchen Münchner Basisgründen kursierte. Und einmal bei dem Streit-Solo eines kurz amtierenden Kassierers, der etwas von getürkten Mitgliederzahlen und mißbräuchlichen Delegiertenschlüsseln verlautete, nach sofortiger Nachprüfung und Richtigstellung durch Bundesgremien und Schiedskommission widerlegt und dafür längst aus der Partei gedrängt. In beiden Fällen füllte die Süddeutsche wochenlang ganze Rubriken, diverse Großartikel, meist im Format 2/3-Seite, dazu noch ein Ganzseiten-Interview — und solches in kampagnenartiger Dimension. Nach der nächsten Bundestagsdebatte wieder en suite: Kein Antrag, keine Parlamentsrede der Linken, die der Erwähnung teilhaftig geworden wäre. Keine Meldung über Presseerklärungen, Parteitage, Beschlusslagen, Programminhalte dieser Partei. Viel, ja ständig Berichterstattung über politische Äußerungen aus dem Einheitsmeinungs-Kartell von CDU-CSU/SPD /FDP/B'90-Grüne. So etwa Rosa-Olivgrün zum Mindestlohn — Zentralthema in Bericht, Feature, Kommentar. Doch so gut wie keine Berichterstattung dazu, als zwei Jahre zuvor eben diese Forderung erstmals von der Linken erhoben, dann zweimal als Antrag im Bundestag eingebracht — und zweimal von der SPD abgelehnt wurde.

Aber nach 14 Jahren über schmierigen Verrat des Oskar Lafontaine aus dem Mund des Kriegs- und Sozialabbau-Befürworters Grass: das ist aber mal eine Zeitungstitelseiten-Aufmachergeschichte. So agiert und wirkt die Konzernpresse heute, und die öffentlich-rechtlichen Medien werden folgen — so wie zu der lächerlichen Strafanzeige gegen Gysi wg. Uneidlicher Falschaussage ohne den Hauch eines belastbaren Indizes die Medien volle drei Wochen erzitterten, mit immer neuen Zeugenschaften der einschlägig ausgewiesenen Lengsfeld+Knabe-Wendegewinner, Springer-Denunziationen, LOCUS/Cicero-Interviews, Nachahmer-Auftritten und, und, und. Bis die Sau irgendwann doch einmal durchs Dorf war, von der heute, also vor der Bundestagswahl, für die das Ganze nur inszeniert war, keiner mehr spricht. Jetzt ist wieder der Oskar dran. Anlass: kein greifbarer, nur termingerechter. Vorgang: verfälschungsgeeignete volle 14 Jahre zurück. Zweck: völlig klar. Bewertung: extra schmierig. Nichts ist so dünn, so peinlich, so verzerrt, dass bei Bedarf daraus nicht Scheißdreck gequirlt und als News-Dinner serviert würde.

Grass verachtet öffentlich die BILD-Kloake. Doch er bedient sie zuverlässig.


Dazu auf den NachDenkSeiten vom 13.8.2013 / 14:41 Uhr
von deren Urheber und Hauptherausgeber Albrecht Müller, SPD-MdB a. D.
Denkfabrikchef des Bundeskanzleramts z. Zt. der Kanzler Brandt und Schmidt:

Grass lässt sich wieder in eine Kampagne einspannen.
Diesmal besonders komisch: zugunsten Merkels Machterhalt.

Günter Grass meint in einem von der Süddeutschen Zeitung veröffentlichten Gespräch mit Manfred Bissinger, Lafontaine sei ein Hemmnis auf dem Weg zu einem möglichen Bündnis zwischen SPD und Linkspartei. Lafontaine halte die Linkspartei mit seiner Verweigerungsstrategie davon ab, Verantwortung zu übernehmen. Diese Attacke ist aus vielerlei Gründen absurd. Zum einen gab es diese Verweigerungsstrategie nie, sie war immer nur behauptet, von außen und von innerparteilichen Gegnern des früheren Vorsitzenden der Linkspartei; zum anderen kann Oskar Lafontaine schon deshalb kein Hemmnis mehr sein, weil er bundespolitisch – leider – keine entscheidende Rolle mehr spielt. Die abstruse Fehleinschätzung des Günter Grass passt gut ins Bild eines Intellektuellen, der gar keiner mehr ist. Er analysiert nicht eigenständig und macht sich zum Opfer clever angelegter Kampagnen. Das kam in den letzten 40 Jahren des Öfteren vor. von Albrecht Müller.

Günter Grass rechnet mit Lafontaine ab – das ist die – ironisch angemerkt: ungemein aktuelle – Schlagzeile der heutigen Süddeutschen Zeitung. Eine Kurzfassung der aggressiven Äußerungen zu Lafontaine findet sich in diesem Aufmacher. Das Interview selbst ist elektronisch nicht verfügbar. Es enthält aber einige erstaunliche Fehleinschätzungen und Widersprüche:

Zum Beispiel: Günter Grass beklagt, wir würden weltweit gerade einen Höhepunkt der Bereicherung auf der einen und der Verarmung bis hin zur Verelendung auf der anderen Seite erleben und lobt dann Schröders Agenda-Politik als mutig und als überfällige Weichenstellung. Vermutlich durchschaut Grass gar nicht, dass die Agenda-Politik in Deutschland wesentlich zum Ausbau eines Niedriglohnsektors und damit zur Verarmung beigetragen hat. Konsequenterweise sieht er auch den Zusammenhang zwischen Agenda 2010 bedingter Niedriglohnpolitik bei uns und der Verarmung und Verelendung in südeuropäischen Staaten nicht.

Zum Beispiel: Besonders drollig ist die Vorstellung des 85‑jährigen Schriftstellers zur möglichen Revision grundlegender gesellschaftspolitischer Entscheidungen. Ich zitiere eine längere Passage:

Schröder hat mit der Agenda-Politik Mut bewiesen, aber nicht die Nerven gehabt, dieses Programm gleich bei den ersten Schwachstellen, die sich sehr rasch bemerkbar machten, zu korrigieren.

Und weiter:

Ich bin ein eingefleischter Revisionist und weiß, dass alles, auch jedes Unrecht, das durch eine Reform beseitigt werden soll, sofort ein neues Unrecht schafft. Die Reformer müssen dann offen dafür sein, dies zu erkennen und zu korrigieren.

Wie soll denn das gehen, Günter Grass?

  • Zuerst die Arbeitslosenversicherung mit den Hartzgesetzen de facto abschaffen und dann durch Revision wieder einführen? Grass übersieht die Zerstörung der sozialen Sicherung durch die de facto Abschaffung der Arbeitslosenver­sicherung. Mit kleinen Revisionen lässt sich die grundsätzliche Schwächung der Arbeitnehmerschaft und der Gewerkschaften durch die Agenda 2010 nicht revidieren.
  • Zuerst Arbeitsverwaltung weit gehend kommerzialisieren und dann wieder korrigieren? Wie soll das gehen? Herrn Weise wieder in die Wüste schicken? Die Gebäude und das konservative Personal der Arbeitsagenturen wieder einreisen?
  • Zuerst die Leistungsfähigkeit der Gesetzlichen Rentenversicherung systematisch und in mehreren Schritten verringern, die Privatvorsorge mit Zulagen und steuerlich fördern, und dann wieder zurück? Grass hat die Dimension der Veränderungen nicht begriffen. Sein Schwadronieren von der Revision ist leichtfertig.
  • Zuerst Leiharbeit fördern, entsprechende Unternehmen durch gesetzliche Förderung aufbauen, und dann sagen: Pustekuchen. Wie stellt sich Grass das vor?
  • Öffentliche Unternehmen privatisieren und dann verkünden: Wir haben uns getäuscht?
  • Kommunale und landeseigene Wohnungsbestände an Hedgefonds verkaufen und dann, wenn die Mieter dafür blechen müssen, verkünden: es tut uns leid, wir sind Revisionisten und revidieren?

Diese Vorstellungen von politischen Abläufen und Möglichkeiten eignen sich fürs Kabarett, aber nicht für die politische Wirklichkeit. Durch die Schröder’sche und die vorherige Kohl’sche Reformpolitik wurden und werden Fakten geschaffen. Nicht einmal die Steuerbefreiung der Gewinne beim Verkauf von Unternehmen und Unternehmensteilen, die Schröder im Rahmen seiner Agenda-Politik zum 1.1.2002 eingeführt hat, ist bisher revidiert worden. Man muss ein paar Fakten parat haben, selbst dann, wenn man nur ein Revisionist sein will.

Auch die Angriffe auf Lafontaine wegen seines Rücktritts im Jahr 1999 führt Günter Grass ohne Rücksicht auf die Tatsachen. Er behauptet, Lafontaine habe damals eine Wende um 180° inszeniert. Offenbar hat Günter Grass keine Ahnung von den damaligen Bewegungen und Kampagnen:

  • Er hat nicht mitgekriegt, dass Schröder noch vor der Wahl zum Bundeskanzler und ohne Rücksprache mit dem Vorsitzenden seiner Partei, Oskar Lafontaine, den USA die Beteiligung am Kosovo Krieg zugesagt hat.
  • Grass hat offenbar nicht mitgekriegt oder verdrängt, dass Oskar Lafontaine als Bundesfinanzminister Regulierungen der Finanzmärkte in internationale Verhandlungen eingebracht hatte und deshalb auch von ausländischen Institutionen und Medien heftig attackiert wurde, zum Beispiel vom Blatt des – in der Sprache von Günter Grass: schmierigen – Medienunternehmers Murdoch, der britischen SUN. Das Blatt nannte den deutschen Finanzminister und SPD-Vorsitzenden den gefährlichsten Mann Europas.

Von einer Wende um 180° durch Lafontaine kann keine Rede sein. Und wenn damals ein schmieriger Verrat – so der Vorwurf von Grass an Lafontaine – stattgefunden hat, dann von Seiten Schröders und seiner Freunde an den Werten der SPD. Konsequenterweise haben damals an die 40 % der SPD-Mitglieder die Partei verlassen.

Dass Günter Grass entgegen den Fakten heute Falsches über Lafontaines Rücktritt behaupten kann, verdankt er einer fast schon wasserdichten Kampagne gegen Oskar Lafontaine und für Militäreinsätze und für die so genannte Reformpolitik. Dass Lafontaine hingeschmissen habe, dass er seine Partei verraten habe, ist tausendfach und im Verein von Rechtskonservativen, Sozialdemokraten und den dazugehörigen Medien in die Köpfe der Menschen gehämmert worden.

Wenn dann Günter Grass gegen Ende des Gesprächs feststellt, die freiwillige Preisgabe einer unabhängigen und widerspruchsvollen Pressekultur sei zur Zeit die größte Gefahr, die unserer Demokratie droht, dann kann man angesichts seiner eigenen Medienabhängigkeit und Nutzung von Kampagnen dieser Medien nur noch weinen.


jW 14.08.2013 / Ansichten

Das Nobelkomitee verleiht seinen Friedenspreis an Barack Obama, bekannt durch persönliche Listung von Zielen illegaler Drohnenmorde und Betreiber von Folterstätten. Oder an die EU, einen Zusammenschluß, der den Großteil der Bevölkerung Osteuropas in Elend gestürzt hat, stets neue Rekordzahlen an Arbeitslosigkeit produziert, aber Zehntausende junger Leute in Kriege schickt zur Sicherung unserer Handelswege etc. Das Nobelkomitee verleiht nach analogen Maßstäben auch seinen Preis für Literatur an Leute wie Herta Müller oder Günter Grass. Der läßt z. B. einen grammatikalisch ungekämmten Satz drucken wie: Es gab in der sozialdemokratischen Partei keinen schmierigeren Verrat, wie den von Oskar Lafontaine an seinen Genossen.

Die literarische Kostbarkeit schaffte es in ein Interview, das der Preisträger mit dem Publizisten Manfred Bissinger für ein Buch führte, das im September unter dem Titel Was würde Bebel dazu sagen? erscheinen soll. Eine Wie- oder Als-auch-immer autorisierte Kurzfassung des Gesprächs druckte die Süddeutsche Zeitung am Dienstag, und von dort fand der Satz seinen Weg in die Abendnachrichten der deutschen Fernsehkanäle, wurde in Rundfunknachrichten hoch gehandelt und lieferte der Süddeutschen Zeitung die Schlagzeile auf Seite eins: Günter Grass rechnet mit Oskar Lafontaine ab.

Ja, wie oder alsdann? Denn in dem Gespräch steht außer dem stilistischen Ausrutscher bei der Verwendung eines Vergleichswortes nach Komparativ sonst nichts drin. Kein Wunder, daß der Lapsus beim größten Schriftsteller aller Zeiten (Gröschaz) deutsche Redakteure aufregt. Allerdings meint Gregor Gysi einschränkend: Grass bleibe einer unserer größten Schriftsteller. Das gibt demnächst noch ein Grassches schmieriger wie.

(asc)

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