Wanderer und Wandler

Vortrag zur Eröffnung der Ausstellung
Herbert Felix Plahl
Innenwelten — Außenwelten
Schloss Seefeld 2002

Es ist ja eine professionelle Marotte unter Kunsthistorikern und Kunst-rezensenten, nach den Einordnungskategorien von Künstlern und Werkphasen zu suchen. — Klar, das schafft jeweils Ausgangspunkte zur Betrachtung und Bewertung auf gleichsam sicherem Boden.

Der Künstler, dem diese Ausstellung gewidmet ist, versagt sich solchen Versuchen. Einmal durch ganz entschiedene persönliche Äußerung. Zum anderen, und das ist wesentlich, durch die Entwicklung und innere Logik
seines Werks selbst.

 

Auch ich muß bekennen, nach mehrfacher Begegnung mit einzelnen Werken oder Ausstellungen geneigt gewesen zu sein, nach Kategoriebegriffen — also Schubladen — zu suchen. Die bieten sich ja auch an, wenn man auf bestimmte Schaffens-Abschnitte oder Werkgruppen schaut. Dann liegen fallweise Versuche nahe wie etwa: Poetischer Informeller oder Neoimpressionist.

Doch vor allem mit dem Rückblick auf des Künstlers Beharrlichkeit in Vielfalt und auf den innovationsreichen Fortgang seiner Produktion erkennt man recht bald, dass da dauerhafte Gewissheit nicht geboten wird. Man stellt dann fest: Hier ist einer auf ständigem Weg in ständig sich erneuernden, keineswegs linear verlaufenden Prozessen. In ständigem Auftauchen aus ständiger Umsetzung ständig neuer Eindruckswelten, Erfahrungen, Umsetzungen, Verarbeitungen, Individualisierungen. Um darum bin ich zu der Formel gelangt:

Herbert Felix Plahl ist ein Wanderer. Ein Zeuge. Ein Protokollant. Und ein Verfremder, ein Wandler. Einer, der Welt-Eindrücke und Welt-Erfahrungen über subjektive Umformung im Arbeitsverlauf zur eigenständigen Kreation treibt.

 

Freilich: Das, was er zu vermitteln vermag (und die Sprache, in der er es vermittelt) ist von gängigen Ausdrucksformen deutlich abgesetzt. Es ist zum Ausdruck einer künstlerischen Individualität geworden. Man kann sie auch Persönlichkeit nennen. Oder Sichtweise. Oder Interpretation. Gemeint ist ja immer: Kunst.

 

Um dies zu belegen, etwa durch die Darstellung von Kontinuität nachzuweisen, wäre eine größere Plahl-Retrospektive vonnöten. Denn: Wir haben es eben nicht mit dem so beliebten, erwünschten und: markterfolgsträchtigen Fall der Zugehörigkeit zu einem Ismus oder der Verwirklichung in sogenannten Perioden zu tun. Sondern mit einem, der gebunden ist an ständiges Auf- und Mitnehmen, an Ver-Arbeitung und damit auch an Ver-Wandlung. Es ist die Gebundenheit an einen — seinen — Dämon, dem der Künstler folgt. Folgen muss, wie er bekennt.

 

Woraus wir folgern dürfen: Plahl ist kein kalkulierender, kein strategisch orientierter Kunstarbeiter. Er folgt den geistigen, den emotionalen, den Umsetzungskräften in sich. Und stellt sich ihrem Antwortbegehren auf die Wahrnehmungen, Eindrücke, Fragen aus seinen Streifzügen. Der Begriff ist zunächst übertragen zu verstehen; er meint dann geistiges Streifen & Schweifen. Aber auch wörtlich. Denn Plahl ist ein Creator in MotionWanderer, ganz real.

Nun, wir haben hier keine retrospektiv-umfassende Werk-Gesamtschau, also auch keine Übersicht. Wir sehen einen Werkausschnitt. Der weist allerdings
ein besonders akzentuiertes, somit authentisches Beispiel auf — für Plahls Schaffenslage und Schaffensweise.

 

Plahl — man erkennt es mit wenigen Blicken auf beliebige Ausschnitte seiner Lebensleistung — ist (unter anderem, selbstverständlich) als Mensch und als Künstler, wie so viele vor und neben ihm, von mediterranen Einflüssen bestimmt. Nicht nur durch Rezeptionen und Adaptionen von Kunst aus dem südmitteleuropäischen Raum. Sondern mindestens gleichrangig von Landschaft, Geschichte, Musik, Architektur, Urbanität, Atmosphäre. Und zwar nicht nur von italischer Harmonie, beinahe noch mehr von iberischer Archaik. Das sind  beispielhafte (nämlich keineswegs alleinständige) Einflüsse, die — gleichsam integriert — mitwirken bei der Plahlwerdung von Erlebnis und Erfahrung im Werk.

 

Doch weil Plahl ein Wanderer ist, expandiert sein Kosmos ständig. Auf vielen Wegen in der Welt, auf geistigen, emotionalen und auf ganz realen. Da erweist dieser Künstler seine stille und doch enorme Saugkraft. Von daher bezieht er den Rohstoff eines jeweils impressiv und kreativ gesteuerten, mitunter sogar hitzigen Schaffensverlaufs. Dieser vollzieht sich im Glücks- oder Extremfall als Schub, als Rausch, als Zwang — jedenfalls vom Es bestimmt (um es psychoanalytisch zu sagen).

 

Die hier gezeigte überschaubare Werkauswahl ist der kleinere Teil des Ertrags eines Ausbruchs. Einer Produktion, die sich der Laie wohl nur als Schaffen in einer Art Aktiv-Trance vorstellen kann. Allein die in zwei Grundformaten vorliegenden Papier-Arbeiten, die in der Ankündigung etwas unscharf  Collagen genannt sind, besser wohl mit Materialbilder bezeichnet werden sollten, summieren sich auf weit über 100 Einzelwerke. Entstanden binnen weniger Wochen in einem geradezu atemberaubenden Ausbruch künstlerischer, mentaler und physischer Kraft. Offenbar also: Ein Es war am Werk.

 

Damit sind wir mitten in der Ausstellung. Die hier gezeigten Arbeiten sind sämtlich im Herbst und Winter 2001 bis in den Jahresbeginn 2002 entstanden.
Sie reagieren auf Eindrücke, Erfahrungen, Nachwirkungen mehrmaliger Asien-Aufenthalte. Vielleicht ist es bezeichnend, dass es zu weiten Teilen Aufenthalte für Kunstprojekte waren — Begegnungen mit dort beheimateten Künstlern, mit vielfältiger Kunstarbeit, Rezeption und Reflektion. Sie sind so zum geistig-seelischen Besitz des Künstlers geworden. Sie haben sich mit seinen Zuvor-Erfahrungen vernetzt.

 

Daraus nun schafft — wenn Sie mir die Beibehaltung des vom Künstler formulierten Bildes gestatten — schafft das Es des Felix Plahl das Protokoll einer Umformung, einer Wandlung; durchaus bewusst und jedenfalls nicht esoterisch, sondern materiell, also greifbar.

 

Und so sind wir beim Kern. Aus Aufsaugen und Einverleiben von Außenwelten entsteht per Konzentration und Reduktion und Transformation: die Wiedergabe, die Visualisierung, die Präsentation einer (nun ganz vom Künstler geprägten) Innenwelt.

 

Die vorgefundene, aufgenommene Außenwelt, mit der sich der Künstler kon- frontiert, die er wahrnimmt etwa als Natur, Kultur, Landschaft, Topographie, Lebensäußerung — sie konkretisiert sich in Chiffren, Charakteristika, Merk- punkten, also vor allem im Formalen. Ihre Transformation als Innenwelt hingegen wird erzeugt durch Reduzierung, durch Assoziation — zum Informellen.

 

Das ist der Kern des künstlerischen Vorgangs, dessen Ergebnisse wir hier in Beispielen vorgeführt bekommen: Innenwelten — Außenwelten. Die Außenwelt steht als Synonym für Ratio, die Innenwelt für Emotio. Und diese Spannung, Wandlung, Auflösung — sie ist in den Werken aufzufinden.

 

Plahls Papierarbeiten zeigen uns hinreichend Spuren dieses Vorgangs. Ich schlage vor: Nehmen Sie sie zuerst aus einem Sicht-Abstand als Form- und Farbsuggestivum in sich auf. Treten Sie dann ganz nahe heran — und betrachten, erkennen Sie die mediale Funktion der Materialien: gefundenen, aufgehobenen, der Entsorgung entrissenen oder selbst erzeugten Stoffen aus der Alltagswelt.

Im Gegensatz zur Verwendung in der klassischen Collage werden sie bei Plahl nicht selbst zum Inhaltsträger; sie bleiben Rohstoff, der im künstlerischen Prozess zum Werkstoff wird wie Leinwand, Pinsel, Farbe. Die fast monochromen Acrylbilder scheinen nur auf den ersten Blick aus anderen Zusammenhängen und Prozessen zu kommen. Sie akzentuieren aber nur anders, verwenden nur unterschiedliche Materialien, Mittel, Ausdrucksformen. Der Aneignungs- und Umformungsweg ihres Entstehens ist prinzipiell identisch. Sie entstammen der gleichen Erfahrungsphase und sind dem gleichen Prinzip verpflichtet.

Nur: Hier wird Verfremdung ganz durch Reduktion erzielt. Die Umformung, die sich in den Materialbildern zu starken, eigengesetzlichen Ausdrucksgesten und zu wahren Assoziativ-Weiten steigert, ist hier einer mehr kontemplativen, symbolhaften Polarität von Innen und Außen gewichen.

 

Dabei bewirken die Chiffren der Außenwelten eine inhaltliche und formale Begrenzung. Die Innenwelt erschafft sich auf dem Weg assoziativer Reduktion. Man glaubt zu erkennen, wo sich die Außenwelt befunden hat. Und kann sich dessen doch nicht sicher sein: Mediterranum? Fernost? Tristan oder Turandot? Jedenfalls: vielfältige, suggestive Legierung.

 


 

Halten wir uns an den künstlerischen Prozess. Es handelt sich um ein uraltes Prinzip bildnerischen Ausdrucks: Festhalten — Auflösen — Aufsammeln — Zusammenfügen. Und damit Neues Gestalt werden lassen.

Felix Plahl vollzieht diesen Prozess auf spezifische Weise. Die Faszination seiner visuellen Protokollgespräche kommt aus dem Verlauf, dem Weg, den die Phänomene nehmen — dem Medium, das sie transportiert. Und dieses Medium ist natürlich: er selbst. Wir, die wir nun ein paarmal auf ein Es gestoßen sind, können — bei sehr genauem Hinsehen, Rezipieren, Nachspüren — im Produktionsergebnis ein Ich wahrnehmen: das Ich des Künstlers, das sich im Prozess verwirklicht und im Werk erkennbar macht. Es spricht beredt zu uns. Von verlorener Illusion, vom Traum, von Natur, Freiheit, Mythos, Geheimnis.

Gelingt es uns, ein wenig davon aufzufinden, machen wir nicht nur eine Erfahrung — wir haben an einer Entwicklung teil.

 

Ich wünsche Ihnen bei der Begegnung mit

der hier gezeigten heutigen hiesigen Außenwelt:
viel Ertrag für Ihre Innenwelt.

KUS

 

www.hfplahl.de/plahl.htm

 

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© Klaus Ulrich Spiegel