Mit lyrischer Intensität
Trude Eipperle - Beständigkeit zwischen den Fächern

 

Portrait-Editionen mit der tönenden Hinterlassenschaft wichtiger Gesangssoli-sten der deutschen Opernszene heben nicht nur nostalgisch Erinnerungen ins Bewusstsein der heute - 70 Jahre später - von weltweiter Sängerstar-Vermarktung beeindruckten Rezipienten. Sie machen auch Erfahrungs- und Bewertungs-Maß-stäbe wieder bewusst, ohne deren Dokumentation die neuere Gesangshistorie ärmer, ja eigentlich unvollkommen wäre. Das gilt vor allem für jene Zeitphase, die man die „Nachkriegszeit“ oder auch die „Radio-Ära“ nennt. Also für den Zeitabschnitt, als sich in den deutschen Kulturszenen musisch beseelte Kräfte unter kaum mehr vorstellbaren Bedingungen zu neuen Dimensionen, Leistun-gen, Wirkungen aufschwangen - und ein ton-archivarisches Erbe erzeugten, das man getrost als wegweisend ansehen kann.

Ein Blick auf das damalige Sänger/innen-Personal der „ersten Reihe“ verdeut-licht: Die Jahre zwischen 1945 und ca. 1955 waren eine spannende Zeit. Mit dem Untergang des deutschen „Reichs“ gingen zahlreiche zentrale Sängerkarrieren abrupt zu Ende - etwa die von Leider, Müller, Ursuleac, Rünger, Németh, Taubmann, Fügel, Bockelmann, Ahlersmeier. Andere konnten frühe Anfangs-erfolge nun erst voll ausbauen und entfalten. Eine große Zahl schon vor und in den Weltkriegsjahren arrivierter Opernstars setzte seine Karrieren fort, die aller-dings in den 1950ern in unterschiedlichen Zeitfolgen ausliefen. Wenige anderer-seits vermochten es, ihren frühen Vorkriegskarrieren weitere dauerhafte Wir-kungszeiten anzufügen - so etwa Reining,  Seefried, Güden, Goltz, Anders, Fehenberger, Friedrich, Hopf, Schöffler, Hotter, Böhme, Frick.

Ein gefragtes Stimmfach
Auffällig erscheint im Rückblick, wie schmal vergleichsweise das Reservoir
an lyrisch-jugendlichen und dramatischen Sopranen in den 1940/50ern ausfiel. Repräsentative Rollenträgerinnen wie Maria Müller, Helena Braun, Hilde Konetzni, Erna Schlüter, Marianne Schech waren abgetreten oder definitiv in hochdramatische Aufgaben entwachsen. Ergänzungen für ein weites Rollen-repertoire zwischen Mozart, Belcanto, Verismo und Musikdrama kamen mehr und mehr aus europäischem Nachbarland und sogar Übersee - wofür beispiel-haft stehen: Martinis, della Casa, Kinasiewicz, Ilitsch, Brivkalne, Cunitz, Jurinac, Bollinger, Lafayette, Davy, Brouwenstijn … Von ihnen ging ein Trend aus, der sich mit dem Übergang deutscher Opernbühnen zu Produktionen in der Originalsprache stetig erweiterte und damit auch nivellierte - doch das gehört einer anderen = späteren Zeitphase an.


In dieser bewegten, stabilisierenden und animativen Kurz-Epoche bildeten Frauenstimmen zwischen Lirica und Drammatica generell eine rare Kategorie - umso mehr, wenn sie aus der Vorkriegszeit kamen und ihr Wirken nach der großen Katastrophe in ruhiger, qualitativ konstanter Manier fortführen konnten. Unter diesen Vertreterinnen sängerischer wie künstlerischer Kontinuität behaup-tete eine Sopranistin exemplarisch gleichsam eine Position der Mitte - in Vielsei-tigkeit, Verlässlichkeit, Beständigkeit, Identifikations- und Vermittlungskraft. Das war die schwäbische Lirica, dann Jugendlich-Dramatische Trude Eipperle, Prota-gonistin in den Opernmetropolen Stuttgart, München, Wien und Erstrangbeset-zung für gut drei Fachbereiche, grenzüberschreitend gefragt und gefeiert, doch ihrem Herkommen wie ihrem Stammhaus treu, überhaupt eine bodenständige, volks- und publikumsnahe Erscheinung, wie man sie so heute kaum noch antrifft.

TRUDE EIPPERLE - Sopran
* 27. Januar 1908 in Stuttgart; † 18. Oktober 1997 in Aalen-Unterkochen

Ihre künstlerische Ausbildung erhielt sie an der Musikhochschule Stuttgart bei Professor Karl Lang, einem bekannten Musikpädagogen. Mit dem Zeugnis der Bühnenreife wurde sie der Fachwelt überstellt. Als Elevin kam sie an das dama-lige Württembergische Landestheater. Ihr erstes Engagement als Lirica-Fach-besetzung trat sie 1929 am Staatstheater Wiesbaden an. 1930–1934 und erneut 1935–1937 gehörte sie zum Ensemble des Opernhauses Nürnberg. 1934–1935 und 1937-38 war sie auch am Braunschweiger Opernhaus verpflichtet.

1937 engagierte die Staatsoper Stuttgart sie fürs Lyrische Fach. Sie blieb dort zunächst für drei Spielzeiten. Ab 1938 wirkte sie auch an der Bayerischen Staats-oper München. Als beide Häuser 1944 im „Totalen Krieg“ (das Nationaltheater München auch nach völliger Zerstörung durch Bombenangriffe) schließen mussten, nahm sie vereinzelt Gast-Engagements an regionalen deutschen Musikbühnen wahr.

Von der Lirica zur Spinto-Diva
In München hatte sie der damals hochberühmte Dirigent und Operndirektor Clemens Krauss, Chef in Berlin, München, Wien, bevorzugter Werk- und Auffüh-rungspartner von Richard Strauss, vielfältig eingesetzt und zu einer Art Lieb-lingsbesetzung in seinen Konzertaufführungen gemacht. 1942 stellte er die inzwischen arrivierte Sopranistin als Zdenka in der Festival-Produktion von Richard Strauss‘ Arabella heraus - neben Ursuleac, Reinmar, Th.Hermann, Willer, Taubmann. Schon 1936 hatte sie im Reichsrundfunk Frankfurt/M. in Johann Strauß‘ Fledermaus unter Hans Rosbaud - neben Hubert Marischka, Hans Reinmar, Irma Beilke, Hans Fidesser - die Rosalinde gegeben und 1937 in einer Reichsrundfunk-Produktion von Wagners Tannhäuser unter Carl Leonhardt - neben Fritz Krauss, Karl Schmitt-Walter, Inger Karén, Sven Nilsson - die Elisabeth gesungen. In kurzer Folge durch Kriegs- und Nachkriegszeit spielte Clemens Krauss bei deutschen Rundfunkanstalten nicht weniger als dreimal Puccinis
La Bohème in deutscher Sprache mit Trude Eipperle als Mimi ein - mit Alfons Fügel, Peter Anders, Karl Terkal.


Direkt nach Kriegsende, als die Opernhäuser unter großenteils obskuren Bedin-gungen den Betrieb wieder aufzunehmen begannen, wurde die Eipperle - ohne Fachgrenzen - als „Erste Sopranistin“ für eine Saison ans Opernhaus Köln geholt, von dort sogleich an die Württembergische Staatsoper Stuttgart, die hinfort - bis zu ihrem Bühnenabschied 1965 - ihr Stammhaus bleiben sollte, an dem sie zum Ehrenmitglied ernannt wurde.

Im Sommer 1952 stand Trude Eipperle, alternierend mit Lisa della Casa, als Eva in Wagners Meistersingern, in der Prominenzbesetzung der Bayreuther Festspiele. An der Wiener Staatsoper sang sie unter Clemens Krauss Wagners Elsa und Strauss‘ Daphne, nach dem Weltkrieg wieder die Eva, aber auch Puccinis Mimi und Cho-Cho-San. An den deutschen Opernhäusern in Stuttgart, München, Hamburg, West-Berlin und bei Gastspielen in Milano, Barcelona, Paris, Brüssel, Monte-Carlo sang sie unter anderen Mozarts Contessa, Donna Anna, Pamina. Webers Agathe & Euryanthe, Wagners Irene, Elsa, Elisabeth, Eva, Freia, Gutrune. Verdis Elisabetta, Leonora, Desdemona. Cornelius‘ Margiana. Puccinis Mimi, Tosca, Cho-Cho-San, Liù. R. Strauss‘ Marschallin, Kaiserin, Helena, Arabella, Daphne, Madeleine. Pfitzners Minneleide. Smetanas Marie. Dazu zahlreiche Oratorien-Partien in Bachs Passionen, Haydns Schöpfung & Jahreszeiten, Beethovens 9. Sinfonie & Missa Solemnis, Pfitzners Von deutscher Seele, schließlich in der Uraufführung von Braunfels‘ Verkündigung. Vieles davon ist für Tonträger archiviert worden und erscheint in Ausschnitten in dieser CD-Edition.

Mit der Kraft von Maß und Wert
Trude Eipperles vokale Grundausstattung war ein großer lyrischer Sopran mit Expansions-Ressourcen, wie ihn etwa Rethberg, Lemnitz, Hoerner, Jessner ein-setzen konnten. Schon in frühen Karrierejahren vermochte sie ihr lyrisches, für Barock- und Romantik-Musik ideales Material mit rein musikalischen Mitteln zu entfalten und - ohne Druck und Attitüde - zu warmer Fülle und Klangsättigung zu führen. Das natürlich-frauliche Timbre, im Farbenspektrum Vanille-Karamell, später von gebändigter, stets ausgewogener Schwingkraft bestimmt, steht ganz im Dienst feiner, ausgewogener Legatokunst. Das Spektrum zwischen jung-mädchenhaft schlanker Klangbildung und dramatischem Materialeinsatz wird mit konzentrierter, doch nie erzwungen wirkender Tonbündelung erfüllt - ohne Brüche oder Mogeleien. Auch die Atemführung erscheint meisterlich, wohldosiert und von dezentem Naturvibrato belebt.

Mit diesen nahezu lehrbuchhaften Eigenschaften stellt die Sängerin eine ganz
der musikalischen Linie und vokalen Ausgewogenheit verpflichtete Singweise
in den Vordergrund - in nahezu gleichförmig über Fachgrenzen ausgreifender sängerischer Haltung. Man mag individuelle Farbreize und exaltierte Akzent-setzungen vermissen: Diese Sängerin ist keine Lieferantin außermusikalischer Effekte, keine Diva furiosa, weswegen mancher vom veristischen Niedergang der Gesangskunst geprägte Hörkonsument ihre Interpretationen als „zu brav, zu wenig erotisierend“ empfinden mag. Ihre primär sängerische, dem Eros der musikalischen statt rampenhaften Vokalisation verpflichtete Kunst ist ein mode-unabhängiges Element klassischen Bühnengesangs - und als solche ein Faktor ihrer Fach-Vielseitigkeit und Beständigkeit.


Kontinuität ohne Abbau
Trude Eipperle war ein Liebling des Stuttgarter Nachkriegspublikums in der legendären Ära Schäfer-Leitner. Noch 1955 ff. wurde sie am Stammhaus in der Titelpartie von Puccinis Madame Butterfly (neben Traxel, Plümacher, Czubok, Pfeifle) gefeiert. In den 1950ern war sie immer wieder für Konzert- und Opern-Studioproduktionen bei bundesdeutschen Rundfunkanstalten gefragt - am spektakulärsten etwa beim BR in Pfitzners Rose vom Liebesgarten, beim SF in Webers Euryanthe, beim WDR als Elsa in Wagners Lohengrin, beim HR nach 15 Jahren erneut als Elisabeth in Wagners Tannhäuser. Als sie 1965 an der Württem-bergischen Staatsoper ihren Bühnenabschied nahm, schien die Lücke zunächst nur mit Gastsängerinnen schließbar. Als verspätete Nachfolgerin im Stuttgarter Ensemble nahm dann die Niederösterreicherin Elisabeth Löw-Sköky teilweise ihre Position ein.

Trude Eipperle blieb kulturell und sozial engagiert. Am 18. Juli 1975 wurde die „Trude Eipperle Rieger-Stiftung“ mit Sitz in Aalen-Unterkochen gegründet. Sie widmet sich der Förderung von Bildung & Kunst, unterstützt kulturelle Einrich-tungen in Baden-Württemberg und gemeinnützige Einrichtungen, u.a. Kinder-dörfer. Die Stifterin gehört zu den bedeutenden Protagonisten der Opernbühnen und Konzertpodien zwischen den1930er und 1960er Jahren. In einer Zeit des Wandels, der Krisen und Erneuerungen war sie in ihrem Metier ein Ruhepol und eine Orientierungsquelle. Sie kann ein Maßstab bleiben. 

KUS
 

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© Klaus Ulrich Spiegel