„Malen – das Medium, mit dem ich denke“
Christoph Kern oder Reflektion aus der Intuition

Hat Kunst einen gesellschaftlichen Stellenwert?
Was für eine Frage! „Alle Kunst ist politisch!“ So sagen sie’s uns aufs Stichwort – die den Prozessen des Schaffens, der Reflexion, des Diskurses die Inhalte und Bezüge austreiben, Tag um Tag, vom Katheder oder vom Redaktionstisch. Ist Kunst noch politisch möglicher Ausdruck sensibler Reaktionen auf Umfeld (oder Umwelt-)Einflüsse? Jetzt, da sie sich en gros im Zeichen zeitgemäßer „Postmoderne“ über-unter-neben und ins nicht mehr Interpretierbare, also Beliebige, also Irrelevante abgelegt sieht?
    Sagen wir: Sie wird es, wenn sie die Trends von Phasen, Moden, Wenden nicht ignoriert – und dennoch auf unabhängigem Erkennen, mehr noch auf unbeeinflusstem Werden besteht. Ein Paradoxon? Ja freilich: Der Produktive Widerspruch, den man Dialektik nennt.
    Der Künstler – noch immer ein Seismograph und Kommentator der Außenwelt? Wohl eher der Innenwelt der Außenwelt seiner Innenwelten. Mit Foucault gesprochen: „Es geht nicht darum, alles auf eine bestimmte Eben, nämlich die des Ereignisses, zu verlagern. Sondern zu bedenken, dass es eine Anordnung verschiedener Arten von Ereignissen auf verschiedenen Ebenen gibt, die weder die gleiche Bedeutung noch die gleiche zeitliche Ausdehnung noch die gleiche Fähigkeit besitzen, Wirkungen zu erzeugen.“
    Die Ungleichzeitigkeit, Ungleichfähigkeit, Ungleichgewichtigkeit des Seins fordern zur Unterscheidung heraus – der Ereignisse, der Ebenen und der Beziehungssysteme. Zur Rekonstruktion mittels Differenzierung. Und damit zur Schaffung neuer Welten aus den Widersprüchen der vorgefundenen.


Das Subjektive ist das Verbindliche
Wer diese Erkenntnis zum Ausgangspunkt künstlerischer Arbeit macht, kann eben diese Arbeit, ihre Bezüge, Formen, Wirkungen kalkulieren. Oder all dies unterlassen und dem eigengesetzlichen Prozess vertrauen. Je nach Temperament, Intelligenz, Triebkraft, kurz (der Ausdruck sei gewagt:) Künstlerschaft. Es gab sie immer, gibt sie weiterhin: die „deduktiv“ vom Allgemeinen zum Besonderen vorstoßenden und die „induktiv“ aus Einzeleindrücken, -prozessen, -phänomenen zu eigenen Regeln findenden Bildner.
    Die Rezipienten pflegen der ersten Kategorie gern das Prädikat „politisch“ anzuheften und glauben in der anderen den Künstler im eigentlichen Sinn zu erkennen. Das hilft zwar im Partygespräch weiter, hat aber kaum Erkenntniswert. Dass der im Wortsinne „bildende“ Künstler nicht analog zum Literaten auf ein Begriffspaar die Schriftsteller/Dichter zu bringen ist, kann kein Zufall sein.


Innenreflektionen auf Außenwelten
Der Künstler, von dem hier zu reden ist, löst dieses Einordnungsproblem nicht. Eben das macht seine individuelle Position aus. Christoph Kern ist ein induktiver Arbeiter – mit gesellschaftlichem Bezug. Wie dieser Bezug sich herstellt, das ist das Abenteuer der Rezeption seiner Arbeiten, die „Werke“ zu nennen sogleich auf Abwege führt. Es sind Notate teils vulkanischer, teils kontemplativer Vorgänge. Nicht gebunden an Parallelverläufe in der Außenwelt. Aber undenkbar ohne die inneren Brüche und Widersprüche seines derzeitigen Umweltrahmens – der kleinen Großen Kreisstadt Dachau.
    Deren Allgegenwart in der Zeitgeschichtsschreibung und -betrachtung, ihr als Stigma empfundener Auftrag, der eine Chance sein könnte und doch nur Anlass für offiziöse Beschwörung zweifellos bemerkenswerter – nun kulturell thematisierter – früherer Stadtgeschichte ist („berühmte Künstlerkolonie“ contra berüchtigte Schule der Gewalt), historische Dimension hinter kleinbürgerlicher Verdrängung, manifestiert sich in Auf- und Umzügen, Anstichen, Auftrieben, Anmaßungen, Abwehren und Aufregungen. Welche Idylle für weltläufig-anpassungsbereiten Kunstopportunismus bei Hofe. Und welche Herausforderung für den reflektierenden, erkenntnisfähigen Künstler.
    Man kann Christoph Kerns Arbeitsergebnisse als Reaktion auf diese Außenwelt seiner Innenwelt betrachten. Er ist – auch – ein „Sammler“ im Sinne Walter Benjamins, sucht den „Freiraum zwischen zweckfreiem Spiel und zweckhaftem Handeln“ zu füllen. Er tut es mit praller, wenngleich sensitiv gebrochener Subjektivität. „Dem Sammler ist in jedem seiner Gegenstände die Welt präsent. Und zwar geordnet. Geordnet aber nach einem überraschenden, ja dem Profanen unverständlichen Zusammenhang.“


Gestaltete Physiognomie der Erscheinungen
Sammler – im Sinne von Konzentrator – ist Kern insoweit, als er nicht nur seine Objekte, sondern auch deren Vergangenheit in einen individuellen Umwertungs- und Neuordnungsprozess einbringt – ein „Physiognomiker der Dingwelt“, wie Benjamin das nennt.
    Ein Realist also. Oder doch nicht? Bildet Kern, wenn schon nicht Realien, so doch Realitäten ab? Bildet er überhaupt ab? Er tut’s, wenn man die Realität nicht vordergründig dinghaft, sondern innenweltlich konkret begreift. Er sucht „ein Bild von der Erscheinung zu geben, das so wenig wie möglich bedingt ist“, aber (so scheint’s dem Autor) die Bedingung seiner Einordnung spiegelt, bricht, umwertet = personifiziert vermittelt.
    Doch diese Gestaltung ist keine im Prozess bewusste. Das Prozess-Ergebnis macht sie bewusst. Und zwar umso mehr, als die Erscheinung in der malerischen Verbildlichung selbst infrage gestellt wird, aus wenigen – zufälligen? – Strichen und Setzungen Erscheinung hervorbrechen kann. Insofern macht Kern uns ein für ihn typisches Schaffensphänomen bewusst: Die Entstehung des Bewussten aus dem Unbewussten, des neuen aus dem Vorgefundenen, des Gültigen aus dem Persönlichen.
     Ein induktiver Arbeiter, wie gesagt. Einer, der aus der Spontaneität zum Bewussten gelangt. und damit zum bildnerischen Wahr-Sager, Erklärer, Rhetor wird.


Destillationsprozesse der eigenen Sicht
Kern ist sich dieser Bedingtheit des Planbaren bewusst. In ihr drückt sich die Relativität seiner Wahrnehmung aus – und aus dieser seine auf Vorläufigkeit angelegte Subjektivität. Im Umgang mit den sichtbaren Erscheinungen stellt sich der Destillationsprozess seiner eigenen Sicht ein. Und dieser richtet sich nach der Intensität – nein, nicht der Auseinandersetzung, aber der inneren emotionalen Befassung. Es ist ein sehr persönlicher, ein mentaler Vorgang. Auch deshalb, weil er keine Forderungen erhebt.
    Erst der Umgang mit den „zufällig“ entstandenen Zeichen mobilisiert den reflektierenden Christoph Kern. Dann jedoch mit einer beispielhaften Intensität. Der Autor hat wenige Künstler getroffen, die sich so intensiv , so bohrend und forschend mit ihrer Arbeit auseinandersetzen wie dieser, der sich selbst nicht im Wortsinne als „Maler“ betrachtet, sondern „das Malen als das Medium, mit dem ich denke.“
    Dem dient auch der Effekt der Wiederholung – des Neubedenkens durch neuerliche malerische Prozesse. „Die Vervielfältigung des wiederkehrenden Motivs“ (aktuell etwa der Treppe) „weist weg vom Sujet. Und hin auf die Eigenwertigkeit der malerischen Mittel.“
    Es geht also nicht vorrangig um Darstellung. Sondern um eine der Malerei eigene Binnenrealität. Um die Konfrontation verschiedener Realitätsbereiche innerhalb der Machbarkeit von Bildern. In der Rezeption des einzelnen Bildes gewinnt der Betrachter die Option, mit seinen eigenen außerbildlichen Realitäten in neue Beziehung zu treten.


Christoph Kerns Malerei:
Die Protokollierung von Prozessen innerer hin zu bewusster Reflektion.
Die Transposition des Werkstoffs Leben zu persönlichen Sichtwelten.
Die Herstellung von Vorlagen für die eigene Weltbetrachtung. Wer sich darauf einlässt, erlebt die Dialektik des Vergnügens an Verstörung.
Der Orientierung am Unbeabsichtigten. Der Erkenntnis aus Ungekanntem.
Das gibt Christoph Kerns Arbeit im Meer postmoderner Beliebigkeit gesellschaftliche Relevanz.
                                                                                                               
KUS

 

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Textbeitrag zum Katalog der Ausstellung „Christoph Kern: STIEGEN“
in Landshut, Galerie am Maxwehr / 1990

 http://qbs.christophkern.net/kerninfo/biografie/

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© Klaus Ulrich Spiegel