Nordisches Klangprofil – erfüllte Interpretationen
Hochdramatische mit Seele

Ingrid Bjoner (* 1927,  † 2006) zählte zu den bedeutenden dramatischen Sopranistinnen der 1960er bis1980er Jahre – universell bewährt in Werken der zentralen Kulturkreise von Händel und Mozart bis Meyerbeer, Verdi, Verismo, vorrangig aber in der deutschen Werkewelt mit den Schwerpunkten Wagner und R.Strauss.

Aus der skandinavischen Tradition dramatischer Vokalkunst kommend, entwickelte Bjoner sich schnell von der Jugendlich-Lyrischen ins Heroinenfach. Als Wagner/Strauss-Interpretin erlangte sie Weltruhm, der vom legendären Primadonnen-Trio der Bayreuther Szene – Varnay-Mödl-Nilsson – nur zeitweise überstrahlt wurde. Als Varnay und Mödl (beide mit bronzetönenden, mezzonahen Timbres einem ganz anderen Stimmtypus zugehörig) in Comprimaria-Rollen umgestiegen waren, Nilsson aber, als Primadonna eroica schlechthin, die Weltbühnen und Plattenproduktionen dominierte, war Bjoner eine gleichsam alternative Besetzung – von München bis London und Wien bis New York. Ihre farbenreiche, atmend-schwingende Klangproduktion mit perlmuttern schimmerndem Grundton und schlank strahlenden Höhen vermittelten noch stärker als der Soprano sfogato der großen Schwedin die Anmutung des „Nordischen“. Eine Suggestion, die von der Erscheinung und Ausstrahlung Bjoners unterstrichen wurde: Sie war eine hochgewachsene, im Auftritt dominante, mit distanzierter Wärme und klassischem Gestus agierende Blondine.

Durch alle Phasen ihrer Karriere bewahrte Bjoner den substanzvollen, bei aller Entfaltungskraft aber hellwarmen Grundton, der zuvor etwa Margarete Bäumer, Hilde Konetzni, Erna Schlüter auszeichnete. Bjoners erste Partien ab Mitte der 1950er waren Händels Rodelinda, Mozarts Donna Anna, Verdis Desdemona, dann Elsa, Gutrune, Freia und das italienische Spinta-Repertoire. Als Rodelinda war sie, kaum dem Studium entwachsen, Einspringerin für Kirsten Flagstad, die (damals schon sehr reife, matronenhafte) „Wagnerian Niagarah Voice“. Damit war sie von Beginn ihrer Laufbahn in die Tradition der skandinavischen Heroinen-Soprane gestellt – wie Gulbransson, Blomé, Larsén-Todsen, Hafgren, Ljungberg, Björck, die alle durch großen Ton, doch helle Flamme und lyrische Emphase gekennzeichnet waren. So assoziiert man beim „geistigen Hören“ der Bjoner-Stimme eher Elisabeth, Elsa, Sieglinde und die Melosbögen der R.Strauss-Protagonistinnen als Brünnhilde, Kundry, Ortrud.

Rasch zum Gipfel

Ingrid Kristine Bjoner Pierpoint kam am 8. November1927 in Krågstad /Norwegen zur Welt. Ihre Entwicklung verlief schnell, aber stetig. Parallel zu einem Pharmazie-Studium (mit Examensabschluss als Apothekerin) an der Universität Oslo begann sie relativ spät 1952 bei der Konservatoriumsprofessorin Gudrun Boellemose eine Gesangsausbildung. Noch im selben Jahr konnte sie in einem Kirchenkonzert in Oslo erstmals öffentlich auftreten.
 

Den entscheidenden Schritt auf dem Weg zur Professionalität tat sie mit dem Wechsel an die Musikhochschulen Frankfurt/M. und Düsseldorf zu den berühmten Gesangspädagogen Franziska Martienssen und Paul Lohmann, Verfassern des Standardwerks Der wissende Sänger. Ihr Coaching übernahm später die New Yorker Vokalpraktikerin Ellen Rapp.

Bjoners Rundfunkdebüt 1955 beim Norwegischen Staatsrundfunk war auch ihr Durchbruch: Neben Flagstad, Svanholm, Gustavson, Nordjo sang sie unter Leitung von Norwegens Dirigenten-Doyen Øivin Fjelstad Gutrune und 3. Norn in Wagners Götterdämmerung, einer Produktion, die später von Decca weltweit vermarktet wurde. Daraufhin erhielt sie ein Engagement an die Königliche Oper Oslo. Als Donna Anna in Mozarts Don Giovanni hatte sie dort ihr Bühnendebüt.

1957 fand dann Bjoners spektakulär erfolgreiches Einspringen für Flagstad als Händels Rodelinda beim Drottningholm-Festival statt. Dem folgte ihr erster deutscher Festvertrag in Wuppertal, wo sie 1957-1959 im Engagement war. Für die Spielzeiten 1959-61 wechselte sie an die Deutsche Oper am Rhein, eine bewährte Startbasis für internationale Karrieren. 1960 kam sie erstmals nach Bayreuth – als Freia, Helmwige und Gutrune in Wolfgang Wagners erster Ring-Inszenierung unter Rudolf Kempe. Seitdem war sie international gefragt – mit Teilverträgen in Stockholm und Oslo wie als Gastspielstar an den Staatsopern Wien und Hamburg, in London, Paris, San Francisco. Ab 1961/62 hatte sie ein Festengagement an der Bayerischen Staatsoper München. Dort sang sie in der Eröffnungsvorstellung des Nationaltheaters 1963 die Kaiserin in der Frau ohne Schatten, etablierte sich damit als Nachfolgerin von Marianne Schech und künftige Dauerkonkurrentin von Leonie Rysanek. 1965 vollzog sie mit ihrem Rollendebüt als Isolde in der Gala-Vorstellung zur Münchner Hundertjahrfeier von Wagners Tristan und Isolde den Eintritt ins hochdramatische Fach.

Mehr als ein Vierteljahrhundert lang blieb Ingrid Bjoner Ensemblemitglied der Münchner Oper – in einem breiten Repertoire dramatischer Sopranpartien, mit Wagner und R.Strauss im Zentrum, aber auch in italienischen, französischen, slawischen Werken bis zur klassischen Moderne. Schon 1961 trat sie erstmals an der Metropolitan Opera NYC auf, 1965 an der Mailänder Scala, ab 1967 am Covent Garden London. Sie gab Gastspiele in Rom, Brüssel, Madrid, Kopenhagen, Zürich, Warschau, Köln, Stuttgart, Pittsburgh, Miami, Vancouver, war ständiger Gast an der Staatsoper Wien. 1986 erschien sie als Isolde nochmals in Bayreuth.

Lyrisch-dramatische Universalistin

Bjoners Partien-Repertoire war dominiert von den klassischen Figuren des deutschen Fachs, den Lyrikerinnen und den Heroinen, blieb aber nicht darauf beschränkt. Sie sang Wagners Senta, Elisabeth, Elsa, Eva, Isolde, Sieglinde, Brünnhilde, später auch Kundry und Ortrud. Von Richard Strauss die Marschallin, Chrysothemis, Kaiserin, Ariadne, Helena, Daphne, später auch Elektra und Färbersfrau. Von Verdi Abigaille, Leonora, Amelia, Elisabetta, Aida, Desdemona. Dazu Beethovens Fidelio-Leonore, Webers Rezia, Meyerbeers Selika, Puccinis Tosca und Turandot, Janáceks Küsterin. Tonaufnahmen präsentieren sie auch im jugendlich-lyrischen Fach, in Oratorien (wie Händels Messias), Konzertstücken (wie Wagners Wesendonck-Liedern) und mit skandinavischen Liedern.
 

Viele Rundfunkproduktionen und ungebührlich wenige, aber durchwegs großartige Schallplatten bewahren der Nachwelt ihre expansionsfähige, belastbare, stets jugendlich leuchtende Stimme und ihre emphatische, aber nie pathetische, ausdrucksintensive Interpretationskunst – getragen von schön gebildeter, auf breitem Atem schwingender, selbst über massiertem Großorchesterklang flutend dominierender, legatobewusster Vokalisierung. In ihren reiferen Jahren entfaltete sich das klare strahlende Höhenregister zu breitschwingender hochdramatischer Tonfülle, die Brustresonanz in den tieferen Lagen der Stimme verlor demgegenüber an Substanz. Dadurch musste sie mehr Druck einsetzen, was mitunter zulasten von Ausgleich und Geschlossenheit der Tonbildung gehen konnte. Doch das blieb bis zu ihrem Bühnenabschied das einzige Zeichen stimmlichen Wandels; einen Abbau der physischen Mittel hat sie nicht erleiden müssen.

Ingrid Bjoner führte in den 1980ern in Oslo auch Opernregie. 1964 war sie vom norwegischen Königshaus mit dem St.Olav-Orden ausgezeichnet worden. Nach der Ernennung zur Bayerischen Kammersängerin erhielt sie auch den Bayerischen Verdienstorden. Sie verabschiedete sich 1989/90 leise von Bühne und Podium. Von 1992 bis 1998 wirkte sie als Professorin für Gesang und Bühnendarstellung an der Norwegischen Musikhochschule Oslo und an der Königlich Dänischen Musikakademie Kopenhagen. Sie verstarb im 79. Lebensjahr am 4. September 2006. Ihr Ansehen beim Publikum der großen internationalen Opernhäuser ist ungebrochen.

Frühe Reife. Dauerhaftes Niveau.

Die auf den beiden Portrait-CDs des Hamburger Archivs präsentierten Tondokumente stammen aus der Zeit von Ingrid Bjoners Karrierebeginn im deutschen Sprachraum. Ihre weltweit im Radio übertragenen Bayreuth-Auftritte hatten sie weithin bekannt gemacht. So entstanden 1961/62 in schneller Folge zunächst Rundfunkaufnahmen, die bereits das ganze künftige Rollenfach abschreiten. Sie dokumentieren Bjoners von Anfang an voll ausgeformtes, für dramatische Partien prädestiniertes Organ und ihre eklatante Fähigkeit, ein breites Spektrum von Dynamikwerten und Farbkontrasten zu setzen.

Auffällig ist vor allem ein geradezu berückendes Modulations- und Phrasierungskönnen in der Darstellung leiser Passagen und lyrischer Phrasen. Dem entsprach eine Fähigkeit zu varianter Stimmfärbung im Mezzavoce – von ganz schlank-lyrischer bis zu fast mezzo-dunkler Tönung, je nach Textgehalt und/oder Rollenprofil. Deutlich ist das zu hören beim Vergleich etwa vom dunkelgetönten Divinités du Stix in Glucks Alceste mit dem parlandoreichen großbögig-lyrischen Finalgesang der Gräfin in R.Strauss’ Capriccio. Oder sogar innerhalb geschlossener Stücke wie Leonores Auftritt in Fidelio und im Schlussgesang von Salome. Ariadnes Monolog Es gibt ein Reich kam vielleicht noch zu früh aufs Band – die Aufnahme offenbart das deutlich schwächere Tiefenregister der in leuchtender Höhenentfaltung so starken Bjoner-Stimme und ein noch nicht völlig gemeistertes Vibrato an der Grenze zum Flackern; eine Schwäche, die die Sängerin später meist zu bezwingen wusste.

Höchst eindrucksvoll auch die Meisterschaft, mit der Bjoner mit schlanker Tongebung und großem Atem Verdis Lyrikerinnen Leonora und Desdemona ganz „auf Linie“ darbietet und zugleich (in Einspielungen wohl vom selben Tag) mit schneidendem, doch vollkommen integriertem Metallton die Exaltationen der Turandot durchmisst. Vor allem im farbenreichen Mezzavoce vermag sie Töne anzuschlagen, die auffällig an die junge Rysanek erinnern. Kein Wunder, dass sie nach Stimmtypus, Rollenfächern und Gesangsgestaltung immer wieder zu deren Pendant werden konnte. Eine Idealkonkurrenz, die angesichts der säkularen Bedeutung des Bühnentiers und Vermittlungsgenies Rysanek ein hohes Kompliment für die norwegische Kollegin begründet. Ingrid Bjoner war eine zentrale Sängerin ihrer Zeit.

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© Klaus Ulrich Spiegel