Prototyp des Charakterbaritons

Der fachüberschreitende Sängerdarsteller Carl Armster

Die männliche Stimmgattung „Bariton“ ist ein Erzeugnis des 19. Jahrhunderts. Seit Beginn der Gesangsgeschichte, über 200 Jahre lang, hatte man nur zwischen hohen und tiefen Stimmen unterschieden - bei den männlichen Zuordnungen also Tenor und Bass. Erst mit dem Übergang von Klassik und Barock zum Belcanto und zur Opéra-lyrique erweiterten sich die Forderungen zeitgenössischer Opernschöpfer - wie Donizetti, Bellini, Verdi, Mercadante, Meyerbeer - an Stimmumfänge, Expansion, Flexibilität im bühnendramatischen Singen.

Dieser Wandel bestimmt die Bühnenrepertoires, also auch die Gesangskunst in der zweiten Jahrhunderthälfte und damit die Produkte der (in den späten 1890ern einsetzenden) Klangdokumentation auf Tonträgern. Die Ära der akustischen Aufnahmetechnik - ca. 1898 bis 1928 - überliefert uns zahlreiche Belege der Orientierung zu neuen, umfassenden Wertmaßstäben großen Gesangs in allen Stimmlagen, beispielhaft darin die Träger der „mittigen“, nunmehr als Bariton eingeordneten Männerstimmen, im Umfang von A-G‘. Aus italienischer, französischer, sogar slawischer Provenienz liegen sie in den Archiven - wichtig für gesangshistorische Dokumentation, Fachforschung und nicht zuletzt Sammlerfreuden.

Mit wenigen Repräsentativ-Beispielen: Wir können die Italiener Cotogni, Battistini, Kaschmann, Ancona, Campanari, die Franzosen Faure, Maurel, Lassalle, Renaud, Gilibert, Dufranne, die Iberer d’Andrade, de Gogorza, Blanchard, die Russen Tartakov, Baklanov, Nortsov hören - und deren vokalen wie stilistischen Status auf Weltniveau ermessen, der sich im späteren sog. Verismo zu einer fast unüberschaubaren Fülle von Fachvertretern erweitern sollte.

Die deutschen Bassi cantanti
Es gab eine gewichtige Ausnahme oder genauer: Verzögerung. Die Musikbühnen im deutschen Sprachraum (auch in skandinavischen Kulturzentren) waren von der Emanzipation des Stimmfachs „Bariton“ zunächst nur partiell beeinflusst. Bis in die späten 1920er Jahre dominiert dort weiterhin die vor-belcantische Ordnung der Stimmkategorien: Nahezu alles, was „tiefe Stimme“ einschließt - das tönt und klingt „scuro profondo“ = schwarzgraubraun , füllig bis knorrig, schwergewichtig, statisch, meist gedeckt, oft auch rau: rundum dem Basso-Klangspektrum zuzuordnen. Als vokale Basis galt ein schallkräftiges tiefes C, als maximale Höhenausdehnung das F‘/Fis‘. In diesem Spektrum bewegte sich der Sänger auch mit längst als für Bariton eingeordneten Partien. Richard Wagner hatte seine Heroen, Väter, Götter - Holländer, Sachs, Wotan - noch „Hoher Bass“ benannt, im Gegensatz zum „Tiefen Bass“ oder Profondo wie Fasolt, Hunding, Hagen, Gurnemanz.

Der Praxisgebrauch seit dem Fin-de-siècle bis heute weist diese hohen Bässe längst als „Heldenbariton“ aus; in italofranzösischen Genres figurieren sie als „Basso cantante“ & „Basse chantant“. Ihr Stimmumfang spannt sich vom tiefen G bis zum Fis‘. Sie galten als authentische Interpreten des deutschen Repertoires von der Romantik über die Spieloper bis zum Musikdrama, also vor allem für Wagner und sein Werke-Umfeld. Auf deutschsprachigen Bühnen hatten sie auch weite Teile des populären Weltrepertoires im Besitz, die russische und slawische Oper sowieso. Sie sangen also neben Holländer, Telramund, Kurwenal, Sachs, Wotan, Alberich, Gunther, Amfortas, neben Webers Kaspar und Lysiart, Beethovens Pizarro, Lortzings Graf und Zar, d’Alberts Sebastiano: in deutschen Versionen auch Rossinis Tell, Donizettis Alfonso, Bellinis Rodolfo, Thomas‘ Lothario, Gounods Mephisto, Bizets Escamillo, dazu die zentralen Comico-Partien der Opera buffa. Das war Standard, in Person der führenden Vertreter auch europaweit und sogar interkontinental.

Fülle und Gewicht einer Ära
Ein Blick auf die Protagonisten und Prominenten dieser (heute rar gewordenen, vor 100 Jahren aber vorherrschenden) Sonder-Stimmgattung, mit einem Hilfsbegriff auch „Bassbariton“ benannt, offeriert ein so glanz- wie ruhmvolles Kapitel des deutschen Opernbetriebs im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts:

In Wien Leopold Demuth, Friedrich Weidemann, Werner Engel (HAfG 10610), Emil Schipper, Victor Madin, Alfred Jerger. In Dresden Karl Scheidemantel (HAfG 10564), Carl Perron, Friedrich Plaschke, Josef Correck, Robert Burg. In München Theodor Bertram (HAfG 10542), Fritz Feinhals (HAfG 10563), Hans Hermann Nissen. In Leipzig Walter Soomer (HAfG 10564). In Hamburg Otto Goritz (HAfG 19528) und Theodor Lattermann (HAfG 10587). In Stuttgart Hermann Weil (HAfG 10554) und Max Roth (HAfG 10569). In Berlin - am Königlich-Preußischen Opernhaus Unter den Linden - war nahezu fünf Jahrzehnte lang ein ganzer Mehrgenerationsverband heroisch-dramatischer Bassbaritone tätig - bis zum Beginn der 1930er, als eine kaum minder glanzvolle Reihe genuin lyrischer Baritonstimmen auch hier den längst arrivierten Typus des Baritono lirico in den Vordergrund rückten.

Von Berlin nach Bayreuth, dann Europa-Metropolen und Übersee: Die Berliner Reihe reicht zurück zu der Sängerdarsteller-Legende Franz Betz, Wagners erstem Hans Sachs und Wotan, über Hermann Bachmann (HAfG 10529), Baptist Hoffmann (HAfG 10547), Michael Bohnen, Carl Braun, Cornelis Bronsgeest, Theodor Scheidl zu dem Jahrhundertsänger Friedrich Schorr (HAfG 10221), dann Rudolf Bockelmann, Jaro Prohaska, Hans Reinmar. Inmitten dieser Protagonisten-Ära stand in oftmaliger Idealkonkurrenz zu hochrangigen Kollegen: der faszinierende Sängerdarsteller Karl Armster - lehrbuchhaft, was man einen Charakterbariton nennt.

Carl (auch Karl) Armster - Bariton

* 4. Dezember 1883 Krefeld - † 4. Juli 1943 Hebron-Damnitz (Schlesien)

Über seine Herkunft und Ausbildung ist wenig bekannt. Er war der Sohn einer gutbürgerlichen Familie in der niederrheinischen Textilstadt Krefeld. Kulturelle Eindrücke empfing er im nahegelegenen Düsseldorf. Dort erhielt er auch Gesangsunterricht und ein musikalisches Grundstudium. Als 23jähriger Eleve debütierte er 1906 am Opernhaus der Industriemetropole Essen. Erste Pressenotizen wiesen ihn noch als „lyrischen Bassisten“ aus. Schon in seinem zweiten Bühnenjahr gelangte er in die deutsche Reichshauptstadt Berlin, dort als Anfänger an das dritte Haus: die Komische Oper. Vier Spielzeiten lang bewährte er sich in schnellem Fortgang dort als universeller Ensemblesänger zwischen Spieloper, Mozart, Romantik, auch Operette, meist in kleinen und mittleren Aufgaben.

Dann war er reif fürs „erste Fach“, erhielt Angebote von deutschen Stadttheatern. Ihnen folgte er, wieder in raschem Aufstieg: 1911-12 fest ans Opernhaus Elberfeld (Wuppertal), zugleich mit Abendgastspielen an deutschen Stadt- und Landesbühnen. So erreichte er den Status eines Solisten der ersten Reihe - mit der Verpflichtung an das schon international angesehene, von Pollini, Bülow und Mahler geprägte „Stadttheater“ (= Opernhaus) Hamburg, die heutige Hamburgische Staatsoper. Von hier aus entfaltete er bis 1917 eine europäische Kariere mit Auftritten an führenden Musikbühnen des deutschen Sprachraums. Er krönte diese Entwicklung mit dem nochmaligen Aufstieg an das erste Haus des Reichs, die Königlich-Preußische, spätere Staatsoper Berlin. Dort etablierte und behauptete er sich bei stärkster Konkurrenz im Großaufgebot der dramatischen Bassbaritone (s. oben), gelangte von zentralen Baritonrollen des damaligen Weltrepertoires zum Status eines arrivierten Wagnersängers, als der er dann lange international gefragt blieb.

Profil in der ersten Reihe
Carl Armsters Karriere ist nach Tondokumenten seit 1908 (!), 1910, 1913 nachprüfbar, denen 1920 bis 1930 weitere folgten. Seit 1911 erschien er oft als Gast am Opernhaus Leipzig, 1913 in Amsterdam, 1916 an der Wiener Staatsoper. 1914 debütierte er als Amfortas und Gunther in Bayreuth. Von 1917 bis 1925 war er prominentes Erstfachmitglied der Berliner Lindenoper, danach nur noch als freier Gaststar tätig - so an den drei Opernhäusern Berlins und an europäischen Spitzenbühnen. Am berühmten Berliner Haus war er 1920 der erste Barak in der Erstaufführung von Strauss‘ Die Frau ohne Schatten gewesen, 1930 der Titelheld in der Uraufführung von Milhauds Christophe Colomb. 1931 nahm er in Berlin endgültig Abschied von der Bühne. Er hatte die Freifrau Ilse von Massauen geheiratet und lebte bis zu seinem Tod mit ihr auf Schloß Hebron-Damnitz.

Die Einordnung des Sängers nach Stimmcharakter, Gesangskunst, Position in seiner Epoche erschließt sich aus seinen - bemerkenswert breit angelegten - Bühnenpartien. Er sang Mozarts Conte Almaviva, Glucks Oreste, Beethovens Don Fernando, Lortzings Michailov, Eberbach, Kühleborn, Nicolais Fluth, Gounods Valentin, Wagners Wolfram und Heerrufer, Verdis Rigoletto, René und Posa, Kienzls Johannes, Puccinis Marcel und Sharpless … also Partien für Lyrischen und Charakterbariton. Schwerpunktaufgaben seiner Glanzjahre aber waren Webers Lysiard, Marschners Heiling und Vampir, Meyerbeers Bertram und Nelusco, Offenbachs Bösewichter, Wagners Holländer, Kurwenal, Sachs, Wotan/Wanderer, Gunther, Amfortas, Verdis Amonasro und Jago, Gounods Mephisto, Bizets Escamillo, Goldmarks Salomon, Leoncavallos Tonio, Puccinis Scarpia, Strauss‘ Jochanaan und Orest, besonders markant Kardinal Borromeo in Pfitzners Palestrina - durchweg Helden- und dramatische Charakterbaritone.

Spezialist und Repräsentant
Carl Armster verkörperte fast in Reinform jene Stimmlage „zwischen den Lagen“ - vom Basso cantante bis zum Italo-Bariton, mit der Spannweite A-G‘. Für die Stimmdiagnose entscheidender als die Ressourcen eines weiten Umfangs erscheint die Charakteristik seiner Klangskala und Timbrefärbung. Man sucht nach Parallelen - und stößt auf frappierende Ähnlichkeit mit dem führenden (um eine Nuance heller klingenden) Bariton der 1930er Jahre Mathieu Ahlersmeyer. Dieser wird gesangshistorisch, unabhängig von Regel- und Paraderollen, meist als „typischer Charakterbariton“ eingeordnet. Wie das seine, so evoziert Armsters Naturorgan nicht eleganten, polierten Edelklang, sondern den kraftvoll- kernigen, breitschwingenden, Sound eines dramatischen Bassbaritons, mit Klangnuancen zwischen kehlig und nasal, die bei vollstimmiger Vokalisierung zu rundem, maron-farbigem Vollklang expandieren, mit wunderbar integrierten, schwingenden Klängen in weniger strahlenden als eher schimmernd changierenden, gebändigten Spitzentönen. Im gut registerverblendeten Übergang zur Höhenlage lässt Armster meisterliche Phrasierung hören - hier in (auch Timbre-)Nähe etwa zu dem späteren Fachkollegen Bernd Weikl.

Der dramatische Charakterbariton Carl Armster ist Zeuge einer heute unvorstellbar reichen Vokalisten-Epoche. Wie so vielen seiner Fachkollegen aus dem frühen 20. Jahrhundert ist ihm nachzurühmen: Wirkte er heute, wäre er Weltstar. Sein leider keineswegs umfassendes Tonerbe gehört zur dokumentierten Gesangshistorie - auch als Studienmaterial für Sänger und Sammler.

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© Klaus Ulrich Spiegel