Verismo

 

Der Verismo (von ital. vero = wahr) ist eine Stilrichtung der italienischen Oper zwischen etwa 1875 und 1920 ff. Zur Jahrhundertwende standen die Opern­traditionen am Wendepunkt. Mit Seria und Buffa war es vorbei, Verdis Melodramma tragico schien ausgeschritten, trotz Ponchielli & Boitò. Man sah auf Paris, versuchte, dortigen Moden zu folgen. Als aktuell galten noch die Opéra comique seit Carmen (1875) und das Drame lyrique von Ambroise Thomas oder Jules Massenet.

 

Seit den 1880er Jahren gewannen die Musikdramen Richard Wagners mächtigen Einfluss. Unter ihrem Einfluss trat eine junge Komponisten-Generation — La giovane scuola — auf den Plan.

 

Starke Impulse setzte die Literatur: Von französischen Autoren, etwa Émile Zola, ging der Naturalismus aus, der erheblichen Einfluss auf das Theater hatte. Er entsagte der klassisch-romantischen Tradition mythologischer oder historischer Stoffe, betonte die krasse Realität, das alltägliche Sein, gestaltete oft hässliche, krasse, blutrünstige Sujets. Diese galten nun als die vorrangige gesellschaftliche Wirklichkeit, die man gegen tradierte bürgerliche Moral- und Ästhetik-Normen zu setzen suchte.

 

Auch die neuen Musikbühnenwerke thematisierten das alltägliche Leben, scheuten keine kruden Brutalitäten, suchten soziale Wahrheit in exakt dargestellten Dramengestalten abzubilden. Von Giovanni Vergas Sizilianischen Novellen etwa kam Aufwind für eine nationale Literatur. Die Künstlergruppe Scapigliatura revoltierte gegen bürgerliche Moral. Das naturalistische Schauspiel war im Trend. Seine Auswirkungen erfassten bald auch die Oper, nun als Musikdrama verstanden.

 

Der Mailänder Musikverleger Edoardo Sonzogno etablierte mit jungen Komponisten einen neuen Operntypus, der sich rasch durchsetzte. In seinen Kompositions­wettbewerben 1883 bis 1888 siegten Pietro Mascagni und Ruggiero Leoncavallo; es folgten Repräsentanten neuartiger Tonsprachen wie Puccini, Catalani, Giordano, Franchetti, Cilea, Montemezzi. Das veristische Genre wurde bestimmend, fand viele Nachahmer, so etwa in Frankreich (Bruneau, Reyer) oder Deutschland (d’Albert, Korngold, Schreker).

 

In den Opern des Verismo wurden musikalische Stilmittel neu akzentuiert (Einbettung der Gesangsstimme ins orchestrale Unisono oder extreme Gegen-Übersetzungen von Melodie und Begleitung) und häufig ins Grobe und Effekt­hascherische getrieben. Die Kunst des Belcanto-Gesangs galt für zu artifiziell, somit unnatürlich. Sie wich einem Sing-Agieren voller außermusikalischer Mittel: Schreien, Stöhnen, Ächzen, Schluchzen, Konsonantengebell und Sprechgeschrei.

 

Die Folge war, neben Stimmruin und Niveauverlust, eine globale Krise der Gesangskunst (so ein berühmtes Buch des Kritikers Wolf Rosenberg). Erst mit der weltweiten Renaissance des Belcanto-Repertoires, etwa ab 1970, gewann der klassische Kunstgesang neue Bedeutung, neue Träger, Vermittler, Meister. Eine musikalisch wie ästhetisch wie sinnlich animative Entwicklung voller Rezipienten­glück.

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© Klaus Ulrich Spiegel