Peter Seiffert (Tenor) &
Petra Maria Schnitzer (Sopran)

Wagner-Gesang nach klassischem Maß

Sänger-Recitals mit Gesangsstücken ausschließlich aus Werken Richard Wagners waren stets Katalograritäten. Nur wenige konnten sich dauerhaft im Angebot halten. Die große Mehrzahl beständig verfügbarer Portrait-LPs/‑CDs präsentiert Dokumente abgeschlossener Karrieren mit gesicherter Einordnung in die Gesangshistorie. Selbst diese halten kaum mehr als eine Auswahl aus einem einst breiten und vielfältigen Weltensemble in Erinnerung: Berühmteste Recken und Heroinen aus dem Golden Age — auch einer Epoche großen Wagner-Gesangs, die von den Maßstäben der klassischen Schule der Gesangskunst geprägt und auf eine intakte Musik- und Theaterszene gegründet war. Ihre letzten Höhepunkte erreichte sie in den 1930/40er Jahren, verfiel danach der vielbeschriebenen Krise der Gesangskunst. Dass diese sich ruinös auf die Vokalkunst vor allem in der Wagner-Interpretation ausgewirkt hat, ist vielfach bewiesen.

Das Ideal — und sein Verfall

Lilli Lehmann, der legendären deutschen Primadonna assoluta vor und an der Schwelle zum 20. Jahr­hundert, wird das Diktum zugeschrieben: Nur wer vollendet Mozart zu singen vermag, ist auch für die Anforderungen vokaler Wagner-Interpretation gerüstet (dramatisch nutzbares Stimm-Material vorausgesetzt). Zentrale Forderungen Wagners an seine Sänger stützen diese These: Deklamation als Gesang. Gesang als dramatischer Vortrag. Akzentuierung des Wortes in musikalischer Worttonphrase. Organische Melosbildung aus dem Fluss der Rede. Einheit von Artikulation und Tonbildung, Klangfärbung, Atemstrom. Also vor allem Gesang — musikalische Darstellung mit sängerischen Mitteln.

Wer beim Studium von Wagner-Gesangsaufnahmen aus dem letzten Drittel des 20. Jahr­hunderts von solchen Kriterien ausgeht, stößt jedoch auf eine Fülle von Indizien vokalen und sängerischen Verfalls. Auf Defizitär-Standards, die seit Jahrzehnten als Norm gelten und euphemistisch mit außermusikalischen Kategorien benannt werden: Ausdrucksintensität, wo Sprechgeschrei, Text-Vorrang, wo Konsonantenspucken, Lyrische Dezenz, wo Schallkraftschwäche, Expressivität, wo hektisch-stößige Attacke, schluchzende, jaulende Intonation, japsende oder gar keuchende Phrasierung zu registrieren wären.

Es ist ein Wesenszug der Krise, dass sie — gerade im Kontext zu Wagner-Aufführungen — nicht thematisiert, sondern beschönigt wird. Das mag dem Erfolg von Gesamtaufnahmen nicht abträglich sein, weil übergreifende Kriterien wie Werkfassung, Dirigentenleistung, Chor- und Orchesterqualität, Aufnahmetechnik, Klangregie die Repertoirewerte bestimmen. Sängerportrait-Recitals hingegen offenbaren Eignungen, Fähigkeiten, Leistungen gleichsam mikro-akustisch am Detail, trotz studiotechnischer Korrekturmöglichkeiten. Wer genau zu hören vermag, weiß dann auch zu vergleichen. So haben sich, von wenigen Zeugnissen außerordentlicher Sängerpersönlichkeiten abgesehen, kaum neuere Wagner-Recitals in den Katalogen etabliert, am wenigsten die der zuletzt prominent gewesenen Tenöre, so spektakulär sie auch gestartet wurden.

Zurück zu den Grundlagen

Darum könnte die Veröffentlichung des vorliegenden Doppelportraits von Petra Maria Schnitzer und Peter Seiffert in einem reinen Wagner-Programm als Wagnis gelten. Doch im Gegenteil: Vieles spricht dafür, dass diese CD eine Wiederentdeckung des Wagner-Singens im Geist der Tradition, nach sängerischen Maßstäben, einleiten wird.

Die Sänger — Sopran und Tenor — haben eine eher unspektakuläre, nämlich sorgsam und seriös gesteuerte Entwicklung zur Interpretation des Musikdramas vollzogen. Beide begannen im lyrischen Fach, erreichten schon Bekanntheit, bevor sie ihre Repertoires zum Zwischenfach und zu dramatischen Aufgaben hin erweiterten. Mozart und die deutsche Klassik-Romantik standen im Mittelpunkt ihrer Anfangsjahre. Seiffert begann als Tenorlyriker mit technischem Rüstzeug für Belcanto-Partien. Er gab Almaviva, Nemorino, Fenton, Nurredin, Janek, Lenski und die Helden Mozarts: Belmonte, Ottavio, Ferrando, Tamino, dazu individuelle Charaktere wie Naraboth und Matteo. Schnitzer sang lyrische Partien mit der Tendenz zur Jugendlichen, wie Agathe, Micaëla, Marie, Rosalinde, Arabella und die Mozart-Frauengestalten Contessa, Elvira, Ilia, Fiordilligi.

Beide Künstler wechselten kontinuierlich und logisch zu Wagner-Partien, als sie etwa zehn Jahre Bühnenlaufbahn erfolgreich durchmessen hatten: Seiffert 1988 mit Parsifal, Schnitzer 2001 mit Freia, Gutrune, Irene. Seit 1997 sind sie ein Paar, gestalten ihre Arbeit weitgehend gemeinsam. Das wirkt sich hörbar in den Ergebnissen aus. Peter Seiffert hat inzwischen, außer Siegfried, alle großen Tenorpartien Richard Wagners verkörpert: Erik, Lohengrin, Stolzing, Siegmund, Tannhäuser, zuletzt Tristan. Petra Maria Schnitzer dominiert im jugendlich-dramatischen Fach mit Wagner im Zentrum: Irene, Elsa, Elisabeth, Eva; schließlich Sieglinde, dazu Beethovens Leonore oder d’Alberts Martha. Beide Sänger haben sich — von Bayreuth über Berlin, Wien, München, Zürich bis an die New Yorker Met — als Spitzenbesetzungen für Wagner-Aufführungen bewiesen. Ihre wichtigsten Partien liegen auch in Gesamt-Einspielungen oder ‑Mitschnitten vor.

Das allein ist schon ein Grund, das Sängerpaar in einem Wagner-Recital zu präsentieren. Doch über den marktrelevanten Effekt hinaus, der Begriffe wie Sänger-Traumpaar aufgreift: Die vorliegende CD bietet mehr als interessante, attraktive Tonbeispiele aktueller Gesangsstars — nämlich großen Wagner-Gesang in künstlerischer Partnerschaft, nach klassischem Maß, auf dem Niveau jahrzehntelang nicht mehr für erreichbar gehaltener Vorbilder.

Wagner-Partien — mehr als ein Fach

Das Recital-Programm vereint Ausschnitte aus den Wagner-Werken TannhäuserLohengrin und Die Walküre — Einzelauftritte und dazu pro Werk je eine große Dialogszene mit solistischen Einschüben. Es entfaltet ein Spektrum unterschiedlicher Rollencharaktere, genauer: Stimmkategorien.

Elsa ist ein großer Soprano romantico mit stark lyrischer Prägung, dem erst im Kirchentableau und dann im dritten Aufzug auch rhetorisch-ekstatische Ausdrucksmittel abverlangt werden. Elisabeth ist ein jugendlich-dramatischer Zwischenfach-Sopran mit spannungsvoller Klangdimension und Ausdrucksgeste. Sieglinde ist, in tieferer Tessitura, eher ein hoher Mezzo, jedenfalls ein in Klangfarbe und Ausdruck reiferer, sinnlicherer Charakter, der vielen Stimmvarianten zugänglich ist — von Lyrikerinnen wie Meta Seinemeyer über Jugendlich-Dramatische wie Lotte Lehmann und Leonie Rysanek bis zu expansiven Mezzos wie Waltraud Meier.

Noch deutlicher die Charakteristika der drei Tenorpartien — vokal und sängerisch. Lohengrin ist ein Lirico Spinto von fast italienischem Zuschnitt, mit Bellini-/Verdi-gemäß hoher Tessitura und Cantilene, von lyrischen Tenören mit dramatischem Potential rollendeckend darstellbar. Tannhäuser dagegen ist ein authentischer Tenore Drammatico mit nahezu hochdramatischer Expansion für enorme singdarstellerische Anforderungen. Siegmund wiederum ist, fast eine Terz tiefer ausgelegt, eigentlich ein Tenore Eroico, mit breitem Tiefenregister, ausladender Mittellage, doch teuflischerweise einem Zielnotensprung aufs B".

Solch hohe und diametrale Aufgaben vokal, sängerisch und gestalterisch nicht nur zu bewältigen, sondern sogar beispielhaft und rollengerecht zu erfüllen, setzt vokale Substanz, technisches Rüstzeug für Attacke, Expansion und Stamina, kurz: vollkommene Sicherheit der Mittel und Methoden voraus. Die dramatische Qualität einer Stimme liegt nicht im Volumen, sondern in der Intensität der Schallkraft und in dem, was der Komponist mit dem Wort Gefühlserguss bezeichnete. (Jürgen Kesting)

Es gibt geborene dramatische Stimmen, doch in der Regel muss eine dramatische Stimme entwickelt werden. Mit Seiffert und Schnitzer erleben wir lehrbuchhafte Beispiele dafür. Während die Sopranistin heute auf einen Kreis sehr guter bis erstrangiger Konkurrentinnen im jugendlich-dramatischen Fach trifft, zählt der Tenor zu einer weltweit nur kleinen Gruppe von Kollegen, deren Qualitäten zum Vergleich taugen. Bei kaum einem anderen als ihm ist die Orientierung an der klassischen Tradition des Singens als Kunst, angewendet auf Wagner, so beispielhaft nachweisbar.

Auf dem Fundament der Tradition

Seifferts schlank geführter, aber zu konzentrierter Klanggebung voll Energie gewachsener Tenor lässt die Schulung an Mozart jederzeit erkennen. Eine glänzend fokussierte, hell timbrierte, doch schallkräftige und resonante Stimme mit Ressourcen für dramatische Steigerungen. Sie wird konsequent nach dem Ideal des Legato geführt. Die Gesangstöne sind in einheitlicher Phonation in die Gesangslinie gebettet, spannungsvoll vorn placiert und über alle Tonhöhen von dosiertem Atemfluß getragen. Es gibt keine Intonationsprobleme, die Register sind gut verblendet. Der Sänger gestattet sich keine Exaltationen oder ausgestellten Spitzentöne. Selbst bei äußerster Zuspitzung des Ausdrucks wird die Linie nicht preisgegeben. Das ist exemplarisch zu hören in Lohengrins Höchstes Vertrau’n, Tannhäusers Zu Dir hat er mich hergeführt und Da ekelte mich der holde Sang oder Siegmunds So blühe denn, Wälsungenblut: Wo andere Tenöre stemmen, pressen, isolierte Spitzentöne knallen lassen, singt Seiffert Wagner in geschlossenen, auf fester Atemstütze getragenen, integrierten Phrasen. Hochgreifende Vergleiche belegen es in 70 bis 80 Jahre alten Tondokumenten: Seiffert kommt dem Ideal, verkörpert etwa durch Urlus und Knote, nahe. Er besteht neben Großen wie Kirchhoff, Sembach, Widdop, Oehmann, Laubenthal.

Petra-Maria Schnitzer demonstriert einen zwar noch nicht von gleicher Erfahrung getragenen Entwicklungsstand (ihre Karriere ist gut 15 Jahre jünger), doch folgt sie hörbar den gleichen Idealen wie ihr Ehemann und Künstlerpartner. Die Phonation ist von ähnlicher Delikatesse, der Registerausgleich von gleicher Vollkommenheit, die Expansionskraft bei Wahrung eines jugendlich-lyrischen Klangs auf dem Weg zu dramatischem Gewicht. Ihr Ausdrucksspektrum vermag schon jetzt die Einheit von Innigkeit und heroischer Attitüde herzustellen. Dabei dominiert ruhig-strömender, mit dezentem Vibrato schwingender Gesangsfluss. Auch Schnitzer ist der Kunst des Legato verpflichtet — ihre Schulung an Mozart wird in der Fähigkeit zu Lyrismen und beseelter Phrasenbildung erkennbar. Zwar ist diese Sieglinde (noch) nicht das erotisch-pulsierende Weib, sondern die jugendlich-feminine Version à la Seinemeier, Lemnitz, Reining, doch die sängerische Basis der komplexen Figur ist evident. Am stärksten ist die Sopranistin in spontan wirkenden Dynamikwechseln und auf Linie und Klang konzentrierten Phrasen, so in Elsas Traum und Elisabeths Gebet.

Ecco: Zwei Wagner-Interpreten von Rang. Dieses Niveau sollte Orientierung geben.

KUS

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© Klaus Ulrich Spiegel