Tenorstar in Berlin & Bayreuth
Ernst Kraus 
Inkarnation eines Heldentenors zur Kaiserzeit

Unter den Tenören, die von den 1840er bis 1880er Jahren an Ur- und Erst-
aufführungen Wagnerscher Werke beteiligt waren, gab es noch nicht den Spezialistentypus „Wagner-Tenor“. Alle dramatischen Sänger im Fach der Tenöre sangen ein breites Repertoire aus dem deutschen, französischen, italie-nischen und slawischen Opernspektrum. Die meisten erschienen auch nur vereinzelt in Wagner-Aufführungen – zu gering war noch deren Präsenz auf
den Spielplänen.


Zu nennen ist etwa der erste Rienzi und Tannhäuser Josef Tichatschek mit Heroenstimme und Vokalkunst Wagners Ideal. Oder der nach seiner Tristan-Kreation früh verstorbene Ludwig Schnorr von Carolsfeld, von dessen purem Stimm-Material wir nur wenig Bericht haben. Oder der langlebig-repräsentative Heinrich Vogl, Wagners erster Loge und Siegmund. Oder der vielgerühmte, fast legendäre Albert Niemann, Tannhäuser beim Pariser Desaster 1861, dann Sieg- mund in der Ring-Erstaufführung 1876 in Bayreuth. Oder der schon von Ton- dokumenten bekannte Gustav Walter, der trotz einer rein lyrischen Stimme in Wien als Stolzing, Erik, Loge und Lohengrin erfolgreich war, unter Wagner konzertant Siegfrieds Schmiedelieder sang und als Alternativbesetzung der geplatzten Wiener Tristan-Uraufführung gehandelt wurde.

Kein Spezialisten-Genre
Auch jene Pioniere, die – meist durch persönliche Bekanntschaft oder Zusam-menarbeit mit Wagner beflügelt – seine Werke in vielen Opernzentren der Welt oder auf Wagner-Tourneen vorstellten und Wagneraufführungen bis in die 1890er Jahre bewältigten, sangen ursprünglich ein breites Repertoire mit erst langsam gesteigerter Schwerpunktbildung auf Wagner, darunter Heinrich Gudehus, Jean de Reszke, Anton Schott, Max Alvary, Ferdinand Jäger, Alfred von Bary oder die schon in Tonaufnahm überlieferten Adolf Wallnöfer und Hermann Winkelmann. Sie alle entsprachen, soweit hörbar, durchaus nicht dem späteren Ideal eines Wagnertenors. Ihr Stimm-Material war weitgehend vom verbindlichen Stil eines deutschen Belcanto, genauer: der klassischen Kunst des Gesangs auf der Basis der Phrasierungs- und Verzierungskünste seit dem Barock, geprägt. Die Timbres waren meist hell-metallisch, die Tonbildung gedeckt, die Phrasierung noch flüssig, entspannt, dem Legato verpflichtet.

Erst die folgende Sängergeneration – ab ca. 1860 geboren – konnte ihre in den 1890er Jahren begonnenen Karrieren auf dem Wagner-Hype ausbauen, der nach 1900 europaweit den Bühnenalltag prägte: so Ivan Ershov in Russland, Ernest van Dyck und Charles Dalmores im französischen Sprachraum, Francisco Viñas, Giuseppe Borgatti, Fiorello Giraud, Raffaele Grani in Italien, Peter Cornelius in Kopenhagen und London, Aloys Burgstaller und Andreas Dippel in New York, Erik Schmedes in Wien, Heinrich Knote und Alfred von Bary in München, Karel Burrian und Georg Anthes in Dresden, Jacques Urlus in Leipzig oder Wilhelm Grüning in Berlin.

Erst sie entwickelten sich zu, wie man meinte, „echten“ Wagner-Spezialisten. Unter ihnen dominierten weiterhin die in der traditionellen Manier des drama-tischen Singens geschulten Gesangskünstler. Die aus heutiger Sicht oft mit dem negativen Rubrum „Bell-Canto“ und „Bayreuth Bark“ belegten Repräsentanten der Bayreuther Cosima- und Kniese-Ära, artikulations-betont und konsonanten-pointiert vokalisierende Ausdruckssänger, waren nicht in der Mehrheit. Doch gerade sie galten zeitweise als stilbildend und vorrangig bedeutend, da sie ein speziell Bayreuther, also gleichsam „kodifiziertes“ Interpretationsideal vermit-telten, in dem eine Art deutscher Verismo, eine singdarstellerische Manier über sängerische Kunst gestellt wurde. Anders gesagt: Während die international tätigen Sänger überwiegend dem Vorbild der italienisch = klassisch geschulten Vorgängergenerationen gleichkamen, bildete sich im deutschen Sprach- und Kulturraum ein von Wahnfried propagierter, in glaubhafter Bühnendarstellung verwirklichter, aber vornehmlich kraft- und deklamationsbetonter Wagnerstil heraus.

Die „Bayreuther Schule“
Als typischer Vertreter dieser Tenorkategorie erscheinen ausweislich einer nicht sehr reichen, nur teilweise repräsentativen Hinterlassenschaft von Tondoku-menten zum Beispiel: Der in der Reihe der Bayreuther Ring-Besetzungen zweite Darsteller der Siegfried-Partien, ab 1896: Wilhelm Grüning, erster jugendlich-dramatischer Tenor der Königlich-Preußischen Hofoper Berlin, dort nicht nur in allen Wagner-Tenorpartien, sondern auch im gesamten Repertoire von Mozart bis Leoncavallo (er sang 1904 den Henning in der Berliner Uraufführung von dessen Roland von Berlin). Oder in ähnlicher stimmlicher Statur und Singweise sein Bayreuther Nachfolger Aloys Burgstaller, in die Gesangsgeschichte einge-gangen vor allem als Titelrollen-Interpret beim Parsifal-„Raub“, der ersten Aufführung des Bühnenweihfestspiels an der Metropolitan Opera New York 1903. Oder angesichts der Vielzahl seiner Tonaufnahmen in vielleicht noch stärkerer Erinnerung, der dänische Wiener Heldentenor Erik Schmedes, auch er ein gefeierter Siegfried-Darsteller in Bayreuth und mit großer Heroenstimme prototypischer Vertreter der Bayreuther Schule. Allein am Beispiel dieser Namen und ihrer Dominanz um die Jahrhundertwende wird deutlich, dass der interna-tional keineswegs vorherrschende frühe Bayreuther Singdarstellungsstil prä- gende Wirkungen und zeitgebunden auch Nachruhm hinterließ.

Dieser wurde und wird bis heute aber überstrahlt durch die Erscheinung und langdauernde Wirkung eines eigentlich vielfältig befähigten und auch universell eingesetzten Tenors, der als Konkurrent, dann Nachfolger Grünings an der Berliner Lindenoper Furore machte, zur Zentralfigur im Cosima-Bayreuth wurde und eine Weltkarriere machen konnte, die sich in exklusivem Besitz der Wagner-Tenorpartien an der New Yorker Met in der Season 1903-04 manifestierte. Das war der attraktive Ernst Kraus, von dem Berliner Opernfreunde in Generationen schwärmten, Gesangshistoriker berichten und Print- wie Fotomaterialien zeugen. Er war der wohl meist gefeierte und längst erinnerte deutsche Tenorprotago- nist vor dem Aufstieg des Tenorvirtuosen Hermann Jadlowker, der – obwohl ein weithin anders orientierter Sänger – im Karriereablauf als sein Nachfolger gelten kann.

Ernst Kraus (Tenor)
 * 8.6.1863 Erlangen –  † 6.9.1941 Walchstadt/ Oberbayern


Ernst Kraus verkörperte in mehrfacher Hinsicht – nicht nur als Wagnersänger – ein Ideal seiner Epoche: Hochgewachsen, blendend in der Erscheinung, glaub- haft im Spiel, stimmlich immens kraftvoll, klar und ausdrucksvoll in der Deklamation. Besonders sein Siegfried bei den Bayreuther Festspielen 1899 bis 1909 galt als maßstabssetzend. Seiner Wertschätzung als Bühnensänger ent- sprach seine Popularität in Medien. Kein anderer Wagnertenor der Kaiserzeit
hat so viele Schallplatten hinterlassen. Zwischen 1902 und 1923 entstanden 123 Aufnahmen: Walzen für Edison und Schellacks für Grammophon Company, Polyphon und Vox.


Der kommende Startenor sah sich keineswegs als prädestiniert für einen künstlerisch-interpretativen Beruf. Sein Vater betrieb eine kleine Bierbrauerei. Der Sohn wollte Kaufmann werden, also wohl auf die Leitung des Familien-betriebs vorbereitet sein, ging deshalb in eine Lehre als Brauer. Er besuchte dann die Münchner Brauereischule und war im Anschluss sechs Jahre lang am Münch- ner Hofbräuhaus beschäftigt. Wo sich Gelegenheiten ergaben, sang er bayerische Volksweisen zur selbst gespielten Zither. Dabei hörte ihn der berühmte Wagner-sänger Heinrich Vogl. Der brachte ihn zu der Gesangspädagogin Anna Schimon-Regan, die ihn wiederum zu dem Gesangsmeister Cesare Galliera in Milano vermittelte. Mit vielfältigen Referenzen sang er dann an deutschen Opernbühnen vor. Sein Bühnendebüt fand an einem der bedeutendsten reichsdeutschen Häuser statt – 1893 als Tamino in der Zauberflöte am Hoftheater (dem späteren Nationaltheater) Mannheim.

Über Amerika zur Königsklasse
Drei Spielzeiten blieb Kraus im Mannheimer Engagement, erwarb sich ein Basisrepertoire im lyrischen und jugendlichen Tenorfach. Schon 1894 wurde er zu Gastauftritten an die Berliner Hofoper eingeladen, so mit besonderem Erfolg als Wagners Lohengrin. Sein Ruf breitete sich aus, drang bis nach Übersee. 1896 engagierte ihn die Damrosch Opera Company für drei Seasons als ersten Tenor auf Tourneen durch die USA. Danach standen ihm Europas Bühnen offen. 1898 wurde er fest an die Königliche Hofoper Berlin verpflichtet, die 1918 zur Deut- schen Staatsoper wurde. Kraus gehörte diesem führenden Haus bis 1924 an, also länger als ein Vierteljahrhundert, zunächst in Konkurrenz zu dem dortigen Wagner-Protagonisten Wilhelm Grüning, dann als unumstrittener Primo Uomo im dramatischen Fach, weit über die Wagner-Partien hinaus. So mit den Haupt- und Titelpartien in deutschen und Berliner Erstaufführungen von Berlioz‘ Benvenuto Cellini, Siegfried Wagners Bärenhäuter, Pfitzners Der arme Heinrich und Palestrina, Smetanas Dalibor, Méhuls Joseph, in Der Wald von Ethel Smith und in Mudarra von Fernand Le Borne. Er war der Herodes in der Berliner Premiere
von R. Strauss‘ Salome (neben Emmy Destinn & Baptist Hoffmann).


Den Herodes gab Kraus auch in der Erstaufführung der Salome am Covent Garden London 1910. Seine Gastspielkarriere war für damalige Verhältnisse spektakulär. Er trat regelmäßig an den Weltrang-Bühnen von London, Zürich, Brüssel, Prag, Wien, München, Dresden, Hamburg auf, gastierte außerdem
an den Hof- und Staatstheatern von Mannheim, Frankfurt, Bremen, Leipzig, Karlsruhe, Graz, Brno, Bern, Basel. An der Met in NYC war er als Tannhäuser, Lohen grin, Tristan, Siegmund, beide Siegfriede, als Tamino und in Konzerten
zu erleben. In Bayreuth war er der erste Erik im Fliegenden Holländer (neben Destinn & van Rooy), Stolzing in den Meistersingern, Siegmund in der Walküre und wurde vor allem mit seinen Glanzpartien als Siegfried in Siegfried & Götter-dämmerung gefeiert. 

1924 beendete Ernst Kraus seine glanzvolle Sängerlaufbahn, ließ sich wieder in München nieder, übernahm eine Professur an der Staatlichen Musikhochschule. Er war verheiratet mit der Schauspielerin Margarethe Hofmann, die an deut- schen Staatsbühnen, vor allem am Nationaltheater Mannheim, auftrat. Der gemeinsame Sohn Richard Kraus (1902-1978) wurde als Dirigent berühmt, war nach dem Zweiten Weltkrieg Generalmusikdirektor in Köln und Orchesterchef im Westdeutschen Rundfunk, dann Musikalischer Leiter der Städtischen Oper
in Westberlin.


Stimm-Heros und Ausdruckssänger
Die reichlich vorhandenen Tonaufnahmen des Ernst Kraus aus den zentralen Phasen seiner Karriere bringen uns eine formidable Heldentenor-Naturstimme zu Gehör – dazu das belastbare, strapazierfähige Organ eines Universalisten. Beim ersten Hören fällt die aggressive Härte der sehr gerade geführten Stimme nicht immer nur angenehm aufs Ohr. Ebenso kann der extrem sprachbezogene, also artikulationsbetonte, stark konsonantische (eben dem Bayreuther Cosima-Kniese-Ideal folgende) Gesang heutige – nicht nur modern geprägte, sondern auch von der Belcanto-Renaissance berührte – Rezipienten  irritieren.

Andererseits imponiert die Solidität der Leistung Von den ersten bis zu den letzten Platten hat sich die Stimme trotz langem Praxiseinsatz in schwersten Partien kaum verändert. Allenfalls ist sie etwas spröder im Tongepräge und schwerfälliger beim Einschwingvorgang geworden – und auch das gilt nur für die letzten Aufnahmen von 1923. Die raumfüllende Intensität der Stimme – von Zeitgenossen besonders betont – wird leider in den Trichteraufnahmen mit ihrer flächig-trockenen Akustik kaum zur Geltung gebracht. Das ist, unabhängig von gewandelter, hochperfektionierter Aufnahmetechnik, bis heute ein Problem echter Raumstimmen.

Die vorliegende Edition versammelt praktisch alle von Ernst Kraus eingesun- genen Titel, darunter große Auszüge seiner Portraits von Siegfried, Siegmund, Lohengrin und Tristan, doch auch von Kienzls  Matthias (seine vielleicht bewe- gendsten Tondokumente), dazu Lieder aus seinem Konzertrepertoire.  Einzelne populäre Titel wie Siegmunds „Winterstürme“ wurden immer wieder neu eingespielt und liegen in mehreren Versionen vor. Unsere Edition präsentiert, soweit es die Spieldauern erlauben, auch Alternativaufnahmen.

Ernst Kraus gilt als einer der wichtigsten Wagnerinterpreten der Gesangs-historie, zugleich als führender Repräsentant der „Bayreuther Schule“. Im Kutsch-Riemens Sängerlexikon wird seine „unerschöpfliche Stimmkraft und besondere dramatische Ausdrucksintensität“ gerühmt – er habe „vielleicht die durch-schlagendste Tenorstimme überhaupt“ besessen, „die uns durch die Schallplatte über- liefert ist“. Ein Urteil, das sich beim Hören seiner Einspielungen nur teilweise vermittelt, doch den Kennern und Sammlern ohnehin nicht vorrangig wichtig erscheint, wo es um Gesangskunst und Singdarstellung geht. Ernst Kraus war nicht nur ein bemerkenswerter, interessanter Sänger, sondern mehr noch ein exemplarischer Zeuge des Wagner-Segments im „ersten Golden Age of Singing“.“

                                                                                                            KUS
 

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© Klaus Ulrich Spiegel