Meisterschaft, Glanz und Eloquenz

Der große deutsche Tenor Heinrich Knote

Ob ein guter, ja exzellenter oder gar zentraler Sänger seiner Epoche zum Weltstar wird, hing in den Zeiten des „Golden Age“ mit seinen weit stärker als heute ausgeprägten Ensemblebindungen vorrangig davon ab, wo er sein Stammhaus hatte, ob er zu interkontinentalen Gastauftritten kam – und nicht zuletzt, ob er zu Festivals eingeladen wurde. Wann und wem das geschah, hing also auch, wenn nicht vorrangig, von oft subjektiven Vorlieben und Entscheidungen der Intendanzen großer Häuser und der Festspielleitungen ab. So vor allem im damals, wieder: anders als heute, reich besetzte Reservoire des Wagner-Gesangs und damit in Bayreuth. Einige bevorzugte Sängerstars in den Festspielbesetzungen seit den 1890ern lassen uns nach ihrem Platz in der Gesangshistorie kritisch fragen. Andere, deren Rang unbestreitbar ist und die uns bis heute selbst auf unzulänglichen Tondokumenten der Akustik-Ära faszinieren, sind nie auf den Bayreuther Hügel verpflichtet worden – in Einzelfällen auch, weil sie bei anderen Festivals unabkömmlich waren. Ihre Kunst ist uns präsent, weil sie in London, Paris, Wien, vor allem in New York, auch Buenos Aires und beim Festival in Zoppot Triumphe feiern konnten. Oder bei den Opernfestspielen in München, wie der Sänger, dem diese Edition gewidmet ist.

Unter den zahlreichen hochklassigen Wagner-Tenören am Beginn des 20. Jahrhunderts ragte der Münchner Heinrich Knote als Weltklassesänger von besonderem Strahl und Glanz heraus, zugleich als einer der musikalischsten, vielseitigsten, fundiertesten. In der Rückschau auf die tönenden Hinterlassenschaften damaliger Tenorlegenden erweist er sich als nahezu gleichrangiger Konkurrent der Größten seines Fachspektrums: Caruso, Urlus, Burrian, Slezak, Jadlowker. Mit den Klangfluten seiner phänomenal expansiven Stimme portraitierte er souverän jugendliche Helden jeder Provenienz, wie Florestan, Hüon, Manrico, Radames, Assad bis zu Siegfried Wagners Bärenhäuter (den er in der Uraufführung gab) – mit flexibler Mühelosigkeit, metallischem Strahl, flammender Intensität, unerschöpflicher Kraft.

 


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HEINRICH KNOTE - * 26.11.1870 München. 12.1.1953 Garmisch.

Der kurze Weg dieses Sängers zur Spitze mit dann lange dauernder Beständigkeit bis in die 1930er Jahre kam aus fundierter, solider Entwicklung, vollzog sich ohne Sensationen in logischer Kontinuität. Er war Schüler des Kantors Emanuel Kirschner, der den jungen Tenor als Lirico definierte und nach klassischer Schule ausbildete. Knote begann als Tenore leggiero, zu deutsch: Tenorbuffo, debütierte 1898 unter Umgehung der Provinz gleich an der Münchner Königliche Hofoper – als Georg in Lortzings Waffenschmied, sang Beethovens Jaquino, Mozarts Pedrillo und Monostatos, Nicolais Fenton, auch schon Wagners David, entwickelte sich rasch zum Tamino, Don Ottavio, Belmonte, übernahm die „leichten“ Partien in italienischen, französischen und slawischen Opern.

Seine Entwicklung war so frappierend, dass ihn der Intendant Baron von Perfall für die Nachfolge der Heroenlegende Heinrich Vogl in Betracht zog. 1901 trat er erstmals als Heldentenor an der neuen Münchner Wagner-Spielstätte, dem Prinzregententheater, auf – mit durchschlagendem Erfolg. Nun drang sein Ruhm über die Reichsgrenzen: 1901 debütierte er am Londoner Covent Garden, 1904 an der New Yorker Metropolitan Opera, dann in Berlin, Wien und auf den großen Musikbühnen Europas. An der Met soll die Nachricht von den Klangmaßen seines nahezu belcantesk geführten, doch bei Bedarf in gewaltigem Strom entfalteten Tenore drammatico dortige Tenorstars in Schrecken versetzt haben.

Knotes Tondokumente sind bis heute Lehrstücke für großen Tenorgesang in schöner Ausgewogenheit und maßstäblicher Tonbildung. Seine stimmlichen Ressourcen reichten von einem schwingend-resonanten Basso-F mit perfekter Registermischung bis übers C’’ aufs D’’ und sogar Es’’. Wirkte er heute, wäre er ein Weltstar in den Dimensionen gegenwärtiger interkontinentaler Massenvermarktung.

Die Fähigkeiten dieses deutschen Weltklasse-Tenors sind auf Tonträgern aus fast 30 Jahren greifbar; die ersten von 1904 vor dem Trichter, die letzten bereits elektrisch eingespielt. Alle weisen identische stimmliche, technische und vor allem sängerische Qualität auf, wie man sie seither in über 50 Jahren kaum mehr vernommen hat und die selbst von wichtigen Tenören der ersten Jahrhunderthälfte Lorenz, Völker, Svanholm, Aldenhoff nicht durchwegs erreicht wird. Gegenüber Vertretern des „Bayreuth-Bark“, also der stemmenden, stößigen, konsonantenbetonten Heldenbrüllerei, sind Knotes Aufnahmen „allesamt wahre Labsal, sie kommen dem Ideal so nahe wie vorstellbar“– nur der Zeitgenosse Jacques Urlus zieht da gleich.

Fachurteile stufen Knotes Material und Kunst ein als: gewichtig, doch flexibel, metallisch-strahlend im Timbre, schlank in der Klangbildung, glänzend fokussiert und ungemein resonant, mit nahezu perfekter Registerverblendung. Nur manchmal gerät ein Spitzenton etwas eng. „Doch es gibt keinen Tenor auf Platten, der mit vergleichbarer Mühelosigkeit und doch mit weißglühender Intensität durch den Poco-allegro-Teil der Florestan-Arie zu jagen“ vermochte (Jürgen Kesting). Knotes Verdi-Interpretationen zählen zu den besten, weil eloquentesten unter den deutsch gesungenen Versionen; im Finish von Manricos „Dass nur für mich dein Herz erbebt“ lässt der Sänger sogar einen veritablen Triller hören.

Ähnlich wie Urlus ist Knote zugleich ein makellos intonierender und phrasierender, wenn auch kräftig tönender Mozartsänger. Unvergleichlich aber zumeist die Stücke aus Wagners „schweren“ Heldenpartien wie Tannhäuser, Tristan, Siegmund, Siegfried: pulsierend-vibrant wie poetisch-kantabel, mit souveräner Behandlung selbst exponierter Phrasen. Jede Ausdrucksnuance wird hörbar in den Legatostrom gebettet. Noch der fast 60jährige bietet in seinen letzten Wagner-Aufnahmen unbeschädigten Standard: „ ... imaginativ Siegfrieds Todesszene, die von keinem Tenor nach dem Weltkrieg so stimmschön und ausdrucksvoll gesungen worden ist.“

Heinrich Knote blieb seinem Münchner Stammhaus 40 Jahre lang treu. Er war dennoch ein international prominenter und gefeierter Sänger. 1923 nahm er an der Welttournee der „German Opera Company“ der Wagnersopranistin Johanna Gadski (auch sie ein zentraler Met-Star) teil. Seine Mitwirkung bei den Münchner Opernfestspielen war obligatorisch. Nach Bayreuth wurde er wohl deshalb nicht engagiert, doch sein Niveau überstrahlt eine Vielzahl dortiger Protagonisten. Ein großer, unvergesslicher, maßstabsetzender Sänger.

                                                                                                          KUS
 

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© Klaus Ulrich Spiegel