Engelbert Humperdinck (1854 ‑ 1921)

 Hänsel und Gretel

 

Märchenspiel in drei Bildern
von Adelheid Wette nach den Brüdern Grimm
Uraufführung: 23.12.1893, Weimar, Nationaltheater

Radioproduktion des Norddeutschen Rundfunks
r. 1962 Hamburg

Leitung: Carl Schuricht

 

Peter, der Besenbinder Marcel Cordes
Gertrud, sein Weib Gertrud Burgsthaler
Hänsel Barbara Scherler
Gretel Ria Urban
Die Knusperhexe Lilian Benningsen
Das Sandmännchen Gisela Knapp
Das Taumännchen Oda Balsborg

 

NDR-Rundfunkchor
NDR-Kinderchor und NDR Knabenchor
NDR-Sinfonieorchester

 


Die Handlung

 

Erster Akt — Daheim

 

In der Hütte des Besenbinders Peter verrichten die Kinder Hänsel und Gretel Hausarbeit. Hunger quält sie, seit Wochen gibt es nur trockenes Brot. Doch am Abend soll es Reisbrei geben. Freudig beginnen die Kinder zu tanzen. Erschöpft kehrt die Mutter heim. Im Zorn will sie die Kinder züchtigen. Dabei stößt sie den Milchtopf um. Außer sich schickt sie Hänsel und Gretel zum Beerensuchen, dann schläft sie ein. — Angetrunken kommt Peter heim. Seine Geschäfte liefen heute so gut, dass er Lebensmittel mitbringen konnte. Als er nach den Kindern fragt, schlägt seine gute Laune in Angst um. Es dunkelt. Was, wenn die Kinder sich im Wald verirren und der Knusperhexe in die Hände fallen? Sie haust am Ilsenstein, lockt Kinder, um sie im Ofen zu Lebkuchen zu backen und dann zu verspeisen. Voller Sorge eilen die Eltern in den Wald, ihre Kinder zu suchen.

 

 

Zweiter Akt — Im Wald — Orchesterzwischenspiel:

Der Hexenritt

 

Die Kinder haben ihren Korb mit Beeren gefüllt. Es ist zu dunkel geworden, um den Heimweg wiederzufinden. Der vertraute Wald wirkt nun fremd und unheimlich: Irrlichter flackern, Nebel zieht auf. Die Angst ist groß. Das Sandmännchen beruhigt die beiden Verirrten. Bevor sie sich niederlegen, beten sie den Abendsegen. Dann schlafen sie ein. Vierzehn Engel steigen herab, den Schlaf der Kinder zu bewachen.

 

 

Dritter Akt — Knusperhäuschen —

Orchestervorspiel: Waldmorgen vor dem Knusperhaus

 

Das Taumännchen weckt die Kinder. Wie im Traum ersteht vor ihnen, glitzernd im Sonnenstrahl, das Knusperhäuschen — mit Zuckerwerk bedeckt. Als Hänsel und Gretel davon naschen, erscheint die Hexe und sucht sie ins Häuschen zu locken. Die Kinder wollen davonlaufen. Der Zauberstab der Hexe bannt sie fest. Hänsel wird in einen Käfig gesperrt und gemästet; Gretel muss drinnen den Tisch decken. Die Hexe heizt den Backofen. In gieriger Vorfreude auf den Schmaus reitet sie auf ihrem Besen durch die Luft. Gretel hat sich ihre Zauberworte gemerkt, befreit damit den Bruder aus seinem Käfig. Als die Hexe Gretel in den Backofen schieben will, wird sie von den Kindern selber hineingestoßen. Der Ofen stürzt donnernd zusammen. Von vielen verzauberten Lebkuchenkindern fallen die Kuchenhüllen ab. Mit dem Zauberstab der Hexe werden sie zum Leben erweckt. Aus dem Wald ertönt die Stimme des Vaters. Die Suche war erfolgreich. Glücklich können die Eltern ihre Kinder umarmen. Die Hexe ist selbst zum Lebkuchen geworden. Alle stimmen in Peters Ruf ein: Wenn die Not aufs Höchste steigt, Gott der Herr die Hand uns reicht!

Weltweit populär:
Die deutsche Märchenoper

 

Obwohl Humperdincks Märchenoper Hänsel und Gretel zu den populärsten Werken des deutschen Opernrepertoires gehört, stellt sie darin eher ein Randwerk für eine Zielgruppe (Kinder und deren Eltern) wie auch für bestimmte Anlässe (Advent und Weihnacht) dar. Doch ihr musikalischer Typus ist ganz und gar keiner Kinder- oder Laien-Gattung zugehörig. Es handelt sich um eine veritable Romantische Oper, genauer: ein spätromantisches Werk in der Nachfolge Richard Wagners, mit großer Orchesterbesetzung und anspruchsvoller Instrumentation in einer differenzierten, farbigen Partitur.

 

Die Bezeichnung der Autoren lautet Märchenspiel in drei Bildern, Humperdinck nannte sein Werk in ironischer Anspielung an Richard Wagners Oper Parsifal ein Kinderstubenweihfestspiel. Das Werk wurde 1893 in Weimar unter der Leitung von Richard Strauss uraufgeführt. Es bietet viel volksliedhafte Musik, die teilweise mit geschlossenen Formen in einen durchkomponierten großorchestralen Melosstrom integriert ist. Das motivische Material ist äußerst ökonomisch gestaltet, aber üppig instrumentiert, dabei mit leitmotivischen Akzenten versehen. Viele der Themen erwecken den Anschein, Zitate von Volksliedern zu sein. Das stimmt nur bedingt: Der Komponist hat sich einiger Folklorefragmente bedient, aber gerade drei deutsche Volkslieder in reiner Form verwendet: Suse, liebe SuseEin Männlein steht im Walde und Schwesterlein, hüt’ dich fein! Umgekehrt wurden andere Melodien seiner Oper später zu Volksliedern, so Brüderchen, komm tanz mit mir und der Abendsegen.

 

Humperdinck war Student des Kölner Konservatoriums und in München Schüler von Josef Rheinberger an der königlichen Musikschule. Früh war er erfolgreich, wurde schon nach kurzer Studienzeit Kapellmeister der Kölner Oper. Er erhielt die bedeutendsten Musikpreise. 1880 bis 1884 war er Mitarbeiter Richard Wagners, dann Musikalischer Assistent in Bayreuth, dort auch Lehrer Siegfried Wagners. Dann wurde er Professor am Kölner Konservatorium, ab 1888 Lektor im Musikverlag B. Schott’s Söhne in Mainz. 1890 ging er ans Hochsche Konservatorium in Frankfurt/M. und war Opernreferent der Frankfurter Zeitung. 1897 zog er nach Boppard am Rhein, 1901 nach Berlin, wo er bis 1920 die Meisterklasse für Komposition an der Akademie der Künste leitete und Professor des Berliner Sternschen Konservatoriums war. Als Autor und Herausgeber zeichnete er für mehrere populäre Liederbücher verantwortlich. Er wirkte prominent als Dirigent und komponierte 170 Werke. Unter ihnen werden neben dem Welterfolg Hänsel und Gretel vor allem Königskinder und Die Heirat wider Willen aufgeführt.

 

 

Interpretationen und Rezeptionen

 

Neben den herkömmlichen, also textgenau inszenierten Aufführungen gab es auch immer wieder Deutungen nach der psychologischen Märcheninterpretation. Dabei wird häufig die Partie der Hexe mit der gleichen Sängerin wie die der Mutter besetzt. Üblich ist seit dem ausgehenden 20. Jahr­hundert auch eine Besetzung der Hexe mit einem Charaktertenor. Im Zuge des sogenannten Regietheaters wurde das Werk auch schon mit Betonung des Kanibalismus der Hexe oder als Schlüsselstück über Kindesmissbrauch inszeniert.

 

Die musikalische Interpretation ist im Opernhaus oft eine Aufgabe für Basis-Ensemble mit Betonung der Soubrettenstimmen. Doch die Faszination der großen Partitur und einiger anspruchsvoller Gesangspassagen hat immer auch bedeutende Sänger/innen und Dirigenten angezogen, so an großen Häusern von Weltrang (wie der Met NYC von 1905 bis 1985) und in Tonträgerproduktionen unter Stardirigenten wie Karajan, Cluytens, Solti, Davis.

 


 

Die vorliegende Einspielung ist eine besondere Rarität — kaum bekannt geworden, seit fast 50 Jahren nicht mehr gehört, in Nachschlagewerken nicht erwähnt. Sie versammelt neben den erstklassigen Chor- und Orchesterformationen des Norddeutschen Rundfunks einen Kreis von im deutschen Sprachraum namhaft gewesenen Sängerinnen mit Karrieren an der Hamburgischen, der Bayerischen und der Wiener Staatsoper. Ihren vorrangigen Repertoire- und Wiederveröffentlichungswert aber bezieht die Aufnahme aus der Mitwirkung zweier bedeutender Musiker von bleibendem Ruhm: des Dirigenten Carl Schuricht und des Baritons Marcel Cordes.

 

Carl Schuricht (∗ 1880 ‑ † 1967) zählt zu den großen deutschen Dirigenten des 20. Jahrhunderts, vor allem als Interpret der Klassik und Romantik. Von seinem Wirken zeugt eine umfassende Hinterlassenschaft von Tondokumenten sinfonischer und konzertanter Musik von Bach bis Bruckner, aber kaum aus Opernwerken. Schuricht war ein Frühbeginner; schon als Elfjähriger beginnt er zu komponieren. Die Eltern (der Vater Orgelbauer, die Mutter Sängerin) bereiten ihn auf eine Musikerlaufbahn vor. Er erhält Klavierunterrricht, dann bei Engelbert Humperdinck in Berlin eine umfassende Ausbildung als Orchesterleiter. Bei Max Reger in Leipzig bildet er sich weiter. Er beginnt in Mainz als Korrepetitor, avanciert zum Kapellmeister, erreicht dann Chefpositionen in Dortmund, Goslar und Zwickau. 1909 übernimmt er die Leitung des Rühlschen Gesangvereins in Frankfurt/M., wird bald darauf Kapellmeister, später Generalmusikdirektor in Wiesbaden, bleibt dort bis 1944 tätig. 1930-39 ist er auch Leiter der Sommerkonzerte in Scheveningen, 1937-44 Gastdirigent beim Hessischen Rundfunk. 1944 emigriert er politisch motiviert in die Schweiz, wird dort von Ernest Ansermet ans Orchestre de la Suisse Romande geholt, dem er bis ans Lebensende verbunden bleibt. Ab Kriegsende ist er als internationaler Stardirigent weltweit tätig, so bei den Wiener und Berliner Philharmonikern. Mit dem Pariser Conservatoire-Orchester macht er viele legendäre Aufnahmen. Sein letztes Konzert dirigiert er 1965 bei den Salzburger Festspielen. Diese Radioproduktion von Hänsel und Gretel, eine absolute Ausnahme in Schurichts Spektrum, darf man wohl als Hommage an seinen großen Lehrer Humperdinck werten.

 

Marcel Cordes (∗ 1920 ‑ † 1992); eigentlich Kurt Schumacher. Absolvent der Musikhochschulen von Kaiserslautern und Mannheim, Schüler von Richard Schubert und Fritz Krauss, studierte Tenor- und Baritonpartien. Debütierte als Bariton, begann aber als Tenor im Lirico-Spinto-Fach, kam über Kaiserslautern ans Nationaltheater Mannheim, studierte um und begann ab 1951 am Staatstheater Karlsruhe eine zweite Karriere als Bariton. Ab 1954 war er Ensemblemitglied der Bayerischen Staatsoper, dann mit Teilverträgen in Berlin, Düsseldorf/Duisburg, Stuttgart, Köln, Zürich, mit Gastspielen auch in Hamburg und Wien, es folgten Staatsoper Wien, Scala di Milano, San Carlo Neapel, LaMonnaie Brüssel, Grand-Théâtre de Genève, Opéra de Paris, zuletzt mit weiterem Vertrag die Volksoper Wien. Er wurde als deutscher Bariton von Weltrang berühmt — namentlich in Verdi-Partien, doch auch mit Werken des Belcanto, Verismo, deutscher Spieloper und Spätromantik, Wagner und Strauss. 1962-64 sang er bei den Bayreuther Festspielen.. Er war auch im Konzertsaal präsent, unter bedeutenden Dirigenten und als Liedsänger. Ab 1956 entstanden Schallplatten, seit 1955 weit mehr Rundfunkeinspielungen, dazu Operngesamtaufnahmen und TV-Auftritte. Cordes galt als Spezialist für Opernpartien des 20. Jahrhunderts — so von R.Strauss, Pfitzner, Orff, Egk, Strawinsky, Sutermeister. Wegen einer Diabetes-Erkrankung zog er sich von der Bühne zurück, lebte bis zu seinem Tod in Tirol. Ein Sängerstipendium In memoriam Marcel Cordes bei der Tiroler Academia Vocalis erinnert an den außerordentlichen Künstler.

 

Gertrud Burgsthaler (∗ 1916 ‑ † 2004) kam von der Wiener Musikakademie nach kurzen Provinzjahren an die Wiener Staatsoper und sang dort über 30 Partien im Alt- und Mezzorepertoire, von Prinz Orlofsky bis zur Kundry. Sie war auch am Landestheater Linz, an diversen Opernhäusern in Deutschland und Italien, bei Festspielen von Salzburg bis Mörbisch, im späteren Teil ihrer Laufbahn vor allem als Konzertsängerin tätig. Ihre Schallplatten präsentieren sie vor allem als Oratorium-Solistin. Sie trat auch unter dem Namen Burgsthaler-Schuster auf.

 

Barbara Scherler (∗ 1938) wurde an der Berliner Musikhochschule ausgebildet, debütierte 1959 am Staatstheater Hannover als Cherubino, war 1961 und 1962 Preisträgerin der Bundesstiftung für junge Künstler, begann zunächst eine Konzertkarriere. War ab 1964 am Kölner Opernhaus, ab 1968 an der DOB Berlin engagiert. Gastierte an der Wiener Staatsoper, am LaMonnaie Brüssel, am Covent Garden London, in Zürich, Lissabon, Mexico City, vielen europäischen Opernhäusern und den Festspielen von Edinburgh, Drottningholm, Athen, Wiesbaden, wirkte in Uraufführungen von Reimann, Mayuzumi, Siebert mit. Sie blieb während ihrer gesamten Laufbahn im internationalen Konzertbetrieb präsent. Viele Tonaufnahmen präsentieren sie vor allem als Konzertsängerin.

 

Ria Urban (∗ 1925) absolvierte die Musikhochschule Köln, debütierte am Stadttheater Hagen, kam über Solothurn, Innsbruck, Saarbrücken 1957 an die Hamburgische Staatsoper. Dort sang sie bis 1970 Partien des Soubretten- und Koloraturfachs, in Hamburg eine Art Pendant zu Lisa Otto in Berlin, Lotte Schädle in München, Friedrike Sailer in Stuttgart oder Emmy Loose in Wien. Ihr Repertoire reichte vom Blondchen über Micaela, Nedda, Musetta bis zur Sophie, Partien der Moderne und Operettendiven. Sie gastierte in ganz Europa und trat mit universellem Repertoire im Konzertsaal wie im Rundfunk auf.

 

Lilian Benningsen (∗ 1924) studierte am Wiener Konservatorium, u. a. bei Anna von Mildenburg und Elisabeth Rado. Als Preisträgerin der Wiener Gesellschaft der Musikfreunde konnte sie 1948 am Landestheater Salzburg debütieren. Nach Engegements am Stadttheater Göttingen (1949/50) und am Opernhaus Köln (1950 bis 1952) kam sie an die Bayerische Staatsoper München (Debüt als Eboli). Bis zum Ende ihrer Bühnenlaufbahn arbeitete sie an diesem berühmten Haus, mit Gastspielen in ganz Europa (u. a. Wien, Berlin, London) und bei den Festspielen von Salzburg, München, Schwetzingen. Sie sang in den Ur- und Erstaufführungen von R. Strauss’ Liebe der Danae, Egks Irische Legende, Henzes Elegie für junge Liebende.

 

Oda Balsborg (∗ 1934) stammt aus Dänemark, studierte in Kopenhagen, kam 1953 als Elevin an die Hamburgische Staatsoper, etablierte sich dort im lyrischen und jugendlichen Fach. Bis 1966 gehörte sie dem Hamburger Haus an, trat in zahlreichen Rollen des Lirica-Fachs von Echo in Ariadne bis Agathe im Freischütz auf, gastierte mit dem Hamburger Ensemble u. a. in Wien und London, machte viele Rundfunkaufnahmen. In Georg Soltis berühmter Ring-Einspielung ist sie als Woglinde zu hören. Sie gab ihre Karriere früh auf, lebt seither in den USA.

 

Gisela Knapp war offenbar eine Chorsolistin des Norddeutschen Rundfunks. Sie ist in keiner weiteren Tonaufnahme tätig gewesen und in keinem Nachschlagewerk zu finden.

 

 

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© Klaus Ulrich Spiegel