Splendore con forza
Italo-Bariton – vital und furios: Giulio Fregosi

Gesangshistoriker nennen die Zeit zwischen 1907/08 und dem Ende der 1920er gern „das zweite Golden Age“. Damit sind die Qualitäts- und Wirkungs-Standards einer Hochblüte des Bühnengesangs gemeint, die von den großen Opernhäusern in London, Wien, Paris, Berlin, Dresden, München, vor allem aber der Scala di Milano und der Metropolitan Opera New York ausgingen – zeitgleich und im Wechsel geprägt durch Leitungspersönlichkeiten wie Gatti-Casazza, Toscanini, Beecham, Gailhard, Mottl, Schuch, Weingartner, Strauss, Schalk. Sie führten und trugen Star-Ensembles, die aus einer enormen Fülle an Talenten aller Stimm-fächer schöpfen konnten. Besonders auffällig ist bis heute – bei Sichtung der durch Tonträger belegten Repräsentanz- und Prominenzlisten – ein schier unglaubliches Reservoir an Baritonen, namentlich des italofranzösischen Fachs, vom Baritono classico lirico bis zu den durchs Musiktheater, besonders vom Verismo, geprägten Dramma- und Charakter-Sängerdarstellern.

Kaum hoch genug ist einzuschätzen (und zu preisen!) dass gerade in Zeiten noch unvollkommener Reproduktions- und Aufnahmetechnik, mit extrem begrenzten Take-Laufzeiten die wohl meisten wichtigen Sängerstimmen der Zeit vor Trichter und Mikrophon gelangten – weit mehr als in den späteren Jahrzehnten bei aus- gereiften, perfektionierten und zeit-unabhängigen Produktionsbedingungen.
So schauen wir heute, da es kaum mehr als eine Handvoll überregional konkur-renzfähiger Italo-Baritone zu geben scheint, auf eine Reihe großer und größter Bariton-Stars, die im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts wirkten und in aussage-fähiger Zahl Tondokumente hinterlassen konnten. Sie aufzulisten gleicht nahezu dem Aufbau eines Lexikons.

Periodo aureo dei baritoni
Ein paar Namen aus der ersten Reihe, auch typen- und fach-überschreitend, nur zur Eingrenzung: die Belcantisten Battistini, Kaschmann, Ancona, Blanchart, Forsell, Scotti, Campanari, Dufranne, de Gogorza, Schwarz, de Luca, Tagliabue. Die verismo-näheren Charaktersänger Sammarco, Noté, Badini, Stracciari, Corradetti, Galeffi, Stabile, Danise, Molinari, Granforte, Inghileri, Poli, A.Borgioli. Dazu jene kleine, aber spektakuläre Gruppe, die ein Kommentator von heute, an Legenden des 19. Jahrhunderts anknüpfend, „das Titanengeschlecht“ nannte: durch imposante Stamina, breites Klangvolumen, expansive Entfaltung, dazu überwältigende Schallkraft ausgezeichnete Heroenstimmen wie Magini-Coletti, Giraldoni, Ruffo, Viglione Borghese, Franci, Bechi. Und diese Beispiele nennen, tiefgestapelt, kaum mehr als ein Drittel des grandiosen Archivbestandes.

Zu diesem gehört ein seit Jahrzehnten kaum mehr genannter, dennoch international bedeutend gewesener Italo-Bariton mit zeitweise europäischer Geltung und überseeischer Präsenz, der – wie zahlreiche zur ersten Kategorie gehörende Kollegen – nicht an Met und Covent Garden und nur kurz an der Scala auftrat, aber nach Material, Kunst und Wirkung einen Platz zwischen den Gruppen zwei und drei beanspruchen kann. Als solcher wird er auch durch
eine respektable Hinterlassenschaft an Tonaufnahmen bestätigt: der Lombarde Giulio Fregosi, Partner nahezu der gesamten Sängerelite seiner Zeit und mehr als drei Jahrzehnte Mitträger wichtiger Produktionen. Angesichts der Überfülle des Stimmenangebots konnte damals nicht jeder bedeutende Baritono italiano ein Ruffo, Amato, de Luca oder Stracciari werden. Heute wäre Fregosi ein Weltstar.
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   Giulio Fregosi (Bariton)
    * 1887 Voghera/Pavia (Lombardei) † Mai 1951 Milano

In Voghera, einer Provinzstadt in der Po-Ebene, existierte gegen Ende des
19. Jahrhunderts ein reges Musikleben, so wie in den meisten Kommunen des jungen Nationalstaats, getragen teils von kirchlichen Einrichtungen, teils von bürgerlichen Compagnie musicale. Der Jungbürger Giulio Fregosi stammte aus einem Familienverband von Handwerkern. Man erwartete, sein Leben werde sich ebenfalls in einem Handwerksberuf erfüllen. Nach ersten Tätigkeiten „auf dem Bau“ ging er denn auch in eine Schumacherlehre. Er sang gelegentlich im lokalen Kirchenchor mit. Gleich nach dem Stimmwechsel entdeckte der örtliche Chorleiter, Maestro Finardi, dass der Eleve eine kraftvolle mittlere Singstimme hören ließ, und nahm sich seiner zu kirchenmusikalischen Lernübungen an. Dann vermittelte er ihn zu professionellen Gesangsstudien an die „Scoula della Teresa Gigola“ in Milano, wo der erst 19jährige Fregosi 1906 mit einer Vollaus-bildung beginnen konnte. Das Institut war durchaus ersten Ranges: Neben dem künftigen Baritono studierte dort spätere Sängerprominenz, darunter der französische Spitzentenor Georges Thill.


Educazione di grande successo
Nach zwei Jahren umfassender Stimmbildung und Opernschulung erhielt Fregosi noch ein Stipendium (wohl von einem wohlhabenden Bürger in Voghera gestiftet), das ihm ab 1908 ein Perfektionsstudium bei dem Gesangsmeister Ettore Negrini aus der Sängerdynastie gleichen Namens ermöglichte, der in Milano eine private Gesangschule unterhielt. Von dort gelangte er in die musikliebenden wohlhabenden Kreise der lombardischen Metropole – und kam damit zu halb- öffentlichen Auftritten bei Hauskonzerten und Gesellschaftsereignissen. Als Fregosis Bühnendebüt gilt die vermutlich erste Aufführung der Oper Redenzione der Komponistin Maria Ponzone 1909 in der Casa Architetto Tansini. Ihm folgte ein Debüt-Konzert im Teatro Comunale von Tradate (Varese).

Noch im selben Jahr erhielt Giulio Fregosi ein erstes substanzielles Engagement am Teatro Apollo in Lugano. Er debütierte mit dem Silvio in Pagliacci. Es folgten Auftritte im Teatro Politeama seiner Heimatstadt Voghera. Die Resonanz war immerhin so gut, dass sich eine Reihe Entrate an italienischen Opernhäusern anschloss, alle mit Hauptpartien: Lucia di Lammermoor, Cavalleria Rusticana, Fanciulla del West, Fedora, Pescatori di Perle – in Cerignola, Corato, Sassuolo, dann erstmals an einer Città capitale, dem Teatro Petruzelli in Bari. Ab 1913 stand Fregosi mit variantem Alles-Sänger-Repertoire auf den großen Bühnen Italiens, vor allem in Triest am Teatro Verdi und in Milano am Teatro dal Verme (wo
1892 die Pagliacci uraufgeführt wurden) und am Teatro Lirico (der Urauffüh-rungsstätte von Donizettis L’Elisir d’amore und mehreren Verismo-Werken Leoncavallos, Giordanos, Cileas). Bis 1916 hatte er Auftritte in Pisa, Ravenna, Ferrara, Livorno, Lodi, dann wieder dauerhaft in Milano, dort auch am Teatro Verdi. Gastspiele führten ihn nach Budapest (mit Carmen und La Bohème) und Alexandria (Cav & Pac) , beide Häuser damals in der internationalen Liga.


Carriera professionale mondiale
1916 wurde Fregosi zum Kriegsdienst eingezogen. Er überlebte wohlbehalten. 1918 war er wieder im Opernbetrieb – zunächst an den Opernhäusern von Milano. Zahlreiche Gastspiele folgten. Er wurde nun dem Gros der führenden Italo-Baritone zugerechnet, behauptete sich neben den Größten, wie Stracciari, Badini, de Franceschi, Galeffi, Montesanto, Danise, Stabile, Franci. 1921 gastierte er erstmals an der Wiener Volksoper, die im Gegensatz zur großen Staatsoper italienische Werke auch in der Originalsprache aufführte. 1921 erschien er wieder an der Nationaloper Budapest, 1922 am Opernhaus Kairo, damals Weltbühne.

1923-25 war Fregosi einer der Stars von Operntourneen durch die USA, 1925 einer weiteren durch Deutschland. Dann folgten große Auftritte an europäischen und überseeischen Opernbühnen – Kopenhagen, Genf, Nizza, Paris, Marseille, Barcelona, Madrid, Turin, Florenz, Parma, Rom, Neapel, Buenos Aires, New Orleans, Dallas, Cincinnati ... 1931 wurde er an der Scala di Milano als Ford neben Mariano Stabile in Verdis Falstaff gefeiert. Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs zog er sich nach Italien zurück und gab nun senza limito Gastspiele an großen und mittleren Häusern, von der Scala bis zu einer spektakulären Wiederkehr nach Voghera. Seine Laufbahn dauerte bis 1949. Seine letzten Stationen waren Provinzbühnen in Gonzaga, Suzzara, Biella, Fossanao, Seregno, Como, Laveno, Arsizio, Savigliano, Chivasso, Monza, Vercelli, dannaber noch einmal Milano. Seinen Bühnenabschied zelebrierte der nun 61jährige Sänger in Voghera, sentimental umarmt von den Seinen – als Tonio in Pagliacci, neben dem Startenor Giuseppe Taccani. Er lebte nur noch zwei Jahre, starb in Milano.

Fregosi war auch sonst ein Partner bedeutender und berühmter Sängerinnen
und Sänger. Aus der Vielzahl großer Vokalisten seien von Tonträgern bekannte Namen genannt:
die Sopranistinnen Poli Randaccio, Petri, Carena, del Frate, Minotti, Pasini, Renzetti, Melis, Sari, dalla Rizza, Labia, Fitziù, Gatti, Turner, Roselle, Alfani Tellini, dal Monte, Scacciati, Cigna, Pagliughi, Somigli, Norena, Arrangi Lombardi, Capsir, Carosio, Corsi, Pacetti, Rasa, Pampanini, Roman, Oltrabella, Albanese. Die Mezzo/Altistinnen Fabbri, Minghini-Cattaneo, Zinetti, Casazza, Supervia, Palombini, Monticone, Rota, Forti, Castagna, Pederzini, Nicolai. Und gar die Tenöre: Schiavazzi, Lappas, Cristalli, Giorgini, Saludas, Carpi, Gigli, Fleta, Tedeschi, Venturini, Calleja, Marini, Dolci, Chiaia, Lo Giudice, Taccani, Solari, Bergamaschi, Piccaluga, Govoni, de Bernardi, Fagoaga, Lois, Polverosi, Lindi, Breviario, Ederle, Ciniselli, Radaelli, Vesselovsky, Manurita, d’Alessio, Landi, Pertile, Granda, Masini, D.Borgioli, Voltolini, Battaglia, Merli, Pauli, De Muro Lomanto, Lauri Volpi, Filippeschi, Menescaldi, Lugo, Salvarezza, Malipiero …
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Von Belcanto bis Verismo, Lirico bis Drammatico: Was für eine Reihe!
Und was für eine Ära!


Cantico animato e magistrale
Wie fügt sich der Bariton Fregosi in dieses Umfeld? Sein Naturmaterial war ausweislich der besten elektrischen Aufnahmen – 1929 ff. – von raumfüllendem Volumen und konzentrierter Durchschlagskraft. Insofern kann er zur Gruppe der „Titanen“ gezählt werden, erzeugt aber im Gegensatz zu deren Hauptver-tretern keine dunkel-getönten, bassnahen Bronzefarben à la Titta Ruffo, sondern ein zwar substanzvoll-kerniges, doch heller, zwischen Karamell und Tabak changierendes Timbre nahe Antonio Magini-Coletti, allerdings obertonreicher und mit etwas weicherer Charakteristik. Damit vermochte er ein erstaunlich variantes Klangspektrum zu erzeugen, war somot auch einer Art plakativen Chiaroscuros fähig. Seine technische Basis verrät beste klassische Schulung: Auf breitem Atemstrom führte er Kantilenen sicher und geradezu genüsslich auf eine entweder hochvibrante oder auch breitströmende Höhenlage.

Wie Fregosi über perfekt verblendete Registerstationen führende lange Phrasen hin zu Spitzentönen dynamisch ausgewogen vorbereitet und dann, durchwegs auf einem Atem, mit großem, rundem Ton zu schallender oder strahlender Klimax steigert – das ist meisterlich. Unüberhörbar ist regelmäßig seine Lust am großen Ton auf unerschöpflichem Atem, gipfelnd in kraftvoll ausgedehnten Fermaten. Auch sein Passaggio ist vorbildlich, der Tonstrom zur Höhe meist geradezu eine Klangwonne. Das ist in zwei Typvarianten studierbar – etwa
a) in Figaros Barbiere-Cavatine auf Pathé 1929, b) bei den Ernani-Szenen auf Fonotipia 1927. In solchen Momenten steht der Bariton gleichrangig mit den Besten seiner Zunft und Zeit.


Perfezione con danni
Interessant und nicht immer entzückend im Kontrast zu solcher sängerischer Meisterschaft zeigt sich in Aspekten von Fregosis Gestaltungsstil und Darstel-lungsmanier ein anderes Hörbild. Dann vernimmt man die typischen „veristisch“ geprägten Attitüden einer Zeit, die – auch unter dem Diktat von Dirigenten wie Toscanini – Abstand von klassischer Verzierungs- und Phrasierungskunst des Belcanto genommen hatte, um die Akzente auf so etwas wie „dramatische Vermittlung“ zu verlegen. Bei Fregosi vollzieht sich das a) mit einem oft allzu breit schwingenden, sogar flackernden Über-Vibrato und b) in einem gelegentlch penetranten Ausdrucksgestus, der zwar (das sei ausdrücklich angemerkt:) ohne exaltierte Singgestik, ohne Brüllen, Ächzen, Schluchzen auskommt, ohne das, was Kesting das „Heldenjammergeschrei“ nennt. Aber Fregosi widersteht der Versuchung nicht immer, „dem Affen Zucker zu geben“, mal komödiantisch,
mal gefühlig. Solche hektischen Überpointierungen oder sentimentalen Drücker gelten heute, nach der Belcanto-Renaissance seit den 1970/80ern, nicht mehr als Elemente großen Gesangs.


Giulio Fregosi konnte den Gipfel seiner Karriere in den Jahren 1918 bis 1939, der sog. Zwischenkriegs-Epoche, verstetigen. Obwohl sich ein erheblicher Teil seiner langen Bühnenlaufbahn auch an mittleren, ganz zuletzt kleinen Musikbühnen Italiens abspielte, ist er auf Tonträgern erfreulich reich und vielfältig repräsen-tiert. Die ersten Aufnahmen, noch im Acoustic-Verfahren realisiert, stammen von Fonotechnica: Unsere Edition bringt 12 Titel aus 1919-25. Sie zeigen den Sänger in klangtechnisch etwas dumpfer, matter wirkender Klangumgebung. In der neuen elektrischen Aufnahmetechnik konnte er 1926 bis 1929 zahlreiche Stücke in brillanter Form einspielen – bei Pathé, Odeon, Fonotipia , Parlophone und Columbia, dazu undatierte Tracks von Italfon und Fonografia Nazionale, oft mit Partnern erster Klasse, wie Poli-Randaccio, dalla Rizza, Minghini-Cattaneo, Pertile. Gemessen an seiner Stellung im übergroßen Angebot der Weltrang-Italobaritone und im Vergleich zu manchen Jahrhundertgrößen dieses Fachs in den 1920-30er Jahren, ist seine Hinterlassenschaft imposant.

Kaum weniger imponierend war Fregosis Repertoire. Obwohl über die Jahre ein paar Standards immer und immer wieder erschienen – Barbiere, Lucia, Cav & Pac, Gioconda, Bohème, Tosca und überraschend häufig die Cristo-Trilogie von Lorenzo Perosi (was einiges über den damaligen Stand der Spielpläne bei Stagioni wie an subventionierten Staats- oder Stadttheatern aussagt) – Fregosi sang 60 Opern-rollen, darunter Belcantostücke wie Mosè, Favorita, Elisir, Poliuto, Ernani, Rigoletto, Traviata, Faust, Pescatori. Verismo-Charaktere in Gioconda, Loreley, La Wally, Arlesiana, Andrea Chénier, Il Guarany, Zazà, Piccolo Marat, Fanciulla, Francesca da Rimini. Dramatischen Verdi mit Macbeth, Ballo, Aida, Forza. Oder Moderne mit Barillis Medusa, Chiesas Serafici Transitus, Malipieros San Francesco, Robbianis Anna Karenine. Dazu Strauss‘ Salome (Jochanaan) und Wagners Maestri Cantori (Kothner) wie auch Parsifal (Klingsor). 28 weitere Partien hatte er abrufbar studiert – darunter so reizvolle wie Mozarts Don Giovanni, Thomas‘ Amleto, Montemezzis Amore dei tre Re, Leoncavallos Chatterton, Franchettis Cristofero Colombo, Massenets Herodiade, Verdis Due Foscari und Otello, Wagners Lohengrin (Telramund) und nochmals Parsifal (Amfortas).

Giulio Fregosis Wiederentdeckung war überfällig. Nicht zuletzt im Vergleich zu heutigen Maßstäben und Auswahlen, die nach dem Belcantisten Bruson und dem Expressionisten Cappuccilli kaum mehr an Golden Ages anknüpfen können, strahlen die besten seiner Aufnahmen Frische, Souveränität, vor allem Glanz und Stimmpracht aus. Sie können auch nach 90-100 Jahren begeistern. Was ließe sich mehr zum Ruhm eines lange Historisierten und weithin Vergessenen sagen.

KUS

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© Klaus Ulrich Spiegel