Er hatt‘ einen Kameraden.
                          Und dazu Tausende von Schranzen.

Der Hanseat und SPD-Spitzenpolitiker Helmut Schmidt, Innensenator, dann Bundesminister, dann Bundeskanzler, bisher einziger durch ein ‚“konstruktives Misstrauensvotum“ gestürzter deutscher BRD-Regierungschef, Minderheiten-verächter, Kernkraftpromotor, Atomnachrüster, Wochenzeitungs-Mitheraus-geber, Politik-Autor, RAF-Besieger, "Deutscher Meister des Notstands"  (Oliver Tolmein), Weltexperte, demonstrativer Kettenraucher bis zum Schluss, starb 96jährig am 10. November 2015 nach einer imponierenden Lebensleistung - als Nachlassgeber für neuere Politik-Geschichte, von Millionen Bundesdeutschen offenbar ehrlich betrauert = eher eigencharakterwidrig zu einer Art Volksheld und Massensympatico erwachsen, ein Bronnen positiver Erinnerungoptionen, dann kompetenter wie auch angemaßter Belehrungen für Abertausende.  
     Eine Minderheit politisch engagiert gewesener Zeitgenossen, etwa Streiter
am linken Flügel der Sozialdemokratie, Zeitzeugen der 1968er-Bewegung, mitunter (im Gegensatz zu Helmut Kohls Wutschnaubereien) mokant von ihm verspottete bis kalt abgefertigte Bedenkenträger = Autoren, Ökonomen, Historiker, Ökologen, Programmatiker, Visionäre ... die erinnert sich mancher Erlebnisse und Erfahrungen, die dem so stimmigen Bild, na sagen wir: Schrammen beibringen können.
     Doch de mortuis nil nisi bene – und überhaupt scheint die Republik der Gauck-Merkel-Gabriel-vdLeyen-deMaizière im Dienste des all-ewigen und all-gegenwärtigen Machtkartells von Besitz und Macht, vulgo Neoliberalismus, dringlich verehrungsfähiger Gestalten zu bedürfen. Ein Eindruck, der sich am Tage der Beisetzung des Verewigten, dem 23.11. 2015, im Hamburger Christen- dom St. Michaelis (ev.) und per Endlos-Medien-Sonderdrucke/-aufführungen
zu Bundeswehr-Militärkapellenklängen bei Militärfahnenschmuck materia-lisierte. Und auch personifizierte: 1800 geladene Gäste – die Spitzen der Polit- und Profit-Gesellschaft samt Parasiten und Kostgängern – gaben (mehr als ihm) sich das, was man heutzutage medial als „die Ehre“ tituliert.
     Zwei Aspekte berührten fragend im Gesamt des Schwererträglichen wie
auch Gleichgültiglassenden:
1.
Der Verstorbene war ein bekennender Ungläubiger, Verächter alles Religiösen, Verleugner eines „Lebens nach dem Tode“ – als solcher in der ARD-Talkshow „Menschen bei Maischberger“ noch am 9. Februar 2013 im Diskurs mit dem respektablen, ebenfalls leider bereits verstorbenen Weltweit-Journalisten und Ultra-Katholiken P. Scholl-Latour Klartext sprechend (was ihn freilich nicht gehindert hatte, alle Amtsvereidigungen mit bravem "Sowahrmirgotthelfe" zu krönen). Nun stand sein Sarg, bedeckt mit der BRD-Staatsflagge, als Katafalk
im Altarraum der größten Hamburger Christenkirche – und der zuständige Kleriker stand dabei, salbungsvolle Worte beisteuernd. Wie passt denn das?
2.
Es mag sein, dass jemand, der so sehr zum Staatssymbolträger und Denkmal seiner selbst hinaufgepriesen worden war wie dieser, es als angemessen empfunden (und angeblich sogar gewünscht) haben soll, dass an seinem Sarg Gestalten aufkreuzen und Referententexte ablesen, deren Gegenwart ihm, dem Geehrten, keine rechte Ehre machen konnten, es sei denn, man habe sein Innerstes eben doch nicht erkennend erfasst: Angela Merkel, Joachim Gauck, Siggi Gabriel, Olaf Scholz – brrrrrr.
     Dazu als Krönung, mit einem Rede-Statement als Lebens-Freund und „Weg- gefährte“: der Henry Kissinger, Nixon-Kumpan, als Präsidenten- "Sicherheits"- berater und US-Außenminister verantwortlich für die Flächenbombardierung Kambodschas und Auftraggeber für die Völkermorde 1975 ff. in Osttimor, für den Militärfaschistenputsch gegen die demokratisch gewählte Regierung des Salvador Allende in Chile (und also auch für dessen Ermordung wie für Liquidation und Folter Zehntausender Demokraten), für Unzählige durch Giftgas und Bombardements Gemordete, für CIA-Gewalteinsätze und Kriegs-terror in Südamerika, Indochina, Afrika –  ein zynischer Staatsverbrecher,
dessen Wirkungsbilanz ausreichte, ihn vor ein Tribunal wie das von Nürnberg 1945/46 zu stellen, hingegen, realwelt-üblich, mit dem Friedensnobelpreis geehrt, wie so manche andere Übelträger dieser Zeiten.
    Sich von solchen Schandfratzen und Charaktermasken nicht ehren zu lassen
– das wäre ehrenvoll gewesen, hätte dem Altkanzler Ehre gemacht. Mein Kondolationsgedenken für diesen Jahrhundertzeugen, dem zweimal in kontro-versem Dialog zu begegnen ich die Ehre hatte (ohne solche geht es offenbar nicht),
hält sich deshalb in Grenzen.                                                                       
                                                                                                                     KUS                              
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    „Vor Gericht! – Es fällt immer wieder schwer, sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger unbehelligt nach Deutschland einreisen kann. Er müsste eigentlich wegen Beihilfe zum mehrtausendfachen Mord während der Zeit des Diktator Augusto Pinochet im Chile vor Gericht gestellt werden.“
                                                 (Gerd Baumann, München / SPD-Stadrat a.D. / in der SZ)

    „Nicht nur Loblieder – Helmut Schmidt regierte nicht nur zu Zeiten des Nato-Doppelbeschlusses, sondern er hat ihn formuliert. Und ist deshalb zum Glück gescheitert. Ich bin auch ein Hamburger Jung und lese täglich fassungslos  den Unsinn, der jetzt über diesen „Giganten“ geschrieben wird. Die Bayern würden sagen: Jetzt red‘ i. Ich möchte auch was dazu sagen, als einfacher Bürger: Neben Herbert Wehner hat Schmidt den größten Anteil daran, dass die SPD militarisiert wurde. Im Wahlkampf 1961 hat er den Staatsapparat gegen Frie- densaktivisten eingesetzt, für die er den Namen prägte: „Die Freunde Ulbrichts“. Er hat linke Kritiker erst zu Spinnern erklärt und dann – wie den DFU-Wahl-kampfleiter in Hamburg - einsperren lassen, weil sie ein Funkgerät und Taschen mit doppeltem Boden hätten. Das Funkgerät war ein Kofferradio, der doppelte Boden ganz erfunden. Über Tote soll man nichts Schlechtes sagen? Okay! Aber auch nicht Loblieder singen – und besser den Verstand einschalten.“
                                         (Ulrich Sander, Dortmund / Sprecher der VVN-BdA / in der SZ)

   "Schmidt und die Agenda. -- Wofür stand Helmut Schmidt? Er stand für Notstandsgesetze (1968), also u.a. für die Minderung von Bürgerrechten wie  Brief-,  Post- und Fernmeldegeheimnis. Er stand für Einschränkungen der Freizügigkeit, Versammlungs- und Koalitionsfreiheit. … Schmidt stand für ein Vermögenssteuergesetz zugunsten der Besitzenden. Für expansive Atom- und Betonpolitik. Für Berufsverbote gegen Linke. Für weltweite Rüstungsgeschäfte. Für den NATO-Doppelbeschluss samt Stationierung weiterer Atomraketen. … Schmidt stand auch für Schröders ‚Agenda 2010‘ und damit für den bis heute schärfsten Einschnitt in das bundesdeutsche Sozialmodell. Er befürwortete harte Begrenzungen von Asyl und Zuwanderung. Er billigte die Hartz-Gesetze - und damit Demokratieabbau, Verschärfung sozialer Strukturen, Erweiterung des Niedriglohnsektors, Ausweitung der Armut im Lande"  ...                                                                           (Rudolf Frey, Bad Schwartau / in der jW)

Zu Beginn eines Auftritts von Thomas Ebermann mit seinem Vortrag „Mit
Keynes für Deutschland“ in der Hamburger
Bar Golem bat konkret-Herausgeber Hermann Gremliza das Publikum einer Stadt, die seit November-Dezember-Wochen um ihren größten Sohn trauert, sich für eine Schweigeminute zu erheben – zum Gedenken an die 600.000 Bürger von Leningrad, die 1941 unter Mitwirkung eines Offiziers der 1. Wehrmachts-Panzerdivision ermordet wurden, der für diesen Kriegseinsatz mit dem Eisernen Kreuz dekoriert wurde. Sein Name: Helmut Schmidt. Davon auf zehntausend Zeitungsseiten und in tausend Sendestunden kein Wort. Ein Land, das Medien hat, sagte Peter Hacks, braucht keine Zensur.                                                 Editorial konkret 1/2016 ab 22.12.2015

 

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© Klaus Ulrich Spiegel