„Alors chante, héros!“*
Paul Franz
Ténor dramatique von Jahrhundertrang

* Richard Wagner: Götterdämmerung
Le Crépuscule des dieux - 3. Aufzug, 2. Szene

Wenn unter Stimmfetischisten und Sammlern die Rede auf den Begriff Franzö-sischer Tenor kommt, erscheinen im „inneren Gehör“ meist Assoziationen an exemplarische Vertreter des Fachs Ténor lyrique. Selbst im noch schmalen Archiv-bestand überlieferter Hörstücke seit Beginn der Tondokumentation gelten zahl-reiche Vertreter dieses Stimmtyps - wie Albert Vaguet, Léon David, Edmond Clément, Léon Beyle, René Lapelletrié, David Devries, André d‘Arcor - als beinahe alleinständig für das Beau Idéal klassischer Gesangskunst. Sie werden darin ergänzt durch stark lyrisch geprägte Vertreter des jugendlich-dramatischen Zwischenfachs wie Charles Dalmorès, Emile Scaremberg, Lucien Muratore, Fernand Ansseau, José Luccioni, dann vorrangig Georges Thill. Lyriker der École française prägen den Eindruck von Dominanz mit Kontinuität durch die Jahrzehnte - bis zu Henri Legay, Jean Giraudeau, Michel Sénéchal, Alain Vanzo, Léopold Simoneau …

Style & Élégance
Doch diese scheinbare  Vorherrschaft ist eine Täuschung. Von Anbeginn der Tonaufzeichnung ist ein viel weiter gezogenes Spektrum vokaler und sängeri-scher Tenor-Typologien erkennbar - im französischen Sprachraum nicht weniger als in den anderen abendländisch kulturgeprägten Ländern und Nationen. Die musiktheatralische Schaffens- und Interpretationsgeschichte in Frankreich und französisch dominierten Kulturwelten (Wallonie, Suisse romande, Corse/Korsica bis Canada français) war spätestens seit der nach-napoleonischen Epoche stark von Richard Wagners Musikdrama geprägt, gipfelte zuvor schon in den drama-tisch-pathetischen Grands-Opéras von Meyerbeer, Spontini, Halévy, in denen nicht schmachtende Jünglinge und charmante Liebhaber den tenoralen Leitstern bildeten, sondern Ritter, Führer, Kämpfer, oft auch Tragiker.

Die Partien dieser Opernhelden sind durchwegs für Ténors dramatiques wie auch héroiques geschrieben - Tenorstimmen mit metallisch-gleißendem oder strahlen-dem Gepräge, großem Tonvolumen, Belastbarkeit, Durchschlagskraft, Expan-sionsreserven.


Vertreter dieser heute weltweit rar gewordenen Stimmspezies gab es nicht nur im Âge d’Or der Wagnerdarstellung am Beginn des 20. Jahrhunderts in von deutscher Kultur beeinflussten nord- und mitteleuropäischen Landen, sondern gerade und beispielhaft im französischen Musiktheater. Diese waren, ungeachtet der drama-tisch-heroischen Aufgaben, durchwegs am gleichen gesangstechnischen Stil-Ideal orientiert wie die Kollegen vom lyrischen Fach - keineswegs (wie etwa die Mehr-zahl der italienischen Fachvertreter) durch eine stilbeschädigende, vergröbernde Manier des sog. Verismo beeinträchtigt, sondern Phrasierungskünstler aus der Tradition des französischen Belcanto. Um wenige herausragende, im Tonträger-bestand über mehr als ein Jahrhundert gültige zu nennen: Léonce-Antoine (Léon) Escalais, Ernest van Dyck, Agustarello Affre, Charles Fontaine, Albert Alvarez, Charles Rousselière, Léon Campagnola, César Vezzani - bis zu René Maison, René Verdière, Guy Chauvet …

Eine vokale Ars Gallica
Unabhängig von ihrer natürlichen Erscheinung als Besitzer dramatisch-heroisch ausgelegter Stimmen mit Stamina, Volumen und Vibranz, sind diese Tenorprota-gonisten Vertreter der klassischen französischen Gesangskunst, meist nicht weni-ger als die Tenorlyriker. Diese Kunst, im 19. Jahrhundert, im Prinzip bis heute,
ist definiert durch Eleganz und Leichtigkeit der Stimmführung, Artikulation und Eloquenz der Textvermittlung, Farbenfülle, Anmut, Noblesse der sängerischen Linie.


Die gesangstechnische Fertigkeiten wie Intonations- und Atemkunst, Tonplat-
zierung, Registerausgleich, Klangkonzentration und -integration waren dabei
die selbstverständliche „Arbeitsbasis“, Voraussetzung für professionelles Singen. Sänger aller Stimmlagen und Charakteristiken aus der Ars Gallica waren (und sind weiterhin) Exponenten klassischen Singens, die kontrollierte Tonbildung
des Belcanto mit den Finessen der französischen Diktion verschmelzen.


Gerade diese - einerseits dramatische Expansivität, andererseits virtuose Phrasierung beherrschende - Universalität befähigte viele Ténors dramatiques dazu, auch in Lirico- und Spinto-Partien aufzutreten, Stücke daraus auf Ton-träger zu bringen und überzeugende Interpretationen zu hinterlassen. Sie sangen nicht nur Halévys Éléazar, Meyerbeers Jean de Leyde, Spontinis Cortez, Saints-Saëns‘ Samson, Reyers Sigurd, Verdis Otello und Wagners Tannhäuser, Lohen-grin, Tristan, Siegmund, Siegfried, Parsifal - sondern auch Aubers Masaniello & Fra Diavolo, Boieldieus Jean de Paris & George Brown,  Thomas‘ Laërte & Wilhelm, Gounods Faust & Roméo, Bizets Don José & Nadir, Massenets Des Grieux & Werther …

Aus der eindrucksvoll großen Anzahl dieser Tenöre ragt einer heraus, der als Inkarnation eines verlorenen Ideals und als Meister dramatischer (aber auch lyrischer und jugendlicher) Opernpartien gelten kann - vor allem als Wagner-sänger und in dieser Position als eine Jahrhunderterscheinung, an der sich sängerisch bestimmte Wagner-Interpretation definieren und noch aus der Ton-konserve erfahren lässt: Paul Franz - der maßstabsetzende Wagner-Interpret Frankreichs. Er, dem diese CD-Edition gewidmet ist, darf, ungeachtet einer sehr anderen Art des Wagner-Singens, neben wichtigen Wagnertenören der „helleren“ Farbkategorie wie Urlus, Burrian, Knote, Lorenz, Althouse, Svanholm als gleich-rangig in der Gesangshistorie geführt werden. Um so erstaunlicher, dass deutsche Rezipienten und Sammler seinen Rang noch nicht in Gänze erfassen.

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Paul Franz - eigentlich François Gauthier
(* 30. November 1876 in Paris - 20. April 1950 in Paris)

Er stammte aus bescheidenen Verhältnissen, musste darum zunächst einen Brotberuf erlernen, brachte es bis zum Eisenbahnbeamten bei der staatlichen Société ferroviairé. Von Jugendtagen an hatte er gesungen und sich für die Opéra begeistert. Aus nicht mehr vorstellbaren Gründen wurde ihm die Aufnahme ans Pariser Conservatoire verweigert. Selbstbewusst suchte er sich privaten Gesangs-unterricht - und fand ihn bei Louis Delaquerrière (1856-1937), weiland Erstfach-tenor der Pariser Opéra-Comique. Dort gewann er eine umfassende Entwicklung und Bildung seiner Naturstimme, dazu die ganze Erfahrung eines vielbewährten Bühnenroutiniers.

Als 1908 das Musikjournal Musica einen Gesangswettbewerb für Tenöre aus-schrieb, bewarb sich der schon 32 Jahre alte Eleve und erreichte sofort den 2. Platz (Kutsch-Riemens Sängerlexikon: „Von dem Sieger hat man nie wieder etwas gehört“). Von da an, recht spät, trat er als professioneller Sänger auf, kam über wenige Provinztermine (darunter 1908 Lohengrin in Nantes) schon zur Spielzeit 1909/10 an die Pariser Grand-Opéra. Er debütierte dort erneut mit der Titelpartie in Wagners Lohengrin. Der Erfolg kam einer Abendsensation gleich.

Damit begann eine furiose Karriere, die dem Sänger europaweites Ansehen verschaffte. Vielleicht, um seine Affinität und Vorliebe für deutsche Musik und Richard Wagners Werke zu betonen, nahm er den Künstlernamen an, unter dem er zum Wagnersänger internationalen Ranges aufstieg. Ab 1910 dominierte er das dramatische Tenorfach, exklusiv die Wagner-Tenorpartien an der Grand-Opéra, folgte aber auch zahlreichen Einladungen zu Gastspielen an den Spitzenbühnen wie Scala di Milano, LaMonnaie Brüssel, Covent Garden London, Vlaamse Opera Antwerpen, Nationale Opera Amsterdam, Opéra Monte-Carlo, Teatro Costanzi Rom, La Fenice Venezia, San Carlo di Napoli - bis ans Teatro Colón Buenos Aires. Eine Verpflichtung durch Siegfried Wagner zu den Bayreuther Festspielen 1915 musste wegen des seit 1914 tobenden Weltkriegs annuliert werden.


Repräsentant authentischer Tradition
Paul Franz sang mit größten Erfolgen auch lyrische und Spinto-Partien,darunter  Verdis Radames und Otello. Seine stetige Präsenz in Wagner-Werken ließen diese Auftritte aber mehr und mehr in den Hintergrund treten. Auf Tonträgern hinter-ließ er Soli aus Roméo et Juliette, Damnation de Faust, Carmen, Hérodiade, Louise. Im Wesentlichen aber dominierten dramatisch-heroische Tenorgestalten, vorrangig alle Wagner-Partien von Erik, Lohengrin, Stolzing, Parsifal bis zu den „schweren Helden“ wie Tannhäuser, Tristan, Siegmund, Siegfried. Er meisterte sie alle mit einheitlich souveräner Vokalisation und stärkster singdarstellerischer Vermitt-lung. Dazu exzellierte er in gewichtigen Heldenrollen der Opéra français: Éléazar, Robert, Raoul, Jean, Vasco, Samson, Hérode, Rodrigue und vor allem in der Titelpartie von Ernest Reyers Sigurd, der im Âge d’Or hochpopulären „fran-zösischen Götterdämmerung“.

Er war dennoch kein schmal spezialisierter Spartenstar. Als ebenso ensemble-treuer wie künstlerisch bewusster Musiker interessierte ihn das Genre Musik-theater umfassend. Er hatte 1914 in der Pariser und damit französischen Erst-aufführung des Parsifal den Titelhelden gegeben, war 1921 auch der Enée in der ersten Gesamtproduktion von Hector Berlioz‘ Les Troyens. Er war weiterhin an zeitgenössischen Uraufführungen beteiligt: 1920 als Protagonist in La Légende de Saint Christophe von Vincent d’Indy. 1921 als Titelheld in Antar von Gabriel Dupont. 1923 als Ratan-San in Padmâvati von Albert Roussel. Im selben Jahr an der Opéra de Monte Carlo als Themistocle in Raoul Gunsbourgs Lysistrata.
Nach seinem Rückzug von der Bühne 1937 war Paul Franz Professor für Stimm-bildung und Bühnendarstellung am Pariser Conservatoire. Außerdem trat er als Komponist und Übersetzer deutscher Liedtexte hervor. Er war mit der Sängerin und Gesangslehrerin
Marguerite Monsy verheiratet.

Meister-Sänger und Vorbild-Interpret
Mit einer lt. Michael Scott „edlen Tenorstimme, groß und von zugleich berückender Feinheit“ durchmaß Paul Franz das deutsche und französische Rollenrepertoire für dramatischen Tenor ohne Überforderungen, Abnutzungen, Blessuren. Leider - oder glücklicherweise? - wurden alle seine Wagner-Aufnahmen für den regio-nalen Markt produziert und sind darum französisch eingesungen. Das gibt der Klangwirkung vielleicht gar besonderen Schliff und bezwingende Eleganz. Nach Jürgen Kesting „leuchtete“ diese Stimme, „anders alse die von Léon Escalais mit gleißendem Metall, sie war bei aller Strahlkraft runder. Sie zählt zu den klangschönsten und bestgeführten Heldentenorstimmen des Jahrhunderts.“

Franz verfügte über eine Tonscala vom H bis zum C‘‘, über fulminante Durch-schlagskraft, fabelhaften Registerausgleich, mustergültige Legatokunst. Sein Timbre war nicht das eines baritonal fundierten Eroico; es zeigt eher Nähe zu prädestinierten Lirici-spinti, sog. „Verdi-Tenören“ der Klasse Zenatello, Lauri-Volpi, Merli, auch Borgatti, dem führenden Wagner-Tenor Italiens. Aber es war bei aller erzenen Substanz mit einem Hauch von Luminosité coruscant, weichem Schimmer, umhüllt. Im dramatischen Ausbruch, bei dynamischen Steigerungen lässt er sich nicht zu prunkender Volumenverstärkung treiben, gestaltet vielmehr mit konzentrierter Tonbildung, -versammlung, -verdichtung. Seiner Fähigkeit zu schlanker, schimmernder, farbvariabler Timbretönung, zur Erzeugung von Wohlklang, setzt das keine Grenzen.

Noch einmal Kesting: „Auszüge aus Die Walküre, Siegfried und Lohengrin bezeugen das Niveau des Wagner-Sängers. Das Schmelzlied singt er mit resonanten Marcati. Die Gralserzählung … wird zum Schluss mit attackierender Energie, fast wütend gesteigert, während der Abschied in sanfter Mezzavoce - mit groß-duftigem Klang bei halber Dynamik - vorgetragen wird.“ Bei Sigurd, dem französischen Siegfried, dessen Soli Franz 1912 akustisch, dann 1929 elektrisch aufnahm, lässt sich die stimmliche Entwicklung in einem Vierteljahrhundert Wagner-Gesangs ab-hören: in der späteren Einspielung ist der schimmernde Timbreglanz reduziert, die Sonorität der Mittellage nicht mehr ganz jugendfrisch - doch die kernige Substanz des Materials mit brillanter Höhenlage und die souveräne Technikbeherrschung sind prächtig erhalten.

Paul Franz hinterließ seit 1910 akustische Tonaufnahmen auf HMV und Pathé, ab 1926 dann elektrische auf Columbia und wieder auf Pathé. Es handelt sich durchwegs um Loci classici der Schallplattengeschichte, weithin von vorbildhafter Bedeutung, gerade im Vergleich zum Verfall dramatischen Tenorgesangs seit den 1960/70ern bis heute. An ihnen lässt sich vokale Wagner-Interpretation als Gesangsereignis studieren. Was für ein Schatz im Vorrat großer Vokal-Tondokumente!


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© Klaus Ulrich Spiegel