Ein Ekel Honored Mind Lump
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So soll es sein

 

So oder so, die Erde wird rot:
Entweder lebenrot oder todrot
Wir mischen uns da bißchen ein
- so soll es sein
  so soll es sein
  so wird es sein

Und Frieden ist nicht mehr nur ein Wort
aus Lügnerschnauzen für Massenmord
Kein Volk muß mehr nach Frieden schrein
- so soll es sein ...

 Ja, Wohlstand wollen wir gern, anstatt
daß uns am Ende der Wohlstand hat
Der Mensch lebt nicht von Brot allein
- so soll es sein ...

Die Freiheit ist ein schönes Weib
sie hat ein' Unter- und Oberleib
sie ist kein fettes Bürgerschwein
- so soll es sein ...

Freiheit... Freiheit von Freiheitsdemagogie
Nehmt euch die Freiheit, sonst kommt sie nie!
Auch Liberale wer'n wir befrein
- so soll es sein ...

Dem Bourgeois auf die Finger schaun
- das genügt nicht! Auf die Pfoten haun
wolln wir das fette Bürgerschwein
- so soll es sein...

Kein Liebespaar wird uns mehr geschasst
zu lebenslänglichem Eheknast
Die Untertanen-Fabrik geht ein
- so soll es sein ...

Kein Spitzel findet da Arbeit mehr
Das gibt ein Arbeitslosenheer
Mensch, ist das schön zu prophezein!
- so soll es sein ...

Sie selbst - na endlich! - die Revolution
sie re-vo-lu-ti-o-niert sich schon
Sie wirft auf sich den ersten Stein
- so soll es sein ...

So oder so, die Erde wird rot:
Entweder lebenrot oder todrot
Wir mischen uns da bißchen ein
- so soll es sein
  so soll es sein
  so wird es sein

 

 

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Drei Kugeln

Drei Kugeln auf Rudi Dutschke
Ein blutiges Attentat
Wir haben genau gesehen
Wer da geschossen hat

Ach Deutschland, deine Mörder!
Es ist das alte Lied
Schon wieder Blut und Tränen
Was gehst Du denn mit denen
Du weißt doch, was Dir blüht!


Die Kugel Nummer Eins kam
aus Springers Zeitungswald
Ihr habt dem Mann die Groschen
Auch noch dafür bezahlt
Ach Deutschland, deine Mörder!

Des zweiten Schusses Schütze
Im Schöneberger Haus
Sein Mund war ja die Mündung
da kam die Kugel raus
Ach Deutschland, deine Mörder!

Der Edel-Nazi-Kanzler
Schoß Kugel Nummer Drei
Er legte gleich der Witwe
den Beileidsbrief mit bei
Ach Deutschland, Deine Mörder!

Drei Kugeln auf Rudi Dutschke
Ihm galten sie nicht allein
Wenn wir uns jetzt nicht wehren
Wirst du der Nächste sein.
Ach Deutschland, deine Mörder!

Es haben die paar Herren
So viel schon umgebracht
Statt daß sie Euch zerbrechen
Zerbrecht jetzt ihre Macht

Ach Deutschland, deine Mörder!
Es ist das alte Lied
Schon wieder Blut und Tränen

Was gehst Du denn mit denen
Du weißt doch was Dir blüht

       Lieber Wolf Biermann!

           Von Mathias Döpfner

     (...) Ihr Lebenszweck ist die Verteidigung des selbst geschaffenen Luxus zu sagen, was Sie denken. Als Hamburger in Ost-Berlin. Als DDR-Bürger wieder im Westen.
Als Prolet bei den Intellektuellen und als Dichter unter Arbeitern. Als Kommunist
bei den Rechten. Als Befürworter des Irak-Krieges bei den Linken. Und als "Welt"-Korrespondent bei Axel Springer.

     Womit wir bei dem Thema sind, das ich heute nur am Rande behandeln möchte. Der Springer-Chef und der Springer-Schreck. Huch, ist das aber daneben, wenn der Vorstandsvorsitzende von Axel Springer eine Laudatio hält auf einen, der mal freiwillig in den Arbeiter-und-Bauern-Staat emigriert ist, der später im Westen bei dem "Bild"-Bloßsteller Günter Wallraff Unterschlupf gefunden hat, der dann sogar
als Kulturkorrespondent zur "Welt" gegangen ist und dort sein Gedicht über Rudi Dutschke wiederholt und die "Bild"-Zeitung attackiert hat. Gottchen, ist das pikant und brisant. Für meine Beziehung zu Ihnen spielt das keine Rolle. Die Therapiesitzung

können wir uns schenken. Kommen wir zur Sache.

     Wenn man weiß, warum Sie heißen, wie Sie heißen, beginnt man zu verstehen, warum Sie sind, wie Sie sind. 1937 wurde Ihr Vater - Jude, Kommunist, Maschinen- bauer am Hamburger Hafen - zum zweiten Mal von den Nazis verhaftet. Er hatte in einer selbst gedruckten Zeitung vier Kommunisten geehrt, die die Nazis kurz zuvor zum Tode verurteilt hatten. Der Jüngste der vier war ein 19-jähriger Schuster. Sie haben mal erzählt, wie er auf seine Hinrichtung vorbereitet und schließlich zum Henker geführt wurde: Auf die Frage nach seinem letzten Wunsch hat er seinem Gegenüber die Fresse poliert. Der junge Kommunist und Antifaschist hieß Karl Wolf. Nach ihm erhielten Sie, Wolf Biermann, Ihren Vornamen.

     Ihr Vater wurde von den Nazis nach Auschwitz deportiert und 1943 ermordet.
Ihre Mutter gab Ihnen als Lebensmission das mit: Wolf, du musst deinen Vater rächen. Sie haben sich daran gehalten. Seither sagen Sie, was Sie denken, am allerliebsten das, was man nicht von Ihnen erwartet und was man eigentlich nicht hören will. Das ist Ihre Art, Ihren Vater zu rächen.

     (. . .) Sie dichten, singen und reden gegen das, worüber sich allzu viele einig sind. Der Hang zum notorischen Antikonsens hat Sie auf allen Lebensstationen begleitet, die unbedingte Gedankenfreiheit ist der rote Faden Ihrer Vita. (. . .) Sie sind, im künstlerischen und im wahren Leben, ein großer Erotomane, ewiger Provokateur,
nur etwas schwerer, tiefgründiger, wahrheitssuchender als Ihre mediterranen Kollegen - romantisch eben. Aber doch romanisch genug, um lebensfroh, um unverbittert zu bleiben. Böll*)
hatte Sie als größten lebenden Poeten deutscher Sprache bezeichnet. Sie, als Mann der grenzenlosen Bescheidenheit, dem jede Eitelkeit ja so absolut, vollständig, nie gehört, fremd ist, Sie würden sagen: größter lebender Poet? Leicht untertrieben.

 

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*)  der nicht mehr erleben musste, zu welchen Selbstdemaskierungen, Feilbietungen, Korruptionen, Undankbarkeiten, Schäbigkeiten, Lumpereien dieser schamlose Käufling noch fähig sein werde, dreist, frech, platzend vor Eitelkeit und mit jeder neuen Großblähung sich schrumpfend in Denunziationen, Affektationen, Plattitüden und Giftfontänen – nicht nur gegen den ihn freundlich über-preisenden Literaturnobelpreisträger, auch gegen Lev Kopelev, Marcel Reich-Ranicki, Klaus Wagenbach, Günter Wallraff, die DGB-Jugend und andere Förderer – er sich noch versteigen werde, und das nicht, bevor ihn die einfluss-kräftigen Gutmeinenden im Westen der Republik auch noch in die Nachfolge von Büchner und Heine hochpreiskrönten, bis er sich zur Gesinnungsverkaufs-kanone in „Springers Zeitungswald“ verdingte, ein ganzes Ruhmleben annulierend, tönende Glaubensbekenntnisse verhökernd an die mieseste aller Adressen. -- „Ich bin vom Regen in die Jauche gekommen!“, sang er nach seiner Ausbürgerung als tropfnasiger Talkshow-Melancholiker in der ARD, sogleich honorarvertragsbelohnt von CBS Records. Regen = DDR, Jauche = BRD, nicht
zu reden von „meine Partei“ (= SED).

So einer ist nicht einfach ein Prototyp. Er ist das, was er im Refrain seiner
„Drei-Kugeln“-Ballade tränenschwer beklagte, das Meute-Opfer Rudi Dutschke genauso missbrauchend und verratend wie alle seine Asylgeber, Türöffner, Existenzsicherer – bald mit Aufrufen zur Lynchjustiz an den Genossen aus „meiner Partei“ (im Feuilleton von DIE ZEIT), dann am Kreuther Kamin der CSU, dann für hohen Judaslohn in der „Hochburg der deutschen Reaktion“ (Günter Wallraff), eben bei Springer. Die oben zitierte Rede des
BILD-BamS-WELT-Konzernchefs Döpfner wurde gehalten bei des Quislings 70. Geburtstag, den er großdimensioniert, vor allem großfinanziert von eben dieser BILD-
Kloake ausgerichtet bekam, die er früher mal, scheißdrauf, als Mörderbande bedichtet hatte.  
                                                                                           (KUS)

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       Pathologische Affekte
        eines erst Rotefahnen-Poeten, dann BILD-Skribenten

        (…) Wes Geistes Kind die Person Biermann ist, das begreift man am besten, wenn man
sich seine Absonderungen gegenüber Journalisten des NDR
anhört – zu finden auf Youtube unter dem Titel »Wolf Biermann: Lästereien über hohe SED-Funktionäre«. Darin bezeich-nete er Hermann Axen wörtlich als:
»Potthässlich. (…) Er sah aus wie eine zertretene Qualle – schrecklich – eine Fresse. Man könnte gehässig sagen: wo das Wesen dieses Packs wunderbar ideal zur Erscheinung kam.« Nach seinen Worten durfte Hermann Axen deshalb neben Erich Honecker stehen, weil »jeder Mensch, der neben dieser zertretenen Qualle steht, sieht aus wie
ein Filmschauspieler aus Hollywood«.

     Wenn man weiß, dass Hermann Axens gesamte Familie im Faschismus ermordet wurde
und er selbst Auschwitz und Buchenwald überlebt hat, kann man nur noch Ekel für die Type Biermann empfinden. Man stelle sich vor, jemand hätte über den NS-verfolgt gewesenen Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki derart perfide hergezogen. Wie hätten die (West-)Medien da wohl aufgeheult? Aber Biermann befindet sich in bester Gesellschaft. Ein Boulevardblatt bezeichnete vor 25 Jahren Hermann Axen als »Hofjuden«. Das ist mindestens das gleiche faschistoide Niveau.

     Die seriöse, ehemals als „liberal“ geführte Wochenzeitung DIE ZEIT räumte Biermann ihre Feuilleton-Aufmacherseite frei, auf der der gewendete Rot-Poet dann forderte, den letzten Ministerpräsidenten der DDR (und nachmaligen Ehrenvorsitzenden der Partei Die Linke) –
Hans Modrow –
„an die Laterne hängen“ zu lassen, also zu lynchen.
     Auch die »Volksvertreter« im Bundestag und die Parteifreunde der CSU waren und sind gewillt, sich auf Biermanns primitives Niveau einzulassen, sonst hätte man ihm nicht am ‚Tag
der Deutschen Einheit‘ die Parlamentsbühne geboten. Wichtig erscheint nur, dass die Staats-doktrin, der pathologische Antikommunismus, bedient wird. Übrigens: Die Kommentare zu des Springer-Hofdichters Wandlungen wurden im Netz gelöscht. Derweil wird dieser von Kanzlerin Merkel und SPD-Gabriel im Bundestag TV-tauglich umarmt.                    Gerhard Hoffmann


 

Respektvoller Umgang - Bundestagspräsident Norbert Lammert hat klare Vorstellungen, wenn es um den Bundestag geht. Respektvollen Umgang miteinander wünscht er sich dort. Bei der Feierstunde zum 25. Jubiläum des Mauerfalls hat er den Respekt nun der öffentlichen Aufmerksamkeit geopfert. Aus der Erinnerung an ein freudiges Ereignis wurde eine Krawallsitzung. Aus der Feier der Einheit ein Dokument von Unversöhnlichkeit und Trennung. Der Liedermacher Wolf Biermann wollte sich das Reden nicht verbieten lassen, redete dann aber nicht, sondern geiferte. Seine Beschimpfungsarie gegen die Linkspartei war zwar wenig überraschend. Aber „Drachenbrut“ und „elender Rest“ – das ist, auch wenn sich Biermann damit selbst zitiert, nicht mehr nur Kritik, sondern diffamierend. Es ist auch nicht entschuldbar mit Bitterkeit angesichts der eigenen Biografie. Bedauerlich ist das für ein Parlament, dessen Präsident offenbar nichts Besseres zu tun hat, als bei einer Feierstunde einer der Fraktionen eins auswischen zu wollen. Biermann, von Lammert eingeladen, hat erklärt, er freue sich, dass die Linkspartei ihn ertragen müsse. Umgekehrt müssen Biermann und Lammert die Linkspartei ertragen. Das ist die Erkenntnis der Feier des Mauerfalls.
                                                 (Daniela Vates / Mitteldeutsche Zeitung 7.11.2014)


„So oder so, die Erde wird rot“ -- So Biermann 1968, im Kindergartenalter
von 32 Jahren, in jenem Tal der Ahnungslosen, dessen regierende SED er
„meine Partei“ nannte. Noch 1976, nach seinem Wechsel in die BRD, schwor
der Sänger: „Die rechte Bande nimmt mich nicht an die Brust.“ Im Lauf der Jahre fand er – nach Einladungen zur CSU und zu Springer -, dass die Lügen-schnauzen, Freiheitsdemagogen und fetten Bürgerschweine bei näherer Bekanntschaft doch ungemein gewinnen. Nun nennt er unterm Jubel der Lügenschnauzen, Freiheitsdemagogen und fetten Bürgerschweine Überbleibsel ‚seiner Partei‘, also die braven Sozen von der Linkspartei den ‚elenden Rest dessen, was überwunden ist.‘ Überwunden zuletzt von Gauck, der, aus seiner Rolle als Grußonkel tretend, vor zwei Kirchenleuchtern der Linken die Frage stellte:
‚Ist die Partei, die da den Ministerpräsidenten stellen wird, tatsächlich schon so weit weg von den Vorstellungen, die die SED einst hatte bei der Unterdrückung von Menschen hier, dass wir ihr voll vertrauen können?‘ …..  
                                  
                                                                           (Michael Schilling / konkret 2-2014)

   Biermann bietet solche Gewähr – wie der Gauck komplett gewandelt („bis
zur Kenntlichkeit verändert“)
, vom unerwünscht-kritischen Ruhmpreiser und Propheten der dereinst roten Erde der eine, von den Staatsorganen für gute Führung und freundliche Stasi-Gesprächspartnerschaft mit Westreisen privilegiert der andere, beide zu Darlings der antikommunistischen christ-
sozial-profitpropagandistischen Herrschaft mutiert. Charaktermasken, im und vom Kapitalismus (bei Biermann einst: „die rechte Bande / Lügenschnauzen / fette Bürgerschweine“) belohnt durch Medienruhm und Medienrummel, Posten, Titel, Preise, Piedestale, vor allem: das große Geld, das bekanntlich nicht stinkt. Biermann auf Handstreich eines besonderen Biedermanns der parlamentarischen Republik-Repräsentanz, des Herrn Lammert (CDU),  beim „Tag der deutschen Einheit“ Stargast mit Klampfe im Deutschen Bundestag, staatlich basiert und animiert wie auch öffentlichrechtlich kolportiert und in den „sozialen Netzen“ (teil-)enthusiasmiert. So einer wird hierzulande nicht verachtet, sondern gern genommen.
   Der alte Raunzer & Raisonneur Herbert Wehner einst über den Dr. Günter Müller
(SPD-, dann CSU-MdB): „Ein Lump geht seinen Weg zu Ende.“ Was er wohl heute zu sagen wüsste angesichts der dem Ekel Biermann fröhlich Beifall spendenden Sozen-Bundestagsfraktion mit dem biermann-umarmenden Gabriel an der Spitze. Doch solche, im Journaille-Schablonensprech „Urgesteine“ wie den Herbert-im-Hause gibt es in der Deutschpolitik ab ca. 1990 auch schon lange nicht mehr.                                                                                                        
                                                                                                                       (KUS)

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       Wiglaf Droste über Biermann

      Biermanns Blumen
  Um den Absatz seines Opus magnum anzukurbeln, einer 576seitigen Autobiographie, tingelt Wolf Biermann derzeit durch die besseren Redaktionsstuben. Im ausführlichen Interview mit dem Magazin der Süddeutschen Zeitung vom Freitag nannte er die vielen Stasi-Akten, die über ihn angelegt wurden, »absolut zuverlässig« und seine Gitarre ein »Holzschwert mit sechs Saiten«. Mittelbarer und noch etwas besser brachte der Barde seine Poetik in einem Porträt im Spiegel vom vergangenen Samstag auf den Punkt: Seine Mutter habe am Grab von Brecht mal ein paar Gräser ausgerissen, erinnerte er sich dort. Sie habe statt dessen extra aus dem Westen eingeführte Stiefmütterchen eingepflanzt. Helene Weigel sei angesichts der aufgehübschten Ruhestätte entsetzt gewesen. Die weniger auffälligen Gräser waren aus aller Welt besorgt worden. (8.10.2016)

      Originäres Produkt der Stasi.
   Seit Jahrzehnten führt Wolf Biermann das immergleiche Klassenkasperletheater auf, das
nur einen Inhalt kennt: Wolf Biermann. Und der sei, verkündet die Legende nach Hausmacher Art, nicht nur ein furchtbar mutiger Kerl, sondern auch ein Sänger und Dichter, die Reinkarnation von mindestens Heine, Shakespeare oder Wasihrwollt, aber hallo, tröööt! Goethe war er auch, na logisch, denn: „die Stasi war mein Eckermann“, rampampampam. Meinte er nicht eher – und ausnahmsweise wahrheitsgemäß – den Reiseveranstalter Neckermann? Und wer will das noch wissen? Auch dem gutgläubigsten und strapazierfähigsten Publikum hat Biermann längst die armen Trommelfelle gestrichen vollgemacht mit seiner Heldensoße.

     Biermann ist ein originäres Produkt der DDR-Staatssicherheit. Statt ihn souverän gewähren und den wilden Mann spielen zu lassen, baute die Gedankenpolizei Biermann systematisch
zum Mythos und zum Märtyrer auf. Das 1965 verhängte Auftrittsverbot legte nahe, Biermanns Künsten wohne Gefahr inne. Damals wollten viele diesem Fehlurteil folgen, in dem sich Biermann und Stasi vollendet einig waren.

     Es folgten das Konzert am 13. 11. 1976 in der Kölner Sporthalle und die Ausbürgerung Biermanns aus der DDR – die sich, von der Westseite betrachtet, rasch als eine Einweisung Biermanns in die Bundesrepublik erwies. Der Westen hatte den Sack am Hacken, und er hörte und hörte nicht auf zu krakeelen, zu ningeln, sich zu blähen und zu spreizen. Hätte man ihn nicht gegen 30 Pfennig Flaschenpfand zurückgeben können? Der Kalte Krieg verhinderte auch diesen Akt der Vernunft und der Menschlichkeit. Im Westen fand Biermann gleichgesinnte Feuilleto-nisten, also Mitmischer, Strippenzieher und Simulanten. Die Medienpartner-Kameraden halfen, die Mär vom Drachentöter Biermann in der Welt – oder doch wenigstens in der Springer-Welt – zu verbreiten.
     Doch das Verfallsdatum der von Biermann selbst stets als Markenprodukt feilgebotenen
Ware Biermann war seit November 1976 abgelaufen. Anfangs wollte kaum jemand das bemer- ken, die ganze Aufregung war doch zu schön. Biermann selbst hat es als Einziger bis heute noch nicht gemerkt. Knötternd steigt der vorlaute Gammelclown auf alle Stühle, winkt, „Hier bin ich! Hier bin ich!“, verströmt als routinierte rhetorische Nebelmaschine Eigenweihrauch en gros, stellt sich ins Spiegelkabinett und freut sich stolz über die vielen Zuschauer – oder, wie er sagen würde: über „die vielen, vielen Zuschauer“.     
(16.11.2006)

     Das Zentralorgan spricht.
   Wie man es schafft, einem Gesprächspartner das Thema Geschlechtsverkehr auf- zudrängen, das weiß er. „Ich will nicht zusehen, wie Sie Ihr Zentralorgan in diese Frau reinstecken!“ - Wer nicht dichten kann, muss stehlen. Biermann griff sich Bob Dylans
„11 Outlined Epitaphs“, die er allerdings „in mein Deutsch“, übersetzte, wie er trom- petete, als ob er eines hätte; er habe Dylan „aus meinen Vorräten und aus mehr euro- päischer Sicht noch das eine oder andre zustecken“ wollen. Was in richtigem Deutsch bedeutet: Biermann jubelte Dylan jede Menge frei erfundenes krauses Zeug unter.

    Als die „Elf Entwürfe für meinen Grabspruch“ im Herbst 2003 erschienen, war die Befremdung groß. War der Zwerg vollends wahnsinnig geworden? In eine angebliche Übersetzung hineinzuschreiben, was ihm durch sein Zentralorgan rauschte? Biermann lernte nichts, er lärmte: „Das habe ich ihm reingeschoben. Das soll mir erlaubt sein, anderen nicht. Dylan hat das Glück, dass ich es gemacht habe“, johlte er im Spiegel. Hatte Dylan Glück? Weil er es nicht „reingesteckt“ bekam, sondern „zugesteckt“ und „reingeschoben“? Wolf Biermanns zentralorganischer Wortschatz ist jedenfalls ganz erstaunlich.
     Die Verrisse in der Süddeutschen Zeitung, in der FAZ, in der taz et cetera wiesen Biermann und seinem Verlag Kiepenheuer & Witsch lupenreinen Etiketten-schwindel nach. Einer der Kritiker war ich – in Cicero ist die entsprechende Nachfrage eher vorsichtig formuliert: „Es gab auch weniger gute Kritiken, zum Beispiel vom taz-Kolumnisten Wiglaf Droste.“ Und dies ist Biermanns Antwort, ungekürzt: „Ich kenne das nicht. Aber ich kenne die taz und bin gewarnt. Ein Freund rief mich an aus Berlin und sagte: Lies diesen Stuss bloß nicht. Der Autor ist ein chronischer Giftzwerg, ein verkrachter Provinz-Literat in der Hauptstadt, der es nicht ertragen kann, dass die Musen ihn nicht küssen. Sowas ist meistens der blanke Neid. Nicht dieser sympathische weiße: der neidlose Neid, sondern der schwarze. Gute Journalisten sind meistens schon deshalb prima, weil sie keine verhinderten Dichter
sind. Solche verkrachten Künstler werden oft besonders giftige Kunstfeinde. Und am schlimmsten ist es, wenn sie dann auch noch in die Politik hineingeraten. Denken Sie nur an den Lyriker Radovan Karadžić, oder an den Dichter Mao Tse-tung, oder an den Poeten Ho Chi Minh. Dann ist es immer noch harmloser, solche Canaillen spucken Gift und Galle auf Zeitungspapier und werden keine bewaffneten Blutsäufer. Gescheiterte Dichter sollte man entweder prophylaktisch totschlagen oder mästen! Dieser Liebes-kummer mit den Musen macht sie dermaßen missgünstig. Keine Freude, kein Spaß, kein Wohlwollen. Die sind wie zu Tode beleidigte Liebhaber, die nicht an eine scharfe Frau rankommen und rächen sich dann dafür an der Menschheit!“

     Dafür, dass er „das nicht kennt“, ist er recht ausführlich.

       Ich aber frage, wer ich bin:
       Kara Ben Nemsi? Ho Chi Minh?
       Ein Ma-O-Am? Ein Mao Tse-tung?
       Bin ich dafür nicht doch zu jung?
       Bin ich Dutroux? Johannes Rau?
       Wolf Biermann weiß es nicht genau.
       Der Schritt vom Kara-sek zum -dzic
       Heißt kölsch: Willy Millosewitsch.
       Wer hört das Lied „Fly like an Eagle“
       Und übersetzt: „Flieg wie ein Igel!
       Steig, Ikarus, auf wie ein Ziegel!“
       Wolf Biermann, der Poet vom Spiegel                         (15.5.2004)

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             “ Sinistrer Geist“
Berlin, 23. Mai 2017: Das hatten sie sich so gedacht bei der Schauspielschule
»Ernst Busch«! Anderthalb Jahre lang wurde die bat-Studiobühne am Prenzlauer Berg saniert. Die Rückkehr von der Ausweichspielstätte am Weißensee ist kein großes Ding
– hier wie dort gibt es eine Netto-Filiale –, sollte aber Ende Mai trotzdem gefeiert werden. Im kleinen Kreis.
    Mit denen, die auf der Baustelle tätig waren. Was auf den ersten Blick wie eine hübsche Idee anmuten mag, kann es auf den zweiten mit dem Kahlschlag-Plenum der SED aufnehmen, war dem Magazin DER SPIEGEL zu entnehmen:
»Der Sänger und Dichter Wolf Biermann ist als Redner im Ostteil Berlins wieder einmal unerwünscht«, begann eine Mitteilung in dessen »Deutschland«-Teil, bebildert mit einem Porträt des Großkünstlers als »preußischem Ikarus«.
    Biermann habe die Bühne 1961 »gegründet«, hieß es da. Mitgründerin Brigitte Soubeyran blieb unerwähnt, wohl weil sie zu jener Zeit auf unangenehm ernste Weise
mit Theater befasst war (etwa mit Hacks’ Inszenierung »Der Frieden«, 1962). Dass die Staatliche Schauspielschule die Bühne seit Mitte der 60er ohne ausdrückliche Erlaubnis Biermanns nutzen konnte, ist skandalös genug.
    Es schlägt aber dem Fass den Boden aus, dass er nun bei der kleinen Feier Ende Mai 2017 »nach dem Willen der Hochschule nicht sprechen (soll): Er ist nicht als Redner eingeplant«. Laut DER SPIEGELherrscht »Aufruhr an der Hochschule«, an der DDR-Kurzstreckenläuferin Ines Geipel eine Verskunst-Professur innehat. »Die DDR waltet an der Hochschule wie ein sinistrer Geist«, sprach die Meisterin der Jamben im Magazin, und verlangte, die Bühne umgehend nach Dichterfürst Biermann zu benennen.
    Es wäre das mindeste, aber Rektor Wolf Engler ruderte erst einmal zurück. »Wir
hatten mit der Feier eine andere Idee
«, meinte er kleinlaut. »An Biermann haben wir nicht gedacht – genausowenig wie an die anderen Gründer(xre)

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Über die Biermann-Legende
von Gisela Steineckert - in RotFuchs, Mai 2014

Anfang der 1960er Jahre bekam ich einen neuen Freund. Damals war ich leicht zu begeistern, und der neue Freund bot dafür Anlässe. Wolf Biermann kam als junger Kommunist aus Hamburg in das bessere Deutschland, zunächst als Gast, dann als Bürger, stellte sich also unter die Gesetze dieses Landes – was für eine begeisternde Entschei-dung! Damit alles so schön blieb, brauchte er gute Freunde. Wir liebten Lieder und die schönen Künste, waren beide begabte Wichtigtuer am Anfang einer möglichen Karriere, also schwelgten wir in Plänen und setzten einige um. Der Barde war klein, dicklich und verfressen, für einen Studenten – Wunschstudium: Philosophie! – nichts Besonderes an unserem beliebten Freitisch. Es gab viele Gründe, den begabten Neuen zu verteidigen, auch gegen Mahner, die ihn zu frech, obszön und anmaßend nannten, auch unerträglich eitel. Das war er freilich.

Aber die Mauer war gebaut, ihre Nötigkeit eingesehen, jedenfalls von uns. Frischer
Wind tat gut, und es hätte doch ein wenig entspannter sein können. Denn nun hauten die Absolventen nach teurer Ausbildung nicht mehr sofort ab, wir wurden nicht mehr all-täglich ausverkauft, und nach draußen funktionierte der antifaschistische Schutzwall fast perfekt. Nach innen, rein zu uns, konnte allerdings nahezu jeder. Eben auch dieser junge Kommunist aus Hamburg, der einzige Sohn eines ermordeten jüdischen Widerstands-kämpfers. Welch ein „Enkel“ für unsere alten, oft einsam gewordenen Antifaschisten, Politiker wie Künstler. Wir dachten nicht darüber nach, als er sofort eine komfortable Wohnung bekam, die später für eine große Familie reichte. Sein Auto hatte er mitge-bracht.


Ich lernte diesen jungen Wolf kennen, als ich mir für eine Anthologie ein paar Liebes-gedichte aussuchen wollte. Das war wichtig, denn Liebesgedichte waren gerade als überflüssig ausgegeben worden: kleinbürgerlich, Liebe sei schließlich Privatsache, wir brauchen revolutionäre Begeisterung unserer Künstler, nicht sentimentales Dichten über Gefühle. So etwa hatte es auch in der „Neuen Deutschen Literatur“ gestanden. Dagegen wollte ich etwas tun. Es kam zu einer ersten Auflage, mit Texten von sechzehn Dichtern der DDR, von Maurer bis Biermann, und Werken unserer Maler und Zeichner. An einer Grafik von Harald Metzkes und einem Gedicht von Biermann ist die zweite Auflage gescheitert. Ich machte mich sofort an die Arbeit für ein neues Buch zum selben Thema, diesmal ohne Gedichte von Biermann.

Warum? Darum geht es, das ist die Geschichte. Aber ich bin noch bei der Freundschaft. Wir haben in der Belforter Straße in Berlin einen Saal ausgebuddelt, mit Schippe und Besen. Ronald Paris war dabei, Heinz Kahlau, auch Biermann, der sang zu unserer Arbeit. Wir führten die Erstpremiere des Stückes „Der Schuhu und die Prinzessin“ von Peter Hacks auf. Es war ein großer Erfolg, so wie die Freundschaft mit Biermann. Wir hörten oft das jeweils neue Lied als Erste und bewahrten es auf Band. Heinz Kahlau und ich organisierten in Herbert Sandbergs Veranda ein vormittägliches Sonderkonzert mit Manfred Krug, Wolf Biermann und Perry Friedman. Illustres Publikum sollte Ruhm verbreiten. Krug und Biermann konnten sich sofort nicht ausstehen: Platzhirsche, die
den anderen als Dieb der Zeit für eigene Darbietung sahen. Das blieb auch.

 
Zurück zu den schönen Anfängen. Ich wollte Biermann bekannt machen, und da wir Krug gerade mit der Hauptrolle in „Auf der Sonnenseite“ durchsetzen konnten, hielten wir uns für stark. Perry Friedman allerdings war für gemeinsame Veranstaltungen mit den beiden anderen nicht mehr zu gewinnen, er hielt sie für politische Spinner. Er förderte die Singeklubs. Ohne die zu kennen, nannte Biermann die jungen Leute, die auch sangen und Lieder schreiben wollten, „Kaisergeburtstagssänger“. Er hielt sich an Brecht, Bellmann, Villon, Heine und Rimbaud. Seine Vorbilder waren, Zitat „… so direkt, so unverschämt“. Wir waren Freunde, und also öffnete ich auch um drei Uhr nachts die Tür, als Biermann schwitzend erschien und mich an die Schreibmaschine drängte, um seinen grad in einer Veranstaltung gesungenen Text umzuschreiben. Er war sicher, das beim Heimkommen die Stasi auf ihn wartet, und er musste sie mit dem geänderten Text davon überzeugen, dass sie sich verhört hatten. Also habe ich den originalen Text versteckt, denn ich dachte, begabte Leute müssen übertreiben, und es tut nicht gut, wenn Eierköpfe sie schon beim Über-Mut abgreifen. Zu viele Begabte waren weggegangen.

Biermann gab sich wenig Mühe, die Paten seiner Lieder zu verschleiern, er ahmte
nach, oder nahm fast wörtlich. Seine „Kompositionen“ ähnelten sich, aber das Ganze
war originell, sehr sinnlich und anders, neu und frisch. Er wird sich noch zügeln, dachten wir und nahmen ihn mit zu Veranstaltungen, zu denen er nicht geladen war. Wir verlang-ten vor Ort, ihn auftreten zu lassen, sonst würden wir streiken. In Halle waren Rainer und Sarah Kirsch dabei und nötigten ebenfalls. Biermann war dann nicht wieder von der Bühne zu kriegen – und die Leute wollten ihn hören, ihn, nicht uns.


Wenige Tage später trugen wir in einem Vorort von Berlin unsere Beiträge zuerst vor, damit er dann das Publikum nach Belieben unterhalten konnte. Nach dem dritten Lied forderte er die Anwesenden auf, endlich mal die Regierung abzusetzen und die Mauer einzureißen, sie sollten nicht so feige Arschlöcher sein. Das war unsere letzte gemein-same Veranstaltung. Mir fiel zum ersten Mal auf, wie schnell Biermann mit dem erwünschten Tod anderer zugange war. Er ist jung, schränkte ich mein Unbehagen ein,
ist ein Hitzkopf, ein übertreibender Idealist. Er sieht sich umstellt von Gegnern. Auch Feinden? Wer waren die? Das hätte ich gern gewusst. Frauen waren entweder seine potentiellen Geliebten, auf deren Nacken er gern seinen Fuß setzte, oder er denunzierte sie als dumm, dick und überflüssig. Ein Teil seines Charakters aber schien es zu hassen, wenn er seinen Willen bekam, und sich nach neuer Schwierigkeit umsehen musste, die
es wiederum zu zerstören galt.


Ich ging den Verlagen in Berlin auf die Nerven, bis mir der Chef des Verlags Das Neue Berlin zusagte, einen Band Balladen von Biermann zu veröffentlichen. Das teilte ich dem Künstler freudig am Telefon mit. Seine Antwort war: „Bist du wahnsinnig? Ich habe die Rechte längst an Wagenbach in Westberlin gegeben, und nicht die Absicht, in der DDR etwas zu veröffentlichen.“ „Und warum hast du mich losgeschickt?“ – „Ich dachte doch nicht, dass du es schaffst.“ Nicht deswegen habe ich Biermann Anfang 1963 aus meinem Leben entfernt. Auch nicht, weil ich merkte, dass er uns ständig belog. Er versorgte uns ausschließlich mit Informationen, die für ihn nützlich waren. Und blieb uns gegenüber nur der verwaiste, selber verfolgte Judenjunge, der für jede Hilfe dankbar war.

Es war der Abend, an dem Ernst Busch in der Akademie der Künste von der Öffent-lichkeit Abschied nahm. Wir waren mit Blumen dabei und mit unserem Dank für ein großes Leben. Singen konnte Busch nicht mehr, seine Lieder wurden eingespielt. Am Schluss stand Biermann an der Tür. Er lud uns und einige andere in seine Wohnung ein; man müsse ja etwas tun, um über den Schwachsinn und Kitsch dieses Abends hinweg-zukommen. Das sagte er laut, noch innerhalb des Raumes. Warum waren wir so blöd, hinzugehen? Wir hatten einen Schriftsteller aus Rumänien zu Gast, vielleicht deshalb. Alle saßen auf der Erde, und Biermann schüttete sich aus über Busch, der noch nie was konnte und sich jetzt aufspielt … Erster Akt! Zweiter Akt: Biermann kündigte uns die Premiere seiner Lieder vom großen DraDra an, also seine Drachenlieder. Es war kurz nach der Premiere des Stückes von Jewgeni Schwarz im Deutschen Theater. Ich habe
die Lieder gehört. Und hielt das nicht aus. Nun war es nicht mehr schöpferischer Zorn,
es war unkünstlerischer Hass, Wut, Mordlust – es war unerträglich persönlich, eigentlich privat.


Gegen wen richtete sich solche Wut? Bürokraten, Funktionäre – genauer kriegten wir es nicht. Ich bin vor der Diskussion gegangen, allein und sehr uneins mit mir. Es ging also um Bürokraten, um Leute, die in Sesseln sitzen, die wollte er lebendig begraben, auf die Schnauze hauen, aufhängen. Mindestens. Er wurde sicher rund um die Uhr abgehört. Aber was haben die Zuständigen mit den Informationen gemacht? Mich hat bei meiner Bettelei um seine Karriere niemand aufgehalten. Aber der Barde hielt mich auf. Noch immer war er nicht ohne Gitarre unterwegs, und meist hatte er ein kleines Stühlchen bei sich, auf dem er sich jemandem zu Füßen setzen konnte, um, psychologisch raffiniert, zu diesem aufzublicken, sich scheinbar zu erniedrigen.

Aber Biermann war feige. Nicht er selber zog mit den Farbeimern los, die ihm Emma
aus Hamburg mitbrachte. Er schickte junge Leute in Mutproben. Einige kamen aus intellektuellen antifaschistischen Familien, in denen häufig die häusliche Rede über die Politik der DDR nicht zum öffentlichen Auftreten passte. Ihre gelangweilten Kinder haben aber nicht zu Hause, sondern für Guru Biermann aufgetrumpft – in der Schule, auf der Straße, mit offenem Aussprechen oder dummer Provokation. Unter Benutzung ver-fälschter Zitate der Klassiker. Diese jungen Leute wurden kurzfristig eingesperrt oder flogen von der Schule. Das nahmen sie alle – damals noch! – auf sich, um nicht hinter Biermanns Mut zurückzustehen. Den gab es nicht.


Wir wussten nicht, warum der Geduldsfaden so lang war. Wir erfuhren erst nach seiner Ausreise, welcher Dank da von einer Ministerin an die Mutter von Biermann abgestattet werden sollte. Als auch Margots Vater den Nazis zum Opfer fiel, nahm Emma das Kind auf und zog es liebevoll, wie eine Tochter, groß. Die Väter waren Genossen und Freunde gewesen. Biermann folgte der Einladung seiner Ziehschwester und kam in die DDR, nahm, was er kriegen konnte, und tat Undank und Narrenfreiheit oben drauf. Seine Wohnung hatte er zu einem internationalen Treffpunkt und einer medialen Produktions-stätte ausgestaltet. Westliche Journalisten und Produzenten gingen bei ihm ebenso ein und aus wie all die unzufriedenen Begabten, die in der Chausseestraße geistige Erbauung im Widerstand gegen die DDR fanden. Auch Anknüpfungen an den ersehnten Markt in der „Freiheit“: Zeitungen, Medien und Verlage.

Das muss bekannt gewesen sein, jedenfalls setzte Biermann es voraus und amüsierte
sich darüber. Gesetze? Die interessierten ihn nicht. Später hat er geschrieben, er habe Manuskripte im märkischen Sand versteckt. Kopien vielleicht, denn es standen immer genügend Empfänger für den Transport nach drüben bereit. Zumal er darauf baute, dass die DDR sich‘s wegen der großen Augen der Weltpresse nicht leisten konnte, ihm etwas zu verweigern oder gar anzutun. Seine Absichten und Handlungen und das Verhalten der alten mächtigen Männer in der Partei und der Regierung trafen zu einem gefährlichen Stillstand zusammen.


Ich habe ihn noch einmal besucht, wollte ihm unsere Freundschaft aufkündigen. Aber
da schneite Professor Havemann herein und erzählte lachend, er sei in der Akademie der Wissenschaften eben aus der Partei geworfen worden. Wie schwer die sich damit getan hätten, wie sie gedruckst, und auf ein alles wendendes erlösendes Wort von ihm gewartet hätten ... Ich habe Biermann nicht wieder gesehen. Dem ging noch etwas voran: Ihm war klar, dass einige alte Kämpfer mit der defensiven Politik der „Führung“, nicht zurecht-kamen. Er suchte die berühmten alten Männer auf und legte im Namen seines Vaters sowohl seine grenzenlose Verehrung als auch sein Verständnis der Konflikte in ihr Herz. Und sang und sang. Sie holten dann den Bittersaft ihrer Tagebücher und nicht verwend-baren Ideen aus dem untersten Fach und lasen vor, was aktuell nicht für öffentliche Augen und Ohren bestimmt war. Biermann hatte ein glänzendes Gedächtnis. Er ging davon, machte sich Notizen. Aus dem Material der Aufgesuchten und Getäuschten knüpfte er ein Langlied, mit dem er sie alle denunzierte, sie zynisch aburteilte. Dieses Lied schickte er auf einem Tonband an Klaus Gysi, den damaligen Kulturminister.


Nach der Ablieferung rief Biermann mich an und erzählte mir von seinem Coup. Ich sagte: „Aber das ist Verrat.“ Antwort: „In der Politik ist Verrat ein Mittel wie jedes andere.“ – „Und warum erzählst du mir das?“ Seine Antwort: „Weil du ein Weib bist
und es herumtratschen wirst.“ Ich habe es niemandem erzählt. Erst Jahre später traf ich Klaus Gysi bei einer Veranstaltung. Wir standen gelangweilt am Buffet, allein. Ich fragte: „Was hast du eigentlich mit dem Tonband von Biermann gemacht, damals?“ Er sagte: „Ich habe ihm einen Brief geschrieben. Dass durch ein technisches Versehen beim ersten Abspielen das Band leider unbrauchbar geworden sei. Und er möge von weiteren postalischen Sendungen absehen.“ Ich glaubte ihm und habe ihm das nie vergessen.


Dass Freundschaften wegen Biermann auch unter den Schriftstellern zerbrochen sind, dass wir uns nach seiner „Ausbürgerung“ alles gesagt haben, was lange vorher schon auf der Zunge lag, das war dramatisch. Denn der letzte Schachzug von Biermann war, jedem, der schon lange nach einem Absprung gesucht hatte, den Vorwand dafür zu liefern. Als Mitglieder des Vorstandes bekamen wir von der Partei den Auftrag, unseren Kollegen, auch Freunden, so etwas auszureden. Wir machten uns lächerlich und konnten darüber in den Westzeitungen lesen, die uns anonym zugestellt wurden. Wir durften uns nicht wehren. Nicht einmal in einer Anglerzeitung hätten wir uns verteidigen dürfen. „Wir tragen doch unsere schmutzige Wäsche nicht vor den Klassenfeind.“ Doch, das geschah, aber wir durften nicht aufdecken, was wir wussten, keinen Einspruch gegen den Vorwurf erheben, wir seien nur zu feige gewesen, die undurchdachte Kampagne für Biermanns Rückkehr zu unterstützen.

Lange zuvor hatte es ein Funktionär der Partei - Konrad Naumann - auf den Punkt gebracht: „Drei Anlässe würden wir nicht überlebe: Wenn wir die Hundesteuer erhöhen, einen Feiertag abschaffen oder den Biermann einsperren. Dann gibt es einen weltweiten Kampf, wie um Angela Davis.“ Nicht ganz so kam es. Biermann hat es geschafft, dass der DDR nichts anderes blieb, als den Sohn eines ermordeten Widerstandskämpfers, Jude noch dazu, entweder ein- oder auszusperren. Max Frisch nannte Biermann nach einem Besuch „Clown“ und „Poet“. Hacks, aufgesucht, um konterrevolutionäre Pläne zu schmieden, warf ihn hinaus, hieß ihn einen wichtigtuerischen Quatschkopf. Er bezahlte diese Meinungsäußerung mit einem Boykott seiner Werke. Der Berliner Senat mit Herrn Wowereit ernannte Wolf Biermann zum Ehrenbürger der Deutschen Hauptstadt.

 

Gisela Steineckert (* 13. Mai 1931 in Berlin): deutsche Schriftstellerin und Lyrikerin.
Seit 1957 in der
DDR freischaffend tätig. 1962 bis 1963 war sie Kulturredakteurin beim Satire-Magazin Eulenspiegel. Ab 1965 Mitglied des Bezirksvorstands Berlin des Schrift-stellerverbandes der DDR. Arbeit in der Singebewegung (bis 1973). 1979 Mitglied des Komitees für Unterhaltungskunst der DDR, dessen Präsidentin 1984 bis 1990. Als Gremienmitglied des Zentralen Lektorats beim Staatlichen Komitee für Rundfunk der DDR Einfluss auf Pop- und Rocktexte. 1987 erschien Text des Liedes Als ich fortging der Band Karussell, Seit 1990 ist sie ehrenamtliche Vorsitzende des Demokratischen Frauenbundes  
Neben Lyrik, Kurzprosa, Dokumentationen viele Liedtexte (Schlager, Chansons, Kinderlieder, Rockmusik) für unterschiedliche Interpreten und arbeitete an Filmen
der
DEFA mit.
Gisela Steineckert ist aktive Unterstützerin und Beiträgerin der linken Tageszeitung

junge Welt, an deren „Künstlerkonferenz“ 2019 sie mit Volker Lösch, Konstantin Wecker, Chris Jarrett, Black Heino teilnahm. Ständigen Autorin des RotFuchs.

 

 

 

 

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