Ach – weil’s gar so erhellend, bezeichnend, repräsentativ ist:
Hier die Selbstauskunft eines unserer Ganzgroßen, angeweht und durchdrungen vom Betriebsnudelgeist der bundeskulturellen Gegenwart, befragt von einem ebenso Repräsentativen aus dem Hause Axel Springer AG, Ressort „Dümmer-geht’s-nimmer“. Ja, das attackiert sich selbst. Das muss man gelesen haben!

"Wenn die Damen mich fragen,
   dann mache ich es"

Von Lucas Wiegelmann / DIE WELT  -  24. März 2010

Dirigent Thielemann über den Tod von Wolfgang Wagner,
was er von ihm lernte, und wie es weitergeht


Nur wenige Musiker standen Wolfgang Wagner zuletzt so nah wie Christian Thielemann. Der heute 50-Jährige debütierte 2000 auf dem Grünen Hügel und leitet seit 2006 den "Ring". Während seiner Japan-Tournee mit den Münchner Philharmonikern sprach mit ihm Lucas Wiegelmann.

Die Welt: Herr Thielemann, Sie haben gerade die Tannhäuser-Ouvertüre
mit den Münchner Philharmonikern geprobt für das Konzert in Osaka am Mittwoch. Was war das für ein Gefühl?
(Gefühl vor allem – das ist das Kunstbewertungs-Kriterium eines Springer-Angestellten. Ob auch eines Dirigier-Karrieristen, werden wir sehen).

Christian Thielemann: Es war schlimm. Es fühlte sich auch irgendwie unpassend an, jetzt Wagner zu spielen. (Des Maestro Gefühl also war: „schlimm“. Und es – das Gefühl – fühlte sich unpassend an, irgendwie. Kann man Wagner spielen, wenn ein alter Wagner-Verwurster dahingegangen ist? Nun, man kann es nur fühlen – irgendwie). Deshalb habe ich gerade auch nicht die Meistersinger-Ouvertüre geprobt, wie es eigentlich geplant war. Das wäre mir noch unpassender vorgekommen. Der Tod von Wolfgang Wagner geht uns allen nah. Weil er so wichtig war. Wichtig ist. (Weil der WoWa so wichtig war, kann man nichts aus „Meistersinger“ spielen, das wäre unpassend. Warum? Weil er wichtig war. Klaro?)

 

Die Welt: Sie haben nach der Probe mit dem Orchester eine Schweigeminute gehalten. War das geplant? (Fragen sind das! Sowas muss die Welt einfach wissen!)

Thielemann: Natürlich. Dieser Mann war eine Jahrhundertfigur. Einer, der auch das 19. Jahrhundert noch mit abdeckt (also eine Zweijahrhundertfigur!), weil er die ganzen großen Menschen (die ganzen!) noch kennen gelernt hat. Nicht nur, dass er an Cosima Wagners Fuß gekitzelt hat als Kind. Er wuchs mit all den Menschen auf, die Richard Wagner noch selbst kannten. (Wer alles noch mit solchen Leuten aufwuchs, man mag es gar nicht erwägen! Noch weniger die Schlussfolgerung:) Wenn so jemand stirbt, muss man innehalten. Ich wollte es eigentlich vorm Tannhäuser machen, aber dann hätte ich die Probe nicht durchgehalten. (Also bitte: War es nun geplant oder nicht? Das will man doch definitiv wissen!)

 

Die Welt: Sie hatten ein enges Verhältnis zu Wolfgang Wagner.

Thielemann: Er war wie ein Vater für mich. Ich durfte seine letzten beiden Inszenierungen in Bayreuth dirigieren, Meistersinger und Parsifal. Ich wurde in die Familie integriert. Abends nach den Aufführungen saß man noch bei Bier, Brezeln und Wurstsalat zusammen, oft bis tief in die Nacht. Und ich habe so viel gelernt. Ohne ihn würde ich Wagner heute nicht so dirigieren, wie ich ihn dirigiere. (Ah, deshalb. Hätte man sich eigentlich denken können.)

 

Die Welt: An welchen Stellen haben Sie von ihm profitiert? (Stellen?)

Thielemann: Er gab mir zum Beispiel den Rat, den ersten Parsifal-Akt
zügiger zu spielen. Er sagte immer: "Bleiben Sie flüssig." Das sah dann so
aus, dass bei der Probe das rote Telefon im Bayreuther Orchestergraben klingelte. Mein Assistent war dran und sagte: "Herr Wagner sagt, es ist zu laut."
(Zu laut, weil nicht flüssig genug? Und dabei hat er gelernt, Wagner zu dirigieren, so wie er ihn heute dirigiert. Rotes Telefon! So hörte sich das nicht an, sondern sah das aus. Einblicke in Genieausbildung. Orientierung für den Dirigier-Nachwuchs). Oder: "Herr Wagner sagt, es ist zu langsam." Beim Parsifal kam es mir seltsam vor, schneller zu dirigieren - aber ich habe auf ihn gehört und es ausprobiert. Und er hatte Recht.

 

Die Welt: Er galt als sehr autoritär.

Thielemann: Er war autoritär, keine Frage. Aber er konnte auch sehr lustig sein. (Was für ein Gegensatz! Man denke an die meist krachlustigen WoWa-Freunde vom Hess- und Göring-Clan!) Einmal habe ich nach einer Meistersinger-Vorstellung geduscht und wollte mich wieder anziehen, als er plötzlich im Zimmer stand. Ich war nackt, er trug Smoking. Und fing an, über die Vorstellung zu reden. Ich sagte: ,Herr Wagner, ich habe nichts an.' - ,Na und? Ich habe schon einmal einen nackten Mann gesehen.' Dann sprach er weiter. (Autoritär, aber lustig – höhö!)

 

Die Welt: Was bedeutet Wolfgang Wagners Tod für die Zukunft der Bayreuther Festspiele?

Thielemann: Es besteht die Gefahr, dass das Familiäre in Bayreuth verloren geht. (die Protektionen, Intrigen, Ausgrenzungen ungeliebter, weil hochbegabter Schwestern etwa, hochgefährlich!) Die berühmte Atmosphäre auf dem Grünen Hügel, wo jeder dazugehört. Man konnte jederzeit zum Festspielleiter gehen, er nahm sich immer Zeit. Nach den Proben kam er in die Kantine und hat sich von Tisch zu Tisch gesetzt, hat mit den Bühnenarbeitern, den Orchestermusiken oder dem Siegfried-Darsteller geredet. Diese Stimmung darf nicht verloren gehen. Sonst ist es ein Festival wie jedes andere auch.
(Und nicht etwa, weil es Schwankungen, Defizite, Niedergänge der gesungenen, gespielten, inszenierten Wagner-Interpretation gegen könnte – dafür hat ja der WoWa schon hinreichend gesorgt. Nein: Weil der sich in der Kantine von Tisch zu Tisch gesetzt hat.)

 

Die Welt: Wer muss dieses Erbe verwalten?

Thielemann: Wenn es einer kann, dann sind es seine beiden Töchter Katharina und Eva. Sie haben schon als Kinder den Geist von Bayreuth (nämlich den, der die große Wieland-Ära liquidierte, dann totschwieg!) mitbekommen, sie haben eine Beziehung dazu, seitdem sie denken können. Und es ist für die Bayreuth-Fans auch wichtig, dass es jemand aus der Familie macht. (Weswegen? Deshalb:) Früher, als Wolfgang Wagner in der Probe saß, war es schon manchmal gespenstisch, wie ähnlich er Richard Wagner im Profil sah. Man dachte, der Meister persönlich hört zu. Es ist fast das Wichtigste, dass die Leitung in der Familie bleibt. (wegen WoWas Haken-Nase!).

 

Die Welt: Katharina Wagner steht aber auch für eine Erneuerung von Bayreuth. Ist die Tradition in Gefahr?

Thielemann: Nein. Es wird immer noch sehr genau geguckt, welche Regisseure hierher passen, welche Sänger (hä?). Ich würde dringend dazu raten, beim Erneuern Maß zu halten und an Bewährtem festzuhalten. Warum muss sich ein Festival immer neu positionieren? (fragten sich Viele völlig überflüssigerweise auch nach den 1930/40ern).

 

Die Welt: Sie könnten auch dazu beitragen, Wolfgang Wagners Andenken in Ehren zu halten. Etwa, indem Sie Teil der Festspielleitung würden. (Hoho, der Schelm – jetzt schmeißt er die Wurst nach der Speckseite – BILD-Schule, oder?)

Thielemann: Ich habe ja schon jetzt Einfluss auf die Besetzungen bei den Werken, die ich selbst dirigiere. Für alles andere gilt: Wenn die beiden Damen mich fragen, mache ich es. Was sich ergibt, ergibt sich. Es spricht ja für sich, dass ich so viele Projekte in Bayreuth habe. (Allerdings! Spricht es.) Übrigens habe ich sogar noch einen Vertrag, der von Wolfgang Wagner selbst unterschrieben wurde: Für den Tristan 2015.

So sichert man ein Erbe. Und so weist man sich aus – als
der Wagner-Interpret der Gegenwart“
(Klassik Radio).

 

 

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© Klaus Ulrich Spiegel