Christoph W. Gluck (1714 - 1787)

Die Pilger von Mekka

 

Komische Oper in drei Akten von Florent Carton d’Ancourt
nach dem Vaudeville Les Pèlerins de la Mecque von Jean-Claude Gillier
Uraufführung als La Rencontre imprévue / 7. Januar 1764 Wien, Burgtheater

Rundfunk-Studioproduktion (TV-Soundtrack) des Bayerischen Rundfunks
r. 1962 München

Leitung: Heinrich Bender

 

Der Sultan von Ägypten Franz Klarwein
Rezia, seine Favoritin Eva Maria Rogner
Balkis, Rezias Vertraute Brigitte Fassbaender
Ali, Prinz von Balsora Horst Wilhelm
Osmin, sein Diener Ferry Gruber
Calender, ein Derwisch Karl Christian Kohn
Ein Karawanenführer Adolf Meyer-Bremen

 

Chor des Bayerischen Rundfunks
Sinfonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks

 


 

Die Handlung

 

Ort und Zeit: Hafen, Stadt und Palast von Cairo / 16. Jahrhundert

 

Erster Akt — Im Hafen von Cairo

 

Seit schon zwei Jahren suchen Prinz Ali von Balsora und sein Diener Osmin nach Rezia, Alis Verlobter, die von Piraten entführt wurde. Sie kommen nach Cairo. Dort treffen Sie einen singenden Derwisch, der sich als Landsmann und Untertan des Prinzen entpuppt. Dieser erzählt Ali vom ägyptischen Leben und vernimmt die Geschichte der Suche nach Rezia. Da erscheint Balkis, Rezias Vertraute. Sie berichtet, Rezia werde in einem Haus in der Stadt als Gefangene des Sultans gehalten. Von einem Fenster aus habe sie Ali erblickt. Sie wolle den Geliebten treffen. Der skeptische Ali wird in das von Balkis bezeichnete Haus gedrängt.

 

 

Zweiter Akt — Ein fürstliches Gebäude in Cairo

 

Prinz Ali und Osmin werden ins Haus geleitet und dort von hübschen Sklavinnen bedient. Eine der Bediensteten mit Namen Dardané umschmeichelt Ali, wird aber abgewiesen. Sie gesteht, im Auftrag ihrer Herrin Rezia, die hier vom Sultan gefangen gehalten werde, gehandelt zu haben, um die Treue des Prinzen zu erproben. Nun betritt Rezia den Saal. Die Liebenden umarmen einander voller Glück. In den nächsten Tagen, wenn der Sultan auf die Jagd geht, wollen sie gemeinsam fliehen. Balkis meldet, der Sultan sei auf dem Weg zu Rezias Quartier. Durch einen Geheimgang bringt Osmin seinen Herrn und Rezia zu einer Karawanserei in Sicherheit.

 

 

Dritter Akt — In der Karawanserei

 

Der Karawanenführer bereitet einen Pilgerzug nach Mekka vor. Mit dem Derwisch Calender trinkt er in seiner Religion streng verbotenen Wein. Ali, Rezia und Osmin suchen bei der Karawane Hilfe; als Pilger wollen sie die Flucht bewerkstelligen. Ali schenkt den Beduinen Diamanten. Osmin berichtet, der Sultan habe eine hohe Belohnung auf Rezias Ergreifung ausgesetzt. Die Karawane setzt sich in Gang, wird aber von Soldaten angehalten, denn der geldgierige Calender hat die Flüchtenden verraten. Rezia und Ali werden vor den Herrscher geführt. Als Ali sich als Prinz von Balsora zu erkennen gibt und Rezia ihre Liebe zu Ali bekennt, lässt sich der Herrscher von der unerschütterlichen Treue der beiden rühren. Er verzeiht ihnen und lässt sogar ihre Hochzeit ausrichten. Weil er seinen angestammten Herrn verriet, wird der Derwisch Calender verbannt.

 


 

Ritter Glucks letzter Beitrag
zum Genre Opéra Comique

 

Die Pilger von Mekka sind unter Glucks Bühnenwerken das wohl letzte im Spektrum der Opéra Comique, das der Meister in seiner zehnjährigen Tätigkeit als Kapellmeister des Französischen Theaters in Wien fern von Paris eigenständig geschaffen hatte. Sie bilden zugleich einen der ersten Höhepunkte in der Entwicklung dieser Form des Musiktheaters, die damals erst ihren Anfang nahm. Sie gelten als reifste der komischen Opern Glucks. Les Pèlerins de la Mecque, wie die kleine Oper bald definitiv hieß (und wie der Titel seiner Vorlage, des Vaudevilles von Jean-Claude Gillier aus 1776 lautete) war 1763 entstanden und wurde 1764 unter dem Titel La Rencontre imprévue (Die unvermutete Begegnung) am damaligen Burgtheater in Wien uraufgeführt. Gluck hatte die Vorlage in einer Sammlung von Pariser Jahrmarktskomödien gefunden.

Musikkomödien dieser Art sind auch eine Vorform des später erfolgreichen deutschen Singspiels, in dem sich ausgedehnter Dialogtext mit Musiknummern — Arien, Arietten, Duetten, Ensembles, Chören — zu einer meist heiteren oder gefühlvollen, oft belehrenden, immer aber glücklich endenden Handlung verband. Sie gehört zu den ersten sogenannten Türkenopern, die im Lauf des 18. Jahr­hunderts zum beliebten Sujet wurden, gleichsam in Veralberung der 1683 von Prinz Eugen von Savoyen vor Wien zurückgeschlagenen und damit beendeten Bedrohungen durch die Eroberungsfeldzüge der osmanischen Herrschaft nach Mitteleuropa.

Einen wichtigen Impuls stellten die Pilger auch für Mozart dar, dessen Singspiel Die Entführung aus dem Serail ebenfalls vom orientalischen Kolorit geprägt ist. Wie sehr Mozart das Werk Glucks schätzte, zeigen die Klaviervariationen KV 455 über das Lied Unser dummer Pöbel meint, die er zu Glucks Ehren komponierte. Die Pilger von Mekka waren im 18. und 19. Jahr­hundert sehr erfolgreich und wurden auf vielen Bühnen Europas gespielt. Der Gluck-Biograph Alfred Einstein schrieb darüber: Die Musik ist von einer melodischen Fülle und einer Zartheit in der Gesangslinie, wie sie in der Opéra Comique unerhört waren.

 

 

Piccola commedia alla turca

 

Prinz Ali und sein Diener Osmin befinden sich auf der Suche nach Rezia und ihren Dienerinnen, die von arabischen Seeräubern entführt wurden. Als letztes hoffnungsvolles Ziel haben sie Cairo angesteuert. Dort werden sie in einer Bruderschaft von Derwischen aufgenommen. Als sie den entführten Frauen begegnen, verläuft das Wiedersehen anders als erwartet. Die Personen der Handlung werden in knappen, aber erfindungsreich ausgeführten Solonummern vorgestellt — allein der Derwisch Calender tritt mit drei kleinen Arietten markant in die Szene ein. Trotz weithin graziöser Leichtigkeit der Melodienführung und durchgängig buffoneskem Duktus der musikalischen Dramaturgie steht diese wie alle anderen komischen Opern Glucks nicht in krassem Gegensatz zu seinen hochdramatischen seriösen Klassik-Werken, den sogenannten Reformopern: Denn der Komponist verwendete zahlreiche Stücke und Motive aus dem heiteren Genre in eben diesen Reformwerken wieder, als musikalische Grundmotive oder in feiner Verarbeitung.

 

Der Vaudeville-Charakter der Vorlagen ist in den Pilgern von Mekka überwunden und in eine der Wiener Klassik gemäße sinfonische Instrumentation und Farbsetzung überführt. So knapp das Ausmaß der eigentlichen Musikanteile, so breit die Vielfalt der oft köstlichen Einfälle für Arien und Ensembles. Das Werk ist musikalisch der italienischen Opera buffa näher als den französischen Vaudevilles und der Opéra Comique.

 

 

Ein kleines Juwel fürs große TV-Publikum

 

Unsere Aufnahme ist der Soundtrack einer TV-Inszenierung des BR-Fernsehens von 1962. Die dialogischen Teile sind entsprechend verkürzt, die Abläufe zusammengefasst. Das begünstigt eine Rezeption vom Tonträger und die Unterbringung des ganzen Werks auf einer CD. Die Interpreten repräsentieren den Standard der Staatsopern-Ensembles einer schon legendären, nicht wiederholbar erscheinenden Zeit.

 

Es handelt sich um eine der ersten Rundfunkarbeiten des exzellenten Operndirigenten und universellen Musikers Heinrich Bender, der als Staatskapellmeister die zentrale Koordinatoren- und Leitungsfunktion neben dem GMD an der Bayerischen Staatsoper innehatte. Mit dem international Spitzenrang bildenden Chor- und Orchesterapparat des Bayerischen Rundfunks ist die Einspielung geradezu opulent ausgestattet. Unter den Sängern ragen der damals noch im Fach des schweren Spielbasses und Charakterbuffos exzellierende Karl Christian Kohn und die junge Brigitte Fassbaender, später Weltprominenz in allen Alt- und Mezzo-Fächern, hervor. Das attraktive, aber auf den Bühnen äußerst rare Werk und seine hochwertige Produktion haben einigen Sammlerwert.

 


 

Standards der Opernarbeit
in Bayerns Kulturmetropole

 

Heinrich Bender (∗ 1925) stammt aus Saarbrücken, war Sohn eines Violinisten im Städtischen Orchester. Er erlernte früh Klavierspiel, trat schon als Bub in Kammerkonzerten und Klavier-Recitals auf. Während des Schulbesuchs hatte er Unterricht bei Heinz Bongartz, damals GMD in Saarbrücken. Nach Gymnasium und Kriegsdienst arbeitete er bei einer Maschinenfabrik, hatte weiteren Musikunterricht beim neuen Saarbrücker GMD Philipp Wüst. 1946 erhielt er eine Anstellung als Korrepetitor am Stadttheater Saarbrücken. Bald konnte er die Studien bei Bongartz fortsetzen, nun Professor an der Musikhochschule Leipzig und Chefdirigent der Dresdner Philharmonie. Als dessen Meisterschüler ging er an die Hochschule für Musik in Westberlin und war dort Schüler von Boris Blacher, Felix Lederer, Gerhard Puchelt. 1949 trat er sein erstes Engagement als Dirigent am Landestheater Coburg an und bewährte sich als Operndirigent in einem universellen Repertoire, erwarb die Souveränität und Universalität eines umfassenden Musikers und improvisationsstarken Alltagspraktikers, gerecht in allen Metiers. An der Uni Erlangen studierte er nochmals Musikwissenschaft. 1955 kam er als Studienleiter zu den Bayreuther Festspielen, wo er für Jahre mit den Wagner-Brüdern und bedeutenden Dirigenten wie Knappertsbusch, Keilberth, Cluytens arbeiten konnte. 1957 ging er als 1. Kapell­meister ans Stadttheater Hagen. Auf Veranlassung von Joseph Keilberth berief ihn 1959 die Bayerische Staatsoper München. Er avancierte dort zum Bayerischen Staatskapellmeister — und blieb bis zum Ende seiner Karriere, als ständiger erster Dirigent neben den GMDs Keilberth, Sawallisch und Mehta. Rasch schuf er sich Ruhm als einer der letzten Vertreter einer aussterbenden Rasse (Marcel Prawy) — des universal gebildeten, perfektionistisch agierenden, jeder Aufgabe ad hoc gewachsenen, schlafwandlerisch jedes noch so komplexe Werk darstellungsfähigen Orchesterleiters. Als solcher war er bis in die 1990er Jahre eine Münchner Institution. Als vielbeschäftigter Konzertdirigent und als Liedpianist (vorrangig mit Astrid Varnay) war er im In- und Ausland aktiv. 1961 leitete er bei den Schwetzinger Festspielen die Uraufführung von Hans Werner Henzes Elegie für junge Liebende. Ein Angebot, nach Auftritten an der Semperoper als Generalmusikdirektor nach Dresden zu wechseln, nahm er wegen der deutschen Zweistaatlichkeit nicht wahr. Er übernahm aber 1969 die Chefposition bei der Canadian Opera Company, wo er jährlich Festspiele leitete. Seit 1969 hatte er die Leitung des Studios der Bayerischen Staatsoper inne und dirigierte mit deren Meisterschülern 90 Opern­aufführungen. Er betreute ein Repertoire ohne Grenzen. Sein Wirken ist auf offiziellen Tonträgern nur unzureichend, aber in Rundfunkarchiven vielfältig dokumentiert.

 

Eva Maria Rogner (∗ 1928) stammt aus einer Schweizer Musikerfamilie, sang seit frühen Kindertagen und wurde von ihrem Vater ausgebildet. Ab 1947 studierte sie am Züricher Konservatorium, dann bei Pringsheim in München, später nochmals bei Winterfeld in Freiburg. 1955 hatte sie ihr Debüt am Stadttheater Luzern, gewann 1956 den Internationalen Gesangswettbewerb in Genf. 1957 kam sie ans berühmte Opernhaus Zürich, wo sie bis 1960 als Ensemblemitglied, dann weiterhin als Gast auftrat. 1958 bis 1966 war sie Mitglied der Bayerischen Staatsoper, bis Ende der 1960er Jahre mit Gastverträgen auch an die Hamburgische Staatsoper und die Wiener Volksoper gebunden. Sie gastierte an der Deutschen Oper am Rhein, der Deutschen Oper Berlin, der Württembergischen Staatsoper. Als Konzertsängerin kam sie auf alle wichtigen Podien Europas, so 1959 in Rom und 1960 bei den Salzburger Festspielen. 1957 hatte sie in Zürich in der Erstaufführung von Rolf Liebermanns Die Schule der Frauen mitgewirkt. Bei den Schwetzinger Festspielen 1961 gab sie die Hilda in der Uraufführung von Henzes Elegie für junge Liebende. Ihre zentralen Opernpartien fand sie im Fach des lyrischen und dramatischen Koloratursoprans, aber auch als Soubrette und als Soprano lirico: Konstanze, Susanna, Despina, Königin der Nacht, Lucia, Norina, Rosina, Marie, Gilda, Olympia, Oscar, Musetta, Sophie, Adele, Zerbinetta, Fiakermilli, Aminta. Sie sang in Konzert-Uraufführungen von Sutermeister, Penderecki, Oboussier, B. A. Zimmer­mann. 1970 beendete sie ihre Karriere. Ihre Tonaufnahmen sind rar; so ist diese TV-Produktion ein wertvolles Tondokument.

 

Horst Wilhelm (∗ 1927 Berlin) gehörte zu den wenigen lyrischen Tenören von Bedeutung im Nachkriegs-Deutschland. Er war vor allem in Berlin beim Publikum äußerst beliebt ob sympathischer Ausstrahlung, silbrigen, ein wenig körnigen Timbres und flexibler Führung seiner mittelgroßen Tenorstimme. Als Kind hatte er in Kirchenchören, später im Jugendchor des Berliner Rundfunks gesungen. Ab 1947 studierte er an der Berliner Musikhochschule. Mit dem Bühnenreife-Attest wurde er 1951 sofort an die Westberliner Oper verpflichtet, wo er das Lirico-Fach von Mozart und Spieloper bis zu Cassio, Fenton, Stewa sang. 1956 ging er ans Staatstheater Kassel, blieb aber mit Berlin verbunden. 1962 bis 1973 war er Ensemblemitglied der Hamburgischen Staatsoper. Schwerpunkte seiner Gasttätigkeit waren die Bayerische Staatsoper und die Münchner Opernfestspiele, die Staatsoper Berlin und das Staatstheater Hannover, später auch das LaMonaie Brüssel. 1962 und 1963 trat er in Bayreuth als Froh im Ring, 1963/64 beim Glyndebourne Festival als Flamand in R. Strauss’ Capriccio auf. In Hamburg wirkte Wilhelm unter der Intendanz von Rolf Liebermann in Opern-Uraufführungen von Křenek, Goehr, Wagner-Regeny und Penderecki mit. Geschätzt war er als Konzert- und Oratoriensänger, auch als Operettentenor und Rundfunksolist. Ab 1973 nahm er eine Gesangsprofessur an der Musikhochschule Lübeck wahr.

 

Brigitte Fassbaender (∗ 1939), die nach und neben Christa Ludwig wohl berühmteste deutsche Altistin im letzten Drittel des 20. Jahr­hunderts, bekannt und populär in allen Stilen, Genres und Fächern der Gesangskunst, war die Tochter des berühmten Baritons Willi Domgraf-Fassbaender und der Filmdiva Sabine Peters. Sie wurde vom Vater an der Musikhochschule Nürnberg ausgebildet, debütierte 1961 als Niklaus in Hoffmanns Erzählungen gleich an der Bayerischen Staatsoper, blieb dort 34 Jahre, hatte dazu Gastverträge mit der Wiener Staatsoper und der Deutschen Oper am Rhein, gastierte an den führenden Häusern der Welt inkl. Met NYC, Scala Milano, Grand Opéra Paris, Covent Garden London und allen deutschen Staatstheatern und bei den wichtigsten Festivals wie Salzburg, Bayreuth, Edinburgh, Glyndebourne. Ihr Repertoire war umfassend; es reichte vom Mezzo lirico bis zu den großen Partien von Mozart, Verdi, Wagner, Strauss und der Moderne. Sie war eine der führenden Konzert- und Liedsängerinnen der Welt, dokumentiert in unzähligen modellhaften Tonaufnahmen. Nach ihrem Bühnenabschied 1995 arbeitete sie als Gesangsprofessorin der Münchner Musikhochschule, als vielgefragte Opernregisseurin, schließlich auch als Operndirektorin in Braunschweig und Intendantin des Landestheaters Innsbruck. Sie zählt zu den großen Sängerpersönlichkeiten ihrer Epoche. In unserer Aufnahme ist sie im zweiten Jahr ihrer Bühnenlaufbahn als Spielalt-Anfängerin zu hören — ein Tondokument von Bedeutung.

 

Karl Christian Kohn (1928 – 2006) gehörte zu den bedeutenden deutschen Bassisten der 1950-80er Jahre. Er debütierte 1952 am Saarländischen Staatstheater, hatte dann Engagements an der Deutschen Oper am Rhein und ab 1955 an der Städtischen Oper Berlin. 1958 wurde er Ensemblemitglied der Bayerischen Staatsoper München. Er begann als Prototyp des Schweren Spielbasses und Charakterbasses, wurde gefeiert als Mozarts Figaro, Leporello, Alfonso, Webers Kaspar, Lortzings van Bett und Graf Waldner in Strauss Arabella, sogar als Escamillo in Bizets Carmen. Ab 1960 erarbeitete er sich das Fach des Basso profondo und Seriösen Basses, war darin bis Ende der 1980er Jahre eine Säule des Münchner Ensembles. Sein Spektrum reichte von Monteverdi bis Orff und umfasste Partien von Mozart, Beethoven, Weber, Verdi, Wagner, Thomas, Puccini, Mussorgskij, Pfitzner, R. Strauss, dazu in vielen zeitgenössischen Opern. Vom Freistaat Bayern wurde er mit dem Titel Kammersänger geehrt. Für seinen Ochs auf Lerchenau erhielt er den Premio Critico Iberico. Er gastierte in ganz Europa — so an der Wiener, Hamburgischen und Württembergischen Staatsoper, der Deutschen Oper Berlin, in Paris, Barcelona, Lissabon, Milano, Venedig, Florenz, Genua, Neapel, Turin, Straßburg, Brüssel, Amsterdam u. v. m. 20 Jahre gehörte er zu den Protagonisten der Münchner Opernfestspiele. 1961 sang er in der Uraufführung von Henzes Elegie für junge Liebende. Er war auch ein vielgebuchter Konzertsänger, namentlich mit dem Initiator der Münchner Bach-Renaissance Karl Richter. Nach seinem Bühnenabschied 1991 war Kohn bis 1998 als Professor für Gesang am Mozarteum in Salzburg tätig. Zahlreiche Schallplatten- und Rundfunkaufnahmen bewahren seine Kunst. Das Hamburger Archiv hat ihm eine große CD-Edition gewidmet.

 

Ferry Gruber (1926 – 2004) stammte aus Wien, wurde bei Hans Swarowsky und Hermann Gallos ausgebildet, machte als Buffo- und Charaktertenor eine universale europäische Karriere in allen Genres des Musiktheaters — als Prototyp des schelmisch-liebeswerten Tenorino und Komödianten. Er hatte zunächst als Dirigent und Chorleiter in Wien gewirkt, machte dann 1950 in Luzern sein Bühnendebüt als Tamino, trat häufig im Schweizer Sender Monte Ceneri auf, gelangte über Basel und Hamburg nach München, wo er an der Staatsoper wie am Gärtnerplatztheater in zahlreichen Buffo-Rollen eine Standardbesetzung war. Er gastierte regelmäßig auch an der Staatsoper und der Volksoper Wien, dazu an vielen deutschen Bühnen und bei Rundfunkanstalten. Auch im europäischen Ausland war er häufiger Gastsänger — immer dann, wenn ein Buffo leggiero oder leichter Charakter-Comprimario gebraucht wurde. Vor allem in Operettenaufnahmen machte er sich einem breiten Publikum bekannt. Seine Auftritte in Opern- und Operettenproduktionen sind Legion.

 

Franz Klarwein (1914 – 1991) war, ähnlich wie Lorenz Fehenberger, eine Institution der Bayerischen Staatsoper. Seit 1942 gehörte er dem berühmten Münchner Haus 35 Spielzeiten lang an — und bot ein unglaublich breites, vielfältiges Rollenrepertoire vom Lyrischen bis zum Charakter-Spintotenor. Er wurde in Frankfurt und Berlin ausgebildet und debütierte 1937 an der Berliner Volksoper. München wurde fünf Jahre später seine zweite Station und blieb bis zum Bühnenabschied sein Stammhaus. Zum Einstand sang er in der Uraufführung von Richard Strauss’ Capriccio unter Clemens Krauss den italienischen Sänger. Schnell kam er zu Bekanntheit und Popularität: 1949 mit der Titelpartie in der Uraufführung von Sutermeisters Raskolnikoff, 1942/43 bei den Salzburger Festspielen als Konzertsolist und als Elemer in Arabella, 1944 in der inoffiziellen (Generalproben‑)Uraufführung der Liebe der Danae, 1947 als Aegysth in Elektra beim Maggio Musicale Fiorentino unter Mitropoulos, 1951 am Züricher Opernhaus, 1953 am Covent Garden London, 1957 neben Josef Metternich und Marcel Cordes in Hindemiths Harmonie der Welt, schließlich 1969 in der Uraufführung von Jan Cikkers Spiel von Liebe und Tod. Er war dem Münchner Publikum und vielen führenden Opernhäusern in einer Fülle von Fächern und Partien vertraut — sein Repertoire reichte von Mozart, deutscher Spieloper und italienisch-französischem Belcanto bis zur Moderne, so u. a. als Belmonte, Tamino, Alfredo, Cassio, Steuermann, Rodolfo, Des Grieux, Linkerton, Rinuccio, Faust, Hoffmann, Lenski, Loris — und dann Herodes, Novagerio, Stewa, Boris, Kardinal Albrecht, Hirzel und Dutzende weitere Charakterprofile. Er war verheiratet mit der Sopranistin Sari Barabas.

 

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© Klaus Ulrich Spiegel