Splendeur ténorale solitaire
„Wie aus der Ferne …“:
Der Ténor dramatique César Vezzani

Manchen Liebhaber stilreiner klassischer Gesangskunst mit dem zusätzlichen Merkmal eleganter Phrasierung mag es überraschen: Unter den Repräsentanten des französischen Belcanto - also sängerischer Finesse und virtuoser Linienfüh-rung - gab es in der Epoche, die man Age d’or du chant nennt, nicht nur den Typus ‚Orphée français‘ aus lyrischer Provenienz, sondern auch den Ténor dramatique-héroïque, also den auftrumpfenden, durchschlagskräftigen, mit gleißendem Höhenstrahl bezwingenden Heldentenor mediterraner Prägung - die ideale Besetzung nicht nur für Wagners, sondern erst recht für Meyerbeers, Spontinis, Halévys, Reyers Tenorprotagonisten. Das Bemerkenswerte, heute nahezu Allein-ständige, Legendäre, offenbar Unwiederbringliche dieser Sänger lag darin, dass sie ihre hochdramatischen Vokalressourcen mit den sängerischen Fähigkeiten der Lyriker, mithin der Singgrammatik des Belcanto und der Phra-sierungs- und Dynamik-Kunst des Beau Idéal, also von Brillanz, Grazie, Noblesse verbanden.

Die seit Beginn der (akustischen) Aufzeichnungstechnik verfügbaren Tondoku-mente vermitteln uns faszinierende, oft überwältigende Klangzeugnisse davon. Am Beginn steht der maßstabsetzende Inhaber der „gloriosesten Stimme, die je aus einer französischen Kehle kam“: Léonce-Antoine (Léon) Escalais. Sein Stentor-Organ, „von trompetenhafter Intensität“, an Italiens Tamagno erinnernd, „aber zweimal so breit und viel schöner“, konnte lyrisch klingen, aber „wenn er seine Stimme öffnet, kriegen neue Hörer noch nach einem Jahrhundert Gänsehautschauer“
(so Leo Riemens). Eine Jahrhundert-Erscheinung, zugleich auch ein Richtungsweiser für nachgeborene Fachvertreter, aus deren nicht einmal kleinem Kreis dennoch nur wenige „Nachfolger“ kamen.

Ein verlorenes Stimmfach?
Der im klassischen Sinne meisterhafteste Repräsentant einer école française war zweifellos der hochbegabte, wunderbar ausgewogene und zugleich überwälti-gend werkgerechte Singklassiker Paul Franz, zentraler Wagnersänger des ersten Jahrhundertdrittels, nicht nur in Frankreich, sondern in globalen Dimensionen.
In qualitativer Nähe aus dem Zeitumfeld von akustischen und elektrischen Auf-nahmeverfahren, also von gut 50 Jahren Tondokumentation, sind zu nennen: Agustarello Affre
, Albert Alvarez, Charles Dalmorès, Émile Scaremberg, Charles Fontaine, Charles Rousselière bis José Luccioni, René Verdière, René Maison, Guy Chauvet. Ihr Anteil an der französischen Gesangshistorie ist also beachtlich - und dennoch in deutschsprachigen Sammlerkreisen nicht umfassend präsent. In Vari-anten sind sie vokal von lyrischer Ton- und Formgebung mit-bestimmt und im gesanglichen Duktus den Prinzipien von Legato und flexibler Dynamik ver-pflichtet, wenngleich nicht direkt der solitären Klangerscheinung eines Escalais zuzuordnen.

Nur bei einem in diesem Kreis, zeitlich zwischen den Generationen stehend, also bereits von beiden Aufnahmetechniken portraitiert, kommen Assoziationen an Klangbilder und Attitüden eines Escalais auf. Das ist der Korse César Vezzani, Ténor dramatique und héroique, zugleich zur Darbietung legato-betonter, im Umfang weitgespannter lyrischer Opernpartien befähigt. Mit einem Stimmpoten-tial ausgestattet, das heute nahezu ausgestorben scheint: mit fulminant entfal-tetem Strahl und gewichtig-robustem Stahl.

„Der letzte französische Ténor héroique“

Obwohl César Vezzani in zwei Jahrzehnten 170 akustische und elektrische Tonaufnahmen gemacht hat, darunter Grand-Opéra-Titel mit hochberühmten Partner/inne/n, war er kein internationaler Star. Doch seine tönende Hinter-lassenschaft ordnet ihn als einen „Outstanding Vocalist“ seiner Epoche und im Nachklang als eine Erscheinung wie aus ferner Kategorie ein. Nach den Tondo-kumenten kam stimmlich, in Details auch sängerisch, wohl keiner dem Miracle du chant Léon Escalais so nahe wie er.

„Die Stimme des Korsen ist brillant und robust“, so Jürgen Kesting. „Die Intensität seines Singens weist ihn als einen John Vickers von vorgestern aus“, sagt Alan Blyth. Zwei Hör-Impressionen scheinen diese Zuordnung zu stützen: Man vernimmt ein „messingsches“ Stimmgepräge, ähnlich dem jungen Max Lorenz, allerdings runder und fülliger. Und dazu ein prototypisch-französisches Vokalisieren, Dynamisieren, Phrasieren, Akzentuieren, Färben - verstärkt durch scharfklare Artikulation und hochkonzentrierten, schwingenden, schallenden Ton. Er singt mit fester Heldenstimme, ist aber stets zu dynamisch-flexibler Klanggestaltung, sogar zu lyrischer Emphase und weicher Voix-mixte befähigt.

 Von einer nicht völlig überzeugenden, zwar als beispielhaft geltenden, doch (1930) zu spät eingespielten Gesamtaufnahme von Gounods Faust mit dem ebenfalls hochreifen Marcel Journet als immer noch überzeugendem Mephis-tophélès referiert der HiFi-Rezensent Roland Gelatt: „… Sinn für Stil, technische Feinheit und Hingabe an die Intentionen … César Vezzani ist fast ebenso imposant wie Journet, ein heroischer Tenor ohne das enge Bleat (Blöken) oder Whining (Wimmern),
das später in dieser Spezies
(Heldentenor) epidemisch wurde.“

Dramatische Ausbrüche produziert der Tenor mit gebändigter und dennoch überrumpelnder Kraftentladung. Differenzierte, schwebende, schmachtende Vokalisen, wie Gounods Faust und Roméo oder Bizets Nadir oder Lalos Mylio oder Donizettis Fernand oder Massenets Werther sie zu liefern haben, beherrscht er auch - wenn auch mit der kernigen Statur eines reiferen, nicht mehr juvenilen Mannsbilds. Seine Domäne aber sind - natürlich - Wagners Lohengrin, Verdis Radames, Saint-Saëns‘ Samson, Halévys Eléazar, Meyerbeers Robert und Jean, vor allem Reyers Titelheld im Sigurd. Vezzanis Tonzeugnisse aus dieser - in Deutschland bedauerlicher-, ja skandalöserweise nie aufgeführten - französischen Götterdämmerung sind von atemberaubender Präsenz und feurig-mitreißender Kraft, wie überhaupt sein dramatisches Singen durchwegs von kühner Attacke geleitet ist.

Wir werden mit einer vokalen und sängerischen Potenz konfrontiert, wie sie heute - trotz Vickers, Heppner, Hymel - nicht zu erleben ist.

Écoute et sois surpris!
                                                                                                             KUS

CÉSAR VEZZANI - Tenor
(* 8. August 1886 Bastia auf Korsika - † 11. November 1951 Marseille)

Er stammte aus einer Arbeiterfamilie. Aus finanziellen Gründen siedelte die Familie um 1890, wie viele Korsen, aufs Festland. Der Sohn verbachte seine Kindheit und Jugend in der Hafenstadt Toulon an der Côte d’Azur.  21jährig kam er mit seiner inzwischen verwitweten Mutter 1907 nach Paris. Schon als Knabe hatte er Begeisterung für Musik und Gesang gezeigt und in lokalen Chören gesungen. In der Metropole fand er ersten Stimmbildungs-Unterricht bei der ebenfalls korsischen Sopranistin Agnès Borgo (1879-1958), Solistin der Grand-Opéra. Sie förderte sein Vorankommen, finanzierte ihm eine Ausbildung am Conservatoire National de Paris. 1913 wurde sie seine Ehefrau.

Mit dem Diplom der Hochschule konnte Vezzani ein Vorsingen bei der Opéra-Comique erreichen. Diese engagierte ihn sogleich und offerierte ihm ein Enga-gement. 1911 debütierte der junge Tenor auf der berühmten Bühne als Titelheld in Richard Coeur-de-Lion von Ernest Modeste Grétry. Der Erfolg war durchschla-gend und zog weitere erst kleinere, dann spektakuläre Rollendebüts nach sich.


Star in Westeuropa und Nordafrika
1911 bis 1914 gehörte Vezzani zu den Erstfach-Tenören der Opéra-Comique und wusste in Partien wie Corentin in Meyerbeers Dinorah, Des Grieux in Massenets Manon, Don José in Bizets Carmen, Turiddu in Mascagnis Cavalleria Rusticana, Cavaradossi in Puccinis Tosca, Youry in Erlangers La sorcière zu begeistern. 1914 wirkte er neben seiner Gattin am Pariser Théâtre de la Gaîté-Lyrique als Buzor in der Uraufführung von Félix Foudrais‘ Madame Roland mit. Beide Sänger wurden 1914 an das Opera Theatre Boston verpflichtet, konnten das Engagement aber wegen des 1914 beginnenden Weltkriegs nicht antreten.

Nach einem Streit mit der Direktion beendete César Vezzani im selben Jahr seine Ensemblemitgliedschaft an der Opéra-Comique und trat seitdem bis 1921 nicht mehr in Paris auf. An Angeboten fehlte es ihm nicht. So hörte man ihn weiterhin in der französischsprachigen Welt - regelmäßig an den Opernhäusern von Lyon, Marseille, Brüssel, Antwerpen, Gent, Toulouse, Nizza, Toulon. Er gab auch Gastspiele in Genf, Mailand, Venedig, Neapel, in Kairo und Tunis. Besonders am Opernhaus von Algier hatte er ein begeistertes Publikum. Seine Bühnenlaufbahn dauerte 37 Jahre lang - bis er 1948 bei einer Bühnenprobe in Toulon einen Schlag-anfall erlitt, der ihn völlig lähmte. Die verbleibenden drei Lebensjahre verbachte er, vermutlich in Armut, unter Betreuung in Marseille, wo ihn 1951 der Tod ereilte.

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© Klaus Ulrich Spiegel