KLAUS ULRICH SPIEGEL


Die Stadt bedarf des Künstlers

Die Ausstellung "BRUNNEN - Ideen + Konzepte“ im Dachauer KunstBetrieb fiel nicht zufällig in eine Phase lebhafter – teils erboster, teils resignativer – Diskussion über die Rolle der Gegenwartskunst (und über den Umgang mit ihr) in der Stadt, die sich selbst den " 1200jährigen Künstlerort" nennt.

Dass sich diese Diskussion an einem aktuellen Anlaß entzündete, birgt die Gefahr einer verkürzten Betrachtungsweise. Zwar streiten in Dachau Entscheider und Betroffene um den konkreten Fall einer intransparenten und willkürlichen Praxis bei der Auftragsvergabe für einen Brunnen. Zwar steht, zum Nachteil der Sache, der Anspruch ortsansässiger Künstler auf Beteiligung und Chance ganz im Vordergrund der Erwägungen. Doch erfordern die Kontinuität der Abläufe, die Maßstäbe der Auswahl und das Gesamtbild der Umweltgestaltung durch Kunst in dieser Stadt nicht erst einen Eklat wie diesen, um zu kritischer Befassung herauszufordern. Sie haben kein aktuelles Problem geboren. Sie sind das Problem selbst.

Als solches bilden sie freilich kein Dachauer Spezifikum. Wer tiefer in den Themenkomplex "Kunst im öffentlichen Raum" einzudringen versucht, erfährt bald von den Realitäten der Planung, Ausschreibung und Vergabe öffentlicher, vor allem mittel- und kleinstädtischer, gemeindlicher oder verbandlicher Aufträge. Von Gremien, deren Entscheidungsbefugnis sich keineswegs auf ausgewiesene Fachkompetenz, dafür aber auf geschäftsordnungsmäßige Themenzuständigkeit gründet. Von der Wirkung kulturübergreifender Interessen wie Investition, Sanierung, Hoch- und Tiefbau. Von der beherzten Selbstgewißheit ehrbarer Stadt- und Gemeinderäte, die Kunsturteile fällen müssen, bevor sie den Null-Komma-Prozentanteil verteilen können, der unsere öffentliche Kunst ermöglicht. Liegenschaftsverwalter, Raumordner, Schulleiter oder Verbandsgeschäftsführer tun es ihnen gleich.

Ausschlaggebend sind dabei, wie man so sagt, Lebenserfahrung, gesundes Urteil und guter Geschmack. Der gleiche persönliche Geschmack, der sich daheim schon an Schrankwänden, Essecken und Trinkstuben geschärft hat.

Eine Faustformel im Munde wettbewerbserfahrener Künstler besagt:
Je kleiner die Körperschaft, um so sicherer der Verzicht auf Jurorenkompetenz und Fachberatung. Und deshalb: Je autonomer die Entscheider, um so bescheidener der künstlerisch-kulturelle Ertrag.


Man kann's besichtigen. Die Zahl wasserspeiender Löwen und Bären, Enten und Reiher ist Legion. Versonnene Jungfrauen säumen Beckenränder. Nornen weben am Seil. Muskelmänner zwingen das Erz. Krieger sinken brechenden Auges aufs Fahnentuch. Dazwischen schaufelt schon mal ein Mühlenrad. Und ein Trachtenpaar rundet die postmoderne Wohnresidenz "ansprechend" ab. So in und beim l200jährigen Künstlerort. So allüberall in deutschen Landen.

Machen wir uns nichts vor: Angesichts solcher Realien und Erfahrungen sind nachprüfbare Ausschreibungskriterien und transparente Entscheidungsprozesse zwar die Voraussetzung, aber noch kein Garant für "das Aufbrechen abgenutzter Wirklichkeitsklischees, das Sichtbarmachen jeweils neuer Wirklichkeiten"1. Und die paritätische Beteiligung ortsansässiger Künstler macht noch keine überzeugenden, faszinierenden oder wenigstens Kommunikation stiftenden Lösungen.

Es bedarf schon weiterer grundlegender, zumeist entscheidender Voraussetzungen: Des Respekts vor künstlerischem Schaffen, der Bereitschaft zu Innovation, Zumutung, Selbsterfahrung. Und der – natürlich anstrengenden – Bemühung um den Zusammenhang von Historie, Umwelt, ästhetischem Wandel.

Stellen wir uns dieser Einsicht, so können wir im Vorgehen des Dachauer ehrenamtlichen Kulturreferenten und seiner Kombattanten auch das Bemühen um objektiv bewährte Qualität, um Absicherung des Niveaus und um überregionale Ausstrahlung erkennen (was freilich die selbstherrliche Vorgehensweise nicht rechtfertigt).

Insofern traf mancher Hieb nicht den Kern des im Grunde allumfassenden Problems, hat vielleicht gar zu dessen Verfestigung beigetragen. Was, wenn nicht ein etablierter Nestor, sondern ein junger Hochbegabter den Zuschlag für das Projekt "Brunnen Augsburger Straße" erhalten hätte? Und umgekehrt: Was, wenn Ausschreibung und Wettbewerb wiederum nur eine Idylle à la Etzenhausen hervorgebracht hätten?

So wichtig wie künstlerische Phantasie, gestalterische Potenz und kreative Fortune sind daher Entscheider, die sie wecken, herausfordern, anstiften. Die nicht bestellen und dann aus allen Wolken fallen. Sondern Zusammenhänge und Ziele präzisieren, den schöpferischen Dialog wagen, tradierte Vorstellungen Infrage stellen lassen.


An solchen fehlt es – in Dachau und anderenorts. Es nützt wenig, dies zu beklagen. Denn einerseits sind geschmackliche Enge und tradiertes Empfinden kein typisches Reservat der kleinstädtischen und ländlichen Räume. Auch in der Kultur-Weltstadt München finden sich epigonale und zeitgebundene Scheußlichkeiten zuhauf.2 Und andererseits hieße es die Möglichkeiten auch bestwilliger Regionalpolitiker und ihrer Gremien überfordern, wollte man ausgerechnet von ihnen Verbindlichkeit des Kunsturteils und Einsicht in die Dynamik ästhetischer Wandlungsprozesse erwarten.

Woran also hapert es? Zunächst und vor allem wohl an zwei Strukturproblemen.
 

  • Die Zuständigkeit, die Entscheidungen schafft, gründet sich zunächst auf bloße Formalien (ohne dies es allerdings auch nicht geht): auf demokratisch organisierte Wahlen etwa, bei denen ganz andere, oft genug irrationale, Faktoren den Ausschlag geben, jedoch zuletzt die Affinität zu kulturellen Angelegenheiten.
  • Die Unbekümmertheit, mit der die so Gewählten Ihre Formalzuständigkeit mit Inhaltskompetenz verwechseln und sich Urteil wie Entscheidung zutrauen, etikettiert sich allzu gern als Erfüllung eines öffentlichen gesellschaftlichen Auftrags.

Es tut ja gut und schmückt, vor allen im klein- und mittelstädtischen Milieu, Mandatar zu sein und entscheiden zu können. Dieses Privileg vor sich selbst und anderen infrage gestellt zu sehen, ist schon im Regelumgang mit der jeweiligen professionellen Verwaltungsbehörde schwer zu ertragen – aber von Ohnmachtsgefühlen begleitete Alltagserfahrung. Was Wunder, wenn man sich da schadlos hält, wo man auf scheinobjektive Strukturen (Ausschreibungen, Wettbewerbe) gestützt, seine Auswahl treffen oder – in Fällen, wo diese wie jüngst in Dachau unterbunden wurden – wenigstens aufbegehren kann.

Die Debatte zur Auftragsvergabe "Brunnen Augsburger Straße" im Dachauer Stadtrat beweist diesen Effekt ganz eindeutig3:
 

  • Die den einseitigen Vergabe-Handstreich rechtfertigten, reklamierten den Rang des Erwählten, der – ein "Horizont deutscher Geistesgeschichte" – keiner Empfehlung oder Erprobung bedürfe. Schließlich habe er prominente Persönlichkeiten der Zeitgeschichte te portraitiert. Schließlich stehe eines seiner Werke in der Fußgängerzone der Landeshauptstadt. Was für diese recht, sollte wohl für Dachau billig sein. Einem Laureaten dieses Karats eine Arbeitsprobe abzufordern, das wäre doch wahrlich eine Zumutung.
  • Die wider solches Name-Dropping opponierten, argumentierten genau umgekehrt. Sie setzten auf holdes Bescheiden. Warum in die Ferne schweifen, wenn das Brave liegt so nah? Lieber ein Künstlerort als eine Kunststadt. Und schließlich, man sei eben keine Weltmetropole. Dazu solle man sich dann auch bekennen.


Was den Kontrahenten offenbar nicht bewusst wurde: Beide Seiten offenbarten vor allem den verinnerlichten Komplex der Provinz. Die einen ambitioniert, die anderen trotzig. Diese in treuwalterischer Vertretung heimischer Künstler, jene im Blick auf bleibende Werte.


Nur: Um die Belange der Kunst, um Fragen wie Bewahrung und Förderung von Urbanität, Vertiefung kultureller Identität, humane Umweltgestaltung und städtischen Lebenswert drehte sich die Debatte nicht.

Es ist darum nicht schwer vorauszusehen, daß sich das zu erwartende Brunnenwerk als ebenso willkürliche Applikation zum städtischen Umfeld verhalten wird wie die zahlreichen bisherigen Kompromisse, Kunstgewerblereien und Rückfälle an Dachauer Plätzen und Fassaden. Da dies, ganz unabhängig von Entscheidungsprozessen oder Stilrichtungen, eine Dachauer Konstante zu sein scheint, macht im Ergebnis auf paradoxe Weise deutlich: Dachau schafft freiwillig genau das, was es dem Wunsch-Image seiner Stadtväter schuldig zu sein glaubt. Eine Stadt wie andere in deutschen Landen auch. Nur: Eine Kunststadt eben gerade nicht.

Dabei wäre die behutsam wachsende, Gewachsenes bewahrende Kommune mit teilweise noch intakter historischer Substanz ein Feld, das des Künstlers genauso bedarf wie des Stadtplaners, Architekten und Gärtners. Um der "Unwirtlchkeit unserer Städte" vorzubeugen, sollte und müßte die Stadt gerade Kunst verstärkt und gezielt zum Gemeinbesitz der Bürger zu machen suchen.

Und das heißt auch: Kunst im öffentlichen Raum hat andere, weiterführende Aufgaben als Bestehendes zu schmücken oder Verunglücktes zu korrigieren. Sie kann zum Nutzen der Bürger "ein die ganze Stadt durchwirkendes künstlerisches Environment schaffen, nicht ein aufgesetztes, das zur Imagebildung einer Stadt, nur für den vergänglichen Tag und eine kurzlebige Publicity taugt. 4


Der Künstler muss die Chance erhalten, die Topographie einer Stadt vom Konzept und Entwurf her mit zu beeinflussen. Dann kann Kunst die Infrastruktur optimieren und den urbanen Lebenswert erhöhen. Denn die „Kultur einer Stadt ist das, was sie erst zur Stadt macht, was bleibt, wenn alles andere vergessen ist". 5

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Der KunstBetrieb beabsichtigt mit der Ausstellung "BRUNNEN - Ideen
+ Konzepte" keinen Ersatz-Wettbewerb angesichts Dachau-typischer Unterlassungen und keine Konkurrenzschau zur bisherigen Dachauer Brunnen-Realität. In einem Querschnitt von Stilen, Arbeitsweisen und Lösungsansätzen will er demonstrieren, wie sich zeitgenössische Künstler aus dem weiteren Einzugsbereich der Stadt mit der Aufgabe "Brunnen" auseinandersetzen. Überraschende, auch zum Umdenken nötigende Vorschläge sind dabei durchaus beabsichtigt.


17 Künstler demonstrieren mit Modellen, Skizzen und Fotodokumenten ihre Auseinandersetzung mit der Aufgabe, Wasserskulpturen und Brunnen zu gestalten, also bildhauerisches Material mit dem Element Wasser funktional oder spielerisch zu verbinden. Die Arbeiten wurden in ihrer großen Mehrzahl nicht für den Standort Dachau geschaffen. Sie entstanden aus unterschiedlichsten Anlässen für die verschiedensten Zweckbindungen. Entsprechend unterschiedlich waren auch die verwendeten Mittel und Materialien, Gestaltungsformen und Darstellungsweisen.

Die Vielfalt und Breite der gezeigten Beispiele wollte (und konnte) keinen einheitlich oder gar verbindlichen Standard aufzeigen. Sie lag auch darin begründet, daß eine Anzahl möglicher Exponate nicht zum Ausstellungstermin zur Verfügung stand, weil sie sich noch in Wettbewerben befanden oder gründlicher Überarbeitung bedurft hätten (so u.a. Werke von H. Peters, St. Wewerka, St. Huber).

Da die Aussteller nicht auf eine Präsentation ausschließlich arrivierter Namen abzielten, sondern bewusst auch Versuche und regionale Bezüge aufgriffen, war eine Unausgewogenheit der Stile und Qualitäten unvermeidlich.


Doch gerade darin liegen auch Sinn und Wert für den unmittelbaren Ausstrahlungsbereich Stadt und Landkreis Dachau. Es kann nicht darum gehen, ausschließlich künstlerische Spitzenleistungen vorzuführen, Musterbeispiele gelungener öffentlicher Raumgestaltung darzustellen. Eine solche Bewertung ist ohnehin immer nur im Zusammenhang mit dem jeweiligen städtebaulichen Ambiente möglich. Es geht um eine Andeutung des heute möglichen Spektrums von Denkansätzen und Konzepten. Und es geht um eine Öffnung der Diskussion – weg vom verengten Blick auf lokale Konstellationen und Abläufe, hin zu Offenheit und Lernbereitschaft für die Möglichkeiten der Umweltgestaltung mit Kunst - in Dialog und Kooperation mit Künstlern.


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1.  Hermann Glaser / "Kybernetikon" / München 1971

2.  Bistritzki / "Brunnen In München" / München 1980

3.  Süddeutsche Zeitung  / 20.05.1987

4.  Hilmar Hoffmann / "Kultur für alle" / Frankfurt 1981

5.  H. Hoffmann a.a.O


 

 

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© Klaus Ulrich Spiegel