Poesie und Glamour
an Grenzen

Der kurze Steilflug des Tenors Karl Aagard Oestvig

Unglaublich breit und vielfältig erscheint im Vergleich zur heutigen Angebots- lage das Reservoir an international konkurrenzfähigen Repräsentanten des Sänger-Fachspektrums Tenore lirico spinto, also des jugendlich-dramatischen Tenors, entweder mediterraner oder nordischer Prägung im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Schaut man heute (das heißt: schon seit drei bis vier Jahrzehnten) auf die Besetzungslisten der großen Häuser und Festspiele etwa für Auffüh-rungen von Wagner und Strauss, trifft man in den zentralen Partien dort dieselben, meist kaum mehr als 5-6 Protagonisten-Namen. Zwischen 1900-1930, in der Phase der Tondokumentation mit noch unausgereiftem Acoustic Recording Verfahren, schien eine derartige Begrenztheit der Ressourcen undenkbar. Selbst der begrenzte Bestand an Tondokumenten belegt es: An
ersten Helden war kein Mangel.


Zwei Beispiele dafür: Aus der schier unüberschaubaren „ersten und zweiten Reihe“ der verfügbaren Tenöre fürs dramatische Repertoire standen allein an
der Wiener Staatsoper permanent acht bis zehn Sänger in Idealkonkurrenz bereit – exklusiv oder in Langzeitverträgen. Die Uraufführungen der Opern von Richard Strauss wiesen von Guntram an Startenöre auf, jeder eine Größe, die heute auch marketing-mediale Spitzenposition einnähme: Heinrich Zeller, Karel Burian, Johannes Sembach, Fritz Soot, Hermann Jadlowker, Curt Taucher, Martin Kremer, Julius Patzak, Torsten Ralf.


Beiden Kategorien ist ein Tenor zuzurechnen, der sich in die dokumentierte Historie wenn nicht jahrhundertwichtiger, so doch gefeierter Tenöre des lyrisch-dramatischen Typs eingeschrieben hat: KARL AAGARD OESTVIG, der erste Kaiser in der Uraufführung von Strauss‘ Die Frau ohne Schatten (StO Wien 10.10.1919). Seine tönende Hinterlassenschaft reicht kaum für ein gültiges Urteil aus. Doch er war Zeitgenosse und in Wien zeitweise Konkurrent von Richard Schubert. So ergänzen seine klingenden Spuren Schuberts Portrait-Edition folgerichtig.

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Karl Aagard Oestvig
eigentlich Østvig, in den Chroniken der Wiener Staatsoper auch
Karl Aagard-Östvig, auf Künstler-Starpostkarten der 1920er Jahre
Aagard Oestvig  (*
17. Mai 1889 in Christiania; † 21. Juli 1968 in Oslo)

Er war Norweger. Über seine Herkunft ist wenig bekannt. Als junger Mann
ging er nach Deutschland, nahm privaten Gesangsunterricht, studierte dann an der
Kölner Hochschule für Musik bei Größen wie Fritz Steinbach und Ludwig Wüllner. 1914 hatte er sein Bühnendebüt – sogleich an der Württembergischen Hofoper Stuttgart. Fünf Spielzeiten blieb er dort als Erstfachsänger im lyrischen Tenorfach. 1915 gab er am Großen Haus den Laienbruder Giovanni de Salviati in der Weltpremiere der Oper Mona Lisa von Max von Schillings. Ab 1917 war er auch Gast am Theater Basel. Erste Auftritte als Lohengrin und Bacchus in Strauss‘ Ariadne , dann als Verdis Riccardo und Offenbachs Hoffmann, führten ihn an die K. K. Hofoper Wien. 1919 schloss er einen Gastvertrag an der Bayeri- schen Staatsoper München. Spätestens damit hatte er die Position eines Sängers der ersten Kategorie erreicht. Die Wiener Oper engagierte ihn im selben Jahr fest fürs Zwischenfach. Er übernahm hinfort lyrische und jugendlich-dramatische Partien.

„Magische Verzauberung“
Sein Erfolg in Wien war überwältigend. Vom ersten Auftritt an sah man in ihm eine Erscheinung von magischer Ausstrahlung – „blond, blauäugig, bildschön, mittelgroß, schlank, mit weicher, warmer, edel timbrierter“ Lirico-Stimme, so beschreibt ihn der Wiener Autor Anton Odelga. Sein Rollenspektrum war breit, es reichte von Verdi (Manrico, Riccardo, Carlo, Radames) und Puccini (Bohème, Tosca, Butterfly) über Franzosen (Frau Diavolo, Jean de Paris, Carmen) zum deutschen Repertoire (Martha, Barbier von Bagdad, Bildnis der Madonna) und zur Operette. Mehr und mehr avancierte er zu einer Verkörperung der jungen Helden des Musikdramas, so als umjubelt-verklärter Lohengrin, als Stolzing, Parsifal, sogar als Siegmund, weiter als Pedro im Tiefland und als Canio im Bajazzo. Kulturgeschichtliche Daten bildeten die Wiener Premiere von Korngolds (in Hamburg mit Richard Schubert als Paul uraufgeführtem) Sensationserfolg
Die tote Stadt, noch spektakulärer der Kaiser in der Wiener Uraufführung der Frau ohne Schatten – neben Maria Jeritza, Lotte Lehmann, Lucie Weidt, Richard Mayr, Josef von Manowarda unter der Leitung von Franz Schalk.


Glanz jünglingshafter Ausstrahlung
Zur Verbindung der beiden Wiener Fachkollegen Schubert und Oestvig wieder Odelga: Sie waren „zwischen 1920-1930 umschwärmte Tenor-Lieblinge der Wiener Oper wie auch der deutschen Bühnen. Berührte sich ihr Fach auch in manchen Partien …. so wirkten sie doch auf die Zuhörer grundverschieden. In einem aber glichen sie sich auffällig. Ihre Auffassungen strebten vom … verbreiteten Typus des schweren Helden-tenors fort … , um ihn durch einen helleren, strahlenderen, doch keineswegs weniger intensiven Darstellungs- und Gesangsstil zu ersetzen. Sie waren jugendlich-schöne Menschen, die glaubhaft machten, dass ihr Erscheinen die Partnerinnen verzauberte.
Sie erarbeiteten sich auch sinnvolle Rollengestaltungen, vermittelten dadurch reinste künstlerische …“
Beeindruckung.


Anders als Richard Schubert trat Oestvig nicht in den hochdramatisch-„schweren“ Heroenpartien Wagners auf, ausgenommen als Siegmund, dessen Tessitura, ungeachtet des geforderten Eroico-Gewichts, kommod nur einmal zum B‘ reicht. Er verzichtete aber auf Tannhäuser, Tristan, die Siegfriede, auch auf Otello oder Samson. Dennoch zeigte sein eher filigran geprägtes Pesomedio- Organ bald Spuren ständiger Fachüberschreitung, verlor an Flexibilität und Schlankheit, vor allem am Zauber der Individualität.

Von 1919 bis 1926 war Oestvig ein führender Tenor der Wiener Staatsoper. Er lernte dort die vielbeschäftigte Sopranistin Marie Rajdl kennen, die er heiratete. 1923 unternahm er ausgedehnte Konzertreisen durch Europa und Nordamerika. 1926 gastierte er an der Ungarischen Staatsoper Budapest und an der Hambur-gischen Staatsoper. Ab 1927 erschien er überdies häufig am Deutschen Opern- haus Berlin. Dieses Engagement dauerte bis 1930; es stellte ihn auch in der Partie des Komponisten in Ernst Křeneks spektakulär erfolgreicher Jazz-Oper Johnny spielt auf vor.

1933 hatte Oestvig in Berlin seinen letzten Auftritt als Opernsänger. Seine Karriere währte also kaum länger als 15 Jahre. Die Eheleute gingen 1932 nach Norwegen, arbeiteten dort beide als Gesangspädagogen. Im gleichen Jahr begann Oestvig mit Areit als Dramaturg und Opernregisseur. Nach der Besetzung Norwegens durch die NS-Wehrmacht übernahm er die Leitung des Opernhauses Oslo. Beim Kriegsende wurde er unter dem Vorwurf der Quisling-Kollaboration für einige Monate inhaftiert, später rehabilitiert. Er lebte dann zurückgezogen, wirkte bis zu seinem Tod als Gesangslehrer in Oslo.

Solidität mit Glamour
Die sehr raren und viel zu wenigen Tondokumente des Tenors umfassen Einzelstücke von Wagners Lohengrin, Stolzing, Siegmund, dazu zwei Strauss-Lieder. Sie bringen eine Richard Schubert nicht unähnliche, also weniger metallisch-strahlende, schon gar nicht trompetenhaft überrumpelnde als zwischen Ocker- und Sand-Farben changierende, runde, ein wenig feinkörnige Tenorstimme von mittlerem Volumen, doch vorbildlichem Registerausgleich zu Gehör. Exponierte Töne sind schön in den Klangstrom integriert, die Tonbildung ist weich, doch ohne Anhaucher genau, die Atemführung ruhig und im besten Sinn seriös. Es gibt keine Drücker oder gar Exaltationen. Allenfalls die Tonein-färbungen wirken gelegentlich nachlässig behandelt, die Akzentsetzungen beiläufig. Der Sänger hat erkennbar mit der Arbeit des Singens zu tun (was ein wenig im Gegensatz zu Anton Odelgas Hinweis auf seine Gestaltungsintensität zu stehen scheint). Alle Opernstücke wurden 1922, in der Phase von Oestvigs Wiener Großerfolgen, aufgezeichnet, ebenso die Strauss-Lieder Ich liebe dich und Zueignung. Man müsste über viel mehr Hörmaterial verfügen können. So bleibt eine Einordnung Oestvigs in die Gesangshistorie leider fragmentarisch – wie die Erscheinung dieses Künstlers insgesamt.

                                                                                                              
KUS

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© Klaus Ulrich Spiegel