“Bin ich ein Gott ?“
                                               Bacchus im Finale von R. Strauss‘ ARIADNE
George Shirley: Der wissende Sänger

George Shirley ist einer der vielseitigsten, doch nicht nur deshalb alleinständigen amerikanischen Tenöre. Er war national und international als Sänger gefeiert und ist seither als Experte, Lehrer, Dozent gefragt. In die Gesangshistorie ist er eingeschrieben als erster afroamerikanischer Tenor an der Metropolitan Opera New York. Mit seiner Erscheinung verbindet sich aber nicht nur der Zeitenwende-Einschnitt an diesem führenden US-amerikanischen Haus, der seit 1955 unter Rudolf Bing mit der legendären Marian Anderson als Durchsetzung farbiger Sängerinnen in Starpositionen begann, dann mit Leontyne Price, Grace Bumbry, Shirley Verrett, Martina Arroyo, Reri Grist und vielen anderen zur Normalität wurde.

Nach dem Bariton Robert McFerrin war George Shirley erst der zweite Afroamerikaner, der an der Met männliche Hauptpartien sang – insofern auch ein Pioniersymbol. Mit einem Sieg in den Met-Auditions 1961 begann seine elf Jahre dauernde Präsenz an dem berühmten Institut, in der langen ruhmreichen Reihe bedeutender Met-Tenöre. Er dominierte in 28 verschiedenen Rollen aus 26 Opern, vor allem von Mozart, Verdi , Puccini, Strauss und Wagner. Das war das Fundament seines weltweiten und beständigen Wirkens als eine Art Tenor „zwischen den Fächern“ , auch auf Tonträgern und in den Bildtonmedien.

Musiker von Kindesbeinen an

George Shirley wurde am 18. April 1934 in Indianapolis, Indiana, geboren. Schon dem Kleinkind wurde musikalische Unterweisung zuteil. Als Sechsjähriger kam er mit seiner Familie nach Detroit, Michigan, wo er seinen Musikunterricht fortsetzen und intensivieren konnte. Bald wurde er als Chorist und Solosänger in Kirchen der Region aktiv. Er studierte auch Klavier und Blasinstrumente, spielte Bariton-Horn in einer lokalen Band.

Der junge Musiker besuchte die „Wayne State University“ in Detroit, studierte dort Musikpädagogik und bei Amos Ebersole Gesang. 1955 machte er den Bachelor-Abschluss. Im Folgejahr zum Militär eingezogen, wurde er Mitglied des  „United States Army Chorus“ – wieder als erster Afroamerikaner in dessen Geschichte. Noch in Army-Diensten konnte er seine Gesangsausbildung fortsetzen, seit 1959 bei dem Tenor Themy Georgi. Dann ging er nach New York. Dort begann seine professionelle Karriere.

Shirley debütierte bei einer kleinen Operntruppe in Woodstock/ NY –  als Eisenstein in der Fledermaus. Danach erhielt er ein Engagement in Siena/ Italien und kam so zu einem frühen Europa-Debüt als Rodolfo in La Bohème. Mit Puccinis „Nessun dorma“ aus Turandot gewann er 1961 die Metropolitan Opera Auditions. Das begründete eine lange Zugehörigkeit zum Starensemble des Hauses.

Er debütierte am 24.10.1961 als Conte Almaviva in Rossinis Barbiere di Siviglia, einer Leggiero-Partie des Belcanto-Fachs, die er mit allen Fiorituren, aber auffällig großdimensioniertem Stimmklang meisterlich darbot. Es folgten Lirico-, Charakter-, dazwischen sogar Buffo-Partien – alles Aufgaben, die bei bloßem Listing auf eine Stimme nach Art von Tagliavini, Valletti, Melton, Alva schließen lassen könnten: Ferrando in Così fan tutte, Don Ottavio im Don Giovanni, Tamino in der Zauberflöte, Gefangener im Fidelio, Elvino in La Sonnambula, Nemorino im Elisir d’amore, Alfredo in La Traviata, Beppe in Pagliacci, Steuermann im Fliegenden Holländer, Seemann in Tristan und Isolde, Fenton im Falstaff, Gottesnarr im Boris Godunov, Naraboth in Salome, Italienischer Sänger im Rosenkavalier.

Meisterschaft über Fachgrenzen

Doch genauso souverän übernahm Shirley auch Donizettis Edgardo, Verdis Macduff, Duca und Adorno, Wagners Erik, Gounods Roméo, Puccinis Des Grieux, Rodolfo und Pinkerton, Bizets Don José, Strauss’ Bachus. Der Weg zum Lirico spinto öffnete sich schnell. Der Tenor konnte sein Repertoire auf mehrere Fächer erweitern und diese während seiner gesamten Laufbahn erfüllen, sogar um einige Gestalten aus dem „interessanten“ Partienbereich ergänzen, als dramatischer Charaktertenor, als Operetten- und Musical-Bonvivant, als Moderne-Interpret (so mit der Titelpartie von Strawinskys Oedipux Rex), sogar als „Baritenore“ in Pierre Boulez’ vielgepriesener Einspielung von Debussys Pelléas et Mélisande.

George Shirley war also einer aus der scharf profilierten Kategorie der singenden Akteure, die sich oft als „Spezialisten“ eingestuft sehen, tatsächlich aber im Gegenteil Universalsänger, darstellende Musiker, Intellektuelle des Gesangsmetiers sind. Sein spezifisches Eigentalent dabei: Er brauchte keine stimmliche Entwicklung im Sinne von Expansion, Setzung und Reifung. Sein Stimmcharakter war von Anbeginn festgefügt, seine Technik von enormer Konsistenz, ja Virtuosität – und dies hörbar auf dramatische Substanz und Durchschlagskraft ausgelegt.

Der Rezipient, der sich dem Sänger zuerst in Mozart- und Belcanto-Partien zuwendet, dann eine Hörprobe aus dem Buffo-Repertoire nimmt, ist verblüfft: Er vernimmt eine veritable Drammatico-Stimme, einen Alvaro-, Radames-, Erik-, Lohengrin-Sound eher südeuropäischer als amerikanischer Provenienz, wenn nicht gar Otello- und Tannhäuser-Aspiranten, kaum zu glauben. Doch „dramatisch“, das meint hier nicht schmetterndes Metall und klirrenden Fanfarenton noch gar die baritonale rauchig-gutturale Färbung, wie sie amerikanischen, vor allem farbigen Sängern oft eigen ist.

Faszination in mediterranen Klangfarben

Shirley hat die bronzene Färbung markanter Tenori drammatici aus dem iberischen Kultur- und Sprachbereich, an den Chilenen Zanelli, den Costaricaner Salazar, den Spanier Fagoaga, (dann aber auch etwa in der Bachus-Partie auch an den Amerikaner James King) erinnernd, mit einem Hauch Edelpatina, überwölbt mit einer Spur dunklen Samtes wie beim jüngeren Domingo. Kurzum, eine Verdi- und Wagner-Stimme starker, doch individueller Prägung, aber mediterranen Typs: rund und voll, von Wärme und Volumen, technisch gesprochen: mit der Fähigkeit zu flexibler Legato-Führung auf besonders fester, manchmal fast hochgespannter Atemstütze.

Wie bei jedem guten Sänger sind die Register gut verblendet, die Übergänge zur Vollhöhe „weich gepolstert“, die gebundenen Phrasen auch auf exponierten Tonstufen bis übers System maßvoll entfaltet, stets integriert, eher gedeckt als strahlend. Man wagt einen Vergleich mit dem Phrasierungsstil eines Bergonzi: Kein Ton fällt aus der Linie, auch bei Ausbrüchen und gestalterischen Zuspitzungen nicht. Von den ersten Tondokumenten an ein gereift und souverän agierender Sänger, überdies von klassischer Musikalität getragen.
 

Weltkarriere ohne Glamour

Neben seinem bereits mit den Met-Auftritten gelegten Standard in Qualität, Vielseitigkeit, Seriosität erlangte Shirley kontinuierlich internationales Renommee. Seine Karriere verlief nicht spektakulär, dafür in bruchloser, maßstäblicher Beständigkeit. Zu seinen Auftrittsstätten zählten unter anderen: Royal Opera House Covent Garden London, Deutsche Oper Berlin, Teatro Colòn Buenos Aires, Chicago Lyric Opera, San Francisco Opera, Nederlandse Opera Amsterdam, Opéra de Monte Carlo, New York City Opera, Scottish Opera Glasgow, Washington Opera, Michigan Opera Theatre, Santa Fe Opera House, dazu die Festivals von Glyndebourne und Tanglewood.

Auch die Tonträgerindustrie, zu Shirleys Wirkungszeiten noch intakt und aktiv, ließ sich diese Stimme und Sängerpersönlichkeit nicht entgehen. Der Tenor erscheint auf den Labels RCA, COLUMBIA, DECCA, ANGEL , VANGUARD, CRI und PHILIPS –  auch dort in einem weitgespannten, varianten Repertoire, das viele Stilepochen und Stimmfächer umfasst, vom Lirico-Leggiero bis zum Drammatico und Charaktersänger. Für seinen Ferrando in Erich Leinsdorfs RCA-Aufnahme von Mozarts Così fan tutte erhielt er 1968 den International Grammy Award. Sein Pelléas in der vielfach preisgekrönten Einspielung unter Pierre Boulez gilt auch nach 45 Jahren als Modelldarstellung. Beim deutschen Label Capriccio ist der Künstler auch als Rezitator in Melodramen mit Musik von Franz Waxmann nach Texten von James Forsyth dokumentiert.

Universalist und Individualist

Während seiner 54 -jährigen Karriere  trat George Shirley in mehr als 80 verschiedenen Opernpartien auf, gab Liederabende, sang Oratorien und beinahe jede Art von Konzertliteratur. Zu seinen Maestri zählten Otto Klemperer, Joseph Krips, Igor Strawinsky, Jascha Horenstein, Eugene Ormandy, Erich Leinsdorf, Herbert von Karajan, Karl Böhm, Sir John Pritchard, Antal Dorati, Leonard Bernstein, Sir Georg Solti, Pierre Boulez, Bernard Haitink, Sir Colin Davis, Seiji Ozawa, Thomas Schippers, Julius Rudel, Alexander Gibson, Lorin Maazel und viele mehr dieses Ranges.

Auf der Musikbühne beeindruckte Shirley nicht nur mit spezifisch gefärbter, großvolumiger, im Raum füllig und leuchtend entfalteter Tenorstimme – sondern auch durch attraktive Bühnenerscheinung und ausdrucksstarke, zugleich bewegliche Darstellung. Doch vor allem animieren bis heute die Suggestion seines Timbres und die Perfektion seiner Atem- und Legatotechnik. Er sang stets die ungekürzte koloraturengespickte Version der Idomeneo-Arie " Fuor del mar", auch auf der Bühne. Ausgedehnte Melismen wie in Barock-Arien oder in Don Ottavios „Il mio tesoro“ meisterte er in Perfektion. Seine lyrisch-romantischen Helden waren keine Säusler, sondern prägnante Persönlichkeiten, starke Mannsbilder – von Belmonte bis Florestan, von Naraboth bis Don José, von Loge bis Oedipus.

Man konnte George Shirley auch als Erzkomödianten erleben. So als Aristeus und Pluto in Offenbachs Orpheus oder als Sportin’ Life in Gershwins Porgy and Bess. Wer noch mehr über den außergewöhnlichen Künstler erfahren möchte, kann auf die Website http://www.bruceduffie.com/shirley.html schauen, man findet dort auch in einem Interview viel zu dessen Persönlichkeit, Karriere, Werten und Haltungen.

Pädagoge, Vermittler, Denker

1980 begann Dr. George Shirley eine akademische Karriere als Professor für Gesang an der Universität von Maryland. Anschließend avancierte er zum „Distinguished Scholar“ dieser Hochschule für das Lehrjahr 1985-1986. Dann erreichte ihn ein Ruf an die University of Michigan School of Music, dem er 1987 folgte. Im Sommer 1992 erhielt er den Titel „Joseph Edgar Maddy Distinguished Professor“. Im Juni 1999 folgte die Ernennung zum Professor der Division of Vocal Arts der School of Music. Die jüngste unter den zahlreichen Auszeichnungen, die Shirley seither für Verdienste um Kunst und Wissenschaft erhielt hat, war 2011 der ASCAP Deems Taylor Competition Award - für seinen Essay The Struggle to Survive (2010) über die Musikerziehung in Detroit Public Schools.

Shirley fungierte während der Sommermonate von 1988 bis 1998 auch als Mitglied der Fakultät des Aspen Music Festival and School in Colorado. Er war Gastdozent am South African College of Music in Kapstadt. Er betreute renommierte Gesangswettbewerbe in Neuseeland, Singapur und in den USA. Im Dezember 2013 gab er in Peking unter der Schirmherrschaft des China Conservatory Meisterklassen und Privatunterricht für junge Sänger.

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Was für ein Künstler! Außergewöhnlich als universeller Sänger auf Bühne, Podium und Tonträgern. Als engagierter singender Darsteller mit einer Fülle von Gesichtern, Temperamenten, Gestalten. Und als akademischer Vermittler von Musik als Zentraldisziplin der Kunst und Kultur. Ein Solitär. Nun ein Achtziger. Das Hamburger Archiv und seine Herausgeber zollen ihm Bewunderung und Sympathie.

                                                                                                          KUS

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© Klaus Ulrich Spiegel