Süddeutsche Zeitung
Dienstag, 12. November 2013
 


Singen heißt die Kunst

Klaus Ulrich Spiegel erläutert die Rolle
des komischen Basses in der Opera buffa

Wolfratshausen — Der Mann versteht etwas von Gesang. Wenn man Klaus Ulrich Spiegel nur zusieht, wie er einer Arie von Rossini oder Donizetti lauscht, leise im Takt mitwippt, gelegentlich die Augenbrauen hochzieht, dann merkt man, dass er in dieser Kunst zu Hause ist. Kein Wunder: hat er doch selbst bei zwei Kammersängern studiert, ist Mitherausgeber des Hamburger Archivs für Gesangskunst und Co-Autor von Standardwerken zu diesem Thema. Im Berg-kramerhof, wo seit Juli das Pocci-Museum untergebracht ist, schöpft er jetzt in drei Vorträgen aus seinem profunden Opern- und Gesangswissen. Am Samstag war Premiere: Der Basso buffo comico lautete das Thema. Eine interessierte Schar von Zuhörern hatte sich eingefunden, ganz im Sinne des Referenten, der keinen großen Saal gebucht hatte, sondern ein Nebenzimmer des Bergkramer-hofs. Michael Köhle, Vorsitzender der Franz-Graf-von-Pocci- Gesellschaft, erläuterte in seinem Grußwort den Bezug. Von 1848 bis 1864 war Pocci Hof-musikintendant und insbesondere für die Hofoper zuständig. Eine ähnlich umfassende Funktion hatte nach Pocci nur noch August Everding inne.

Klaus Ulrich Spiegel legte zu Beginn des Vortrags seine Ziele dar. Lust auf bewusstes Hören von virtuosem Gesang wolle er machen, nicht in die Werke an sich einführen. Dazu hatte er diverse Handzettel ausgelegt, die einige Grund-begriffe erläuterten: Singen und StimmeBelcantoOpera buffa und ähnliche Themen. Spiegel hob in seinem Vortrag hervor, worauf es beim Kunst-gesang ankommt: nicht dem artikulierten Text Klang zuführen, sondern umge-kehrt den gesungenen Ton durch Text ergänzen. Das gilt insbesondere für die Opera buffa, die komische Oper eines Rossini, Donizetti, Lortzing oder Nicolai. Diese Gattung, lange Zeit durch Wagner, Verdi, Strauss und Puccini in den Hintergrund gedrängt, verlangt von den Sängern eine unglaubliche Virtuosität: blitzschnelles Einschwingen der Stimme, Legatokultur, glasklare Artikulation. Spiegel hatte eine breit gefächerte Auswahl an Tonbeispielen zusammengestellt, von der Trichteraufnahme aus dem Jahr 1907 bis zum Digitalmitschnitt von 1999. Bassisten waren diesmal das Thema, in den folgenden Vorträgen wird es um Altistinnen und Tenöre gehen.

Nach einer Donizetti-Arie brechen die Gäste beinahe spontan in Beifall aus.
Ein Prototyp eines solchen Basso buffo comico war Karl Christian Kohn, der von 1958 bis 1991 an der Münchner Staatsoper wirkte, aber kaum in seinem eigentlichen Fach sang, weil die Opera buffa nicht gepflegt wurde. Die Aufnah-men, vom klassischen Kassettenrekorder abgespielt, zeigten Kohn und andere Bassisten in Hochform, wie sie mühelos die schwierigsten Koloraturen hinauf- und hinunterkletterten und dabei immer textverständlich blieben. Hier wird
der Genius der musikalischen Komödie auf den Punkt gebracht
, erklärte der Referent. Und so war es auch. Am Ende einer Donizetti-Arie, gesungen von Giuseppe Taddei, wären die Anwesenden beinahe spontan in Beifall ausge-brochen; gerade noch rechtzeitig besann man sich, dass es ja eine Tonaufnahme war. Spiegel sprach frei, hatte nur die wichtigsten Stichpunkte im Manuskript notiert. Die echte Begeisterung für sein Thema war ihm anzumerken und über-trug sich auch auf das Publikum. Und er verstand es, hörbar zu machen, was beim kunstvollen Belcanto wesentlich ist. Ältere Sänger, deren stimmliche Mittel nachlassen, kaschieren dies in der komischen Oper oft durch Albereien und Überpointierung. Die ausgewählten Aufnahmen zeigten alle Künstler auf der Höhe ihres Könnens, und es wurde auch deutlich, wie sich der Stil im Laufe der Zeit wandelte. Spiegel weckte Neugier auf die Vorträge an den kommenden Samstagen. Eines seiner Bonmots könnte als Motto über der gesamten Reihe stehen:
                  Stimme ist noch gar nichts — Singen heißt die Kunst!

REINHARD SZYSZKA


Samstag, 16. November: Klangpracht und Virtuosität: Die Mezzo-Diva; Samstag, 23. November: Fiorituren- Feuerwerker: Der Tenore di Grazia.
Beginn jeweils 15 Uhr, Begegnungszentrum Bergkramerhof, Wolfratshausen
 

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© Klaus Ulrich Spiegel