Chevalier et Comédien
Der Basse-Baryton chantant Jean Delvoye

Was im deutschen Fachsprachgebrauch geläufig „Heldenbariton“ genannt wird, hieß bei Richard Wagner, gleichsam dem Stifter dieses Stimmfachs, noch „Hoher Bass“. Gesangshistorisch liegt dem die Traditionsbezeichnung Basso Cantante zugrunde. Sie stammt von den Zeiten der klassischen Belcanto-Schule aus Hochbarock, Klassik und früher Romantik, als man nur die hohe (Tenor-)Stimme und die tiefe (Bass-)Stimme kannte und das Fach der mittleren Männerstimme - der Bariton heutiger Bedeutung - noch nicht entwickelt war (s. „Exkurs über den Bariton“ im Print zur Edition Jörn W. Wilsing / 2018 - HAfG 10603-605).

Die ausdrucks-variablen, zur Darstellung heroischer Dramatik, vitaler Komik oder markanter Charakteristik (oder alldem) geeigneten Stimmen variieren oft zwischen expansivem Basso oder sog. Bassbariton mit ausladendem Tiefenregister, aktionsstark, wandlungsfähig, mit individuellem Personal- und Timbre-Profil. Dieser Stimmtypus wird etwa so beschrieben: Voluminöse, doch bewegliche, farbenreiche Stimme von größerem Umfang; charakterisierungsfähiger sängerischer Gestalter; gewandter Bühnendarsteller.

Der hohe Bass, also Basso Cantante, ist in seinem Entstehungsland Italien primär gesangs- und melosbezogen, im deutschen Kulturraum eher dramatisch-deklamativ eingesetzt. Er hat ein eigenes Wirkungsfeld nicht zuletzt in den Werken und Gestalten der Opera Buffa wie auch der Deutschen Spieloper. Eine faszinierende, spezifische Variante gewann er im Zentralbereich der klassischen Gesangskunst: im französischen Belcanto, dem Style-Classique, dem Beau Idéal - in Grand-Opéra, Opéra-Comique, dann Opéra-Lyrique, auch der Opéra-Bouffe. Dort wurde er (wie Sopran & Ténor) zum Medium der artifiziellen Gesangsdarstellung = der Legato- und Phrasierungskunst, der Grammatik verzierten Singens in Fiorituren mit Appogiaturen, Trillern, Gruppetti, Staccati, der Messa di voce …

Der dafür geltende Begriff lautet Basse-Chantant. Damit wird eine Version der tiefen (eigentlich mittleren & tieferen) Männerstimme bezeichnet, die register- und fachüberschreitend ein universelles Typen- und Gestaltenrepertoire tragen kann - nicht allein stimmvariabel, sondern vor allem sängerisch und singdarstellerisch. Nach dem Vorbild von Kloibers Stimmtypologie-Raster kann man von „den Charakterfächern“ sprechen, die sich von den „seriösen bzw. lyrischen Fächern“ abgrenzen lassen. Ein Fach zwischen den Fächern.

Markante, weithin populäre Vertreter dieses interessanten Fachs, wenn es denn eines ist (und nicht die Kombination mehrerer Fächer), werden uns durch die Literatur, mehr noch durch archivierte Tondokumentationen zur Gesangshistorie, vor Augen und Ohren geführt. Annähernd ein Dutzend berühmt gebliebene Jahrhundertsänger bieten Studienmaterial für Qualitäten, Individualitäten, Faszinationen aus diesen Fachdisziplinen der Musikbühne wie des Vorrats an Zeugnissen großen Gesangs und genialer Singdarstellung. Französische Basses-Chantants (also lyrische Bassbaritone) verkörpern den Typus vielleicht in der reinsten, klarsten, haltbarsten Form. Einer unter ihnen, bislang sehr zu Unrecht unter „vergessen“ zu rubrizieren, ist mit der stattlichen Zahl von 81 Tonaufnahmen aus den Jahren1903-1912 archiviert: Der Wallone Jean Delvoye, Protagonist der Opéra-Comique de Paris, gefeiert auf den Musikbühnen Westeuropas. Ihn präsentiert diese CD in aussagefähigen Klangbeispielen.

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JEAN DELVOYE (gesprochen Delvoà) - Basse-Baryton
* 1854 Liège (Lüttich) - † 13.6.1938 Ougrée / Wallonie

Wie sein illustrer Kollege Hector Dufranne stammte er aus der Wallonie. Damit reiht er sich ein in die respektable Reihe repräsentativer Chanteurs-Belges unter den großen Vokalisten*) des Pariser Opern-Olymps im Golden Age - mit den weltbedeutenden Häusern Grand-Opéra und Opéra-Comique. Sein Geburtstag ist unbekannt; auch über seine Jugendjahre sind keine Fakten überliefert. Sein Name und seine Hinterlassenschaft kommen in keiner Sänger-Enzyklopädie und keinem der neueren Gesangs-Kompendien vor. Auf keinem modernen Tonträger - LP, Single, MC, CD, MVI - ist er dokumentiert. Es fehlt auch an Bildern, zivil und in Bühnenrollen. Zumindest im deutschsprachigen Kulturraum ist er seit Jahrzehnten nicht mehr genannt worden. Er ist neu zu entdecken - und das Hamburger Archiv bietet mit dieser Recordings-Sammlung erste Gelegenheit dazu.

Informationen über den Sänger beginnen mit: Er studierte am Royal Conservatoire de Liège bei dem LaMonnaie-Bassisten Georges Bonheur. Nach nur fünf Monaten Ausbildung errang er beim Concours de Chant Belge in Brüssel den 2. Preis. Er setzte sein Studium bei dem Belcanto-Bariton Sébastien Carman fort. 1879/80 gewann er im Concours Déclamation Lyrique zweimal den 1. Preis. Damit war seine Sängerlaufbahn bestens fundiert. Als Eleve konnte er ab 1881 in Partien mehrerer Opéras-Comiques bei der Salle de Fontainbleau seiner Heimatstatt Liège auftreten. Bis 1886/87 folgten Engagements in Dunkerque (Dünkirchen), Angers (Prov. Anjou) und Nantes. Seine ersten Partien waren Zurga in Bizets Les pêcheures de perles, Belamy in Maillards Les dragons de Villars, Pomponio in Messagérs La Béarnaise, Roi Moussol in Adams Si j’étais roi, Karnac in Lalos Le Roi d’Ys.

1890 wurde der inzwischen Mittdreißiger für Auftritte an der Opéra Municipal de Marseille verpflichtet. In drei Spielzeiten profilierte er sich als eine Art Allessänger, de facto immer öfter in  Charakter- und Buffo-Partien. Ab 1893 begann er an französischen Opernhäusern zu gastieren, so in Lyon, Nice, Lille, Toulouse, Bordeaux. In Lyon debütierte er in einer späteren Glanzrolle: als Beckmesser in Wagners Mâitres chanteurs de Nuremberg. Die überregionale Musikkritik wurde auf ihn aufmerksam - man pries seine “technologie glamoureux et stupéfiant virtuosité”. Er hatte die Stufen zu landesweiter Prominenz erreicht.

Longue distance à la gloire

Dennoch verlief seine Karriere langsam. Erst 1898 kam es zum Pariser Debüt: am 27. Oktober im Théâtre du Château d’Eau als Ourrias in Gounods Mireille. Die Resonanz war triumphal. Umgehend folgten Engagements an der Opéra-Comique. Dort erlangte Delvoye  in kürzester Zeit den Status eines Membre durable de la compagnie. Bis 1912, dem Jahr seines Bühnenabschieds, blieb er fest im Ensemble der Salle Favart.

Delvoye kreierte dort eine lange Reihe universeller Partien und Gestalten in vornehmlich französischen Opernwerken - darunter: Mazurier in Petrellas Célinda, Thomas in Leroux’ Le Chemineau, Politès in Desmarets Circé, Philippe in Nouguès’ Danseuse de Pompéi, Frère Eloi in Piernés Fille de Tabarin, Jeannnic in Lefèvres Le Follet, Méraudon in Fijans Les fugitifs, Ménelas in Boieldieus Télémaque, Vizir in Rabauds Mârouf, Probulas in Rameaus Myrtil, Lucagnolo in Leroux’ La Reine fiamette, Gauchut in de Laras Sanga, die Titelpartie in Wunstorfs Le secret de Mâitre Cornille, Le Maire in Salvayres Solange, Frontin in Picard-Deviennes Visitandines, Précepteur in Lemaires Feminissima, dann Père Peter in Humperdincks Hansel et Gretel und Sacristain in Puccinis La Tosca. Dazu ein gutes Dutzend weitere in Erstaufführungen oder aus dem französischen Comique-Repertoire.

Doch damit ist Delvoyes schier grenzenloses Rollenspektrum noch nicht komplett. Es erschien auch als Figaro und Doct. Bartholo in Rossinis Barbier de Séville, Masetto in Mozarts Don Juan, Escamillo in Bizets Carmen, Alfio in Mascagnis Cavalleria Rusticana, Doct. Malatesta in Donizettis Don Pasquale, Ford in Verdis Falstaff, Lescaut & Brétigy in Manon, Boniface in Jongleur de Notre-Dame, Césaire in Sapho von Massenet, André in Messagers Fortunio, Jean in Massés Noces de Jeannette, Fréderic in Delibes’ Lakmé, Marcel in La Bohème & Sharpless in Madame Butterfly von Puccini, in der Titelrolle in Reyers Mâitre Wolfram - und damit kein Ende.

Als Star der Opéra-Comique stand Delvoye in zahlreichen repräsentativen Festaufführungen und Opernpremieren neben den führenden Vokalisten des Pariser Age d’Or auf der Bühne (so z.B. mit Mary Garden und Léon Beyle 1901, dann mit Marguerite Carré und Edmond Clément 1905 in Jules Massenets Manon). Das Institut schloss mit ihm mehrere Contrats-fermes ab: 1901, 1905, dann unbefristet ab 1907.

Témoin à l’école française

Wie für französische Sänger tieferer Tessituren typisch, klingt Delvoyes Organ auf allen Stimm-Etagen gleichförmig baritonal, mit frischem Sound, in Rohholz-Färbung mit einem Hauch von Körnigkeit, im oberen Register um hellflammend-metallischen Beiklang bereichert.  Sein Umfang ist, weitgehend frei von Registerbrüchen, über fast drei Oktaven expansiv. Er durchmisst ein Materialfeld vom G bis Fis’’, etwa dem klassischen Basso cantante entsprechend, durch eine Kopfstimme-Terz erweitert und darum für praktisch jede Variante des Bassbaritons einsetzbar. Dies allerdings mit spezifischen Eigenschaften des Basse-Chantant français in einer lyrischen Version. Man nimmt sie wahr als jugendlich, kernig, vital, ohne Assoziation an Väter oder Altherren.

Stil und Technik des Sängers entsprechen ganz der klassischen = der “Alten” Schule des französischen Belcanto. Sie beweist sich in meisterlicher Phrasierung mit enormer Führungsflexibilität auch bei “kurzen” Noten, somit einer fast beiläufigen Beherrschung des Cantabile-Stils mit integrierten Fiorituren, linearen Figurationen und pulsierender Intensität aus dem Klang. Delvoye vermag mit der Stimme mimisch zu agieren und also auch im ‘Acoustic operating’ theatralische Wirkung zu erzielen - unaufdringlich subtil und suggestiv. Als Singdarsteller war er ein Zeuge des  Style classique.

Jean Delvoye hatte im französisch-sprachigen Opernbetrieb seiner Ära eine ähnliche Stellung wie in den Nachkriegsjahrzehnten der lyrische Bassbariton Erich Kunz in Wien oder die Italo-Fachspezialisten Bruscantini, Capecchi, Trimarchi, Rinaldi. Werke und Partien weisen ihn als grenzenlos einsetzbaren Universalisten im ‘Fach zwischen den Fächern’ (aber auch innnerhalb dieser Fächer) aus - spielfreudig, bühnensüchtig, nach allen Zeitberichten von zwingender Vermittlungskraft und ansteckender Komödiantenlust. Er überzeugte mit scharfprofilierten Charakterstudien wie mit Buffopartien. Sein sängerisches Spektrum reichte souverän von Basso comico bis Baritono lirico. Sein Publikum erlebte ihn als so variablen wie virtuosen Sängerdarsteller. Die Musikkritik (die sich weithin noch als Gesangskritik auswies) widmete ihm ganze Portraitstudien, vor allem in seiner belgischen Heimat, zuletzt mit der Monographie Un grand artiste wallon.  Er sollte wiederentdeckt werden.

                                                                                                         KUS

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*)  Kleine Auswahl: 
    Désirée Artôt, Blanche Arral, Emma Luart, Edmond Cabel, José Dupuis,
    Adolphe Maréchal, Charles Fontaine, Ernest van Dyck, Jacques Bouhy,
    Hector Dufranne, Jean Noté, Pierre D’Assy …

 

Jean Delvoye (Baritone) (Liège 1861 - Ougrée 1938
 

He studied singing at the Conservatory of Liège under Mr Bonheur, then with Carmon and Ismaël. He started his career in Dunkerque during the 1887-1888 season, then appeared in Angers and Nantes and Marseilles. After the season in Nice, he went to Lyon. Then he was engaged by the Opéra-Comique of Paris in which he performed many years. In 1901 he appeared there in Massenet’s ‘’Manon’’ opposite Mary Garden and Leon Beyle. In the same opera he sang also in 1905, but this time as a partner of Edmond Clement and Marguerite Carre. 1907 appeared in the premiere of the opera ‘’Le Chemineau’’ (1907) of X. Leroux. Probably he retired from the stage in 1910.
Chronology of some appearances: 1901 -  1905 - 1907 Paris 
 Opéra-Comique

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G&T, Paris 1903

Nozze di Figaro (Mozart): Bel enfant 2-32866 1949F
Barbiere di Siviglia (Rossini): Air de Figaro 2-32791 1702F

Beka-Symphonie, Paris  1904

La Fille du Régiment (Donizetti): Au bruit de la guerre with Jeanne Tiphaine 10113

Beka-Grand, Paris 1906

Rigoletto (Verdi): Courtisans, race vile et damnée! 6866

Traviata (Verdi): Lorsqu'à de folles amours 6868

References
·  Le Passe-temps et le Parterre réunis, Lyon, 31 October 1897. Retrieved 28 August 2013.

·  ·  Bulletin de la Société liégeoise de MusicologieNo 80, January 1993, p28.

·  ·  L'Europe artiste. No 39, October 24, 1886, p2.

·  ·  Stoullig E. Les Annales du Théâtre et de la Musique, 37eme edition, 1911. Librairie Paul Ollendorff, Paris, 1912, p121.

·  ·  Wolff S. Un demi-siècle d'Opéra-Comique (1900–1950). André Bonne, Paris, 1953.

·  ·  Discographical data from The CHARM Discography, Centre for the History and Analysis of Recorded Music, <http://www.charm.kcl.ac.uk/about/about_structure>, accessed 8 October 2013.
** 
·  La collection Yves Becko 2006, accessed 28 December 2013.

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Jeanne Daffetye (1878–1962)
 was born Jeanne-Marie-Victorine Deffayet in Paris and made her stage debut (Bordeaux: 1897) under the name Daffetye, an anagrammatic pseudonym. Her Opéra-Comique debut took place on 29 October 1899 as a spirit in Cendrillon. She remained there for five seasons, where she created several small roles, including Bertrade in the world premiere of Massenet’s Grisélidis. In 1904 she went to Anvers where she sang lead roles such as  Manon, Mimi, Juliette, and Violetta, and continued to sing in smaller French houses. She was married to pianist and composer Henri Dèze.

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© Klaus Ulrich Spiegel