Protagonist und Pionier


Der bravouröse Baryton belge Jean Noté

„Nicht ein Ton, der nicht gesessen hätte, nicht eine Phrase, der man nicht einzigartige technische Perfektion attestiert hätte. Welcher Charme, welche Farben, welche Phrasierung! Seine Interpretationen sind restlos
expressiv und stimmig. Ein Meister.“

Georges Bonheur, Maître vocal / 1894

 

 

Wie dem Typus „chanteur français“ schlechthin, werden vor allem den Baritonen des französischen Kultur- und Sprachraums spezifische Eigenschaften zugesprochen, die sich deutlich von der Strahlkraft italienischer wie der Gravitas deutschstämmiger Fachvertreter abgrenzen lassen. Was ihnen an Vibranz, Strahl und Schmetterton zu fehlen scheint, ersetzen sie durch schwebend-schwingende Phrasierung, leuchtende gemischte Höhen, Farbenreichtum und pulsierenden Vortrag. Gegenüber effektvollen Forza- und Squillo-Expressionen vermitteln sie Abbilder von Eleganz, Noblesse, Dignité. Das erweist sich unabhängig von Charakter, Gewicht, Timbre des Stimm-Materials - fundierte Schulung in klassischer Gesangskunst (Beau-chant & Ornementée) vorausgesetzt.

Der Vorrat an Klangzeugnissen seit Beginn der Tondokumentation - sogar noch vom Ende des 19. Jahrhunderts - hält zahlreiche Belegbeispiele dafür bereit. Bleibende Maßstäbe setzen dabei, ungeachtet reduzierter bis fossiler Klangtechnik, namhafte Repräsentanten einer großen, noch bis in die 1920er Jahre fortdauernden Epoche.

Die Reihe reicht vom Sängerdarsteller, Komponisten und Autor Jean-Baptiste Faure (Uraufführungsstar in Thomas‘ Hamlet und Meyerbeers L’Africaine / r. auf Pathé-Cylindern 1900) --- über Léon Melchissedec, (Erstprotagonist in Werken von Auber, Paladillhe, Massé, Saint-Saens, Massenet & Jacques Offenbach / r. 1903/07); Jean Lassalle (gefeiert an der Grand-Opéra Paris, Covent Garden London, Metropolitan Opera NYC / r. 1902/09); Victor Maurel (Kreator von Verdis Jago & Falstaff und Leoncavallos Tonio / r. 1904); Gabriel Soulacroix (erster Prior in Massenets Jongleur de Notre-Dame / r.1902/04); Jean Perrier (Uraufführungs-Sänger in Cinq-Mars von Gounod und Don Procopio von Bizet / r. 1905); Alexis Ghasne (erster Timon in Erlangers Aphrodite / r. ab 1906); Maximilien Bouvet (Mitwirkender in acht Uraufführungen von Massenet, Reyer, Lalo, Bruneau, de Lara, Chabrier, Messager … / r. ab 1903) --- bis zu den dominanten Belcantisten der französischen Musikwelt: Maurice Renaud (Sängerstar in Paris, Brüssel, London, St.Petersburg, New York / r. ab 1903) und Hector Dufranne (Frankreichs erstem Scarpia und Jochanaan, UA-Sänger in Bruneaus Nais Micoulin und Massenets Thérèse / r. ab 1906).



 

Voilà: un Solitaire

Und das sind nicht alle. Die Nachklänge ihrer Gesangskunst lassen sich bis in französische Vokalaufnahmen von heute wahrnehmen. Soweit man von einer „französischen Schule“ sprechen kann, bezeichnet sie - in allen Stimmkategorien - die Träger und Präsentatoren des Beau Idéal = des Singens im Zeichen von Charme, Klarheit, Lebendigkeit.

Unter solchen Vorzeichen mag es überraschen, dass einer der wichtigsten Baritone der ersten tondokumentierten Sängergeneration bei deutlicher Beherrschung dieser École française du chant über ein Naturinstrument verfügte, das man rein vokal als typisch für Musikdrama und Verismo einordnen könnte: voluminös, ausladend, schallkräftig, expansiv, im Timbre körniger, zugleich metallischer als von den Sängerstimmen des französischen Kulturraums gewohnt.

Dieses Prachtorgan gehörte dem universal begabten, in seiner Ära nahezu legendären Belgier Jéan Noté. Seine eminente Karriere umfasste 36 Jahre, davon zwei Jahrzehnte fortdauernder Tondokumentation mit Soli & Duetten aus Werken nahezu aller Genres und Repertoires, neben den Klassikern auch einer Vielzahl heute kaum mehr bekannter Opéra- & Opéra-Comique Raritäten. Er war nach Material, Ausdruckfülle, Variabilität, Präsenz ein Solitär‚ zugleich ein früher Medienstar von Breitenwirkung und Popularität.

JEAN (Jean-Baptiste) NOTÉ (Bariton)
* 6. Mai 1858 Tournai / Hennegau, Walonien -- 1. April 1922 Brüssel

Der Sänger stammte aus prekären Verhältnissen. Er wurde als Kind einer Tagelöhnerin unehelich geboren und arbeitete schon als Zehnjähriger in einer Wirkerei, später als Rangierer bei der belgischen "Societé Nationale des Chemins de Fer Vicinaux“. Um den kargen Sold der Rekruten aufzubessern, meldete er sich nach der Einberufung zur Armee freiwillig für zunächst sechs Dienstjahre. Nach schlimmen Erfahrungen mit dort herrschenden Barras-Brutalitäten floh er über die französische Grenze nach Lille, schlug sich dort als Straßenbahnfahrer und Gasuhren-Ableser durch, kehrte dann aber wieder zur Truppe zurück.

Schon als Jugendlicher hatte Noté musikalische Erfahrungen gesammelt: so in einer Karnevalsgesellschaft und als Tambour in der örtlichen Garde-civique. Hin und wieder trat er gegen kleine Honorare als Sänger in Cafés auf. Sein Gesangstalent sprach sich am Militärstandort herum. So wurde er als Solist zu einem Armeekonzert in Gent kommandiert. Das machte ihn bekannt. Mäzene vermittelten ihn ans Koninklijk Conservatorium Gent und finanzierten zwei Semester Unterricht. Danach erhielt er ein staatliches Studienstipendium mit Zusatzförderung von seiner Heimatstadt Tournai.

Mit dem Abschlussdiplom „avec distinction“ konnte sich Noté als fertiger Bühnensänger bewerben. Er erhielt sogleich Abendverträge mit Bühnen- und Rollendebüts in Le Havre, Rouen, Lille (1885), Antwerpen (1887), Lyon (1891), Marseille (1892). Binnen zehn Jahren durchmaß der 25-34jährige eine Blitzkarriere als Baryton principal der belgisch-französischen Musikszene. Er krönte sie 1893 durch ein Erstfach-Engagement an der Grand-Opéra in Paris mit der Antrittspartie als Verdis Rigoletto. An diesem zentralen Institut europäischer Kulturhistorie blieb er 30 Jahre lang als Star seines Stimmfachs unter Vertrag. Von dort aus führten ihn Gastspiele durch Europa und nach Übersee.

Als nun international prominenten Vertreter französischen Bühnengesangs, keineswegs nur in Werken der französischen Oper, erreichten Jean Noté ab den 1890ern Angebote für Gastspiele an den großen Häusern zweier Kontinente - so am Royal Opera House in Covent Garden London, am Théâtre de LaMonnaie in Brüssel, an der Opéra de Monte-Carlo, an den Hofopern von Berlin und Wien, in Amsterdam und Den Haag - schließlich 1908/09 an der Metropolitan Opera New York. Auch als Konzertsolist war er vielgefragt, vor allem bei Festaufführungen in den großen Pariser Kathedralen. Seiner Herkunft in Armut eingedenk engagierte er sich als Philanthrop, initiierte landesweite karitative Aktionen, sang oftmals ohne Honorar in Benefizkonzerten.

Pionnier social et technique

Während der Glanzjahre des Sängers entwickelte sich die Tonträger-Industrie. Noté war von Anbeginn dabei; seine ersten Tonaufnahmen datieren von 1898/99. Er gehörte nicht nur zu den ersten, sondern auch zu den produktivsten Tonträger-Stars, spielte eine Fülle von Stücken unterschiedlichster Genres und Richtungen ein - von Chants solos aus Opéras/Opérettes bis zu Traditions- & Volks-Chansons - auf Walzen, Cylindern, Schellacks. Allein der Pathé-Katalog von 1914 führt nicht weniger als 50 Platten (100 Titeln) mit Jean Noté auf. Er war ein Vorreiter und Auslöser der Tonaufnahme als Kulturträger und Marktprodukt, ähnlich Enrico Caruso in der englisch-amerikanischen Welt (s. Editorische Notiz).

Zu Notés Aktivitäten mit bleibenden Wirkungen gehört sein berufspolitisches Engagement. Im Mai 1906 war er einer der Gründer der Association Phonique des Grands Artistes (APGA). Das war eine Produktionsgesellschaft in Trägerschaft von Sänger/inne/n, die den Musikern (und nicht allein Autoren & Musikverlagen) angemessene Beteiligung an den Vertriebserlösen sicherte - also nicht nur Studio-Stundenhonorare. Noté zählte auch in anderen neuen Medien zu den Pionieren, so bei der Entwicklung von Rundfunk und Tonfilm (der Kopplung von Phonographie & Kinetographie).

Präsenz zwischen Charakteren und Stilen

Jean Noté war nicht allein als Repräsentant des Style français im französischen Repertoire aktiv. Sein Ruhm gründete sich auch auf die Interpretation von Opernpartien Richard Wagners, besonders den dramatischen und charakteristischen: als Telramund im Lohengrin, als Beckmesser in den Maîtres chanteurs, als Wolfram im Tannhäuser und als Alberich & Donner im RING = L‘Anneau du Nibelung. Gefeiert wurde er auch als Verdi-Bariton, so in den Repertoire-Rennern: der Titelrolle im Rigoletto, dem Comte de Luna in Le Trouvère, dem Germont-Père in La Traviata, dem Amonasro in Aida und Jago im Otello. Doch im Zentrum seiner Auftritte stand die französische Oper, herausragend die Titelpartien von Gioachino Rossinis Guillaume Tell und Ambroise Thomas‘ Hamlet, von Meyerbeer Nevers in Les Huguenots & Nelusco in L’Africaine, von Gounod Valentin im Faust & Mercutio in Roméo et Juliette, der Escamillo in Bizets Carmen, von Massenet Scindia im Roi de Lahore & Comte Des Grieux in Manon.

Und weiter: Neben einer Reihe von Opéras-comiques und Opérettes, in denen er Ausdruckskunst und Spielfreude zeigen konnte, stehen in Notés Rollenbuch die Uraufführungen von Alfred Bruneaus/Emile Zolas Messidor (1897) und Eugène d’Harcourts Le Tasse (1903), sodann spektakulär Jules Masenets Roma (1912) - dazu 1921 noch Antar von Gabriel Dupont.


 

Belcantist und Bravado

Im Großen Sängerlexikon wird Noté „eine der schönsten Baritonstimmen“ attestiert, „die die französische Oper innerhalb seiner Künstlergeneration besaß“. Das New Grove Dictionary of Opera vermerkt, Notés Gesang wirke auf seinen Tonaufnahmen stilistisch oft ein wenig grob und uninteressant, falle aber durch seinen robusten, machtvollen Ton auf. In nahezu allen zeitgenössischen Rezensionen wird mächtiger Stimmklang hervorgehoben. Im Brüsseler Le soir hieß es zu Notés Enrico Ahton in Lucia di Lammermoor: „Mag das Orchester mit geballtem Blech toben, sein ganzes Schlagwerk in Schwung bringen, Posaunen grollen, Klarinetten schreien, Geigen singen, Celli seufzen lassen: Der Gesang von Herrn Noté bezwingt all diese Stürme, hält den Takt mit Souveränität, füllt mit Leichtigkeit die Fermaten aus, folgt der musikalischen Phrase, ohne je zu schwanken - und erntet schließlich Ovationen des ganzen Auditoriums.“

In der Tat evozieren Klang und Volumen der puren Naturstimme auf Tonträgern aus 20 Aufnahmejahren den Eindruck dunkelgefärbten, kernig-körnigen, schallkräftigen, expansiven Naturmaterials - nach den Regeln der klassischen Schule solide bis brillant umgesetzt: mit präziser Intonation, schwingender Phrasierung, varianten Farben und schlackenlosem Registerausgleich bis in Höhenregionen mit vorbildlichen, dabei wunderbar platzierten Mischtönen. Voici: eine rare Kombination von Stilkunst und reicher dramatischer Ausdrucksintensität. Ein sowohl traditionsgebundener als auch moderner (nämlich fürs Musikdrama adäquater) vielfältig grenzüberschreitender Sängerdarsteller.

Wer sich konzentriert mit der enormen Hinterlassenschaft von Notés Tondokumenten auseinandersetzt, stellt fest: die nicht selten vernehmbaren abwertenden Bemerkungen über „grobes“ oder gar „brutales“ Kraftsingen beziehen sich durchweg auf späte Aufnahmen nach 1912 ff. Noté stand da nicht mehr in der Blüte und Frische seiner universell geforderten und genutzten Auftrittspraxis. Die hatte Spuren hinterlassen, nicht am immer noch imposanten Material, aber an der Verfügbarkeit der sängerischen Mittel. Hört man Aufnahmen bis 1910/12, wird man immer wieder von Brillanz und Agilità, Stilsicherheit und sogar Canto-fiorito-Können begeistert. Dabei animiert - als ein weiteres Element von Eigenprofil - eine selbst in frühesten Einspielungen spürbare Sing-Begeisterung, ein sängerischer Elan voll Lust und Schwung und Verve, wie man ihn in den Tonzeugnissen anderer Belcantisten seiner Zeit kaum erleben kann.

Eben das mag Notés Erfolg als eine Art Sänger des Volkes mitbegründet haben. Zu den populärsten Chansons, die er aufgenommen hat, gehören patriotische Lieder, so etwa das Kampflied Le violon brisé oder die Schiffer-Romanze L’Angélus de la mer, die der Komponist Gustave Globlier dem Sänger als „barytonnerre“ (etwa: Donnerbariton) gewidmet hatte. Der genoss insbesondere in Belgien große Popularität. Sein Name wurde als Werbeträger für zahlreiche Objekte verwendet (Cafés, Getränke, Flaschen), selbst Schallplattenspieler wurden als Notéphone bezeichnet. Noté wird als sehr hochgewachsener, kräftiger Mann beschrieben, der ein „Kerl und Bonvivant“ gewesen sei. Er habe „einen ordentlichen Stiefel vertragen, für vier gegessen und wie ein Türke geraucht“, heißt es in einem Nachruf.

Am 17. Februar 1913 wurde Jean Noté zum Offizier der französischen Ehrenlegion ernannt, vor allem wegen seiner menschenfreundlichen, philanthropischen Aktivitäten. Seine wallonische Heimatstadt Tournai benannte eine Straße und eine Schule nach ihrem bedeutenden Sänger-Sohn und errichtete ihm zu Ehren ein Denkmal. Er verstarb 1922 überraschend an den Folgen eines chirurgischen Eingriffs. Sein Erbe kann bis heute als Studienmaterial und als Fascination durable gelten.

Un grand homme, artiste, chanteur.

Editorische Notiz


Jean Noté gehörte zu den Stars der frühen französischen Phono-Industrie: Von 1898/99 bis 1918 machte er Hunderte von Aufnahmen: Erst für Emil Berliner, 1902 bis 1906 für G&T, 1903 bis 1917
für Pathé-Frères (darunter Gesamtaufnahmen von Rigoletto und Trovatore), 1905 bis 1907 für HMV-Zonophone, 1904 bis 1910 für Odeon, ferner für Edison, APGA, Belge, Lyrophone, Favorite, Anker, Beka-Ideal, Columbia und zuletzt 1918 für Chantal de Luxe.

Manche heutige Gesanghistoriker behandeln den Sänger abschätzig. Das erscheint unangemessen, wird der Tatsache nicht gerecht, dass Noté fast 30 Jahre lang der führende Bariton der Pariser Opera war. Der Grund: Man findet seine Platten weit verbreitet - zu häufig, als dass sie zu den Raritäten gezählt würden. Allerdings: Allzu oft wiederholte er für alle Labels immer dieselben populären Stücke, die dann in immer neuen Editionen verbreitet wurden, während seltene Nummern aus entlegenen Opern/Bühnenwerken ungeachtet grandioser Darbietung von den Produzenten als Nischenprodukte behandelt und nur in kleinen Auflagen vermarktet wurden.

So wurde Notés Singen nach 1910 als grob und schwerfällig benotet: wenig elegant, allein auf die Entfaltung des Prachtorgans angelegt. Dagegen belegen gerade die frühen, noch klavierbegleiteten Aufnahmen bis ca. 1905 mehr über Notés tatsächliches technisches, musikalisches und stilistisches Können als die späteren Einspielungen mit Orchester. Leider wurden diese späten, leichter erreich-baren Platten überproportional häufiger zur Beurteilung des Sängers durch Musikhistoriker oder für LP/CD-Wiederveröffentlichungen verwendet. Unsere Edition konzentriert sich darum auf die frühen Titel. Zum Vergleich der frühesten mit den letzten Einspielungen bietet sie Gegenüberstellungen aus beiden Phasen.

Besonders interessant sind Vergleiche der Titel-Wiederholungen innerhalb der Aufnahmen für G&T
von 1902 bis 1904. Verbesserte Aufnahmequalität und verlängerte Spieldauer führten nicht einfach
zur reinen Wiederholung eines Stücks, sondern oft auch zu neuen Arrangements der jeweiligen Szene, bestehend aus einer Arie mit vorangestelltem Rezitativ. Hier zeigt sich Jean Noté als inspirierter, spontaner, sensibler und passionierter Interpret, zudem als großer Stilist, der die Gesangstradition des späten 19. Jahrhunderts kennt und beherrscht.

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© Klaus Ulrich Spiegel