Ténor juvénil-dramatique français

Agustarello Affre: Star der Grand-Opéra im Fin-de-siècle

Agustarello Affre, der Sänger, dem diese Edition gewidmet ist, wurde bei und nach Lebzeiten, in ständig reproduzierten Nachträgen bis heute, als Tamagno français, also als ein französischer Tamagno, bezeichnet. Schon die noch junge Tonträger-Branche nutzte den Effekt absatzfördernder Slogans, und Francesco Tamagno stand zeitlich vor der Epoche Enrico Carusos im weltumspannenden Ruhm seiner vom Komponisten autorisierten Kreation Otello, dessen Urauf-führungssänger und bleibend maßgeblicher Interpret er war – damit den Typus eines hochdramatischen italienischen Tenors gleichsam erschaffend und verkörpernd.

Slogans sollen verkaufen helfen. Sie über-erfüllen ihre Funktion geradezu,
wenn sie zum Entstehen von Legenden beitragen. Zutreffen müssen sie nicht;
sie tun es auch keineswegs immer. Hier haben wir ein Paradebeispiel: Francesco Tamagno (1850-1905) war ein geradezu konstitutiver Vertreter des raren, heute nahezu unbesetzten Fachs des Tenore drammatico. Als ein französischer Tamagno wäre demnach etwa die legendäre, seinerseits alleinständig-vorbildhafte Ver- körperung des Begriffs Ténor dramatique anzusehen: Léonce-Antoine Escalaïs (1859-1941), dessen frühe akustische Aufnahmen jenes metallisch-strahlende, zugleich weißglühende Tongepräge mit überrumpelndem Aplomb vermitteln, das dann eine dünnbesetzte Generation von Nachfolgern zu adaptieren ver- mochte. Diese reicht von Viñas, Ershov, O’Sullivan über d’Arcor, Rousselière, Campagnola bis zu César Vezzani und René Verdière, zuletzt noch Guy Chauvet, gilt seit einem halben Jahrhundert aber als praktisch ausgestorben.


Eine solitäre Stimm-Kategorie
Der Ténor dramatique hatte so etwas verkörpert wie eine hypertrophe Form und Farbe im Spektrum der Stimmvarianten: expansiv, stamina- und hochdruckvoll, gleißend, vibrant, vor allem hellmetallisch im Timbre – wie geschaffen für die Helden der Grand-Opéra, von Halévy, Thomas, Meyerbeer bis Saint-Saëns und Reyer. Unter den Italienern der ersten Reihe fand dieser Stimmtypus Vertreter in Giovanni Zenatello, Giuseppe Borgatti, Bernardo de Muro, Giacomo Lauri-Volpi und einem Halbdutzend mehr. Doch dort wie auch in den anderen außerfran-zösischen Kultur-Provenienzen scheint er heute so gut wie verloren zu sein.

Umso aufmerksamer würden sich stimmensüchtige Sammler von heute
den Tondokumenten eines etwaigen Tamagno français zuwenden. Doch auf Agustarello Affre trifft diese Zuschreibung nicht zu – was seine Bedeutung in
der Gesangshistorie keineswegs mindert. Er war ein Tenore lirico spinto, genauer ein Ténor juvénil-adolescent, also ein Jugendlicher Heldentenor, in seiner Auftritts-praxis aber ein Ténor universel, der lyrische und (hoch)dramatische, Belcanto-
wie Musikdrama- und Verismo-Partien gleichermaßen bewältigte. In seiner
Ära gehörte er, weit über sein Hauptwirkungsfeld Paris hinaus, zu den großen
Stars der französischen Oper.


Agustarello Affre
*23 Oktober 1858 St.Chinian -- † 27 Dezember 1931 Cagnes-sur-Mer
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Über seinen familiären, sozialen und Ausbildungs-Hintergrund berichten die Nachschlagewerke nichts. Auch der rare Vorname ist nach Herkunft und Bedeutung nicht zu verifizieren. Die Informationen setzen mit der Mitteilung ein, dass der bedeutende französische Bassist und (bis 1911) Directeur der Grand- Opéra Paris, Pierre (Pedro) Gailhard in den frühen 1880ern die junge Tenor-stimme gehört, deren Besitzer zu professionellem Gesang animiert und in arrivierte Ausbildung gebracht habe.

Affre studierte unter Gailhards Ägide zunächst am Conservatoire de Toulouse, dann beim prominenten Professeur de chant Victor Duvernoy und bei Gailhard selbst am Conservatoire National de Paris. Gailhard verfolgte seinen Weg zur Bühnenreife, arrangierte erste Bühnenauftritte an französischen Opernhäusern und richtete 1890 ein Debüt an der Grand-Opéra aus – mit der Lirico-spinto-Belcantopartie des Edgard in Donizettis Lucie de Lammermoor, als Partner der Jahrhundert-Primadonna Nellie Melba.

20 Jahre lang Roi d‘Opéra
Der neue Tenor erreichte rasch die Position eines Homme-premier des berühmten Hauses und blieb es 20 Jahre lang. Am 16.3.1891 wirkte er dort in der Uraufführung von Massenets Oper Le Mage mit. 1902 gab er den Canio in der französischen Erstaufführung von Leoncavallos Le Paillasse (I Pagliacci). Beson- dere Triumphe feierte er als Renaud in Glucks Armide und als Belmonte in Mozarts Enlèvement (Die Entführung aus dem Serail) (beide 1905) Man erkennt ein unglaublich breites, nahezu universales Repertoire, denn Affre sang an der Opéra neben Mozart, Gluck und Bellini bald Meyerbeers Raoul und Vasco, Rossinis Arnoldo, Halévys Eléazar, Gounods Faust, Bizets Don José, Saint-Saëns‘ Samson, Wagners Lohengrin, Verdis Radames, Reyers Sigurd – doch im Kontrast dazu auch den Fernand in Donizettis La Favorite, dazu eine Reihe französischer Tenorpartien vom Ténor facile bis zum Ténor dramatique, vorrangig die bedeu-tenden hochdramatischen Tenorhelden. Vor allem dies dürfte die Vermarktungsformel vom französischen Tamagno begünstigt haben.

Seit 1902 machte der Tenor mit einem Repertoire von ähnlicher Breite Tonauf-nahmen – für Zonophone, G & T, Fonotipia, Columbia-Paris, Odéon, dann vor allem für Pathé: dort 1911 Gounods Roméo und Bizets Don José in großbesetzten Gesamteinspielungen von Roméo et Juliette mit Yvonne Gall, Marcel Journet, Alexis Boyer und Carmen mit Marguerite Mérentié, Henri Albers, Hyppolite Belhomme, Aline Vallandri.

Zweite Karriere – interkontinental
Erst in den 1890er Jahren begann Affre zu gastieren, zunächst in Lyon, Marseille und Aix-les-Bains. 1900 trat er erstmals am Théâtre de La Monnaie in Brüssel auf, an dem er große Erfolge hatte. Ab 1909 war er am Royal Opera House Covent Garden London zu hören, so als Faust und Samson. Als 1911 Pierre Gailhard die Direction der Opéra aufgab, verließ auch Affre die Stätte seiner dauerhaften Triumphe und begann eine späte Weltkarriere. Er trat nun neben London und Brüssel in San Francisco, Havanna, New Orleans auf. 1913 übernahm er die Direktion des Opernhauses New Orleans, ging aber nach Beginn des Weltkriegs 1915 heim nach Frankreich, betätigte sich vor allem als Konzertsänger, sang auch vor französischen Soldaten. Nach dem Krieg zog er sich von der Musikszene zurück, gab noch Lied- und Arienkonzerte, lebte den Künsten zugewandt in seiner Villa an der Côte d‘Àzur, wo er 1931 auch verstarb. Seine Grabstätte liegt auf dem Pariser Père Lachaise, in Nachbarschaft vieler großer Geister und Kulturschaffender der Grande-Nation.

Eigenständigkeit in Universalität
Ausweislich seiner Tondokumente besaß Affre eine Lirico-spinto-Stimme von mittlerem Gewicht und eher dunklem, leicht mehligem Klang, individualisiert durch einen Hauch von Körnigkeit (diese nicht so ausgeprägt wie etwa bei Piccaver, aber von charakteristischem Reiz). Zum Ténor dramatique à la Tamagno oder Escalais fehlt ihm vor allem die helle Stahlfarbe, die Tönung assoziiert mehr Posaunen- als Trompetenklang. Die Qualität des Timbres erscheint mehr solide als solitär, doch variiert eine spezielle Brillanz von Tonbildung und Chiaroscuro wie auch gelegentlich überraschendem Metall-gehalt, von Stück zu Stück – das hatte offenkundig mit uneinheitlichen technischen Aufnahmebedingungen der Labels zu tun: In den frühen Aufnah- men, noch vom Piano begleitet, klingt die schon gewichtige Stimme deutlich obertonreicher, flexibler, lyrischer und dennoch dramatisch.

Jules Massenet rühmte Affres „reines und transparentes Organ“– das dürfte
sich auf frühe Begegnungen bezogen haben. In Manricos schön phrasierter Cavatine „O toi mon coeur d’espoir“ bringt der Sänger allerdigs saubere Triller und bezwingende Kolorierungen. Das nicht übermäßig attraktive Organ gehört also einem in Teilen meisterlichen Sänger. Es dominiert eine stabile, gelegentlich bullig-massive Mittellage, in der sich auch seine stärksten Expansionskräfte entfalten. Die Register sind solide verblendet, der Tonstrom ergießt sich kompakt, aber flexibel, und bleibt bis zur Extremhöhe konzentriert. Der Tenor „öffnet“ in hohen Lagen den Ton nicht zu vibratoreichem Effekt, sondern hält die Linie mit leicht nasaler Resonanz integriert und gedeckt. Das mindert eine exaltierte Klangent-ladung mit strahlender Vibranz, vermittelt aber ein ausge-wogenes, balanciertes Klangbild und zeigt die Anwendung von Vorgaben der klassischen Schule.


Großes Singen mit kleinen Schwächen
Der führende Gesangskenner Jürgen Kesting weist auf des Tenors stets vorbildhafte Stimmführung hin, so in den Stücken aus Les Huguenots („mit wirklichem Finish“), Armide („beherrschte Tongebung“) und Samson et Dalila („ein wahrer Kraftkerl“). Er stellt Affre in Raouls Entree neben Jadlowker und über Caruso, kritisiert aber seine „nicht immer perfekte Voix mixte“ und Intonationsfehler in Vascos „Pays vermeilleux“ aus L’Africaine. Auch hält er
den Roméo von 1911 für keine ideale Besetzung. In der Tat führt Affre, in Jahrzehnten von hochdramatischem Heroengesang geprägt, hier einen schon sehr reifen, gewichtigen Amante vor; umso beachtlicher dessen Tonbildungs- und Phrasierungskunst. Don José schließlich überzeugt als exemplarische Umsetzung dessen, was die Partie evoziert, zwischen Gedda und Vickers /McCracken etwa die Position, die später Domingo einnahm.


Agustarello Affre (dessen raren Vornamen man gern genauer entschlüsseln würde) war ein zentraler Repräsentant des französischen Musiktheaters seiner Epoche im Wechsel der gesangshistorischen Maßsetzungen: In sängerischen Belangen noch beeinflusst von der klassischen Schule, singdarstellerisch schon im Bann des veristischen Stilwandels. Er war nicht frei von Schwächen in stilistischen Details, aber ein rundum eindrucksvoller, vor allem unglaublich vielseitiger Interpret – kein französischer Tamagno, hingegen ein eigenge-wichtiger Vertreter genre-übergreifenden Bühnengesangs. Seine Tondokumente zählen zum Bestand des Art du chant français. Sie waren jahrzehntelang nicht im Zugriff deutscher Sammler, weil nur auf beliebigen LP-Zusammenstellungen importierbar. Unsere Sammlung dürfte derzeit die weltweit umfassendste sein.

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© Klaus Ulrich Spiegel