Ein Nachfolger für Fritz Wunderlich.
Ist das vorstellbar?

Mit Interesse habe ich spät einen Lesestreifzug durch einen Spazio zur Gesangskunst im Netz über die Frage gemacht, wer denn wohl der bzw. ein Nachfolger, nicht zeitlich, sondern rangadäquat, zu Fritz Wunderlich sei.
Die meisten der bisherigen Beiträge dazu belassen es bei vielfältigen  Name- droppings, bei Zurufen ohne nachvollziehbar argumentative Begründung.
Es ist ja auch nicht so einfach. Warum? – Weil es gerade im Bereich der Tenöre
a) ein breites Spektrum von Fach-Zuordnungen, b) in denselben dann wieder
b1) jede Menge Überschneidungen, b2) Spezifikationen, differente Urteils-kriterien gibt. Um dies zu akzentuieren:


1.
Die Stimmlage Tenor ist – im Gegensatz etwa zum Basso – in diverse Typen-
und Gewichtssparten zu unterteilen. Mindestens in diese:


- Tenore di Grazia. Der leichte, bewegliche, adoleszente Stimmcharakter, im Canto fiorito, der Verzierungskunst, also der klassischen Schule, beheimatete Tenorprotagonist vorzugsweise des italienischen und französischen Repertoires: von Edmond Clément und Tito Schipa bis Valetti, Alva, Kraus, Dallapozza, dann Blake, Florez, Calleja.

- Tenore lirico. Der jugendliche Tenortypus, weich oder leichtmetallisch im Klang, beweglich, mit schönem Schmelz und großer Höhe: von Fernando de Lucia und Alessandro Bonci über Gigli, Tagliavini, di Stefano, Dermota, Simoneau, Gedda bis Pavarotti, aber auch c.gr.s. Kónya, Hollweg, Araiza, Carreras.

- Tenore Lirico spinto (nicht ganz korrekt auch als „Jugendlicher Heldentenor“ bezeichnet). Die für akzentuierte lyrische wie dramatische Interpretation, etwa Verdi, geeignete, meist metallische, gelegentlich auch körnige, jedenfalls männlich-edle Tenorstimme (nach beiden Richtungen hin mit Grenzüber-schreitungen): von Caruso über Jadlowker, Lauri-Volpi, Thill, dann Björling, Tucker, Bergonzi, bis Domingo, Heppner, Seiffert, Alagna.

- Heldentenor. Der hochdramatische, oft breit und dunkel strömende, voluminöse, belastbare, in der Höhe schallkräftig, mit substanzvoller Mittel-
und guter Tiefenlage ausgestattete Tenorheros. Als „Tenore drammatico“ hellmetallisch strahlend-glänzend (von Knote und Lorenz bis Svanholm, Aldenhoff, Thomasr). Als „Tenore eroico“ dunkel, gewichtig, baritonal, mit starker Durchschlagskraft (von Melchior, Treptow, Suthaus, Vinay, Vickers,
in hochqualitativer Ausprägung eine Rarität).


Dazu kommen die sog. „Charakterfächer“: Tenore buffo (in schöner Verwirk-lichung an der Grenze zum di Grazia &Lirico etwa Gerhard Unger) oder als Charaktertenor (wie Kuen und Stolze, extra faszinierend an der Grenze zum Heldentenor wie Helmut Melchert).

Natürlich waren zahlreiche berühmte Erstrangvertreter stets grenzüber-schreitend, im Rahmen mondialer Vermarktung sogar gleich mehrere Fächer ausübend, eingesetzt – Musterbeispiel Domingo.

2.
Fritz Wunderlich war ein idealtypischer Tenore Lirico. Aber nicht aus der mediterran geprägten Schule, sondern eher aus der Bach- und Mozart-Tradition des deutschen Sprachraums. Als echter, zugleich variabler Lirico-Typus zeigte er nach frühen Jahren als reiner Lyriker viele Überschneidungen zum Tenore di Grazia (Almaviva, Nemorino / Deutsche Spieloper), später beständiges Wachstum zu „schwereren“, sogar dramatischen Rollen bei Mozart, Verdi, Puccini, Veristen, französischem und osteuropäischem Repertoire. Wäre er nicht so früh verstorben, hätte er eine ähnliche Entwicklung wie Peter Anders zum Drammatico, etwa Don José, Florestan, Bachus, Lohengrin, Stolzing, nehmen können.

Was so Besonderes zeichnete Wunderlich aus?

Zunächst ein Qualitätstimbre von rarer Naturbegnadung, hochindividuell
= nach wenigen Tönen identifizierbar, von exzeptioneller Färbung, andererseits mit zu Herzen sprechender, edler, humaner Eindringlichkeit – darum, von den außermusikalischen tragischen Aspekten abgesehen, mit allen Momenten der Rührungskraft, Bezwingwirkung, Unvergesslichkeit begabt


Zum anderen war er ein meisterlicher Stilist, vorzugsweise in jenen seriösen Musik-Kunstwelten, die Intonationsgenauigkeit, Phrasierungskunst, Skalen-dynamik, dosierte Schwingung, kontrolliertes Vibrato, Expansionskraft erfordern. Mit wachsender Reife erreichte er auch hohe bis höchste interpre-tatorische Standards – ein Gestalter „con anima e cuore“, nicht zufällig ein geborener Liedersänger.

Fritz Wunderlich war aber kein Meister des Canto fiorito, der Verzierungs-
kunst, des unendlichen Atems, der Virtuositätszauberei – wie, um gleich nach Höchstem zu greifen: bis heute weltweit der sensationelle Rockwell Blake, in seiner Konkurrenz oder Nachfolge der junge Vargas, dann Matteuzzi, Ford, Tarver, Florez und eine ganze Schar neuer und künftiger Konkurrenten. Das musste und konnte er auch nicht sein: Kein Sänger seiner Ära vor der großen Rossini+Belcanto-Renaissance ab den 1970er Jahren war es. Wunderlich war ein moderner Sänger aus deutschklassischer Tradition – wie alle deutschsprachigen Sänger seit Jahrhundertbeginn (ab & um 1900) orientiert am Oratorien- und Konzertsaal-Repertoire, von Bach, Händel, Haydn, Mozart und den Roman-tikern, erfreulicherweise unbeeinflusst vom sonst weltweit prägenden Verismo. Er ist darum seinen Kollegen vor ihm und Zeitgenossen – Erb, Tauber, Patzak, Pataky, Wittrisch, Ludwig, Anders, Schock, Traxel – näher als etwaigen Nachfolgern, die alle nicht am Wiederaufblühen der Alten Schule (britisch-oratorischer oder mediterran-belcantescer Provenienz) vorbeikommen.


3.
Ich bin so ausführlich, um darzutun: Um über etwaige Wunderlich-Nachfolger zu reden, muss man erst klären, auf welcher Grundlagen-Definition man solche erwägen will. Der Hinweis auf Blochwitz ist stilistisch und repertoiregerecht wahrscheinlich am Nächsten dran. Aber wir suchen ja nach mit dem Vorbild vergleichbaren Effekten wie Timbre, Stil, Ausstrahlung, künstlerische Statur, Nachwirkung, kurz: nach Elementen des Mythos.

Da liegen wir, wie mir scheint, mit Jonas Kaufmann (eigentlich ein Zwischen-fachler Lirico & Spinto) eher daneben, mit der direkt nach Wunderlich vorderen Reihe von Schreier bis Schade, ungeachtet aller Meriten oder Möglichkeiten, nicht ganz auf gleich hohem Niveau, sind mit Streit, Güra, Davislim uvm. nicht ganz im selben Fachbereich, betreten mit den hochrangigen Vargas, Lopardo, Pirgu doch etwas andere Wirkungsfelder (überdies wäre in dieser Richtung ein gutes weiteres Dutzend aufzuzählen) – also: Wir geraten schnell in bloße „Ich-weiß-auch-noch-einen“-Aufzählerei.

Nach meinem lange trainierten, dennoch ganz subjektiven Eindruck, unter Wahrung strengen Blicks bzw. Gehörs auf Wunderlichs faktisch begrenztes Wirken und dessen greifbare Dokumentation, nach seinem Stimmcharakter, Gesangsstil, Timbreklang scheinen mir zwei Tenöre dem großen Fritz noch –
rein typmäßig und stilistisch – am nächsten gekommen zu sein. Einmal der
ganz junge Francisco Araiza (Hörprobe: seine frühen Liedaufnahmen, vor allem Schubert, seine Mozart-Portraits und Mahlers „Lied von der Erde“ unter Giulini) und danach der vor voller Ausreifung allzu früh freiwillig abgetretene Uwe Heilmann (Hörprobe: sein Tamino bei Solti und seine CD mit Bach-Arien). Und aktuell nach Faktur und Eignung des Materials, ein wenig auch nach erkenn- barem Stilbewusstsein dann Piotr Beczala. Als „Nachfolger“ mag ich sie freilich nicht bezeichnen.


                                                                                                               KUS

Francisco Araiza
Uwe Heilmann
Piotr Beczala
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© Klaus Ulrich Spiegel