Legato

 

Legato (als Substantiv: ein Vortragsprinzip und Ideal / als Adjektiv: eine Eigenschaft + Fertigkeit) — ital. gebunden.

Musikalischer Klang ist nach den abendländischen Kategorien definiert durch ästhetische Schönheit. Dieser Schönheitsbegriff drückt sich aus im Ideal der gebundenen, einheitlichen Gesangslinie.

Die Töne einer Melodienfolge (sängerisch: Phrase / Phrasenfolge) sollen ohne akustische Frakturen, Behauchungen, Konsonantendominanz erklingen.

Nicht die Produktion einzelner ausgestellter strahlender oder dröhnender, wispernder oder ausdrucksintensiv verfärbter Töne entspricht diesem Ideal. Sondern die Integration aller Töne in einem klangdynamisch identischen (linearen, runden, gefluteten) Gesangsfluss.

Alle Töne — ob hoch oder tief, laut oder leise, dramatisch aufgeladen oder sanft verströmt — sollen Elemente einer künstlerischen Einheit sein, die sängerisch (also nicht sprechbetont darstellend) determiniert ist.

Voraussetzung für die Kunst des Legato ist korrekte Stützung durch den Atem. Die Atmung soll vom Zwerchfell — also nicht primär von den Lungen — her kontrolliert und dynamisiert werden. Intakte Zwerchfellatmung, von Profis bis zur äußersten Expansion eines endlosen Atems beherrscht (s. Melisma), ermöglicht nicht nur ruhigen, ausgeglichenen Atemfluss, sondern auch die Kunst der klanglichen Steigerung bzw. Reduzierung (Crescendo / Diminuendo) innerhalb derselben einheitlichen Gesangslinie.

Zur Grammatik dieser Kunst gehören Fertigkeiten wie

  • Exakte, konzentrierte Platzierung des Tons im Resonanzraum
  • Blitzschnelles Einschwingen der Stimme auf die richtige Tonhöhe
  • Fester, präziser Tonanschlag = Intonation
  • Verblendung der Etagen der Stimme durch perfekte Mischung von Brust und Kopfstimme (Registerausgleich / s. Passaggio)

Das Gesetz der klassischen Schule des Singens als Kunst brachte der legendäre Gesangslehrer des 19. Jahr­hunderts — Manuel Garcia jr. — auf die Formel:

 

Der Vortrag muss vom Legato geprägt sein, nicht vom Declamato. Schöner Ton ist der Stoff aller Musik. Er muss rein aufblühen. Ohne die Kunst des Schwellens und Tragens und Atmens der Töne ist kein wahrer Kunstgesang möglich. Sie sind dessen Herzblut, Geist, Seele, Leben.
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© Klaus Ulrich Spiegel