„Kombiniere“: Noch ein Ostufer-Genius
 
 Manfred Schmidt – Humorist, Cartoonist, Traveller

 

Man muss nicht esoterisch orientiert sein, um in Konstellationen, die sonst als beiläufig oder zufällig gelten, auch mal eine Konstante mit Überraschungsfaktor zu entdecken. Sowas könnte auf eine erstaunliche Kontinuität zutreffen, die sich mit den Ufern des Starnberger Sees, auch der heutigen Großgemeinde Münsing, verbindet: durch eine beachtliche Zahl kulturell wirksamer Persönlichkeiten, die in den letzten etwa 175 Jahren hier gelebt, geschaffen, gewirkt haben. Neben dem Multi-Genius Franz von Pocci, der als Erzähler, Dramatiker, Lyriker, Satiriker, Bildner und Zeichner, Komponist, Komödiant, dazu Impresario und Kurator noch lange nicht in Gänze wiederentdeckt ist, reihen sich spektakulär bekannte wie erst zu entdeckende Repräsentanten vieler Kulturbereiche – von Queri, Max & Söhnen, Bonsels, Compton sen. & jun., O. M .Graf, Wiechert, Heimeran bis zu Bülow-Loriot, Buchheim, Spengler, Strasser Dutzende kreativer Köpfe. Das könnte Rückschlüsse oder doch Vermutungen zu einer Art „Genius loci“ befeuern.

In der Reihe illustrer Namen ist einer bis in jüngste Tage untergegangen, schon weil er so alltäglich ist, häufig wortgleich vorkommt und sein Träger zeitlebens atypisch bescheiden, prunklos, dezent auftrat: Manfred Schmidt, brillanter Humorist und Cartoonist, Erfinder jenes unsterblichen Comic-Meisterdetektivs Nick Knatterton, der während des ganzen 1950er-Jahrzehnts eine Kultfigur des deutschen Magazin-Entertainments war. Vor zwei Jahren wäre, auch lokal, Schmidts 100. Geburtstag zu feiern gewesen – doch er war als Münsinger Gemeindebürger nicht mehr im Gedächtnis. Nur in Fachkreisen kam es zu Würdigungen. Die wirken weiter: Eine Manfred-Schmidt-Renaissance ist im Gange. Sie kündigt sich mit Wiederveröffentlichungen von Bildbänden, Retrospektiven, Editionen, Filmkopien und sogar einer Ausstellung an.

Kunstschaffender und Kulturzeuge
Manfred Schmidt war ein ganz anderer Humorproduzent und -vermittler als
der große Münsing-Mitbürger, dessen Ruhm die Erinnerung an jeden Metier-Kollegen seit Langem überstrahlt – als Vicco von Bülow, vulgo Loriot. Er
wirkte ohne großkünstlerische Ambitionen, agierte auch nicht als Darsteller, Conferencier, Regisseur. Er war ein hochspezialisierter bildender Künstler mit brillanter Illustratoren- und Karikaturistenfeder, dazu auch ein vielseitiger Autor: Neben seinen Comicfiguren und ihren Stories schuf er Reiseberichte, Reportagen, Betrachtungen, Reflexionen, lt. Katalognotiz: „stets humoristisch, phantasiereich, ironisch-heiter, parodistisch-lakonisch, manchmal auch von sanguinischer Naivität …“.

Manfred Schmidt (* 14.4.1913 Bad Harzburg – † 28.7.1999 Ambach/Münsing) wuchs in Bremen auf. Schon die ersten Cartoons und Comics des 14jährigen wurden in Zeitungen gedruckt. Nach dem Abitur 1931 studierte er an der Bremer Staatlichen Kunstgewerbeschule, arbeitete dann für den Ullstein Verlag als Pressezeichner, später für die Deutsche Zeichenfilm GmbH. Ab 1942 musste er Kriegsdienst leisten, wurde dabei als Militärkartograph eingesetzt. Nach Kriegsende holte ihn Erich Kästner in die Redaktion der pazifistischen Zeitschrift Pinguin.

In Kenntnis US-amerikanischer Comics wie Phantom und Superman beschloss der Cartoonist, eine deutsche Alternative mit Realitätsbezug zur Internationalen Krimi-Literatur zu schaffen. Er kreierte seinen Detektiv Nick Knatterton, der namentlich Vorbildern wie Nick Carter und Nat Pinkerton, figurativ eher Sherlock Holmes oder Dick Tracy angenähert war und doch eine eigenständige Variante mit Spielraum für politische und gesellschaftliche Bezüge, Affairen, Streitfragen eröffnete. Die Stories betonten nicht wie bei Holmes reflektives Schlussfolgern, sondern lösten Kriminalfälle aus comic-gemäß turbulenten Handlungskonstellationen. Nick Knatterton war unverwechselbar gekenn-zeichnet durch Hakennase, Tabakpfeife, karierte Kleidung mit Knickerbockern und Flatcap. Er hatte eine Running-Sentence: „Kombiniere …“, der sodann Erkenntnisse, Mutmaßungen, Voraussichten folgten. Es gab ein wiederkehrendes Personal, darunter vollbusige Sexsymbole wie Linda Knips und Virginia Peng. Die parodistische Note spricht schon aus Story-Titeln wie Der Drohbrief im Pyjama, Der Schuß in den künstlichen Hinterkopf  oder Die Goldader von Bloody Corner.

Cartoonist der Republik
Schmidts Bildgeschichten erschienen in dichter Folge im Magazin Quick, der damals auflagenstärksten Illustrierten neben dem stern. Der Erfolg war derartig, dass bald Bildbände in Dutzenden Folgen erschienen. Dann gab es – ähnlich Loriot – Umsetzungen in Trickfilmen fürs Kino und beginnende TV. 1959 wurde der Comic-Detektiv Zentralfigur des Spielfilms Der Raub der Gloria Nylon mit Karl Liefen in der Hauptrolle, dazu Gert Fröbe, Susanne Cramer, Wolfgang Neuss, Günter Pfitzmann unter der Regie von Hans Quest mit Musik von Willy Mathes. In den Zeichentrickfilmen wurde Nick Knatterton meist von dem bayerischen Staatsschauspieler und „Lach & Schieß“-Kabarettisten Hans Jürgen Diedrich gesprochen. Zeitzeugen erinnern sich solcher Promi-Konstellationen, auch als Indikatoren von Manfred Schmidts (vor Loriot) nahezu alleinständiger Resonanz und Prominenz. Sie erreichte den Status größter Popularität, die durch zahlreiche Prosaveröffentlichungen einer Art feuilletonistischer, satirischer Reiseliteratur ergänzt und gestützt wurde.

Der bescheidene, privat unspektakuläre Herr Schmidt war ein Medien-Gigant seiner Epoche. Er führte eine elegante, leichte, flüssige, dazu kreativ-erfinde-rische Feder mit stetigem Text-Inhalts-Bezug. Er setzte keine Erkennungszeichen à la Kartoffelnasen oder Schlapphosenböden. Sein filigraner, parodistischer Stil war aus sich selbst für jedermann erkennbar.

Schmidt schuf nicht nur Comics, sondern auch Buch- und Magazin-Illustra-tionen, Karikaturen zum Zeitgeschehen, Vignetten zu seinen Berichts- und Erzählthemen. Er verkörperte nicht den Künstlertypus „Diva“, war in Kunst
und Leben Pragmatiker. Und dazu ein menschenfreundlicher, aufgeschlossener, kontemplativer Münsing-Ambacher Nachbar. Die gemeindliche Kulturarbeit
ist ihm noch etwas schuldig.

                                                                                                         
KUS

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© Klaus Ulrich Spiegel