Repräsentant eines Ideals

Der stilbewusste Tenor Gunnar Graarud


Gunnar Graarud, der Sänger, den die lexikalische Listung vor allem als Wagner-Tenor in die Gesangsgeschichte eingeschrieben hat, war ein universell befähigter, deutlich mehr der klassischen Schule des Singens als einer spektakulären Rampenpräsenz verpflichteter Interpret. Sein Ruhm verbindet sich vorrangig mit der Darstellung der Titelrolle von Tristan und Isolde in der ersten Schallplattendokumentation, somit einer als extremer Heroenpart geltenden hochdramatischen Bühnenpartie. Er war jedoch eigentlich ein maßstäblicher Vertreter der Kategorie Tenore lirico spinto. Und vielleicht gerade als solcher von stilbildender Bedeutung für eine Neubewertung der Mittel und Methoden modernen Wagner-Gesangs in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Gunnar Graarud - * 1.6.1886 Holmestrand/Oslo. 6.12.1960 Stuttgart.


Der in europäischem Geist erzogene, polyglott gebildete norwegische Bürgersohn wollte zunächst einen Ingenieurberuf ergreifen. Er kam zum Fachstudium an die Technische Hochschule in Karlsruhe und dort mit kulturliebenden Kreisen in Verbindung. Er hatte schon mehrere Semester absolviert und am gesellschaftlichen Leben der badischen Residenzstadt teilgenommen, als seine Tenorstimme entdeckt wurde. Man drängte ihn zu professioneller Gesangsausbildung. So entschloss er sich zum Musik- und Bühnenstudium, wechselte nach Berlin, wo er an der Preußischen Akademie in Frederick Husler (Autor des Standardwerks Die physische Natur des Stimmorgans) und dem Konzertbariton Konrad von Zawilowski kompetente Lehrer fand.

Er war spät zu seiner Berufung gekommen, hatte sich Zeit gelassen. So zählte er bereits 33 Jahre, als er 1919 am Pfalztheater Kaiserslautern sein Bühnendebüt hatte –  als Lirico mit dramatischen Optionen. Er wurde sofort bekannt und schon zur Folgespielzeit an das Nationaltheater Mannheim engagiert. 1923 holte ihn die Berliner Volksoper. Nach zwei Spielzeiten dort erreichte er einen Platz in der vorderen Tenöre-Reihe, nun als Ensemblemitglied des Deutschen Opernhauses Berlin, dann mit Zweitengagement auch am Hamburger Opernhaus.

In Hamburg wirkte Graarud am 7. Oktober 1927 als Schwertrichter in der spektakulären Uraufführung von Erich Wolfgang Korngolds Das Wunder der Heliane mit – in einer Starbesetzung mit Maria Hussa, Carl Günther, Rudolf Bockelmann, Sabine Kalter unter Egon Pollack.  Schon 1924 war er bei den Göttinger Händel-Festspielen in der Titelpartie der Oper Xerxes gefeiert worden.

Inzwischen war sein lyrisch geprägter Tenor zum Spinto gereift, hatte an Substanz, Stamina und Belastbarkeit gewonnen.  So gewann er das Interesse von Siegfried Wagner, der in Bayreuth zentrale Verantwortung und Entscheidungsmacht übernommen hatte.


Dem Wirken des Wagner-Sohnes war nicht nur eine behutsame Reform von Bühnengestaltung und Inszenierungsstil zu verdanken, sondern auch eine Abwendung vom Bayreuther sprechtextbetonten, deklamatorischen, konsonantenspuckenden Rezitationsstil, dem legatofernen, den Ursprung des Singens als Kunst missachtenden „Bayreuth Bark“, wie er seit 1896 unter dem Diktum von Cosima Wagner und Chormeister Julius Kniese als verbindlich gegolten hatte. Siegfried Wagner verpflichtete Graarud beinahe demonstrativ für als „schwer“ geltende, hochdramatische Heroen-Partien – solche, für die Begriffe wie Tenore drammatico und eroico obligatorisch waren.

Graarud gab sein Bayreuth-Debüt 1927 geradewegs mit einer der anspruchsintensivsten Heroengestalten Richard Wagners, als Tristan unter der Leitung von Siegfried Wagner und Karl Elmendorff. Die Reprise im Sommer 1928 wurde im Festspielhaus als erste Tristan-Produktion überhaupt noch für Schellacks aufgenommen. Sie gilt als authentisches Zeugnis jener Zwischen-Epoche, in der sich Bayreuth von einer musealen, deutschnational getränkten zur musikalisch, also auch sängerisch bestimmten  Interpretationsstätte zu wandeln schien – eine künstlerische Wertsetzung, die auch nach Siegfrieds frühem Tod 1930 und ungeachtet der baldigen Auslieferung Bayreuths an das NS-Regime mit hohen Standards bis ans Weltkriegsende erhalten blieb.

Nur wenige, doch um so bedeutendere Jahre währte auch die Zugehörigkeit Gunnar Graaruds zum Sängerstamm der Bayreuther Festspiele. Nach Tristan 1927-28 gab er 1930-31 Siegmund, 1930 den Götterdämmerung-Siegfried und Parsifal.  Sein Ruhm als Wagner-Tenor nahm europäische Ausmaße an. 1928 sang er an der Pariser Grand-Opéra Tristan und Siegmund, 1932 an der Opéra de Monte-Carlo Tristan. Seit 1931 gab er glanzvolle Wagner-Konzerte in europäischen Metropolen. 1929 war er Mitglied der Wiener Staatsoper geworden. Dort etablierte er sich bis 1937 als Tenorstar wie vor ihm Slezak, Piccaver, Schubert – mit Erik, Tristan, Loge, Froh, Siegmund, Siegfried, Parsifal, dazu Florestan, Samson, Grigorij, Pedro, Mathias im Evangelimann, dann auch R.Strauss’ Herodes, Aegysth, Menelas, Pfitzners Palestrina bis zum Tambourmajor in Bergs Wozzeck. Er gastierte an den Opernhäusern von Berlin, Amsterdam, Brüssel, Stockholm, Kopenhagen. Bei den Salzburger Festspielen 1934 erschien er als Aegysth in Elektra und 1936 in der Titelpartie von Hugo Wolfs Corregidor

Gunnar Graarud zog sich in vollem Besitz seiner stimmlichen und künstlerischen Mittel Ende der 1930er von den Bühnen und Podien zurück. Er übernahm eine Professur an der Musikakademie Wien. Otto Edelmann war einer seiner prominenten Schüler. Seit 1924 konnte er Schallplatten bei Polydor, Odeon, Parlophone und Columbia machen, teilweise für deren skandinavische Kataloge, auch mit Liedern skandinavischer Komponisten, also bewusst für den nordeuropäischen Absatzmarkt – der Ruf des Tenors wirkte in seine Herkunftsbereiche zurück.


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Gunnar Graaruds Tondokumente sind leider nicht umfassend. Selbst in den Fragmenten und Bruchstücken aus der Wiener Oper kommen etwa die Siegfried-Partien nicht vor. Wir haben vier Ausschnitte aus der Walküre und das recht umfassende Portrait der Tristan-Partie, dazu Live-Fragmente aus Parsifal. Aber die meisten Hörbeispiele bringen den umfassend geschulten, stilsicheren Sänger als Lyriker, mitunter Spinto italiano zu Gehör. Dennoch gewinnen wir einen Eindruck von seiner Stellung in der Gesangshistorie und damit auch seiner Bedeutung für die Entwicklung des Wagner-Gesangs.


Nach den fürs heutige Hörbewusstsein kaum sehr genussvoll anhörbaren Bayreuth-Recken der Cosima/Kniese-Ära zählt Graarud zu den zentralen Repräsentanten einer Wiederentdeckung des Singens als Basis und Grammatik einer werkgerechten Wagner-Gesangsinterpretation. Eines Singens nach den Stilprinzipien der klassischen Schule, deren Elemente präzise Intonation, strömende, doch flexible Tonbildung und vor allem ein ganz am Melos orientiertes Legato sind.

Insofern ist Graarud ein im guten Sinn authentischer, also weder dem „Bell-Canto“, noch für veristisch geltenden Extroversionen verhafteter singdramatischer Gestalter. Man vernimmt kein Sprechgestikulieren, kein Drücken, Stemmen, Japsen, Schleifen, Anstöhnen oder (wie Jürgen Kesting das nennt): „Heldenjammergeschrei“. Graarud bietet ausdruckvolle Gesangsgestaltung mit vorrangig vokalen, mehr noch: sängerischen Mitteln. Das heißt vor allem: einer breiten Skala von Nuancen und Differenzierungen, von lyrischer Tongebung ausgehend, bruchlos über Register und Tonstärken variabel, stets integriert, auch in der Emphase gebändigt – ein „Repräsentant des Ideals“.

Insofern war dieser Sänger ein stilverwandter Zeitgenosse von Urlus, Schubert, Kirchner, Althouse, Völker, auch ein Vorgriff auf Svanholm. Sein tönendes Vermächtnis gewinnt im Rückblick über archivarische Aspekte hinaus Gewicht und Bedeutung.

                                                                                                          KUS

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© Klaus Ulrich Spiegel