Pjotr Tshajkovskij (1854 – 1921)

Pique Dame

 

Oper in drei Akten (sieben Bildern)
von Modest Tshajkovskij nach Aleksandr Pushkin
Uraufführung: 19.12.1890, St. Petersburg, Marinskij-Theater

Amateur-Mitschnitt der Live-Aufführung
vom 22. März 1965 in der Wiener Volksoper

Leitung: Peter Maag

 

Hermann, Offizier Jean Cox
Die Gräfin Martha Mödl
Lisa, ihre Enkelin Helga Dernesch
Fürst Jeletzkij Marcel Cordes
Graf Tomskij Ernst Gutstein
Pauline, Lisas Freundin Pari Samar
Czekalinskij, Spieler Adolf Dallapozza
Czaplitskij, Spieler William Appel
Surin, Offizier Friedrich Nidetzky
Die Gouvernante Hilde Konetzni
Masha Monique Lobosà
Der Festordner Wolfgang Zimmer

 

Chor der Wiener Volksoper
Orchester der Wiener Volksoper

 


 

Die Handlung

 

Ort und Zeit: Sankt Petersburg um 1800

 

Erster Akt — Die Petersburger Promenade —

Im Palast der Gräfin

 

Der Kavallerieoffizier Hermann trifft sich mit Freunden. Er hat sich in Lisa verliebt. Diese ist mit dem Fürsten Jeletzky verlobt, einem Kriegskameraden Hermanns. Graf Tomskij erzählt von Lisas Großmutter, der Gräfin. Die alte Dame wurde früher wegen ihrer Spielleidenschaft "Pique Dame" genannt. Sie soll das Geheimnis dreier glückbringender Spielkarten besitzen, mit denen man stets gewinne. Wenn sie diese verliere, sei sie dem Tod geweiht. Hermann beschließt, das Geheimnis der Karten an sich zu bringen. Dazu will er sich der Hilfe Lisas bedienen. Es gelingt ihm, das Mädchen in Liebe an sich zu binden.

 

 

Zweiter Akt — Ein Ballsaal — In den Gemächern der Gräfin

 

Hermann besucht mit Lisa einen Maskenball. Fürst Jeletzkij bemerkt, dass ihm seine Verlobte ausweicht. Während der Vorführung eines Schäferspiels gelingt es Hermann, von Lisa den Schlüssel zur Geheimtür der Gräfin zu erlangen. Lisa und Hermann verlassen unbemerkt den Ballsaal. — Die Gräfin gibt sich wehmütigen Erinnerungen an die Jugendzeit hin. Herman tritt ein und verlangt von ihr den Verrat des Kartengeheimsses. Als sich die alte Dame weigert, zieht Hermann seine Waffe. Die Gräfin erleidet vor Schreck einen Schlag und stirbt. Lisa stürzt ins Zimmer. Sie erkennt, dass Hermann nicht ihretwegen, sondern um der Dämonie der Karten willen gekommen war. Entsetzt weist sie den Geliebten hinaus.

 

 

Dritter Akt — In Hermanns Quartier —

Am Fluss — Im Spielsaal

 

Lisa hat Hermann einen verzeihenden Brief geschrieben. Sie bittet ihn um ein Treffen. Hermann hat eine Vision: Der Geist der Gräfin erscheint und nennt ihm drei Karten: Drei, Sieben, Ass. — Die Liebenden begegnen sich am Newa-Ufer. Hermann berichtet von der Erscheinung und den glückbringenden Karten. Lisa beschwört ihn, zur Vernunft zu kommen. Doch Hermann eilt davon, um Glück im Spiel zu suchen. Die verzweifelte Lisa ertränkt sich im Fluss. — Hermann gewinnt die ersten Spiele mit der Drei und der Sieben. Als er schließlich alles auf das Ass setzt, spielt nur noch Fürst Jeletzkij mit, der durch Hermann seine Lisa verloren hat. Doch nicht das As gewinnt — die letzte Karte ist Pique Dame. Hermann sieht den Geist der verstorbenen Gräfin vor sich. Er ersticht sich.

 


Tshajkovskijs
lyrisch-phantastisches Musikdrama

 

Die Oper Pique Dame verarbeitet die berühmte Erzählung Aleksandr Pushkins. Diese fasziniert den Leser durch ihre realitätsnahe Erzählweise und ihre ironischen Untertöne. Pushkins Charaktere scheinen direkt aus dem Leben gegriffen — nur die Figur der alten Gräfin, die ihrer verlorenen Jugend nachtrauert und sich immer noch kleidet wie vor sechzig Jahren, scheint einer Zwischenwelt anzugehören. Lisa ist kein so unmündiges Jungmädchen, wie man zunächst glauben mag, sondern eine eigenständig urteilende Frau. Und Hermann ist kein so romantischer Charakter, wie es scheint, vielmehr habgierig und haltlos. Die zentralen Gestalten des Dramas sind im Grunde bemitleidenswert, weil tragisch-zwangsläufigem Untergang geweiht — doch Pushkins fast bösartige Ironie verhindert wirkliches Mitgefühl. In der Oper verlagern sich diese Zuspitzungen.

 

Die Vorlage gehört zum Genre der phantastischen Literatur und ist insofern ein ideales Opern-Sujet. Zwei Leidenschaften quälen den mittellosen Offizier Hermann: die Liebe zur schönen Komtesse Lisa, derer er sich nicht würdig fühlt, und seine Spielsucht. Als er erfährt, dass seine Angebetete bereits mit einem standesgemäßen Fürsten verlobt ist, stürzt ihn das in eine Krise. Diese verführt ihn zur Ausbeutung der Liebesverbindung. Lisas Großmutter, die geheimnisvolle Gräfin, ist angeblich im Besitz des Wissens um drei Karten, die immer gewinnen. Mit Lisas unwissender Hilfe dringt Hermann nachts ins Haus der Gräfin ein, um dieser das Kartengeheimnis zu entlocken. Zurück im Spielcasino, setzt German alles auf diese drei Karten. Er will Geld und Liebe gewinnen — und wird beide verlieren.

 

Aleksandr Pushkins Novelle Pikowaja Dama hatte in der dramatischen Umsetzung rasch die Schauspielhäuser erobert. Bis der spannende Stoff auch auf die Opernbühne kam, vergingen noch einige Jahre vergehen. Pjotr Tshajkovskij hatte ein ganz auf seine Bedürfnisse zugeschnittenes Libretto zur Verfügung, das ihm sein Bruder Modest nach Pushkins Vorlage geschrieben hatte. Am 19. Dezember 1890 fand in Sankt Petersburg die Uraufführung der Vertonung statt. Das Werk avancierte zu einer der berühmtesten russischen Opern, über die der Komponist selbst befunden hatte: Entweder befinde ich mich in einem schrecklichen Irrtum, oder Pikowaja Dama ist wirklich mein Chef d′œuvre.

 

Die Oper benötigt den politischen Zusammenhang, der bei Pushkin dominiert, nicht. Sie erzählt von Liebe, Obsession und Wahnsinn. Das psychologische Konzept steht im Vordergrund. Aus der Musik lässt sich Hermann als doppelte oder gespaltene Persönlichkeit deuten, die nach innen wechselnd erodiert oder implodiert. Tshajkovskij hat zwei Ebenen in die Oper installiert,  die öffentliche und die private. Die Gegensätze sind gesellschaftlich begründet: Hier die zwar stolz auftretenden, doch mittellosen Offiziere, dort Adel und Großbürgertum mit materiellem Besitz. Die Liebe des Offiziers zur Grafentochter ist für sich schon ein Dramen- und also auch Opernstoff. Die zweite Ebene des Spiels — Wahn und Geisterwelt — verdichten und erheben die für Tshajkovskij typischen lyrischen zu teils transzendentalen, teils veristischen Szenen.

Wie schon im Eugen Onegin kam die mehrschichtige Handlung dem primär lyrisch-orchestral geprägten Stil Tshajkovskijs sehr entgegen: Das seelische Element und die intimen Anteile der Geschichte regten ihn zu farbiger, sinnlicher, an Höhepunkten reicher Komposition an. Die musikalische Gestaltung der dramatischen Szenen des 4., 5. und 6. Bildes fesselt am meisten, sie setzt die Stimmungen und Affekte der Handelnden nachdrücklich um. Die weiteren Szenen sind in flüssigem Konversationston gehalten, wie ihn  der Komponist meisterlich beherrschte. Neben ariosen Soli für Lisa, Hermann, Jeletzkij, Pauline dominieren vor allem kleinere Ensembles, auch lebendige Chöre. Das kleine Schäferspiel im Spiel ist ein Einschub im exakt nachgeahmten Stil des 18. Jahrhunderts, bewusst als Fremdeinschub gestaltet. In der formalen Struktur weist die Partitur keine grundlegenden Innovationen etwa gegenüber Eugen Onegin auf. Und doch ist Pique Dame ein Stück von eigenem Profil und orginellem Klanggepräge.

 

 

Eine große Zeit der Wiener Volksoper:
Traditionsadresse, Ensemblehaus, Stargastbühne

 

Die heutige Volksoper Wien wurde 1898 als Kaiser-Jubiläums-Stadttheater eröffnet und zunächst als Sprechbühne geführt. Erst 1903 wurden auch Opern und Singspiele in den Spielplan aufgenommen. 1904 wurde aus dem Stadttheater die Volksoper. Tosca (1907) und Salome (1910) hatten hier ihre Wiener Erstaufführung. Weltbekannte Sängerinnen und Sänger wie Jeritza, Slezak oder Richard Tauber traten zu Beginn ihrer Karriere an der Volksoper auf. Alexander Zemlinsky wirkte hier ab 1906 als 1. Kapellmeister. Nach dem ersten Weltkrieg entwickelte sich die Volksoper zu Wiens zweitem repräsentativem Opernhaus, doch wurde sie ab 1929 wieder zu einem Neuen Wiener Schauspielhaus, in dem auch leichte Operetten gegeben wurden.

 

Nach dem zweiten Weltkrieg diente die Volksoper als Ausweichquartier für die zerstörte Wiener Staatsoper. Nach deren Wiedereröffnung 1955 wurde die Volksoper wieder als selbständiges Musiktheater geführt. Zunächst war ihr die Rolle einer Art Wiener Opéra Comique zugewiesen — Staatsoperette und Musicalhaus, zuständig auch für Spieloper und Buffa. Das änderte sich mit Beginn der 1960er Jahre für längere Zeit gravierend. Mit den Intendanten Franz Salmhofer, Albert Moser und Karl Dönch erreichte die Volksoper nicht nur weltstädtischen Rang, sondern auch den Status eines führenden Hauses im europäischen Vergleich.

 

Dafür standen Dirigenten wie Peter Maag, Argeo Quadri, Dietfried Bernet und Sänger von internationalem Ruf wie Christiane Sorell, Helga Dernesch, Marilyn Zschau, Hanny Steffek, Sonja Mottl, Renate Holm, Dorit Hanak, Libuse Domaninska, Mirjana Irosch, Hilda de Groote, Helga Papouschek, Ira Malaniuk, Hilde Rössl-Majdan, Hilde Konetzni, Sonja Draksler, Karl Terkal, John Alexander, Rudolf Christ, Adolf Dallapozza, Jean Cox, Hermin Esser, Eberhard Katz, Ion Buzea, Karl Dönch, Ernst Gutstein, Wicus Slabbert, Heinz Holecek, Oskar Czerwenka, Alois Pernerstorfer, Frederick Guthrie, Ljubomir Pantscheff, Thomas O’Leary, Georg Schnapka, Anton Diakov, dazu immer wieder Stargäste — wie Martha Mödl oder Marcel Cordes. Das Niveau des Hauses bestätigt sich in unserem Mitschnitt der deutsch gesungenen Pique Dame von 1965, einer Produktion, die jedem großen Opernhaus im deutschen Sprachraum Ehre gemacht hätte.

 


 

Peter Maag (∗ 1919 in St. Gallen). Er studiert in Zürich und Genf bei Größen wie Cortot, Hösslin, Furtwängler, Ansermet. Sein Debüt hat er 1949 als Operndirigent am Stadttheater Biel. 1952 bis 1954 ist er 1. Kapellmeister am Opernhaus Düsseldorf, der späteren Deutschen Oper am Rhein. 1954 bis 1959 amtiert er als GMD der Bundeshauptstadt Bonn. Dann arbeitet er europaweit als Gastdirigent bei bedeutenden Orchestern und Operninstituten. 1964 bis 1967 hat er wieder eine Chefposition inne: als Musikalischer Leiter der Wiener Volksoper, die sich damals zu einem führenden deutschsprachigen Haus entwickelt. 1971 bis 1976 ist er Musikdirektor des Teatro Regio di Parma, zugleich Consigliere Musicale am Teatro Regio di Torino. Ab 1986 wird er erneut als Gastdirigent tätig, ist zugleich Musikdirektor der Oper von Bern, dann auch des Orchestra da Camera di Venezia. Jahrzehntelang gab er an den Akademien von Siena und Chigiana Meisterkurse für Orchesterleitung.

 

Jean Cox (∗ 1922) absolvierte Gesangstudien an der Alabama University und am New England Conservatory Boston, dann in Frankfurt/M., schließlich bei Luigi Ricci in Rom und bei Max Lorenz in München. Er debütierte 1951 an der New England Opera Boston als Lenski. Ein Auftritt als Rodolfo beim Spoleto-Festival 1954 führte zum Engagement ans Opernhaus Kiel. 1955 bis 1959 war er am Staatstheater Braunschweig tätig, dann von 1959 bis zum Bühnenabschied Mitglied des Nationaltheaters Mannheim. Schon 1956 begann seine Karriere bei den Bayreuther Festspielen: ab 1956 Steuermann, ab 1969 Erik, ab 1968 Stolzing und Parsifal, 1967 + 1968 Lohengrin, 1970 bis 1983 Siegfried. Mit Gastvertrag war er der Wiener Volksoper verbunden. 1958 bis 1973 gab er Gastspiele an der Hamburgischen Staatsoper, 1962 bis 1977 an der Wiener Staatsoper. Er gastierte auch an der Bayerischen Staatsoper, der Württembergischen Staatsoper, am Opernhaus Frankfurt/M. Bei den Bregenzer Festspielen sang er in den 1960ern den Fra Diavolo und in Operetten, sodann am San Carlos Lissabon, beim Festival Aix-en-Provence (Bacchus), an der Deutschen Oper Berlin. Seit den 1970ern war er an der Met NYC (Stolzing), am San Francisco Opera House, der Chicago Opera, der Grand Opéra Paris zu hören. Ab 1975 trat er, nun als Siegmund und Siegfried, an der Covent Garden Oper London und an der Mailänder Scala auf. Weitere Gastspiele führten ihn an die Opernhäuser von Stockholm, Zürich, Genf, Brüssel, Barcelona, Bordeaux, Nizza, Genua, San Antonio, New Orleans, Houston, Pittsburg. Seine Karriere dauerte vier Jahrzehnte lang; noch 1989 sang er in Mannheim den Captain Vere in Brittens Billy Budd. Sein Repertoire reichte von Lirico- über Helden- bis zu Charakterpartien und umfasste mehr als 75 Rollen. Cox war mit der berühmten Altistin Anna Reynolds verheiratet.

 

Helga Dernesch (∗ 1939) gehörte zu den faszinierendsten Sängerinnen ihrer Ära. Auch sie stammt aus Wien und wurde an der Wiener Akademie ausgebildet, nachdem sie schon als Schülerin als Rosalinde in der Fledermaus aufgetreten war. Sie widmete sich zunächst dem Konzertgesang in Oratorien und Kirchenmusik. Ihr Stimmfach war klar mit Mezzosopran definiert. 1961 konnte sie in Bern als Marina im Boris Godunov auf der Opernbühne debutieren. Am selben Haus folgten aber bald Partien für lyrischen Sopran wie Fiordilligi und Antonia. 1963 wechselte Dernesch ans Staatstheater Wiesbaden, 1966 ans Opernhaus Köln. Bald entfaltete sie eine rege Gastspieltätigkeit, kam so auch an die Volksoper Wien. Ihr Organ entwickelte bald zu hochdramatische Dimensionen — sie erprobte die Wagner-Heroinen, erst Venus, Ortrud, Brangäne, Waltraute, dann auch Elisabeth, Isolde, Sieglinde, Brünnhilde. Seit 1965 trat sie vielfach in Bayreuth auf, dort als Freia, Gutrune, Elisabeth, Eva. Seit Beginn der 1970er zählte sie zu den international gefragten Hochdramatischen. Ihr Repertoire umfasste außer den Wagner-Heroinen auch Fidelio, Cassandre, Chrysothemis, Ariadne, Färbersfrau und mehrere Moderne-Gestalten wie Schoecks Penthesilea oder Reimanns Goneril oder Fortners Elisabeth Tudor. Herbert von Karajan sah in Dernesch eine Demonstrations-Alternative zu Birgit Nilsson, machte sie zeitweise zu seiner Heroine und produzierte mit ihr Gesamteinspielungen von Fidelio, Tristan, Siegfried und Götterdämmerung. In dieser Phase ihrer Laufbahn war sie als Star auf allen großen Opernbühnen der Welt präsent, von der Scala über die großen Staatstheater Europas bis Covent Garden und Met NYC. Nach einem Jahrzehnt des Weltruhms in Überbelastung stellte sie Überforderungen, dann Störungen ihrer Stimm- und Einsatzfähigkeiten fest. Nach einer Zwangspause studierte sie erneut und wechselte zurück ins Mezzo- und Alt-Fach, startete eine neue Karriere mit Partien wie Klytämnestra, Herodias, Amme, Fricka, Waltraute, Ulrica, Quickly, Marfa, Adelaide, Hekabe und schließlich in Martha Mödls Alterspartie, der Gräfin in der Pique Dame. Jahrelang war sie mit Alt-Rollen und vielen neuen Charakterpartien eines universellen Repertoires weltweit präsent. In unserem Mitschnitt hören wir eine Lisa, deren Sopran deutliche Züge der Herkunft aus dem Mezzobereich trägt. Eine bedeutende Sängerin und Bühnendarstellerin auf den Spuren der Mödl.

 

Marcel Cordes (∗ 1920 ‑ † 1992), Absolvent der Musikhochschulen von Kaiserslautern und Mannheim, Schüler von Richard Schubert und Fritz Krauss, studierte Tenor- und Baritonpartien. Debütierte als Bariton, begann aber als Tenor im Lirico-Spinto-Fach, kam über Kaiserslautern ans Nationaltheater Mannheim, studierte um und begann ab 1951 am Staatstheater Karlsruhe eine zweite Karriere als Bariton. Ab 1954 war er Ensemblemitglied der Bayerischen Staatsoper, dann mit Teilverträgen in Berlin, Düsseldorf/Duisburg, Stuttgart, Köln, Zürich, mit Gastspielen auch in Hamburg und Wien, es folgten Staatsoper Wien, Scala di Milano, San Carlo Neapel, LaMonnaie Brüssel, Grand-Théâtre de Genève, Opéra de Paris, zuletzt auch die Volksoper Wien. Cordes wurde als deutscher Bariton von Weltrang berühmt — namentlich in Verdi-Partien, doch auch mit Werken des Belcanto, Verismo, deutscher Spieloper und Spätromantik, Wagner und Strauss. 1962 bis 1964 sang er bei den Bayreuther Festspielen. Er war auch im als Oratorien- und Liedsänger europaweit präsent. Ab 1956 entstanden Schallplatten, seit 1955 weit mehr Rundfunkeinspielungen, dazu Operngesamtaufnahmen und TV-Auftritte. Cordes galt als Spezialist für Opernpartien des 20. Jahrhunderts — so von R. Strauss, Pfitzner, Orff, Egk, Strawinsky, Sutermeister. Wegen einer Diabetes-Erkrankung zog er sich von der Bühne zurück, lebte bis zu seinem Tod in Tirol. Ein Sängerstipendium In memoriam Marcel Cordes bei der Tiroler Academia Vocalis erinnert an den außerordentlichen Künstler.

 

Martha Mödl (∗ 1912 ‑ † 2001) war die Verkörperung des Begriffs Sängerdarsteller im deutschen Sprachraum schlechthin. Sie arbeite zunächst als Angestellte im Versandhandel, studierte zugleich am Nürnberger Konservatorium, später auch in Milano. Erst als 30‑Jährige konnte sie 1942 in Remscheid als Hänsel debütieren. Von 1945 bis 1949 sang sie als Altistin am Opernhaus Düsseldorf. Mit ihrem Engagement 1949 an die Hamburgische Staatsoper wechselte sie ins hochdramatische Sopran- und Mezzo-Fach, mit einem breiten Rollenspektrum vom Cherubino bis zur Brünnhilde. 1951 war sie die erste Kundry im Parsifal bei der Wiedereröffnung der Bayreuther Festspiele. Damit begann ihre Weltkarriere als neben Flagstad, Schlüter, Braun, Traubel, Varnay berühmteste Hochdramatische ihrer Zeit. Seit 1952 war sie auch an der Wiener Staatsoper verpflichtet, deren wieder errichtetes Großes Haus sie 1955 als Leonore im Fidelio eröffnete. Bis Mitte der 1960er war sie neben Astrid Varnay, dann Birgit Nilsson die Heroine von Bayreuth, wo sie als Isolde, Brünnhilde, Kundry, aber auch als Sieglinde, Gutrune, Fricka, Waltraute zum Stammensemble gehörte. Mödl wurde jahrzehntelang an großen Opernbühnen auf drei Kontinenten gefeiert. Zu ihren herausragenden Partien gehörten neben den Wagner-Heroinen auch Fidelio, Carmen, Lady Macbeth, Eboli, Marina, Octavian, Amme, Küsterin, Geschwitz, Jokasta, dazu eine Fülle von Charakterpartien in Ur- und Erstaufführungen zeitgenössischer Werke, so von Hindemith, Britten, Menotti, Fortner, Blacher, Henze, Cerha, Reimann. Seit den 1970er Jahren wechselte sie zurück zu Mezzo- und Altpartien, nun in einer unübersehbaren Fülle von Werken aller Epochen, von der Renaissance bis zur Moderne, von der Musiktragödie über die Spieloper bis zur Operette. Unter ihren immer faszinierenden, oft komödiantischen, dann wieder beklemmenden Studien waren Klytämnestra in Elektra und die alte Gräfin in Pique Dame die prominentesten. Mödls Bühnenpräsenz schien ein Open-End-Phänomen wie aus dem Guiness Book. Mit fast 90 Jahren trat sie europaweit in ungebrochener Vitalität gleichsam bis zu ihrem Tod auf, ein Faszinosum musiktheatralischer Darstellung. Sie hinterließ eine Fülle von Tondokumenten aller Fächer, Genres, Werkepochen und Stilrichtungen. Drei Biographien und faszinierende Filmportraits sichern ihren Ruhm für Generationen. Unser Mitschnitt der Wiener Pique Dame bringt ihr vom damaligen Volksopern-Chefdramaturgen Marcel Prawy veranlasstes Rollendebüt in der Titelpartie.

 

Ernst Gutstein (∗ 1924 ‑ † 1998) stammte aus Wien und wurde an der dortigen Musikakademie bei Berühmtheiten wie Hans Duhan und Josef Witt zum Sänger ausgebildet. Er debütierte 1948 am Landestheater Innsbruck als Minister im Fidelio, blieb bis 1952 an diesem Haus, wechselte dann ans Opernhaus Hagen, 1954 ans Staatstheater Kassel, 1958 an die Deutsche Oper am Rhein, 1959 ans Opernhaus Frankfurt/M. Ab 1962 hatte er ein Engagement an der Wiener Staatsoper, zugleich Gastverträge in Frankfurt/M. und Köln. Seit 1959 trat er auch bei den Salzburger Festspielen auf. In den 1960/70er Jahren erreichte er den Höhepunkt seiner Karriere mit internationalen Gastauftritten (u. a. in Moskau, Chicago, Barcelona, Budapest, Rio de Janeiro, Zürich, Madrid, Rom, Brüssel, Amsterdam) und bei Festspielen (so in Glyndebourne, Schwetzingen und beim Maggio Musicale Fiorentino). Seine Laufbahn führte ihn später vor allem in die englischsprachige Welt, bis an die Metropolitan Opera New York. Sein Repertoire begann mit lyrischen Baritonrollen, steigerte sich über Verdi-Partien bis ins dramatische Fach und zu Aufgaben für Charakterbass. Er bewährte sich auch als Sängerdarsteller in Werken von R. Strauss und der Moderne, von Berg über Hindemith und Egk bis Fortner und Klebe. Noch 1997 ist er in Wien aufgetreten. Lange war er auch ein beliebtes Ensemblemitglied der Volksoper. Schöne Schallplatten bewahren die Erinnerung an einen vielseitigen, markanten, oftmals überraschenden Künstler.

 

Pari Samar (∗ 1937) wurde in Teheran geboren, kam als Jugendliche nach Wien, studierte dort an der Musikakademie und wurde 1964 als Elevin in den Theaterverband aufgenommen. Sie debütierte 1964 mit der Mezzo-Koloraturpartie des Isolier in Rossinis Comte Ory in der Wiener Volksoper. Nach schönen Anfangserfolgen am Wiener Haus wechselte sie 1966 ans Opernhaus Frankfurt/M., wo sie rasch zum Publikumsliebling avancierte und bis 2000 festes Ensemblemitglied blieb. Ein Gastspielvertrag verband sie auch mit dem Münchner Staatstheater am Gärtnerplatz. Seit den 1970ern war sie in ganz Deutschland als Gaststar gefragt, so in Hamburg, Köln, Essen, Dortmund, Darmstadt, Karlsruhe, Kassel, dann an der Wiener Staatsoper. Ihre zentralen Aufgaben fand sie bei Mozart, den Belcanto-Komponisten, in der französischen und slawischen Oper. Sie entwickelte sich schließlich auch ins dramatische Fach, sang Partien bis zu Eboli, Carmen, Marina. Auch als Konzertsängerin war sie erfolgreich.

 

Adolf Dallapozza (∗ 1940 Bozen), der attraktive und populäre Wiener Lirico und Operettenstar, ist hier in seinen Anfängerjahren als Comprimario zu hören. Nach gewerblichen Berufsanfängen war er im Buchhandel tätig, absolvierte zugleich ein Gesangsstudium an der Wiener Akademie, wiederum u. a. bei Elisabeth Rado. Einige Jahre sang er im Chor der Volksoper, debütierte dann dort 1962 als Ernesto in Don Pasquale. Schnell etablierte er sich als Solist, zunächst in Kleinrollen, dann als Erster Lyrischer Tenor. Sein größter Erfolg war der Chapelou im Postillon von Lonjumeau. Bald kam er als Gast an die Wiener, Münchner und Hamburgische Staatsoper, weiter an die Opernhäuser von Köln, Zürich, Basel, Brüssel, zu den Bregenzer Festspielen und bis an die Scala di Milano, die New York City Opera, das Colón Buenos Aires. Als Operettentenor machte er eine strahlende Medienkarriere mit zahllosen Funk- und Plattenaufnahmen. Der Volksoper blieb er fest verbunden — bis 1995, ab 1984 als Ehrenmitglied. In Wien war er der bevorzugte Tenore di Grazia in deutsch gebotenen Belcanto-Werken, aber auch lyrischen Partien des französischen, slawischen und deutschen Repertoires.

KUS

Druckversion Druckversion | Sitemap

© Klaus Ulrich Spiegel