Reminiszenz an eine Ära
Bürge des klassischen Ideals: Francesco Maria Bonini
 

Der Stilwandel im Musiktheater – vom klassischen Belcanto zur musikdramatischen Singdarstellung – vollzog sich keineswegs in allen Kulturnationen zeitlich parallel.
Der musikalische Verismo war zunächst ein Phänomen des italienischen Opernlebens, eine Reaktion auf das von Wagner ausgehende deutsche Musikdrama. In der fran- zösischen und englischen Opernwelt setzte der Erfolg des Stile nuovo bis zu einem Vierteljahrhundert später ein. Deshalb stehen dem Rezipienten viel mehr Tonbelege für die (zum Zeitpunkt der Einspielungen bereits historische) „Alte Schule“ = die klassische Kunst des artifiziellen Schöngesangs, von französischen und britischen Sängerinnen & Sängern zur Verfügung als aus dem schier unbegrenzten Reservoir großer Stimmen italienischer Provenienz.

Vor allem die durch Tondokumente auf die Nachwelt gekommenen Belcanto-Baritone reinen Stils sind in größerer Zahl Franzosen. Deren stolze Reihe umfasst beispielhaft Namen wie Lasalle, Maurel, Fugère, Renaud, Gilibert, Soulacroix, Allard, Cerdan, Melchissédec, Albers – dazu eine Phalanx von Vertretern des Basse chantant, jenes Fachs „zwischen den Fächern“, das dem deutschen Heldenbariton entspricht, also Bass- und Baritonpartien umfasst.

Der Bonus zur HAfG-Edition Antonio Magini-Coletti, eines hochdramatischen und stimmgewaltigen Protagonisten des Musiktheaters, stellt – im Kontrast besonders reizvoll – einen auf Tonträgern raren Vertreter des italienischen Belcanto vor. Er gehört
in die leider nur mehr kleine Gruppe der noch ganz der klassischen Schule verpflichtet gewesenen Fachkollegen, deren berühmteste noch Giuseppe Kaschmann, Mattia Battistini, Mario Ancona, Antonio Pini-Corsi, Giuseppe Pacini, Antonio Scotti bis Giuseppe de Luca waren. Weil er allzu wenige Aufnahmen hinterließ, ist sein Name nicht nur gänzlich historisiert, sondern unter Sammlern auch kaum mehr erinnert. Dennoch gehört er ganz vorn in die erste Reihe der Belcanto-Baritone und wäre heute allemal, was er bei Lebzeiten war: Un principe dei Baritoni. Gäbe es mehr Tondokumente, trüge er natürlich eine eigene CD-Edition: FRANCESCO MARIA BONINI.


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Francesco Maria Bonini  
(Baritono) * 1865 Napoli - † 11.1.1930 Milano

Er gehörte der Generation seiner neapolitanischen Kollegen Enrico Caruso (* 1873)
und Antonio Scotti (* 1866) an. Seine Karriere begann spät: Als bereits 31jähriger hatte
er sein Debüt, allerdings gleich in einer der anspruchsvollsten Verdi-Partien, als Don Carlo in La forza del destino am Teatro Mercadante in Foggia. Zuvor war er bei Beniamino Carelli, einem der berühmtesten Gesangspädagogen seiner Zeit, am Conservatorio San Pietro in Napoli umfassend in der klassischen Gesangskunst ausgebildet worden.


Seine ersten Stagione-Engagements führten Bonini auf Opernbühnen in Malta und Kairo, dann in Breschia und Cremona. Während seiner “Ochsentour” durch italienische, dann europäische Opernzentren gelangte er bis nach Odessa. Über Palermo erreichte er – nach Gastspielen am Teatro Colón Buenos Aires – 1903 das Teatro Lirico in Milano und die Mailänder Scala. Dort gehörte er bald zur Reihe der gefeierten Stars – mit Partien wie Athanael in Massenets Thais (italienische Erstaufführung), Arnoldo in Ponchiellis I Lituani, Idastre in Glucks Armida, Re Raimondo in Mascagnis Isabeau und schließlich Hans Sachs in Wagners Meistersingern.

Das Teatro San Carlo di Napoli, blieb so etwas wie Boninis Stammhaus. Dort hatte er Rollendebüts als Michonet in Cileas Adriana Lecouvreur, als Gleby in Giordanos Siberia, als Rathenow in der italienischen Erstaufführung von Leoncavallos Rolando di Berlino und den Baritonpart in Leopoldo Mugnones La vita bretonna. Am São Carlo in Lissabon sang er – portugisisch – den Arroio in der Uraufführung von Amor de Perdicão von João Marcellino. Am Real in Madrid und am Costanzi in Rom erlebte man ihn in der Titel- rolle von Verdis Falstaff. Er gastierte an allen großen Häusern im mediterranen Kulturraum (auch in der Arena di Verona) und in Südamerika, übernahm zahlreiche zentrale Partien von Verdi, darunter Rigoletto, Luna, Germont, Renato, Posa, Belcanto-Partien wie Bellinis Riccardo, Donizettis Alfonso, Meyerbeers Nevers, Gounods Valentin, Wagners Wolfram, Amenofi in Ponchiellis Figliol prodigo – und in Musik-dramen, so Meyerbeers Nelusco, Ponchiellis Barnaba, Giordanos Gérard, schließlich Wagners Kurwenal und sogar Mussorgskijs Boris Godunov.

Bonini beendete seine Laufbahn 1927 als 62jähriger und wirkte dann als Gesangs-pädagoge in Milano. Auch ihm waren nur noch drei Jahre Lebenszeit beschieden. Seine viel zu wenigen Tondokumente entstanden ab 1905 exklusiv bei Fonotipia. Während
30 Jahren Sängerlaufbahn an den großen Opernbühnen der Welt traf er ständig mit den internationalen Sängerstars seiner Zeit zusammen. Mit einer davon – Giannina Russ – konnte er die große Szene Violetta-Giorgio im 2. Akt von La Traviata aufnehmen.

Bonini stellt heutigen Kennern und Sammlern in kaum mehr als einem Dutzend Tracks exemplarische Lehrstücke mustergültigen, lehrbuchgerechten, zugleich persönlichkeits-starken individuellen Singens nach den Regeln der klassischen Schule vor. Sein maroner Ton ist von dunkler Pracht, im Ausbruch auch metallischem Glanz bei schlanker Ton- bildung und in schlackenreiner, von keinem Registerwechsel getrübter Phrasierung. Er beherrschte die Kunst der Klangverstärkung durch Nutzung der vorderen Resonanz- räume perfekt. Die Steigerungen sowohl des Kantileneflusses (Dynamik) als auch der Tonskala (bis zur Vollhöhe mit G’, Gis’ und A’) werden – ohne Bruch durch “Umschalten” oder Atemfassen – entfaltet und in wundervoll ausgewogen geführter Linie, mit dezentem Vibrato belebt, wie natürlich erzeugt.


Ein Meisterstück für den Parnass (und doch nur ein Beispiel) ist das Finale von Carlos Monolog “Oh, de’ verd’anni miei” aus Verdis Ernani. Wie wenige Konkurrenten oder Nachfolger entwickelt der Sänger die aufsteigende Schlussphrase völlig entspannt, ohne Pathos oder Druck auf einem Atem,  gipfelnd in einem finalen Oktavsprung aufs As’. Doch im Gegensatz zu den Versionen von Riccardo Stracciari (erste, noch akustische Fassung) oder Sherrill Milnes (live aus der Met) setzt Bonini nicht einen demonstrativ weißglühend-strahlenden Vibranz-Effekt, sondern entwickelt den exponierten Ton ganz aus der in sich geschlossenen Legatolinie und steigert ihn dann durch integrierte Klangverstärkung. Solche Beispiele finden sich immer wieder, so in I due Foscari und Traviata, sogar Andrea Chénier.

Ein großer und wichtiger Sänger – selbst in wenigen Belegstücken als meisterlich und stilbewusst dokumentiert. Seine tönenden Spuren sind über den Sammelwert hinaus: Lehrstücke für klassische Gesangskunst.

                                                                                                               KUS

 

 

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© Klaus Ulrich Spiegel