Prof. Dr. med. Karl Bonhoeffer
starb 88jährig am 8. Februar 2019 in München


  Karl Bonhoeffers Lebensmotto „Nie wieder Krieg“ war Richtschnur seiner politischen Ethik und seines Handelns über vier Jahrzehnte.
Der 1931 geborene Mediziner war seit dem Nato-Doppelbeschluss,
der Ankündigung der Aufstellung neuer Atomraketen und -Marschflug-körper in Deutschland als Friedenskämpfer auf mehreren Ebenen und
in vielen Themenfeldern aktiv.
  Karl Bonhoeffer studierte Medizin, promovierte in Göttingen. 1965 folgte seine Habilitation. 1971 wurde er erster Lehrstuhlinhaber für Anästhesiologie an der Universität zu Köln
. Er wurde bald nach der Gründung Mitglied und später Präsidiumsmitglied der deutschen Sektion der Internationalen Ärzte zur Verhütung des Atomkriegs (IPPNW), deren Dachverband 1985 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. 1986 organisierte und leitete Bonhoeffer als Präsident den IPPNW-Weltkongress in Köln. 1987 legte er seine Pro-fessur nieder und zog von Köln nach Dachau, um sich ganz der Friedens-arbeit zu widmen. Auf ihn geht die Gründung des Diskurs-Projektes „Dachauer Gespräche“ zurück, dazu zahlreiche Seminare und Symposien zum Thema Frieden und Völkerverständigung. Er war u.a. Mitglied im Kuratorium des Fördervereins für Internationale Jugendbegegnung, setzte sich aktiv für Flüchtlinge ein, initiierte Hilfsaktionen für notlei-dende Roma in Rumänien. Als Kuratoriumsmitglied war er dem „Forum Republik“ für Kultur und Politik Dachau eng verbunden.
  Als Stiftungsvorsitzender repräsentierte er die Erich-Benjamin-Stiftung für Kinder Not. Zuletzt lebte er - immer kreativ, neugierig, engagiert, leidenschaftlich der klassischen Musik hingegeben - mit seiner Frau Gabriele im Münchner Stadtteil Nymphenburg.
  Bonhoeffer - das ist ein traditionsstarker, inhaltsvoller Name. Die
Vorfahren väterlicherseits waren hochangesehen in Medizin und Natur-wissenschaft tätig, mütterlicherseits in Musik und Politik; die Mutter stammte aus der bekannten Familie von Dohnanyi. Die hervorstechend-ste und in der Rückschau auf Karl Bonhoeffers Leben und seinen frie-densethischen Ansatz wohl bedeutendste verwandtschaftliche Bezie-hung war die zu seinem Onkel, dem lutherischen Theologen Dietrich Bonhoeffer, der als Vertreter der Bekennenden Kirche und Widerstands-kämpfer gegen das NS-Regime gemeinsam mit Hans von Dohnanyi, Rüdiger Schleicher, Wilhelm Canaris, Hans Oster, Karl Sack und Ludwig Gehre kurz vor Kriegsende, am 9. April 1945, wie wenig später auch sein Bruder Klaus Bonhoeffer, vom NS-Regime ermordet wurde.
  Karl Bonhoeffers Engagements waren von kulturellem Bewusstsein und nicht zuletzt von antifaschistischer Lebenshaltung geprägt.


   Karl Bonhoeffer (1931 – 2019) in memoriam
      Gedenkrede von Till Bastian bei Karls Beisetzung am 1. März 2019

Einer so vielseitigen Persönlichkeit, einem so komplexen Charakter wie Karl Bonhoeffer in fünf Minuten gerecht werden zu wollen, wäre nicht nur vermessen – es ist auch unmöglich. Ich versuche es auch gar nicht erst, sondern beschränke mich darauf, einige Begegnungen mit ihm zu skizzieren – und meine Empfindungen dabei…

Ich beginne mit einer Richtigstellung; nicht aus Beckmesserei, sondern mit gutem Grund. Es stimmt nicht, was in der „Süddeutschen“ stand, dass Karl ein Gründungsmitglieder der westdeutschen IPPNW (International Physicians for the Prevention of Nuclear War) gewesen sei. Diese Initiative entstand in der BRD im Februar 1982, gegründet von achtzehn Ärztinnen und Ärzten. Karl und ich waren nicht dabei. Ich wurde allerdings wenig später Geschäftsführer der Vereinigung – und deshalb hat Karl mich im Sommer 1983 besucht, um Näheres darüber Verein zu erfahren. Diese Begegnung wurde zum Beginn einer wunderbaren, bis jetzt – also 36 Jahre – währenden Freundschaft.

Noch im selben Jahr nahm Karl mit mir in Tübingen an einer Vorstandssitzung des Vereins teil – mit äußerst zwiespältigem Ergebnis. „Wenn die mich nicht haben wollen, dann eben nicht!“, sagte er hinter zu mir, spürbar verärgert. Anlass dafür war, dass er es eben dort mit einigen Menschen zu tun bekommen hatte, deren Selbstbewusstsein und Geltungsdrang das gewiss nicht verkümmerte Ego Karls durchaus in den Schatten stellten. Ich hatte hinterher – wie immer wieder in den nächsten Jahren – viel zu tun, um die Wogen zu glätten. Offenbar gelang das recht gut. Denn während des IPPNW-Weltkongresses in Köln 1986, dem Karl präsidierte, konnte der ehedem kleine Verein das Mitglied Nr. 10.000 begrüßen - eine sensationelle Entwicklung. Nach diesem Kongress zogen wir beide uns nach und nach aus der IPPNW zurück und widmeten uns, oft gemeinsam, diversen neuen Aufgaben…

Was ich schon in den achtziger Jahren sehr an Karl schätzen gelernt hatte (und mit der Zeit mehr und mehr!), war seine Offenheit, seine Unverblümtheit, seine – ich meine das Wort hier positiv! – Rück-Sichts-Losigkeit, die ihn oft schutzlos dastehen ließ, die bisweilen durchaus auch andere verletzen konnte. Aber nie brach der Gesprächskontakt ab, immer – so vehement Karl auch sein konnte – blieb er zugänglich, empfänglich für Argumente und Kritik, auch offen für Selbstkritik. Das war nicht immer einfach, manchmal sogar recht anstrengend – aber immer war es anregend und wertvoll und mir deshalb stets lieb und teuer.

Mit dieser diskussionsfreudigen, manchmal sogar streitlustigen Offenheit paarte sich noch eine andere Eigenschaft, die mitzuerleben mir immer wieder sehr zu Herzen ging. Das waren Momente, in denen Karl … hätte das Wort nicht diesen herablassenden Beigeschmack, der nicht das ist, was ich ausdrücken möchte, würde ich vielleicht sagen: „mir leid tat“… ich drücke es also treffender ein wenig altmodisch aus: „mich dauerte“… - Es handelte sich um jene nicht ganz seltenen Situationen, in denen Karls meist sehr hoher Anspruch deutlich wurde – ein Anspruch an seine Mitmenschen, vor allem aber an sich selbst; ein Anspruch, dem oft etwas Unbarmherziges anhaftete, so dass ich Karl oft gern etwas Mäßigendes zugerufen hätte, es bisweilen wohl auch getan habe: mit Kurt Tucholsky „Haben Sie es nicht ne Nummer kleiner…“ oder mit Bertolt Brecht: „Nun habt doch endlich mit euch selbst Erbarmen!“

Dieser Selbstanspruch trieb Karl an, er war eine kraftvolle Motivationsquelle; manchmal mutete er aber auch nicht wenig quälend an, genauer gesagt: selbstquälerisch. So gab es ja auch in Karls Befindlichkeit, wohl mit dem ja unvermeidlichen Zurückbleiben hinter derart hohen Ansprüchen zusammenhängend, immer wieder – und zuletzt wohl immer öfter - Phasen der Nieder-  und Herabgestimmtheit, die – ich erwähnte es bereits! – Maike und mir stets sehr zu Herzen gingen.

Zu Karls Lebensgestaltung, ja ich kann auch sagen: zu seinem Lebensglück gehörte immer die Musik. Besonders liebte er Mozarts Divertimento, das wir so eben gehört haben. Und viele der Anwesenden werden sich gewiss an die wundervolle Aufführung dieses Stückes in der Rundkirche von Montesiepi, oberhalb der Klosterruine von San Galgano, bei seinem 70sten Geburtstag erinnert haben.

Auch hier, auf dem Felde der Kreativität, spiegelte sich die bereits geschilderte Ambivalenz deutlich wider! Wie konnte sich Karl ereifern, wenn er der Meinung war, Francesco Tristano habe, bei einem Konzert auf Schloss Ellmau, Bachs „Goldberg-Variationen“ zu schnell gespielt… Und wie beglückend war es für mich, als er sich bei unserem letzten Telefongespräch Mitte Januar überaus begeistert zeigte von einem Konzert des Artemis-Quartetts, das ja in dieser Besetzung nicht mehr zu hören sein wird… tempus fugit! Und ebenso gilt: Homo fugit velut umbra! Und da es Schuberts Quartett „Der Tod und das Mädchen“ gewesen ist, das ihn damals, bei diesem in doppelter Hinsicht letzten Konzert so überaus beeindruckt hat, möchte ich schließen mit jenem Satz,  den Matthias Claudius in seinem von Franz Schubert vertonten Gedicht dem Tod in den Mund gelegt hat:

„Sei gutes Muts / Ich bin nicht wild /
 Sollst sanft in meinen Armen schlafen…“


Ich hoffe sehr, lieber Karl, just das stimmt jetzt auch für Dich!


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Memorial-Gruß von Sebastian Pflugbeil zu Karl Bohoeffers Tod:
    "... Er war ein Mann, der bestimmte Fragen ganz erst nahm, der uns 
  Außenseiter für voll nahm. Seine Besuche waren für uns eine unglaubliche
      Ermutigung, weiterzumachen - auch wenn die Aussichten auf Erfolg
     verschwindend gering waren. Er gehörte zu den ganz wenigen Freunden
         aus dem Westen, die sich wirklich auf unsere speziellen Probleme
                                                 eingelassen haben..."

          Sebastian Pflugbeil (* 1947 Bergen auf Rügen) - Physiker und Bürgerrechtler.
   1989 Mitgründer des Neuen Forums. 1990 Minister in der letzten, von Hans Modrow
                                                        geführten Regierung der DDR.




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© Klaus Ulrich Spiegel