Die Süddeutsche – abbestellen?

Aus früh im Jahre 2014 akut gewesenem (doch seither ständig erneuertem) Anlass:
An einen Freund, der wegen dortiger Falsch- und Hetzberichte/-kommentare zur
sog. Ukraine-Krise sein SZ-Abo abzubestellen und ggf. gegen eines der FAZ zu tauschen erwog, dann das Blatt des deutschen Groß- und Bankenkapitals nicht abonnierte, hingegen die Süddeutsche nach fruchtlosem Schriftwechsel mit den Vertretern des dortigen Großressorts “Außenpolitik” unter Stefan ‘Nato’ Kornelius schließlich doch abbestellte, seither mit JungeWelt, ossietzky, NachDenkSeiten und diversen Net-
Portalen informiert zu sein versucht – genau wie der Briefschreiber.


Lieber Franz!

Nach allem, was ich weiß, sehe, beobachte, vergleichen kann, bist Du mit
keiner anderen der sog. "großen Überregionalen", "meinungsbildenden" "Qualitätszeitungen", tags oder wöchentlich, jedenfalls Großrepräsentanz -organen des Kapitals, also der Konzernpresse, besser bedient als c.g.s.
immer noch mit der Süddeutschen. Più o meno. Ja wirklich.

 

Diese ist zwar genau das geworden und will es kraft Willensmacht der Chefs und Ressortleitungen (= zwei Frauen auf an die 40 Männer!, dies nebenbei) auch sein und verstärkt bleiben, was Du erkennst und kritisierst - nämlich "Medium der Zukunft", also locker, bunt, leger, selektiv, tablet-kompatibel, scheibchen- weise immer weiter nach rechts, dazu Style & Smarties, wo früher geistiger bundesrepublikanischer Diskurs Basis und Programm war. Ein Musterbeispiel für diesen gewollten Wandel zum "Zeitgeist" schafft  die Wochenendbeilage:
Von einem Humanisten und Bildungsträger wie Podak zu schnoddrigen Society-Boulevardisten wie Gorkow, so auch in den Ressorts des Hauptteils: flockig, people, viele nette, schöne "Geschichten", von E nach U, in Illu-Graphik, fast jeder größere Nachrichtenbeitrag eigentlich ein Meinungs-, wenn nicht gar Agitationsprodukt -- Faktenunterdrückung und neuerdings verstärkt Nach- richtenfälschung -- aktuelles Paradebeispiel: die angebliche "OSZE-Delegation", wie die Ukraine-Russland-Krise-Behandlung überhaupt

Nur, Du liegst ganz richtig – und die Deine täuscht sich schwer:
Die FAZ, die wir (wegen Felis Sucht auf das schwierige dortige Kreuzworträtsel) jeden Freitag beim Edeka kaufen, die ich darum auch einmal wöchentlich lese,
ist das altbekannte reaktionäre Hausblatt der BDI/BDA-Kreise, des Groß- und Bankenkapitals, das sie immer war, derzeit mit nicht weniger, eher noch mehr Hetze und Informationsfälschung durchwirkt als die SZ, auf den Meinungs-spalten sehr nahe bei der "Jungen Freiheit". In Sachen Liberalisierung (etwa Homo-Ehe), Transparenz, Demokratisierung, gar Gewerkschaften, und natürlich Welt- und Militärpolitik so übel wie die Springer-Presse.

DIE ZEIT, die ich in den 1960-80ern abonniert hatte, obwohl ich schon damals kein Genießer der Atlantikeuphorie und Soldatentumsbegeisterung seitens
der Dönhoff, Theo Sommer, Buci & Co. war, indessen den Feuilleton- und Literaturteil (unter FJR) unverzichtbar fand - die ist unter der "Herausgeber-schaft" des Wehrmachtsleutnants aus Bergedorf und des NATO-vernetzten Oberbonhommeblasé Josef Joffe mit dem Kerzenmarsch-Karrierejüngelchen di Lorenzo zu einer veritablen FAZ-Wochenparallele geworden, dies in Angele-genheiten der Weltpolitik, vor allem Osteuropa und Nahost,  n o c h  um eine Drehung ekelhafter, einseitiger, dreister.


Mit dem "Sturmgeschütz der Demokratie" DER SPIEGEL ist es nicht anders. Präzise seit der D-Vereinigung ist das Magazin zum kapitalismusbedienenden Kampfgeschütz herrschender Kreise und Interessen mutiert, beginnend 1990 mit einer antisemitschen Titelgeschichte über = gegen Gregor Gysi (von Oskar L. nicht zu reden), also so richtig für die Zielgruppe "grün-wählener Bankernach-wuchs". Und wie die anderen Erwähnten konsequent auf Stasi-Jägerei, Linken-diffamierung, Russophobie und allem, was dazu gehört. Mit den Blättern der sog. WELT-Gruppe und der FAS müssen wir uns nicht aufhalten.

U n d :  Alle, alle sind sie - wie die SZ mit Piper und Beise - auf alles durch-dringendem Neoliberalismus-Kurs, also pro Agenda-Politik, Hartz Gesetze, Griechenbashing, IWF/EZB und GroKo. Da gewinnt Familie Rockinger absolut nichts Entlastendes, keinerlei Nische dazu.

Mit der SZ hat man doch wenigsten Heribert Prantl abonniert, der zwar als Mitglied der Chefredaktion offenkundig gar nichts zum Kurs des Blattes beizutragen/einzubringen (zumindest einzuwenden) wünscht, doch auf seinen innenpolitischen, juristischen, menschenrechtlichen Feldern immer noch ein Solitär ist, der zumeist -- Ausnahme: seine absurd gegen eigene Prin zipien gerichtete Position zur Kleinkindbeschneidung und seine religiösen Irrationa-lismen zu Fest- und Feiertagen -- zumeist aber alleinig gegen den Mainstream schreibt, Bürgerrechte und vor allem Menschenrechte reklamiert, den Wahnsinn der Einwanderungsverhinderung- und Flüchtlingsabschiebepolitik geißelt, immer mit den richtigen, den besseren, den kundigeren Argu menten, insofern auch ein Aufklärer. Allein das Beispiel  heute , Fr. 9. Mai, S. 4 oben Mitte, über den neuesten Schwarz+Rosa-GroKo-Regierungs-Gesetzentwurf zu neuem, unglaublich menschenfeindlichem Asyl-Unrecht ist in der gesamten deutschen Großmedienlandschaft alleinständig. Ähnlich radikal-demokratisch, aufklärend, ermutigend war/ist er etwa auch zum Themenkreis NSA-Übergriffe. Das alles sollte man ihm auch trotz allfälliger Ärgerkritik attestieren und danken. Und
das findet eben nur in der SZ statt.

 

Dazu kämen ja noch die zwar auch schwankend-qualitativen, aber doch kontinuierlich basisinformierend wichtigen Regionalteile. Der für "Bayern" allerdings steht weit-weit unter dem Grundbedarf an eine "süddeutsche" Zeitung!. Auf die werden Du, ich, wir und (vermute ich:) schon gar Deine
Frau dennoch nicht verzichten können.


Ein Tausch mit Boulevardzeitungen, wie sie mit der "Abendzeitung" seligen Angedenkens unter dem (schon 1970 verstorbenen) Werner Friedmann auch politisch und kulturell respektabel war, scheint heute nicht mehr existent.
Von Magazinen wie dem genannten aus Hamburg oder gar dem JU-Ausguss
LOCUS, von Regional-Abozeitungen wie WAZ bis MM, schon lange auch FR usw. müssen wir nicht reden. Die besseren von ihnen sind örtlich bzw. regional anderswo orientiert, ein Aspekt, auf den wir ungeachtet der politischen Entlehrung auch der SZ-Anteile unterm Rubrum "Region" nicht verzichten wollen/können.


Also, was bleibt:   So sehr ich diese Lektüre jeden Morgen zornig und deprimiert konsumiere, oft wütend im Kopf Empörungsleserbriefe formuliere -- an der SZ führt, leider!, in dieser Adress-Region für politisch-kulturell interessierte Leute wie uns nix vorbei, außer Medienaskese. Es ist wichtig, sich aus Ergänzungs- medien, kleinauflagig, in den Möglichkeiten materiell beschränkt, aber immerhin greifbar, zu gegen-unterrichten. Und ds sind, zunächst für mich, unverzichtbar:

1.  die "jungeWelt" als Tages-Abo

2. "ossietzky"  - klein, nur 14tägig, doch großartig und ermutigend.

3. im Netz dazu die NachDenkSeiten, Telepolis, Rationalgalerie.

Mehr packt man ja als weiterhin aktiv vernetzter altersabbaugeplagter Tasten-schaffender ohnehin nicht (wenn man auch noch Bücher liest). Aber immerhin.

Also, lasst den Eheleute-Diskurs über eine SZ-Abbestellung bleiben. Er führt
bei Realisierung nur dazu, dass sich der Frust verdoppeln wird. Und dann noch: Es gibt in den SZ-Redaktionen auch immer noch ein paar Nuggets an Anders-denken und Kleinwiderstand (glaub mir's!) -- den sollte man nicht durch Wechsel zu einem Nur-Ekel-Medium schwächen.

Meint mit herzlichen Grüßen - unbekannterweise auch nach daheim:
Dein
Klaus

P.S.
Brösler ist mit Gamelin ins Ressort EU übergewechselt worden. Soll derzeit
noch in Urlaub sein. Kommt sicher mit starken Meinungen und schlechtem Deutsch zurück. Mir fehlt er nicht.

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     Nachtrag am 8. Januar 2017 - angesichts der Süddeutschen Zeitung vom
   7.1.17, durchgängig durchs ganze Blatt mit Schwerpunkt auf Meinungsseite 4
          und Sonderteil "Buch 2"
(KUS-Rundmail an Freundinnen & Freunde):


 ...   Die Süddeutsche, einst ein Vorblid an jiurnalistischer Seriosität und
Glaubwürdigikeit, veröffentlicht in der Wochenendausgabe - 7.+8. Januar 2017
- ein Supplement "Buch 2", in dem auf drei ganzen Seiten in magaziniger Design-Aufmachung, also mit so spektakulärem wie "seriösem" Touch, mit AfD-Wähler-Statements Propaganda bzw. Sympathiewerbung für die rechtsradikale (in Mainstream-Tonality: "populistische") Partei der Höcke, Petry, Poggenburg, Meuthen (" ... deutsche Gesellschaft rotgrün verseucht und versifft") gemacht wird.
     Eine Seite weiter freut sich der Stellvertretende Resortchef Innenpolitik
darüber, dass es ihm gelungen sei, einen hauptamtlichen AfD-Funktionär aus
der BW AfD-Landtagsfraktion davon abzubringen, dass die Süddeutsche ein Stück "Lügenpresse" sei. Für ihn ein meldenswerter Erfolg.

      Dies alles: Groß ausgestelle, bisher undenkbar erschienene Presse-"Bericht- erstattung" - unfassbar-unglaubliche neue SZ-Realität. Als seit 56 Jahren SZ-Leser, acht Jahre SZ-Werbeleiter, 20 Jahre SZ/SV-Mitarbeiter, dem Blatt seit meinem 20. Lebenjahr verbunden, gehe ich nun daran, mich definitiv davon
zu lösen = hinfort auf die tägliche SZ-Lektüre zu verzichten.


      ____________________________________________________________

          Zuvor erreichte KUS eine Replik von Freund Franz Rockinger auf die einleitende,  damals noch für die angenommene Alternativlosigkeit der SZ-Lektüre Argumentation - im Lichte neuer Erfahrungen mit dem Weltblatt aus München
                      
("Seien Sie anspruchsvoll!") leider voraussichtig.

Lieber Klaus,

   ich bin immer noch mit meiner Frau in der Diskussion, ob man sich die SZ noch länger antun kann.
   Sie hätte dann als Ersatz gerne wenigstens Die ZEIT. Aber da käme man ja vom Regen in die Traufe. Was Joffe und Co. absondern, wird nur noch von Claus Kleber übertroffen, die FAZ ist ein Jugendblättchen dagegen. Also überlege ich mir gerade ernsthaft, ob ich auf die FAZ umsteigen sollte (wenn mir da einer vor einem Jahr gesagt hätte, hätte ihm den Vogel gezeigt), aber da gibt's nichts mit Lokalcolorit. Und der Münchner Merkur ist mir halt doch zu dünn.
   Trotz Kornelius und Brössler (ist der krank? Hab lange nichts mehr von seinem Gift gelesen), trotz Nienhuysen, Julian "Lügen"-Hans und Stefan Ulrich, Florian Hassel und der unsäglichen Cathrin Kahlweit, bis hin zum Chefredakteur - es wird dann vielleicht ja doch die SZ bleiben (und das ist ziemlich ekelhaft).
   Besonders unsäglich finde ich, dass jetzt auch noch in der Wirtschaft die Pipers und Beises in das Anti Russland Geschrei einstimmen müssen. Mich als alten Siemensianer ärgert darüber hinaus vor allem der Dauerbeschuss gegen J. Kaeser, der in meinem Ansehen erheblich gestiegen ist, seit er dem geifernden Claus Kleber in seinem Interview Paroli geboten hat.
   Da hab ich mich heute natürlich auch über die Leserbriefseite gefreut (hab sie gefunden, auch wenn die etwas versteckt an einem ganz neuen Platz untergebracht war). Bei dieser "tendenziös" redaktionskritischen Leserbriefauswahl erwarte ich natürlich, dass das in einer der nächsten Ausgaben ausgiebig korrigiert wird.
   Viele Grüße vom Franz

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