John van Kesteren (Tenor)

Tenore leggiero versatile


 

Der holländische Tenor John van Kesteren gehört zu den interessantesten, in seinem Fachspektrum vielseitigsten Sängern der 1950er bis 1970er Jahre (und darüber hinaus) in Mitteleuropa. Zentrum seines Wirkens war lange das Staatstheater am Gärtnerplatz in München. Dort brillierte er als Tenore Lirico & di Grazia und Operettenheld, später auch Charaktertenor, mit vielen Dutzenden Bühnenpartien, vom Barock bis zur Moderne. Doch er war auf weit mehr Feldern erfolgreich — neben Helmut Krebs zeitweise als markantester Vertreter tenoralen Kirchengesangs in englischer und Bachischer Tradition. Seine besonders hell gefärbte, mit schier grenzenloser Höhe ausgezeichnete, im Klang filigrane, in Intonation, Tonbildung und Phrasierung meisterlich geführte Tenorstimme von mediterranem Timbre-Reiz war besonders geeignet für Partien aus dem Canto-fiorito-Repertoire, also der Barockoper, der italienischen und französischen Romantik und Opera Buffa, aber auch für Spezialaufgaben mit skurrilem oder intrigantem Profil und scharfer Charakterzeichnung.

Kesteren wurde zunächst als Elektroingenieur ausgebildet. Bis in seine Twen-Jahre sang er zum Vergnügen und im Rahmen häuslicher Kulturpflege. Purer Zufall bewirkte, dass ich Sänger wurde. Auf einer Gesellschaft, bei der sich jeder Gast mit einer Darbietung produzieren musste, trug ich Schuberts Du bist die Ruh vor. Unter den Anwesenden war Eduard van Beinum; ihm gefiel der Vortrag. Der große Dirigent vermittelte mir bald ein Gesangstudium am Königlichen Konservatorium Den Haag. Schon nach kurzer Studienzeit war der junge Tenor bühnenreif. Dramatischen Unterricht erhielt er noch beim legendären Prager Regisseur und Operndirektor Lothar Wallerstein, musikalische Meisterkurse bei der nicht minder berühmten Komponistin und Pianistin Nadia Boulanger.

 

Spezialist fürs Leggiero-Fach

Als 26‑Jähriger debütierte Kesteren in Scheveningen bei einer Gastspielaufführung der Wiener Staatsoper als Sänger im Rosenkavalier. Er professionalisierte sich weiter in holländischen Operetten-Produktionen und an der Oper von Utrecht. Dann ging er nach Salzburg für weitere Gesangsstudien bei der prominenten Sopran-Diva Vera Schwarz. Von dort wurde er Walter Felsenstein empfohlen, an dessen Ost-Berliner Komischer Oper er 1951 ein mehrjähriges Festengagement erhielt. Zuvor war er noch in Amsterdam gastweise in kleinen Partien aufgetreten — so als Steuermann im Fliegenden Holländer oder Melot in Tristan und Isolde neben Größen wie Flagstad, Lorenz, Hotter. 1952 gab Kesteren in der ersten niederländischen TV-Opernproduktion den Bastien in Mozarts Jugend-Singspiel. 1956-58 war er auch an der Städtischen Oper Berlin (heutigen DOB) zu Gast. 1958 wurde er schließlich ans Münchner Gärtnerplatz-Theater verpflichtet, wo er bis in die 1980er Jahre im Festvertrag blieb und eine lange erfolgreiche Laufbahn hatte — ein Liebling des Münchner Publikums bis zu seinem Bühnenabschied.

Neben dieser ungewöhnlich ensembletreuen Tätigkeit gastierte der inzwischen arrivierte Tenor regelmäßig in ganz Europa und bei Festspielen, meist wenn profilierte Comprimario-Rollen — wie Jacquino, Pedrillo, Basilio, Flavio, Bucklaw, Dancairo, Tanzmeister, Abdisù — hochrangig besetzt werden mussten. Eine Reihe solcher Partien interpretierte Kesteren auch für Schallplatten. Im Rundfunk und in Arienkonzerten bot er jedoch ein unglaublich weit gespanntes Repertoire aus Klassik, Romantik und Belcanto — so von Gluck, Haydn, Sacchini, Cimarosa, Simone Mayr, Rossini, Bellini, Adam, Auber, Halévy, Gounod, Thomas, Bizet bis zu russischen und slawischen Werken und zur Moderne.

 

Ephebe, Bonvivant, Charakter

Immer wieder erschien der Sänger auch auf der Bühne in dominanten Hauptpartien. So als Nureddin im Barbier von Bagdad, Chapelou im Postillon von Lonjumeau, Almaviva im Barbier von Sevilla, Titelheld im Comte Ory, Belmonte in der Entführung, Ernesto in Don Pasquale, sogar Tamino, Don Ottavio, Duca, Alfredo. Auf seiner Gastspiel-Agenda standen führende Opernhäuser wie die Wiener Staatsoper, die Deutsche Oper am Rhein, die Staatsopern München und Stuttgart, die Scala di Milano, die Festspiele in Salzburg, Drottningholm, Ludwigsburg, Schwetzingen, Bühnen und Podien in Zürich, Genf, Amsterdam, Kopenhagen, Brüssel, USA (Boston, Dallas, Cincinnati) und Südamerika (Rio, Buenos Aires, Montevideo), dazu alle wichtigen Musikzentren im deutschen Sprachraum, von Hamburg, Berlin, Hannover, Köln, Frankfurt/M. bis immer wieder München.

John van Kesteren war ein vielverpflichteter Oratorientenor und ein viel zu wenig gewürdigter Liedsänger. Proben auf dieser CD belegen das nachdrücklich, so besonders Schuberts romantische Idylle Auf dem Strom D. 943 mit dem wunderbaren Liedpianisten Hans Altmann oder Bachs weltliche Kantate BWV 205.

Der Sänger verbrachte seinen Lebensabend in Florida. Dort starb er am 11. Juli 2008. Sein Andenken ist in München und in den Niederlanden lebendig, seine Wertschätzung in der europäischen Gesangshistorie gesichert. Neben einer holländischen 2-CD-Box mit Radioaufnahmen und Konzertmitschnitten ist die HAfG-CD sein einziges Recital. Es bringt unschätzbare Raritäten, großenteils aus Privatsammlungen. Für die Bereitstellung ist dem Bayreuther Sammler Karsten Ebertsch zu danken.

KUS

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© Klaus Ulrich Spiegel