FFF-Volksvertreter

(dem Rat der Großen Kreisstadt)

 

Ich ehre dich, und du ehrst mich.
Viel’ Handaufheber drängen sich
Mit selbstzufried’nen Mienen.
Wir sind so frei, wir sind dabei,
Zum Einstand, Anstich, Tanderadei
Sind wir komplett erschienen.
Wir sitzen breit im Gremium.
Die Bürger sind das Publikum.

 

Erst grüßt uns ER, dann danksagt wer,
Das macht uns Lust aufs Hinterher.
Der Stil ist festgeschrieben.
Der Anlass gleich, das Thema frei,
Skribenten sitzen auch dabei,
Am Sinn der Selbstversorgerei
Soll’n wir Kritik nicht üben.
Wir stützen die Akteure
Und spielen gern Claqueure.

 

Ich proste dir, du prostest mir
Mal beim Champagner, mal beim Bier,
Beim Fressen, Feiern, Fahren.
Mal sag’n wir nein, mal weih’n wir ein,
Wir spielen Patronatsverein.
So geht das Stück seit Jahren.
Für alle Festgenüsse
Stell’n wir stets die Kulisse.

 

Ich preise dich, dann preist du mich.
Und unser Vormann feiert sich
(Da ist er auf dem Posten):
Mit Schriften und mit Bildern,
Auf Tafeln und auf Schildern.
Das Volk trägt ja die Kosten.
Wir feiern derweil Feste
Und gönnen uns das Beste.

 

Hier geht nur das, was hier nicht geht.
Das ist der Geist, der hierorts weht.
In uns’rer Hemisphäre
Gedeiht die Atmosphäre
Für Festlichkeit statt Inhaltsstreit,
Für Spesenritt zu jeder Zeit,
Zur Lust der Funktionäre.
Auf geht’s! Sonst komm’n wir noch zu spät
Zur nächsten Prost-Festivität.
 

 

 


 

Geordnete Verhältnisse

 

Wenn ich vom Aufbegehr’n hies’ger Miesmäuler höre,
Dann regt sich entsetzt meine Bürgerehre.
Denn solcher Mangel an Subordination
War der Bote des Umsturzes immer schon.

 

Statt hoch zu preisen des Schicksals Mächte,
Die dieser Stadt weise Führer geschenkt,
Empört sich der Plebs gegen Herrschaftsrechte,
die doch stets uns’re Sache zum Wohle gelenkt.

 

Um deshalb dem Ernstfalle vorzubeugen
Und vorm Volke von rechter Gefolgschaft zu zeugen,
Sing’ ich heute ein Loblied auf jene Taktik,
Die hierorts von jeher die herrschende Praktik.

 

Es sei die Erkenntnis unwiderleglich,
Dass das Oben von Gott — und das Unten kläglich
Und dass die hiesige Administration

Im Besitze wahrhaftiger Inspiration.

 

Da ist zur rechten kommunalen Gestaltung
Zunächst einmal alles Laufende Verwaltung.
Viele Köche verderben bekanntlich den Brei.
Und: Wie wär’ sonst der Wissenden Handeln frei?

 

Auf diesen Geststaltungsraum zu verzichten,
Gestattet des Volkes Wohlfahrt mitnichten.
Es hätte sonst mancher viel Unrat gesichtet,

Wo Weisheit längst alles zum Guten gerichtet.

 

Um das Volk zu bewahren vor Überhitzung,
Bewährt sich ferner die Nichtöffentliche Sitzung.
Ward dabei auch mancherlei Vorschrift gebrochen —
Besser läuft nun mal, was im Geheimen besprochen.

 

Dass dies mut’ger Entscheidungen sichere Quelle,
Beweist uns schlagend die Parkhaus-Novelle.
Es wäre ja auch kommerzielle Schmach,
Blieb’ in City-Nähe noch Standfläche brach.

 

Auch wo Pflegenotstände den Mehrwert steigern,
Soll man sich der Hilfe von Freunden nicht weigern,
Von der, rein geschäftlich, grad die profitieren,
Die sich sonst gern als Wahrer der Sitten gerieren.

 

Ferner bitte ich, Fragen des Rechts und der Kassen
Gefälligst dem Oberhaupt zu überlassen.
Dann bleibt klar, dass die einen den Mangel verwalten
Und die and’ren beizeiten Belehrung erhalten.

 

So nur bleibt in der Stadt alles ausgewogen,
Christlich-bürgerlich, hoher Verantwortung treu.
Wird manchem dabei auch das Hemd ausgezogen,
Für die Lenker ist dieser Genuss ohne Reu.

 

Drum, Bürger, lasst weiterhin Könner gestalten,
Sich den Vorrang des weisen Entscheidens erhalten,
Mit Verfügungsbudgets freihand walten und schalten
Und die Auswärts- und Extra-Einkünfte behalten.

Darin denk’ ich nun mal wie ein Droschkenpferd:
Jedes Amt ist so gut wie sein Lohneswert.

(Für Emmo Frey)

 

 


 

 

Abwärts!

(Ad gloriam Kaubisch & Reetz)

 

Wir sind so happy, sind so free
in unsrer heißen Agency.
Der Wahn regiert im Herrenhaus.
Wer baden geht, gibt einen aus.

 

Wir sind so cool und voll im Trend,
Emotions klammern wir glatt aus.
Und wenn die ganze Bude brennt:
Der letzte knippst die Schalter aus.

 

Wir träumen lässig von der Welt,
wo Köpfe roll’n beim Psychopharm.
Und wenn’s dem Fronvolk nicht gefällt,
dann geht’s auch fristlos, ohn’ Erbarm.

 

Wir steuern bis zum letzten Kick
im on-demand’nen Kartenhaus
der unsinkbaren Titanic
mit Volldampf weiter geradeaus.

 

Wir haben locker ungeniert
die Zukunft auf Kredit bestellt
und flugs die Rechnung delegiert:
Wer will nochmal, wer hat noch Geld?

 

Wir amüsieren uns famos
und spielen fröhlich Blindekuh.
Wen’s trifft, der wird halt arbeitslos …
Eene, meene, muh — raus bist du!

 

So drehen wir uns stillvergnügt
beim Tanz auf dem Vulkan.
Das Drittel, das schon draußen liegt,
mein Gott, was geht denn uns das an?

 

Und wird der Wechsel reklamiert,
wird keiner es gewesen sein.
Wir tun vertraglich sanktioniert
uns dann die letzte Dröhnung rein.

 

Wir tragen heiter frohgemut
die Schlinge locker ums Genick
und zieh’n, wenn’s ernst wird, resolut,
verbissen fest am gleichen Strick.

 

Und scheint die Lage mal fatal:
Was macht uns das schon aus.
Wir spielen Herrschaft allzumal —
im wissensbewegten, denkvernetzten
Irren‑ wie auch Freudenhaus.
 

Schunkeln!


 


 

 

Schmock 2000

(in Göttler-Kurtis Poesiealbum)

 

Als er dem Großverleger eilig unter’n Rock
Gekrochen und die Säub’rung überstanden,
Da warf auf Heimatbodenkurs sich gleich der Schmock,
Zumal sich dafür auch Sponsoren fanden.

 

Abnehmer für sein tägliches Gebrülle,
Für Schwachsinnschronik und für Bohnenstroh,
Die gab es hier und rundherum die Fülle
Im Freundeskreise Klüngel, Sumpf & Co.

 

Denn auf dem Markt, da man für die Belange
Der Spießer auf den Dumpfkohl sehr erpicht,
Ist ja der Schaum vor’m Maule immer sehr im Schwange,
Und für die aufgeklärte Art zahlt man dort nicht.

 

Jedoch für’s Speichellecken und für’s Anti-Linke,
Für Unrat auf Kultur und Minderheiten,
Kassiert man hier per anno Abo-Pinke
Und Gunstbeweise und Gefälligkeiten.

 

Und seinen Gönnern fuhr es heftig in die Knochen,
Als sie den Eif’rer erstmal an der Arbeit sah’n.
So dreist hatte noch keiner ausgesprochen,
Wovon im Dunkel nur gegrunzt manch’ Ehrenmann.

 

Ihm ging es dabei gut und immer besser.
Bei Hof und Hinterzimmern hatt’ er sein Revier.
Und an den Katzentischen saß er als ein kesser
Schleimverwerter, Produzent von Klopapier.

 

Ja, sein Tagwerk schätzen hiesige Potentaten,
Die verwalten ganz in seinem Sinn die Stadt,
Fressen mit ihm täglich einen Demokraten,
Können solcher Publizistik nicht entraten,

Nennen Heimatzeitung drum sein Ekelblatt.
 

Viele Jahre füllt er nun schon seine Spalten
Mit der frischgerührten altbekannten Jauche.
Dafür hat die Herrschaft ihn bei Tisch gehalten —
Als Lakai verachtet, doch mit vollem Bauche.

 

 


 

 

RaumFreiGabe


Denk ich an Münsing früh am Morgen,
Dann gibt’s gar so viel zu besorgen.


Denk ich an Münsing um halbeins,
Seh ich: Besorgt ist nichts und keins.


Denk ich an Münsing um halb zehn,
Dann kann der Mut mir schon vergehn.


Denk ich an Münsing kurz vor zwölf
Seh ich rundum nur Notbehelf.


Denk ich an Münsing um halb zwei
Dann ist die Hoffnung bald vorbei.


Denk ich an Münsing um halb vier
Betrübt mich manch Erkennen schier.


Denk ich an Münsing gegen fünf,
Dann fallen auch die letzten Trümpf.


Denk ich an Münsing um halb sieben,
Ist noch so viel zu tun geblieben.


Denk ich an Münsing in der Nacht,
Dann ist die Not verhundertfacht.


Denk ich an Münsing früh um sechs,
Blüht der Intrigen Wildgewächs.


Denk ich an Münsing um die Uhr,
Versackt  all’  Wirken für Kultur.


Denk ich an Münsing in zehn Jahren,
wir immer noch nicht weiter waren.


Denk ich ans laufende Jahrhundert,
Sitz ich am See und bin verwundert,
Dass manche, die doch hiergeblieben,
Beharrlich Mut und Kraft anschieben,
Mich mitzuziehn in Freie-Räume
Und anzufachen neue Träume
Und gar nicht zu entmutigen sind:
Demnächst weht hier ein andrer Wind?


1000 gute Wünsche für Cäcilia und ihr Freiraum-Projekt
                                                 vom
 Klaus

 

 

 


 

 

Der Weihnachtsmann spricht

 

Gottlob, dass man hier strebt & schafft,
Dass hier nur Brave sitzen,
Die kostenfrei mit Schaffenskraft
Die Eigentümer stützen
Und den Betrieb beschützen
Vor Sinnlichkeit und Saft.
 

Hier gilt nicht mehr,
Nicht weniger,
Als was von Soll und Haben
In Scheck und bar,
Für Haupt und Haar,
Für Haus und Trust
Und jeglichen Gewinnverlust
Noch absetzbar,
Bevor der Lohn
Übersteigt die Inflation.
 

Neuerergenörgel kommt zu spät,
Die Plätze sind vergeben.
Hier geht nur das, was hier nicht geht,
Damit müsst ihr halt leben.
Da hilft kein Frust, kein Beben:
Die Hierarchie, sie steht.
Und die verteidigen eisern wir —
Auch gegen den vom GB 4.
 

Verpflichtung zählt
In unsrerer Welt.
Die Stechuhr wahrt die Zeit,
Präzis und klug
Vor Dienstbetrug
Und faulem Streit
Und Futterneid
Schützt sie uns mit Recht und Fug.

Hier geht’s uns gut.
Wir sind kein Wohlfahrtsinstitut.
 

 

 


 

 

Vermarktschreier

(… dass die Popularitätskurve des bekannten Dachauer Rechtsanwalts
und SPD-Landtagsabgeordneten, von dem viele sagen, er sei der neue
Filser im roten Wams
, steil nach oben zeigt.
)

 

Die vierte Gewalt hat dem Klüngel erlaubt,
Seine Käuflichkeit laut zu verkünden.
Durch die Spalten trägt er gebuttert das Haupt,
Wenn’s nicht grad unterm Stiefel zu finden.

 

Die alten Gauner warn noch bedacht,
Ihre Beute im Dunkel zu teilen.
Sie haben davon kein Aufsehn gemacht,
Ihr Profit stand zwischen den Zeilen.

 

Doch die Schmach, die sich auf die Straße traut,
Die giert nach den fetten Lettern.
Den hellen Morgen durchdringt ihr Laut
Tag für Tag aus Verlautbarungsblättern.

 

Aus der großen stolzen Genossenschaft
Wuchs ein neuer Typus von Schranzen.
Dem gefällt’s, wo die Väter in Nazi-Haft,
Um den goldenen Kalbskopf zu tanzen.

 

Diese Sorte kennt ein Erröten nicht
Auf den kaum mehr verwischten Spuren.
Und dreist ruft sie der Scham ins Gesicht:
Wer zahlt, der schafft an bei uns Huren.

 

Steil hebt sich die Kurve der Popularität,
Wo nach Kasse statt Klasse sie fragen.
So blähte sich mancher, den es dann spät
Aus der steilen Kurve getragen.

 

 

 


 

Bänkellied

für Feli

 

Ich sprach dich an bei jenem Festgelage
In einem Kreis, der gar nicht danach ist.
Mein Wort war keck und deine Antwort zage —
Und dennoch glaub’ ich, dass du eine bist.

 

Im Regen draußen schienst du mir fast bange,
Als machtest du bei jedem Schritte: Pst …!
Zu wehren meinem Stimmungsüberschwange —
Und dennoch glaub ich, dass du eine bist.

 

Ihr Stübchen, dacht’ ich, ist adrett und reinlich,
Wie’s bei den tugendhaften Mädchen ist.
Dass drin ein Lager, schien mir beinah peinlich —
Und dennoch glaub’ ich, dass du …

 

War darum zögerlich, doch sehr ausführlich,
Wie es halt manchmal unvermeidlich ist.
Gerade das schien dir anscheinend ungebührlich —
Und dennoch glaub’ ich, dass du …

 

Am Tage wähnt’ ich dich dann weit entschwunden
Und dachte: Scheißbetrieb und So ein Mist.
Auf meiner Piazza, sommernachts, da wären Stunden.
Denn schließlich glaub’ ich, dass du …

 

Es ist halt schwer, sich richtig auszukennen.
Und kaum wer mag so sein, wie er mal ist.
Ich würd’ dich gern als Seduttora kennen —
Das heißt, ich hätt’ gern, dass du eine bist.

 

11.1.1983

 

 

 

Druckversion Druckversion | Sitemap

© Klaus Ulrich Spiegel