Leoš Janáček (1854 ‑ 1928)

Osud

Schicksal

 

Oper in drei Akten vom Komponisten nach Fedora Bartošová
Komposition 1906 – 1907
Deutsche Fassung von Kurt Holoka
Uraufführung: Radio 1934 / Bühne 1958 Brno

Produktion der Württembergischen Staatsoper
r. live 26. Oktober 1958

Leitung: Hans Schwieger

 

Zivny, ein Komponist Josef Traxel
Mila, seine Geliebte Lore Wissmann
Milas Mutter Paula Brivkalne
Eine alte Slowakin Margarete Bence
Frau Rat / Die Majorgattin Liselotte Rebmann
Konecny Hans-Günter Nöcker
Lhotský Gustav Grefe
Dr. Suda Stefan Schwer
Pacovská Sieglinde Kahmann
Fräulein Stuhla, Lehrerin Margarete Bence
Verva, ein Dirigent Engelbert Czubok
Kosinská, eine Sängerin Paula Bauer
Doubek, Zivnys Sohn Hans Blessin
Sänger des Lensky Fritz Wunderlich
Stimme einer Schülerin Anja Silja
Sprecher Fred Siebeck

 

Chor des Württembergischen Staatstheaters
Württembergisches Staatsorchester

 


 

Die Handlung

 

Ort und Zeit: In der Slowakei, Anfang des 20. Jahrhunderts

 

1. Akt — vor 15 Jahren

 

Bürger und Kurgäste promenieren in einem Kurort, unter ihnen der Komponist Zivny, der an einer Oper über junge Liebe schreibt. Er begrüßt seine Geliebte Mila, die gesteht, daß sie ein Kind von ihm erwartet. Zivny reagiert erschreckt und erfreut zugleich. Da taucht Milas Mutter auf. Die Anwesenden, die von der Verbindung wissen, suchen sie abzulenken. Trotzdem erfährt die Mutter von der Liebesbeziehung ihrer Tochter zu Zivny. Sie betrachtet die Situation als Schande und äußert Empörung.

 

 

2. Akt — vier Jahre später

 

Zivny sitzt in seinem Haus am Klavier. Er ist immer noch mit seiner Oper beschäftigt. Mila lebt unverheiratet mit ihm zusammen. Zivnys Oper soll das Leben und des Komponisten große Liebe zu Mila behandeln, doch fehlt immer noch der letzte Akt. Während Zivny sich zärtlich an die Stunden ihrer Liebe erinnert, hört man die Stimme von Milas Mutter, die sich über ihre Tochter beklagt. Zivny versucht, Mila abzulenken, doch die Mutter kommt mit einer Schmuckkassette im Arm ins Zimmer und streitet mit dem Liebhaber ihrer Tochter. Mila ist verzweifelt. Als sie sich vom Balkon stürzen will, versucht die Mutter, sie zurückzuhalten. Im Handgemenge stürzen beide Frauen in die Tiefe. Zivny holt den leblosen Körper der geliebten Frau und beklagt sein Schicksal.

 

 

3. Akt — Gegenwart

 

In einer großen Konservatoriumshalle üben Studenten einen dramatischen Opernschluss. Zivny, der den letzten Akt seiner Oper immer noch nicht vollendet hat, tritt mit seinem Sohn Doubek dazu und wird von den Studenten herzlich begrüßt. Er setzt sich ans Klavier, beginnt zu spielen und gesteht, der Inhalt der Oper über den Komponisten Lensky behandle sein eigenes Schicksal. Noch einmal werden die Erinnerungen an die erste große Liebe, an die Jahre des Glücks und an den Tod der Geliebten wach. Schaudernd hören Zivnys Sohn und die Studenten zu. Schließlich bricht der Komponist nach einer letzten grandiosen Steigerung ohnmächtig zusammen. Der Arzt wird geholt. Zivnyerwacht, summt eine Melodie und hört Mila weinen. Verva, der Dirigent, erkennt, daß dies der letzte Akt der Oper war. Doubek beugt sich über seinen sterbenden Vater.

 


 

Janáčeks nachgelassenes Künstlerdrama

 

Vergessenheit war ihr bestimmt, meiner Oper!
Musik bist du, die ich nach meiner ersten Liebe schrieb!

 

Diese Worte spricht der Komponist Zivny bekennerhaft am Beginn des zweiten Akts der konzisen, kaum 90 Minuten dauernden Oper Osud. Damit ist das Werk positioniert — eine Geschichte vom Komponisten, der eine Oper über einen Komponisten schreibt, der eine Oper schreibt. Es handelt sich um eine Mischung aus Künstlerdrama und unglücklicher Liebesgeschichte.

 

Janáček hat viel an persönlicher Lebenserfahrung in das Werk einfließen lassen. Insgesamt umfassen die drei Akte einen Zeitraum von fünfzehn Jahren. Zivny trifft in einem Kurort seine ehemalige Geliebte Mila, die ein Kind von ihm hat. Sie beschließen, gegen den Willen von Milas Mutter, zusammenzuziehen. Im zweiten Akt, vier Jahre später, leben sie zusammen. Mila pflegt ihre geistig verwirrte Mutter. Als sich diese nach einer Auseinandersetzung mit Zivny vom Balkon stürzt, reißt sie Mila mit in die Tiefe. Elf Jahre später wird die Oper, an der Zivny all die Jahre gearbeitet hat, im Konservatorium unter Leitung ihres Schöpfers geprobt, obwohl ihr Schluss noch der Endformung harrt. Zivny wird von seinen Erinnerungen immer mehr gefangen genommen, fällt in Wahn, stürzt ohnmächtig zu Boden, stirbt.

 

Thema des Werks ist eine zunehmende Spannung zwischen Kunst und Leben. Die drei kurzen Akte komprimieren emotionale Blickrichtungen auf ein Spektrum von Liebes(un)glück. Ein fesselndes Vorspiel liefert den Einstieg in die ungewöhnliche Klangsphäre des Stücks. Mitreißend wird schwungvolle Kurpark-Stimmung erzeugt. Später fordern selbstreflexive, gleichsam introvertierte Passagen dem Hörer einige Geduld ab. Der tragische Konflikt zwischen dem Komponisten, Mila und ihrer Mutter ist nicht detailliert ausgearbeitet: Es werden keine dramaturgischen Entwicklungen, sondern nur Lebensstationen dargestellt. Eine ironisierende Pointe liegt in der Parallelität des Ablaufs und der fortschreitenden Komposition von Zivnys Oper. Doch lässt Janáček seiner Selbstironie nicht breiten Raum. Vielmehr gibt sich der Komponist (und mit ihm sein Protagonist) auch beschönigendem Selbstbetrug hin. Die Handlung zeigt Affekte auf — aber sie enthüllt nicht wirklich deren auslösende Beweggründe. Ein Schleier des Geheimnisvollen = Nichtanalytischen liegt über der Handlung. Dem entsprechen Titel und Motto: Schicksal.

 

Die Musik macht Abgehobenheiten der Handlung vergessen. Sie ist umweglos lakonisch, abrupt, kompakt, konzentriert — sie meidet Weitschweifigkeiten. Übergangsarm werden ostinate Kleinmotive und mit sprachmelodisch orientiertem Vokalstil montiert. Bei aller Klanghärte und knappen Formung wird hochemotionaler Operngestus dennoch nicht verschmäht — so beim pathetischen Auftritt des Kindes im zweiten und beim Monolog der männlichen Hauptfigur (so lang und so gewichtig wie ein Leben) im dritten Akt. Die einzige wirklich opernhafte Szene bietet der zweite Akt mit seinem Duett der Liebenden. Am Ende entlädt sich die angestaute Spannung im wahren Sinn des Wortes blitzschlagartig.

 

Janáčeks Tonsprache ist von hoher Individualität, Dichte und Fülle. Die sonst in seinen Werken dominante Orientierung an folkloristischen Einflüssen in Themen und Melodien ist hier nahezu ausgeklammert. Packende Rhythmen als vorantreibendes Element und statische Klangfelder als Ausdruck selbstquälerischer Empfindungen — sie verdichten sich zu einem insgesamt spannenden, mitunter auch sentimentalen, insgesamt artifiziellen Höreindruck.

 

Osud ist ein Werk von starkem Klangprofil und großer kompositorischer Virtuosität, dessen unbändige Kraft und nicht versiegender Einfallsreichtum uns den mährischen Meister erst in Gänze vermittelt. Es ist einen dauerhaften Platz im Repertoire der klassischen Moderne wert.

 

 

Vom Schmerzenskind zur Trouvaille

 

Leos Janáček ließ sich für das Sujet des Osud bei einem Besuch im Thermalbad Luhačovice inspirieren. Dort hatte er die schöne Kamila Urválková, Gattin eines Forstverwalters, getroffen, die ihn tief beeindruckte. Sie hatte sich in der Hauptpartie einer Oper Kamila des tschechischen Komponisten und Dirigenten Ludvík Čelanský personifiziert, aber verfälscht gesehen. Als sie erfuhr, dass auch Janáček Komponist sei, ermutigte sie ihn, sich des Dramas der Autorin Fedora Bartošová anzunehmen. Janáček ließ sich interessieren. Er nahm den Stoff gemeinsam mit der Bartošová 1903 in Angriff und schloss die Instrumentation der Partitur 1907 ab. Er bot die Oper 1906 dem Opernhaus Brno, sodann dem Vinohrady Theater in Prag an — doch beide Häuser lehnten ab. Das Werk blieb ungespielt. Der Komponist bekam nie eine Aufführung zu sehen. Erst 1934 erklang eine Radioversion im Brünner Rundfunk.

 

Es musste nahezu ein weiteres Vierteljahrhundert vergehen, bis das Opernhaus Brno auf Initiative des Dirigenten František Jilek am 25. Oktober 1958 endlich die Bühnen-Uraufführung realisierte. Die Causa war längst Gegenstand kontinentaler Erörterungen in Musiker- und Musikologenkreisen geworden. Dem Ereignis der Uraufführung wandte sich deshalb weltweite Aufmerksamkeit zu. Parallel zu den Vorbereitungen hatte der deutsch-tschechische Musikwissenschaftler, Autor und Kritiker Kurt Honolka (1913 – 1988) eine deutsche Fassung mit dem Titel Schicksal erstellt, dramaturgisch ein wenig verändert, vor allem in der Personenbesetzung etwas reduziert. Honolka gehörte zu den ständigen Kooperanten der Württembergischen Staatstheater mit besten Beziehungen zu deren Leitungsteam Walter Erich Schäfer und Ferdinand Leitner. Das Stuttgarter Haus ließ sich die spektakuläre Gelegenheit nicht entgehen, praktisch gleichzeitig (am Tage nach der Brünner Uraufführung) die deutsche Erstaufführung des Osud in Honolkas Bearbeitung zu präsentieren. Dabei stand ihm als weiterer Interessenmagnet der seit Jahrzehnten in den USA als Exilant tätige Dirigent Hans Schwieger als Leiter der Produktion zur Verfügung. 

 

Für die hochanspruchsvolle Hauptpartie stand der Tenor Josef Traxel (nicht nur als Belcantist und Mozartsänger ausgewiesen, sondern auch ein u. a. als Orffs Teiresias gefeierter expressiver Charaktersänger der Moderne) bereit. Um ihn gruppierte sich ein Kreis zentraler Solisten des legendären Stuttgarter Opernensembles der 1950/60er Jahre, darunter in kleinen Aufgaben künftige Weltstars wie Anja Silja und Fritz Wunderlich. Die Produktion gehört zu den Ruhmesblättern der Stuttgarter Opernhistorie aus einer unwiederbringlich erscheinenden Ära. In unserer CD-Ausgabe wird die Tonspur erstmals öffentlich greifbar. Sie ist zugleich die bisher einzige deutschsprachige Aufnahme dieses faszinierenden Janáček-Opus.

 


 

Aus der großen Zeit der
Württembergischen Staatsoper

 

Hans Schwieger (∗ 1906 ‑ † 2000) stammte aus Köln. Er studierte bei Walter Braunfels und Hermann Abendroth. Nach erfolgreichen Examina kam er als Assistent zu Erich Kleiber an die Berliner Staatsoper. Er übernahm dann Dirigentenposten in Kassel, Augsburg und Mainz, wo er am Staatstheater zum Chefdirigenten avancierte. Ab 1934 war er Gastdirigent der Berliner Philharmoniker, ab 1936 Generalmusikdirektor in Danzig. Als ihm der Druck des NS-Staats auf Menschen jüdischer Herkunft unerträglich wurde, emigrierte er 1937 nach Japan, dann in die USA. Dort nahm er jedes sich bietende Engagement an, leitete mehrere mittlere und große Orchester, arbeitete bei Rundfunkanstalten und machte sich einen kontinentweiten Namen als Repräsentant deutscher Kultur und Musikinterpretation. Einige Jahre war er Orchesterchef in Fort Wayne (Indiana). 1948 wurde er zum Direktor des Kansas City Philharmonic Orchestra bestellt, eine Position, die er bis 1971 innehatte. Sein Ruf als erstklassiger Musikpädagoge brachte ihm eine Einladung Toscaninis ein. In drei Spielzeiten dirigierte er für je vier Wochen das NBC Symphony Orchestra in New York. Er kehrte seit den 1950er Jahren mehrmals nach Europa zurück und nahm dort Gastengagements wahr, so beim WDR, NDR und in Berlin, wo er die Philharmoniker und das RSO leitete. Auf seinen Programmen standen die Meister der Klassik, Romantik und Spätromantik wie Mozart, Beethoven, Brahms, Bruckner, Tschaikowsky, dazu Werke der klassischen Moderne. 1958 leitete er an der Württembergischen Staatsoper Stuttgart eine Aufführungs-Serie von Mozarts Entführung aus dem Serail und betreute zugleich die deutsche Erstaufführung der im selben Jahr posthum uraufgeführten Oper Osud von Leos Janáček. Die Produktion wurde im Südfunk übertragen. Die Folgejahre brachten Schwieger internationale Erfolge: Auf einer Europa-Tournee leitete er Konzerte des Württembergischen Staatsorchesters u. a. in Wien, Oslo, Prag, Moskau. Er gastierte bei den Rundfunkorchestern in Brüssel, Frankfurt/M. und Hamburg. In den USA wurde er auch als Wagner-Dirigent geschätzt. Er dirigierte Opern vor allem in California und war der erste Gastdirigent des neuformierten Sinfonieorchesters in Milwaukee. Hans Schwieger starb am 2. Februar 2000 im Alter von 93 Jahren in Naples, Florida.

 

Josef Traxel (∗ 1916 ‑ † 1975) war neben Anders, Schock und Wunderlich der Tenor-Protagonist der deutschen Opern- und Konzertszene der 1950/60er. Nach Auftritten in US-Kriegsgefangenschaft war er, weitgehend autodidaktisch ausgebildet, Mitglied des Nürnberger Opernhauses. Gleichsam über Nacht wurde er international bekannt als Merkur in der Uraufführung von R. Strauss’ Liebe der Danae 1952 in Salzburg. Daraufhin holte ihn die Staatsoper Stuttgart, wo er sich sofort als führendes Mitglied etablieren konnte. Dann avancierte er zu einem der Protagonisten der Bayreuther Festspiele: als Steuermann, Erik, Walter, Seemann, Stolzing, Froh, Gralsritter. Bis zum Bühnenabschied war er neben Windgassen der Startenor der Württembergischen Staatsoper. An europäischen Spitzenbühnen sang er ein unglaublich breites Repertoire, gefeiert vor allem mit Mozart-Partien, Lirici und Spinti des italienischen und französischen Fachs. Er war auch ein überragender Interpret des Barock (Oratorien, Passionen, Kantaten), deutscher Klassik und Romantik. Viele Schallplatten machten ihn als eine Art Alles-Interpret, als Oratoriensolist und Liedsänger, sogar als dramatischen und Charaktertenor, berühmt und populär. Er ist in seiner Ära einer der wenigen Zeugen der klassischen Schule des Legato- und Fiorito-Singens.

 

Lore Wissmann (∗ 1922 ‑ † 2007) wurde ab 1939 an der Musikhochschule Stuttgart ausgebildet und konnte drei Jahre darauf im Soubrettenfach als Kordula in Lortzings Hans Sachs an der Stuttgarter Staatsoper debütieren. Man übertrug ihr zunächst kleine Partien. 1946 erreichte sie die Position eines Ersten Lyrischen Soprans — mit Partien im deutschen, italienischen, französischen und slawischen Repertoire. Im Lauf ihrer Karriere erweiterte sie ihr Rollenspektrum ins jugendlich-dramatische Fach. Zugleich wurde sie als Interpretin der Moderne eingesetzt, so in Werken von Hindemith, Strawinsky, Orff, Cikker. Bald war sie auch international gefragt, so am Opernhaus Zürich, den Staatsopern von München, Hamburg, Wien, an der Grand-Opéra de Paris, dem Teatro dell’Opera Rom, dem Sao Carlos Lissabon, dem Maggio Musicale Fiorentino und vielen süd- und mitteleuropäischen Opernhäusern. Typische Partien ihres Repertoires waren Cherubino, Pamina, Fiordilligi, Margiana, Frau Fluth, Baronin Freymann, Undine, Micaela, Antonia, Marie, Mimi, Liù, Zdenka, dann auch Agathe, Desdemona, Manon Lescaut, Lisa, Jenufa, sogar Donna Anna, Minnie und Octavian. Auch im zeitgenössischen Repertoire war sie erfolgreich, so mit Hindemiths Regina, Strawinskys Ann Truelove und Egks Ninabella. Sie war Solsitin der Bayreuther Festspiele 1951 bis 1956, u. a. als Eva in den Meistersingern. Mit Wolfgang Windgassen war sie verheiratet. Dem Stuttgarter Ensemble gehörte sie 30 Jahre lang an — als eine der beim Publikum beliebtesten Sängerinnen des Hauses.

 

Paula Brivkalne (∗ 1912 ‑ † 1990) war eine führende jugendlich-dramatische Sopranistin der europäischen Opernszene in den 1950ern. Sie stammte aus Lettland, debütierte und wirkte in den 1930ern in Riga, kam 1947 ans Staatstheater Oldenburg, von dort ans Opernhaus Essen, dann an die Bayerische Staatsoper München und an die Württembergische Staatsoper Stuttgart. Bis in die 1970er Jahre gastierte sie an großen europäischen Häusern, vornehmlich im dramatischen Fach. Ihre Glanzrollen waren Salome, Aida, Tosca, Desdemona, dann Venus, Carmen, Marina. Sie war die Freia im Eröffnungs-Ring 1951 in Bayreuth, dann dort Ortlinde und ein Blumenmädchen. In Wien und Paris gab sie die Gutrune in der Götterdämmerung. Sie reüssierte auch in zeitgenössischen Opern, so als Orffs Antigonae.

 

Margarete Bence (∗ 1930 ‑ † 1992) stammte aus New York, erhielt dort ihre Ausbildung, unternahm ab 1950 Konzerttourneen mit dem Robert Shaw Chorale. 1953 kam sie für weitere Studien nach Deutschland, war Schülerin von Res Fischer und Elinor Junker-Giesen in Stuttgart. Sie betätigte sich zunächst als Konzertsängerin, wurde 1956 an die Württembergische Staatsoper engagiert, wo sie bis 1970 und dann als Gast das Repertoire für tiefe Altstimme ausfüllte. 1970 konnte sie an die Bayerische Staatsoper wechseln. Ab 1976 war sie zudem ständig an beiden Wiener Opernhäusern tätig. Sie gastierte in Berlin, Paris, Rom, Rio, San Francisco, in Osteuropa, bei den Salzburger, Münchner und Schwetzinger Festspielen, sang in den Uraufführungen von Egks Verlobung in San Domingo und Reutters Tod des Empedokles. Als Oratoriensängerin war sie europaweit gefragt. In Bayreuth trat sie 1962 bis 1963 als Erda und Waltraute auf.

 

Hans Günter Nöcker (∗ 1927) war viele Jahre dominanter Charakterbariton der Stuttgarter und der Münchner Oper. Als Schüler so legendärer Sänger wie W. Domgraf-Faßbaender und H. H. Nissen debütierte er 1952 als Alfio in Münster. Er kam über Gießen 1954 an die Württembergische und 1965 an die Bayerische Staatsoper, gastierte regelmäßig an der Wiener Staatsoper, Deutschen Oper am Rhein und DOB Berlin, in Salzburg, Köln, Hamburg, Frankfurt/M., Florenz, Edinburgh, Brüssel, schließlich am Covent Garden London. In Bayreuth trat er ab 1958 als Melot, Hans Schwarz, Edler, Gralsritter auf — feierte dann 1984 dort einen Triumph als Beckmesser. Er war an wichtigen Uraufführungen, u. a. von Orff, Egk, Fortner, Bialas, Reimann beteiligt. Sein Repertoire reichte von Barockopern bis zur Zwölftonmusik. Seine Wagner-Partien waren Holländer, Biterolf, Telramund, Kurwenal, Beckmesser, Gunther, Klingsor. Nöcker war als universell einsetzbarer Charakterbariton ein Wunder an Beständigkeit und Universalität. Seine Laufbahn dauerte bis in die 1990er Jahre.

 

Gustav Grefe (∗ 1910 ‑ † 1997) war Westfale, wurde zunächst Schlosser, war nebenbei als Statist am Theater von Hagen tätig. Das lockte ihn auf die Opernszene. Nach der Gesangsausbildung sang er auf der Heimatbühne vor und wurde engagiert, debütierte 1933 als Silvio im Bajazzo, blieb vier Spielzeiten, wechselte 1937 ans Opernhaus Bonn, später nach Göttingen, dann nach Darmstadt. 1945 wurde er an die Württembergische Staatsoper berufen. Dort blieb er 35 Jahre lang im Ensemble — wie so viele seiner Stuttgarter Kollegen diesem Haus eng verbunden. Auslandsgastspiele unternahm er meist nur mit dem Stuttgarter Ensemble. Er sang ein vielseitig-spannendes Repertoire — zumeist in Baritonparten der italienschen und französischen Oper, vor allem von Verdi und Puccini, dazu Mozart, Beethoven, Weber, Gluck, Tschaikowsky, R. Strauss. Er übernahm auch Basspartien und ist auf Tonträgern als Lortzing-Sänger zu hören. 1957 nahm er an der Schwetzinger Uraufführung von Werber Egks Revisor teil. 1958 gastierte er an der Wiener Staatsoper. 1983 nahm er als Bassa Selim seinen Bühnenabschied, vom Stuttgarter Publikum dankbar gefeiert.

 

Stefan Schwer (∗ 1902 ‑ † 1990) war Rheinländer aus Düren, wurde in Köln und Berlin ausgebildet, debütierte 1928 in Essen. Er machte eine europäische Karriere, vor allem im dramatischen Fach und als Wagner-Held, später auch als Charaktertenor. Schnell kam er an die großen Opernhäuser, von Essen über Kassel nach Hamburg und Berlin, schließlich dauerhaft nach Stuttgart. Er gastierte in Amsterdam, Florenz, Rom, Lissabon, Brüssel, Zürich, dann häufig in Wien. In Bayreuth sang er 1963 bis 1964 in den Meistersingern. Er trat in zahlreichen Werken der Moderne auf, so in Erstaufführungen von Hindemith, Brehme, Reutter. Bis 1978 blieb er Ensemblemitglied der Württembergischen Staatsoper.

 

Liselotte Rebmann (∗ 1935) absolvierte Studien an der Stuttgarter Musikhochschule, u. a. bei Hermann Reutter. Sie wurde 1959 durch W. Sawallisch ans Staatstheater Wiesbaden engagiert, wechselte 1963 an die Württembergische Staatsoper, entfaltete von dort eine internationale Karriere als lyrischer Sopran. Ihr Repertoire umfasste Partien aller Provenienzen, von Marzelline über Contessa und Elsa bis Marschallin. Sie gastierte an vielen großen Bühnen Europas und der USA, so bei den Salzburger Festspielen, in Berlin, Hamburg, Frankfurt/M., München, Straßburg, Lyon, Edinburgh, an der Met NYC, Chicago, in Italien, Spanien, Osteuropa und vor allem in Wien. Sie war eine Favoritin des Dirigenten Herbert von Karajan. Schöne Tonaufnahmen, von der Bach-Kantate bis zur Wagner-Walküre, dokumentieren ihre Kunst.

 

Engelbert Czubok (∗ 1902 ‑ † 1969) war viele Jahre lang der universelle Erste Bariton der Stuttgarter Oper im deutschen und italienischen Repertoire. Sein Spektrum reichte vom Papageno bis zum Amonasro. Er hatte als Chorist am Deutschen Theater in Prag begonnen, sang ab 1925 dort als Solist (er war der erste deutschsprachige Schwanda von Weinberger). 1930 wurde er an die Stuttgarter Oper engagiert, der er bis zum Bühnenabschied 1965 verbunden blieb. Dort übernahm er praktisch alles, was für lyrisch-dramatischen Bariton geschrieben war, von Lortzing und Donizetti bis Verdi, Wagner, Strauss, darunter Erstaufführungen von Werken d’Alberts, Hindemiths, Reutters. Er zählte über viele Jahre zu den Stützen des Hauses.

 

Hans Blessin (∗ 1914 ‑ † 1990) stammte aus Mecklenburg, wurde in Köln ausgebildet, debütierte 1934 in Bonn, war vier Spielzeiten am Opernhaus Düsseldorf, erreichte dann nach einem Gastspiel die Stuttgarter Oper, an der er bis 1967 Ensemblemitglied blieb. Er sang dort ein schier grenzenloses Repertoire für Lyrischen Tenor, vom Buffo bis zu Verdi und Puccini, vor allem Mozart-Partien, später auch Comprimarii im Charakterfach und Operette. Häufig gastierte er an deutschen Groß- und Mittelbühnen, seit 1950 auch in Musikzentren Mitteleuropas und in Übersee, so in Florenz, Marseille, Zürich, Paris, Brüssel, bis nach Buenos Aires. Auch er gehörte zu den Stützen des Stuttgarter Hauses.

 

Sieglinde Kahmann (∗ 1937) kam aus Dresden, wurde an der Musikhochschule Stuttgart ausgebildet, ging gleich an der Württembergischen Staatsoper ins Engagement, debütierte 1957 als Jungfer Anna in Nicolais Lustigen Weibern. Bis 1969 war sie Mitglied, dann Gast des Stuttgarter Hauses. Weitere Verträge hatte sie mit dem Münchner Staatstheater am Gärtnerplatz, der Hamburgischen Staatsoper, dem Staatstheater Kassel. Sie gastierte an den Staatsopern Wien und München, am Staatstheater Karlsruhe, in Essen und Leipzig. Gastspiele führten sie durch Europa, so nach Straßburg, Lissabon, Bukarest. Sie dominierte im Leggiero-Fach, als Lyrischer Sopran und als Soubrette, erweiterte ihr Spektrum später zum jugendlichen Fach — von Susanna zu Contessa, Papagena zu Pamina, Zerlina zu Elvira, Musetta zu Mimi, Anna Reich zu Frau Fluth. Auch als Konzertsängerin und Operettendiva  war sie erfolgreich.

 

KUS

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© Klaus Ulrich Spiegel