In einer eigenen Klasse
Der erinnernswerte Bassbariton Gustav Schützendorf

Wenn unter Kennern und Sammlern früher Tonzeugnisse der Name Schützendorf fällt, wird zuerst oder ausschließlich an den Namensträger mit Vornamen Leo gedacht.
Dieser (1886-1931) gehörte zu den populärsten Repräsentanten der Epoche, die man
oft als „zweites Golden Age“ deklariert – eine Zeit der in vielfacher Bedeutung großen Ensembles mit jeweils einer Fülle von Sängerstars. Leo Schützendorf war, mit glanz-voller Laufbahn auf wichtigen deutschen Musikbühnen, seit 1920 eine Zentralgestalt im Kader der Berliner Lindenoper, in einem Bassbariton-Repertoire von Boris Godunov bis Oberst Ollendorf, mit triumphalen Ausflügen zu Operette und Tonfilm, in der Musik-historie aber verankert als Träger der Titelpartie in der Berliner Uraufführung von Alban Bergs Wozzeck. Seine Schallplatten waren Bestseller, beinahe wie die eines
Richard Tauber.


Wenigen Gesangsinteressierten war stets bewusst, dass der als Jahrhundertgröße historisierte Sänger nur einer, wenngleich der best-erinnerte, von vier Brüdern war, die sämtlich große kontinentale Karrieren machten: Guido (*1880), Bariton, präsent auf allen großen Musikbühnen des deutschen Sprachraums. Alfons (*1882), Bassbariton, Schüler von Felix von Kraus und Giuseppe Borgatti, gefeiert als Wagner-Bassist und Helden-sänger in ganz Europa, in den Bayreuther Annalen als Alfons Schützendorf-Bellwidt. Und Gustav (1883-1937), Absolvent der Konservatorien von Köln und Milano – Baritono drammatico der ersten Reihe in zwei Welten, mit einem Spektrum von Charakterbariton bis Basso comico.

Die Lücke von Rang und Ruhm
Mit einer viel schmaleren Hinterlassenschaft an Tondokumenten als etwa der Bruder Leo, war Gustav Schützendorf wohl die größte Stimmbegabung unter den vier Brüdern und, ungeachtet Leos enormer Popularität und spektakulärer Erfolge, auch der profes-sionellste Gesangskünstler. Er verfügte über einen weiteren Tonumfang, ausgeprägtere Timbrefarben, sang eine breitere Palette an Fachcharakteren. Der größere Ruhm des Bruders Leo, dessen Stimm-Material monochromer, ebenmäßiger, im Tongepräge „glatter“ klingt und der sängerisch noch stärker an klassischer Phrasierungskunst orientiert wirkt, scheint sich auch aus seiner bemerkenswerten Kunst der Nuancierung und Fülle der Ausdrucksmittel gespeist zu haben – Leo war ein singender Darsteller, ähnlich Schaljapin oder Bohnen (wenngleich mit weit weniger dämonischer Ausstrah-lung), Gustav ein Repräsentant des ‚“Fachs zwischen Fächern“, von Papageno bis Telramund, also eines Basso cantante deutscher Prägung mit einer Range bis zum A‘‘.

Gustavs Naturorgan hatte mehr „Korn“, seine Tonproduktion mehr Vibrato, dazu stets auch schwingende Phrasierung und eine ausgefeilte Technik der Schall-Expansion. Sein Ausdrucksstil wirkt gelegentlich etwas altväterlich-betulich-emphatisch (da war Leo der „modernere“ Singgestalter). Doch seine Tonentfaltung durch Nutzung der vorderen Resonanzräume erzeugt wunderbare Klangwirkungen, musterhaft zu studieren in Kühleborns Arioso aus Lortzings Undine oder in Schumanns Du bist wie eine Blume.

Als German Voice an der Met
Gustav Schützendorf war – mehr als seine Brüder – auch ein internationaler Sänger.
Sein Weg führte ihn vom Bühnendebüt als Don Giovanni in Düsseldorf über Basel und Straßburg an die Münchner Hofoper (wo er 1917 an der Uraufführung des Palestrina als Graf Luna beteiligt war), als Gast an die Wiener Hofoper, nach Berlin, Leipzig und Barcelona, dann ab 1922 für 13 Spielzeiten an die Metropolitan Opera New York. Seine Partien dort machen sein Spektrum deutlich: Papageno in der Zauberflöte, Ottokar im Freischütz, Pizarro im Fidelio, Wolfram im Tannhäuser, Telramund, König Heinrich & Heerrufer im Lohengrin, Kurwenal im Tristan, Beckmesser in Meistersinger, Gunther in Götterdämmerung, die drei Alberich-Partien im Ring, Amfortas und Klingsor im Parsifal, Lindorf in Contes d`Hoffmann, Silvio in Pagliacci, Kalif im Barbier von Bagdad, Peter in Hänsel und Gretel, Lambertuccio im Boccaccio, Faninal im Rosenkavalier, Altair in der Ägyptischen Helena, Kaiser in Strawinskys Rossignol … Insgesamt 441 Auftritte in 39 Partien.


Während seiner USA-Seasons gastierte Gustav auch weiterhin auf Weltbühnen: Amsterdam, München, Berlin, Wien, San Francisco. Zu seinem Repertoire gehörten dabei auch die Titelrolle im Don Giovanni, Minister im Fidelio, Graf Eberbach im Wildschütz, Jäger im Nachtlager in Granada, Musikmeister in Ariadne auf Naxos, Adorno
in Schrekers Gezeichneten, Frank in Korngolds Tote Stadt. Er war mit zwei berühmten Sängerinnen verheiratet: erst mit der gloriosen Delia Reinhardt, dann mit der in Dresden, London und New York gefeierten Grete Stückgold.


Die Brüder Guido und Alfons haben offenbar keine Tondokumente hinterlassen, die
von Leo füllen gut drei CDs. Als Auskunftsquelle über Herkunft, Familie und Lebens- wege liegt eine biographische Erzählung in eher gefühligem Gartenlaubenstil vor: Künstlerblut – Leo Schützendorf und seine Brüder (1943 Berlin) von dem fünften Bruder Eugen Schützendorf, die schon im Titel und durch sämtliche Bildtafeln eine Konzen-tration wiederum auf Leo, den prominentesten der vier Sänger, erkennen lässt. Zu Unrecht: Gustav Schützendorf ist eine zentrale Gestalt der deutschen Gesangs-geschichte. Das Hamburger Archiv wird nach weiteren Tondokumenten suchen.


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© Klaus Ulrich Spiegel