Johann Strauß jun. (1825 – 1899)

Der Zigeunerbaron

 

Operette in drei Akten von Ignaz Schnitzer

nach einer Novelle von Mór Jókai
Uraufführung: 24.10.1885 im Theater an der Wien in Wien

Studioproduktion des Bayerischen Rundfunks
r. 1956 München

Leitung: Werner Schmidt-Boelcke

 

Graf Peter Homonay Carl Hoppe
Conte Carnero Josef Knapp
Sándor Barinkay Hans Hopf
Saffi Anny Schlemm
Kálmán Zsupán Kurt Böhme
Czipra Hilde Rössl-Majdan
Ottokar Ferry Gruber
Arsena Liselotte Schmidt
Mirabella Ina Gerhein

 

Chor des Bayerischen Rundfunks
Münchner Rundfunkorchester


Die Handlung

 

Ort und Zeit: 1741 in der Gegend um Temesvár und in Wien.
24 Jahre nach der Schlacht bei Belgrad ist das Land ist vom Krieg verwüstet. Als türkischer Statthalter musste der Pascha von Temesvár fliehen und seine kleine Tochter zurücklassen, die von der alten Czipra behütet als Zigeunerin Saffi aufwächst. Die mit dem Pascha befreundete Familie Barinkay musste ins Exil gehen.

 

 

Erster Akt

Der junge Sándor Barinkay kehrt, geleitet vom königlichen Kommissär Conte Carnero, in die Heimat zurück, wo der Schweinezüchter Zsupán inzwischen die elterlichen Güter besetzt hat und den rechtmäßigen Eigentümer spielt. Im halb verfallenen Schloss der Barinkays leben nun Zigeuner. Um friedlich an sein Erbe zu kommen, hält Barinkay um Arsena, die Tochter des "Schweinefürsten", an. Die aber liebt Ottokar, den Sohn ihrer Erzieherin. Spottend über Barinkay verlangt sie, ihr künftiger Ehemann müsse mindestens ein Baron sein. Der Kommissär findet in Arsenas Gouvernante seine Gattin Mirabella wieder, die er während der Kriegswirren verloren hatte. Enttäuscht nimmt Barinkay Abschied. Czipra, eine alte Zigeunerin, erkennt in ihm den Sohn des früheren Besitzers und macht ihn mit den Zigeunern bekannt. Diese erkennen ihn als ihren Herrn an. In der Nacht beobachten sie, wie Ottokar zu Arsenas Fenster kommt. So wird Barinkay der wahre Grund für die Zurückweisung klar. Zornig präsentiert er sich als Baron der Zigeuner. Zsupán und Arsena verhöhnen ihn dafür. Barinkay aber hat sich längst in Saffi, Czipras Pflegetochter, verliebt. Nach Zigeunerbrauch hält er in der Schlossruine freisinnige Hochzeit mit Saffi. Damit provoziert er heftig Zsupán und den Kommissär, der einen schweren Sittenverstoß sieht.

 

 

Zweiter Akt

 

In der Brautnacht träumt Saffi von einem Schatz unter den Schlossmauern. Der zunächst ungläubige Barinkay gibt ihrem Drängen nach, gräbt und findet tatsächlich den Schatz, den sein Vater dort vergrub. Sogleich erhebt sich Streit: Auch der Schweinefürst Zsupán und der Kommissär beanspruchen den Besitz. Carnero vermutet in ihm die lange verschollene Kriegskasse, die Barinkays Vater unterschlagen haben soll. Angeführt von Graf Homonay erscheinen Husaren und werben mit Tokayerwein Soldaten für den Krieg gegen Spanien an. Ordentlich betrunken verfallen Zsupán und Ottokar den Werbern und müssen mit ihnen ziehen. Wegen des Schatzfundes und der unstandesgemäßen Heirat versucht Conte Carnero, Barinkay beim Grafen Homonay zu verklagen. Doch Homonay lässt ihn abblitzen und gratuliert Barinkay. Glücklich über seine Verbindung mit Saffi und aus adligem Stolz, gibt dieser den Schatz an das Kaiserreich. Zsupán und seine Leute beschimpfen die Zigeuner. Da holt die alte Czipra ein Dokument hervor, mit dem bewiesen wird, dass Saffi die Tochter des türkischen Paschas ist. Barinkay glaubt sich ihrer nun nicht mehr würdig. Er zieht mit in den Krieg.

 

 

Dritter Akt

 

Nach siegreicher Beendigung des Krieges marschieren die Ungarn in Wien ein. An der Spitze Schweinefürst Zsupán, der gewaltig mit Kriegsheldentaten prahlt. Danach kommt Barinkay mit den Zigeuner-Husaren. Er hat sich vor dem Feind ausgezeichnet. Darum erhält die Güter seiner Familie zurück und wird zum Baron geadelt. Zsupán, der hofft, seine Tochter jetzt doch noch an den nunmehrigen Baron Barinkay verheiraten zu können, erhält einen weiteren Dämpfer: Barinkay hält für Ottokar um Arsenas Hand an. Er selbst kann nun seine Saffi heimführen.

 


Ein Klassiker und Evergreen
der heiteren Musikbühne

 

Johann Strauß, der als Walzerkönig international erfolgreiche Sohn des Radetzky-Marsch-Komponisten, griff mit Ignaz Schnitzers Bühnenlibretto nach der Novelle Saffi des ungarischen Autors Mór Jókai ein zum Ende des 19. Jahrhunderts populäres Sujet auf: Zigeunerromantik war im Theater sehr beliebt. Auch das Verhältnis Österreichs zu Ungarn war ein gern bearbeitetes, von Romantik und Exotik verklärtes Thema: Bei Strauß kommt es auch in der Fledermaus vor.

 

Jókai bezog sich auf den venezianisch-österreichischen Türkenkrieg mit der Schlacht um Belgrad 1717, der das osmanische Regime nördlich der Donau definitiv beendete. Die Handlung um Sándor Barinkays Rückkehr auf sein Familienschloss im Banat spielt um 1741/42, also ein Vierteljahrhundert nach dem Kriegsgeschehen. Sie bezieht die Verbindungen ungarischer Adliger zum als human geschilderten Pascha von Temesvár ein. Nach deren Vertreibung nahmen Zigeuner von den leerstehenden Liegenschaften Besitz. Wegen ihrer fremdartigen, unabhängigen Lebensweise, natürlich auch aus rassistischen Motiven, wurden sie von vielen Österreichern und Ungarn verachtet.

In der Operette kommt also auch der Konflikt zwischen der etablierten Gesellschaft und der Subkultur des fahrenden Volks zum Ausdruck.

 

Er manifestiert sich vor allem in den Protagonistenfiguren: dem Tenorhelden Barinkay als Repräsentant des entrechteten Adels und der ersten Sopranistin als vorgeblicher Außenseiterin, in Wahrheit der Oberklasse zugehörig. Die Handlung ist zwar fiktiv, doch symbolhaft-repräsentativ. Freilich verzerrt sie in den Details manche historische Fakten.

 

 

Zwischen Kategorien und Genres

 

Nicht wenige Liebhaber der klassischen Wiener Operette stufen den Zigeunerbaron nicht geringer ein als die noch berühmtere und öfter gespielte Fledermaus. Sie betrachten ihn als gleichrangig mit Millöckers Bettelstudent und Suppés Boccaccio, zugleich dem Genre Komische Oper näher. Dafür sprechen auch mehr und ausgedehntere Ensembleszenen, ferner eine komplexe, vielseitige Melodik und Instrumentation. Das Werk ist kein reines Wiener Walzerstück, sondern steht an der Grenze zur Volks- und Spieloper.

 

Die Musik enthält viele ungarische Anklänge, sie greift auch Motive ungarischer Volksmusik auf. Bemerkenswert ist vor allem die Integration des berühmten Rákóczy-Marsches am Ende des zweiten Aktes. Dieses Stück war um 1705 von einem unbekannten Musiker zu Ehren des Prinzen Ferenc Rákóczi, des Anführers eines ungarischen Aufstands gegen Österreich, komponiert worden. Schon Hector Berlioz verwendete ihn in La damnation de Faust, und Franz Liszt verarbeitete ihn in der Ungarischen Rhapsodie No. 15.

 

Als kleines Meisterstück kann Wer uns getraut gelten, Barinkays und Saffis Duett, wenn im 2. Akt das ausgegrenzte Paar dem inquisitorisch fragenden Kommissär Carnero antwortet, es habe sich vom Dompfaff vermählen lassen und zwei Störche zu Trauzeugen genommen. Es gibt drei wirkungsvolle Auftrittslieder: Barinkays wirkungsvoll-freches Als flotter Geist, Zsupáns ungehobelt-witziges, durch ungarischen Akzent noch pointiertes Bekenntnis-Couplet vom Schweinefürsten, dazu ein selbstironisches Chanson von Carnero, dem aber nur eine Strophe zugebilligt ist. Saffi hingegen hat drei effektvolle Solo-Arien.

Im Finale des zweiten Aktes erklingt der eingängige Schatzwalzer (ein Trio von Sopran, Alt und Tenor), dann Her die Hand, es muss ja sein, das Werberlied des Grafen Homonay, einem Landfahrerlied au dem Befreiungskrieg von 1849 nachgestaltet. Ihm ist ein Czardas angefügt, der in einen Wiener Walzer übergeht, dem seit der 25. Vorstellung der Rákóczy-Marsch folgt.

 

Der 3. Akt, wie bei vielen musikalischen Komödien als der schwächste gewertet, bringt dennoch attraktive, sogar mitreißende Melodien: Von des Tajo Strand, das prahlerische Marschlied des Zsupan, den Einzugsmarsch der Soldaten, dazu zwei Berichtsstücke im Finale. Wie in den populären Werken von Millöcker, Suppé, Zeller, Offenbach und Strauß jun. selbst packen und bewegen einzelne Nummern durch Ohrwurm-Eingängigkeit und wurden populär, Zitate daraus sogar sprichwörtlich.

 

 

Bekannte und beliebte Nummern im Zigeunerbaron:

  • Als flotter Geist / Ja, das alles auf Ehr — Auftrittslied des Barinkay
  • Ja, das Schreiben und das Lesen — Couplet des Zsupán
  • So elend und so treu — Csardas der Saffi
  • Wer uns getraut — Duett Barinkay-Saffi
  • Her die Hand, es muss ja sein — Werberlied des Homonay
  • Seht es winkt, es blinkt, es klingt — Schatzwalzer-Trio
  • Von des Tajo Strand — Marschlied des Zsupan
  • Einzugsmarsch — Chor der Soldaten

 

 

Eine Archiv-Entdeckung aus München

 

Unter vielen Einspielungen des Zigeunerbaron bei Rundfunkanstalten und auf Schallplatten ist der hier vorgelegte Mitschnitt wahrscheinlich die am wenigsten bekannte, weil bisher nicht auf Tonträger gekommene. Unter der Leitung des vielbewanderten Rundfunk-Dirigenten Schmidt-Boelcke ist ein primär zur Bayerischen Staatsoper gehörendes Ensemble versammelt, mit bewährten, soliden Kräften wie Carl Hoppe, Ferry Gruber, Josef Knapp, Erika Schmidt, die den soliden Ensemblestandard der Nachkriegszeit repräsentieren. Mit der in der Czipra-Partie vielbeschäftigt gewesenen Altistin Rössl-Majdan kam ein Gast von der Wiener Staatsoper dazu.

 

Im Mittelpunkt stehen die drei Protagonisten für Barinkay, Saffi und Zsupan: Hopf, Schlemm und Böhme. Des von Dresden in den 1950ern an die Münchner Oper gekommenen Kurt Böhme Spezialität waren humor- und spielvolle Komödiantenpartien, voran der Ochs auf Lerchenau, aber auch Millöckers Ollendorff und Nasoni, Lortzings van Bett und Baculus, Donizettis Dulcamara und Pasquale oder Offenbachs Jupiter. Anny Schlemm war die Operettendiva No.1 des deutschen Sprachraums (vor Rothenberger) in einem Repertoire fast ohne Grenzen. Hans Hopf war einer der zentralen Spintotenöre des deutschen Sprachraums und ein künftiger schwerer Wagner-Held. Keiner der drei strahlte unmittelbar österreichisch-ungarisches Flair aus. Sie sprachen und sangen blutvoll, aber genreneutral, überzeugten durch Persönlichkeit, führten ihr individuell starkes Material und sängerisches Können vor.

 

Dennoch hat die Aufnahme ihre Meriten. Mag sie auch kein Hörbild von Zeit, Personal und Milieu einer magyarischen oder k.& k.-Semiseria darstellen, setzt sie doch die folkloristisch angelegte, melodienselige Musikkomödie des Walzerkönigs temperamentvoll und stilsicher um. Ein Stück Radiogeschichte aus einer Ära der Solidität, Breite und gesicherten interpretativen Maßstäbe.

 


 

Werner Schmidt-Boelcke (∗ 1903 ‑ † 1985), Sohn eines Konzertpianisten, erhielt Klavierunterricht an der Akademischen Musikschule seiner Mutter. Bereits 14-jährig wirkte er unter dem Namen Schmidt-Boelcke (nach dem des Stiefvaters). Seit 1920 besuchte er das Stern’sche Konservatorium in Berlin, um Konzertpianist zu werden. Nach seinem Abschluss 1923 engagierte ihn der Filmkomponist Willy Schmidt-Gentner als Stummfilm-Kapellmeister. Er arbeitete dann bei den Bernauer-Bühnen in Berlin, anschließend beim Phöbus-Palast in München. 1928 wurde er Chefdirigent aller Kinosäle der Münchner Filmstudios Emelka. Zugleich dirigierte er bei etwa 50 Filmen im Capitol-Lichtspielhaus in Berlin. Er schrieb auch Originalpartituren, die in Kinosälen von Kapellen oder Pianisten vorgetragen wurden. Ebenfalls 1928 dirigierte er im Vor-Haus in Berlin erstmals für den Rundfunk. 1929 komponierte er die Filmmusik zum ersten deutschen Tonfilm Dich hab ich geliebt. 1934 wurde er 1. Kapellmeister am Berliner Metropoltheater und ab 1939 bis Kriegsende auch im Admiralspalast.
Schmidt-Boelcke verhalf vielen Operetten zum Erfolg, darunter auch 1937 Raymunds Maske in Blau. Nach 1944, als er beim Reichsrundfunk Berlin dienstverpflichtet wurde, komponierte er auch wieder Filmmusiken. 1945/46 wirkte er als Director of Light Music bei Radio Hamburg. Ab 1947 war er erster Chefdirigent des nachmals beim BR so berühmten Münchner Rundfunkorchesters, das er bis zu seiner Pensionierung 1968 leitete. Bei fast allen Deutschen Rundfunkanstalten, auch in Österreich, gastierte er regelmäßig. Später arbeitete er vorwiegend für das ZDF und nicht zuletzt für die Schallplattenindustrie. Er wurde mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande und mit dem Filmband in Gold ausgezeichnet.

 

Hans Hopf (∗ 1916 ‑ † 1993) gehörte zur Spitzengruppe deutscher Tenöre zwischen den 1940er und 1970er Jahren. Er wurde in München bei dem großen Bassisten Paul Bender ausgebildet, debütierte schon 1936 als Linkerton in Madame Butterfly am Bayrischen Landestheater, war 1939 – 1942 als Lyrischer Tenor in Augsburg, als Soldat 1942 – 1944 am Deutschen Theater in Oslo engagiert. Nach dem Weltkrieg erweiterte er sein Fach zum Spinto und Heldentenor. 1946 – 1950 sang er an der Berliner Staatsoper, 1948 – 1949 auch an der Dresdner Semperoper. Seit 1949 war er Star der Bayerischen Staatsoper München, zugleich mit der Wiener Staatsoper verbunden. 1951 sang er den Stolzing bei der Wiedereröffnung der Bayreuther Festspiele, 1955 den Kaiser in Frau ohne Schatten und Radames in Aida bei der Eröffnungsfestwoche am großen Haus der Wiener Oper. In Bayreuth war er bis 1966 als Stolzing, Froh, Siegfried, Tannhäuser und 1966 Parsifal zu hören. 1952 – 1955 und in den 1960ern war er an der New Yorker Met. Gastauftritte hatte er an der Mailänder Scala, Grand Opéra Paris, Covent Garden London, Teatro Colón Buenos Aires, regelmäßig an der Deutschen Oper am Rhein. Bei den Salzburger Festspielen 1954 sang er den Max im Freischütz. Eine Weltkarriere führte ihn durch ganz Europa, Nord- und Südamerika, Russland und Vorderasien. Mit einer italienisch geschulten, flexibel geführten dramatischen Tenorstimme konnte er von Puccini bis zu Wagner und R. Strauss, bis Othello und Tristan überzeugen. Ein Tropfen Essig machte seinen Stimmklang unverwechselbar. Im Herbst seiner Laufbahn übernahm er

auch dramatische Charakterpartien. Er ist mit Aufnahmen ab 1940 dokumentiert.

 

Anny Schlemm (∗ 1929) kam in Neu-Isenburg (Südhessen) als Tochter eines Choristen der Frankfurter Oper zur Welt. Am Opernhaus Halle (Saale) erhielt sie ihre erste Gesangsausbildung. Am dortigen Theater debütierte sie 1946 als Bastienne in Mozarts Singspiel, kam als Soubrette-Elevin ins Ensemble, konnte zwei Jahre darauf an die Berliner Komische Oper und Deutsche Staatsoper wechseln. Zwei Spielzeiten wirkte sie auch am Opernhaus Köln, ab 1953 für 40 Jahre am Musiktheater Frankfurt/M. Ungeachtet ständiger Gastspiele, Konzerte, Tourneen, Schallplattenproduktionen hatte sie Bühnenauftritte in der ganzen Welt. Seit den frühen 1950ern galt sie als die führende Operettensängerin im Rundfunk. Ihr Repertoire schien grenzenlos, umgriff nahezu alle Fächer, bis zu Mezzo- und Alt-Partien, von Monteverdi bis John Cage. Sie war Kammersängerin, Ehrenmitglied der Opernhäuser Frankfurt und Halle und Ehrenbürgerin ihrer Geburtsstadt. Insgesamt verkörperte sie mehr als 135 Partien. Erst 2003, nach fast 60 Jahren Karriere ohne Brüche, zog sie sich von der Bühne zurück. Im Jahr 2000 wurde sie mit dem Joana-Maria-Gorvin-Preis für Bühnendarstellung ausgezeichnet. Ein Förderpreis für Sänger trägt ihren Namen.

 

Kurt Böhme (∗ 1908 ‑ † 1989), erreichte schnellen Ruhm als Basso serioso an der Dresdner Oper. Er war gebürtiger Dresdner, studierte am Konservatorium seiner Heimatstadt. Sein Debüt hatte er 1930 in Bautzen — mit beiden Basspartien Kaspar und Eremit im Freischütz. Sogleich verpflichtete ihn die Dresdner Staatsoper, an der er dann 20 Jahre lang Ensemblestar blieb. Er sang alles, was die Fachzuweisungen für Bass bieten: Profondo, Cantante, Bassbuffo, gelegentlich Helden- und Charakterbariton, Operetten-Bonvivant, Oratorien- und Konzertsolist. 1949 wechselte er nach Westdeutschland, war ab 1950 fest an der Bayerischen Staatsoper engagiert, trat seit 1952 bei den Bayreuther, bald auch bei den Salzburger Festspielen auf. Ab 1955 hatte er einen weiteren Festvertrag mit der Wiener Staatsoper. Er gab Gastspiele in aller Welt, an größten und berühmtesten Bühnen. Böhme arbeitete in Oper, Operette und Konzert, im Aufnahmestudio und bei Festspielen. Er wirkte in Uraufführungen von Orff, Egk, Liebermann, Yun mit. Fast 50 Jahre lang stand er auf der Musikbühne. Seine tönende Hinterlassenschaft, auch als Operetten-Bassist, ist reichhaltig.

 

Carl Hoppe (∗ 1910 ‑ † 1988) wurde in Duisburg ausgebildet, musste ein Debüt am Opernhaus Chemnitz infolge Frontverpflichtung als Soldat fahren lassen, kam im Weltkrieg (wie Hopf) ans Deutsche Theater Oslo, arbeitete bis 1948 am Pfalztheater Saarbrücken, wurde 1848 an die Bayerische Staatsoper engagiert, wo er mehr als 30 Jahre lang wirkte. Er war als Universalist im lyrischen Baritonfach zuverlässig und beliebt, eine Art Vorgänger des Bariton-Kollegen Raimund Grumbach. Er sang in Uraufführungen von Hindemith und Sutermeister, gastierte in Wien, Zürich, Edinburgh und an vielen deutschen Opernbühnen, war bei Platten- und Rundfunkproduktionen oft in Charakter- und Comprimario-Partien engesetzt, auch als Operettendarsteller und als Konzert- und Oratoriensänger geschätzt.

 

Hilde Rössl-Majdan (∗ 1921 ‑ † 2010) war Wienerin, studierte an der Wiener Musikakademie, debütierte 1946 als Konzert-Altistin, wurde von Furtwängler gefördert, kam 1951 an die Wiener Staatsoper und blieb diesem Haus 25 Jahre lang verbunden. Sie sang dort über 60 Partien aller Stile und Genres, erreichte in zentralen Partien jeweils dreistellige Auftrittszahlen, gastierte in aller Welt, wurde in wichtigen Musikzentren wie Scala, Maggio Musicale, Salzburger Festspiele, vor allem an den Opernhäusern Italiens und Franreichs gefeiert, wirkte in Dutzenden von Opernaufnahmen und Radioproduktionen mit. Nach dem Bühnenabschied wirkte sie als Gesangsprofessorin am Konservatorium Wien. Die Czipra war eine ihrer Paradepartien.

 

Ferry Gruber (∗ 1926 ‑ † 2004) stammte aus Wien, wurde bei Hans Swarowsky und Hermann Gallos ausgebildet, machte als Buffo- und Charaktertenor eine universale europäische Karriere in allen Genres des Musiktheaters — als Prototyp des schelmisch-liebeswerten Tenorino und Komödianten. Er hatte als Chorleiter in Wien gewirkt, machte 1950 in Luzern sein Bühnendebüt als Tamino, trat häufig im Schweizer Sender Monte Ceneri auf, kam über Basel und Hamburg nach München, wo er an der Staatsoper wie am Gärtnerplatztheater in zahlreichen Buffo-Rollen zur Standardbesetzung wurde. Er gastierte regelmäßig auch an der Staatsoper und der Volksoper Wien, dazu an vielen deutschen Bühnen und bei Rundfunkanstalten. Vor allem in Operettenaufnahmen machte er sich einem breiten Publikum bekannt. Seine Auftritte in Opern- und Operettenproduktionen sind Legion.

 

Josef Knapp (∗ 1906 ‑ † 2001) debütierte als Comprimario schon 1925 in Innsbruck, hatte auch ein Schauspieler-Engagement in Klagenfurt. Er studierte sodann in Wien, kam 1933 an die Staatsoper, sang in Wien und Berlin kleinere Charakterpartien, war zeitgleich an der Wiener Volksoper und am Münchner Gärtnerplatztheater tätig. 1954 – 1971 war er dann als universeller Charakterbariton an der Bayerischen Staatsoper (u. a. in der Uraufführung von Strauss’ Friedenstag), bot eine Vielzahl von Rollenportraits, von Mozarts Conte Almaviva bis zu Smetanas Zirkusdirektor, dabei ein Standardrepertoire mit Papageno, Figaro, Fluth, Heerrufer, Marcello, Sharpless, Angelotti, Falke, Caramello, Morruccio, überdies zahlreiche Operettenfiguren.

 

Erika Schmidt (∗ 1913 ‑ † 2004) studierte erst Klavierspiel, dann in Frankfurt/M. Gesang, kam 1946 als Soprano leggiero ans Frankfurter Opernhaus, dem sie bis zum Bühnenabschied 1967 treu blieb. Sie gastierte an allen führenden Musikbühnen Deutschlands und im europäischen Ausland, schließlich beim Glyndebourne Festival, auch in Lissabon, Florenz, Amsterdam, Wien und sogar London, häufig am Gärtnerplatztheater München. Ihr Repertoire reichte von Soubretten bis zur Marschallin im Rosenkavalier und zur Moderne, doch ihr Schwerpunkt lag bei den Lyrikerinnen: Konstanze, Susanna, Despina, Frau Fluth, Baronin Freimann, Gilda, Rossinis Rosina und Ninetta, Brittens Lady Billows, Wolf-Ferraris Rosaura. Sie hinterließ schöne Schallplatten, darunter ein Programm mit Konzertarien Mozarts.

KUS

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© Klaus Ulrich Spiegel