An die Feuilleton-Redaktion der Süddeutschen Zeitung – 8.5.2012

Barings Enthusiasmus

für Hitlers Enthusiasmus


„Ein Berliner Bürger“ – Arnulf Baring wird 80“
  von Jens Bisky / SZ, Feuilleton, 8. Mai 2012
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Jens Bisky, dem der SZ-Leser seit Jahren erkenntnisreiche und darum lesenswerte Beiträge im SZ-Kulturteil verdankt, scheint vor dem deutschen Politikwissenschafts-Emeritus und TV-Multitalker Arnulf Baring Contenance und Klarblick verloren zu haben. Was er zu dessen 80. im SZ-Feuilleton formuliert hat, lässt beinahe an seiner Autorschaft zweifeln.

Bisky führt aus:
“ Er (Baring) wurde in die rechte Ecke gestellt, wo er nicht hingehört“.

Unter Hunderten von rechts bis rechtsradikal changierenden Erklärungen Barings erregte im November 2003 die folgende Aufsehen – und bewirkte
eine Distanzierung des Bundestagspräsidenten Thierse in öffentlicher Parlamentssitzung:


„Hitler hat ja in einem Maße dieses Land in Bewegung gebracht, das man sich heute gar nicht mehr vorstellen kann. Er hat in den 30er Jahren, was bis in die 40er, 50er, man kann sagen: in die 60er Jahre weitergewirkt hat, den Leuten einen Elan vermittelt, der vollkommen von uns gewichen ist. Wenn ein Bruchteil des Enthusiasmus, den Hitler für sein Regime mobilisieren konnte, für diese Republik mobilisiert würde, wären wir aus allen Schwierigkeiten raus." – Unter Dutzenden scharfer Kritiken dazu etwa der stern: „Baring also preist den Unsäglichen als größten aller Volkserwecker, der die besten Kräfte der Deutschen entfesselte“.

Bisky weiter:
 (Baring wurde) „als neoliberaler Propagandist geschmäht, was nicht stimmt“.


Baring ist Mitglied der Hayek-Gesellschaft, die sich der Verbreitung des Werks und Gedankenguts eines der wichtigsten Theoretiker des Neoliberalismus verschreibt. Er unterstützt die „Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit“
und die „Konrad-Adenauer-Stiftung“ – beide Propagandazentralen des Neoliberalismus, unter anderem ausgewiesen als Fans und Förderer von Milton Friedmans extrem neoliberalen „Chicago Boys“, Freunden des Apartheit-Regimes in Südafrika, Beschönigern und Förderern der Pinochet-Diktatur in Chile, zuletzt Befürwortern des Militärputsches in Honduras.


Und:  Baring ist vor allem Offizieller Botschafter der sog. „Initiative Neue
Soziale Marktwirtschaft“, des finanzkräftigsten und effektivsten Propaganda- Pools des Neoliberalismus in Deutschland überhaupt, getragen und finanziert von den Arbeitgebern der Metall- und Elektroindustrie.


Soviel zu „nicht hingehört“ und „nicht stimmt“. Aber Bisky widerlegt im selben Geburtstagsständchen für Baring seine Behauptungen von Spalte 1 gleich in Spalte 2 selbst und steigert deren Dementi ins Extreme.

O-Ton Bisky: „Es spricht für ihn (Baring), dass er jene verteidigt ....:
Martin Hohmann oder Thilo Sarrazin.“


Der als antisemitischer Ultrarechter aus der CDU ausgeschlossene klerikal-extreme Agitator Martin Hohmann (ehem. MdB) und der als Bestseller-Autor zu Millionen wie zu Rechtsextremistenlob gekommene Bundesbanker a.D. Sarrazin (SPD): zwei Figuren, die geradezu spektakulär rechte, inhumane, völkische, überdies denunziatorisch-hetzerische Positionen propagieren – die erfahren die Sympathie und Befürwortung jenes Baring, den Bisky als guten Bürger und sein Gerede von „Verostung“ als „allzu verständlich“ rühmt. Womit geklärt ist, dass der SZ-Laudator seine „nicht hingehört“ und „nicht stimmt“ exemplarisch selbst dementiert.

Doch Bisky belässt es nicht dabei. Er attestiert auch, genau dies, Barings
Eintreten für Hohmann und Sarrazin, „spricht für ihn“.


Ist Jens Bisky von seinen bislang guten Geistern verlassen? Und wird im SZ-Kulturteil nunmehr förmlich alles gedruckt? Von den inhaltlichen Positionen abgesehen: selbst komplett Unsinniges und Unhaltbares?

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KLAUS ULRICH SPIEGEL

SZ-Leser seit 1961
SZ-Werbeleiter 1966-72
SZ-Mitarbeiter bis 1986

 

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© Klaus Ulrich Spiegel