Tenorglamour auf Ätherwellen
Jean Löhe: Ein Meteor, der nicht erglühen durfte

Kontinentale Kriege erweisen sich immer als Extremformen der Destruktion. Sie zerstören nicht nur Länder und Städte, Infrastrukturen, Topographien, Lebenswelten. Sie machen auch Daseinsentwürfe und Biographien zuschanden. An den Folgewirkungen beider Weltkriege im 20. Jahrhundert lässt sich das vieltausendfach belegen. Allein in den Schaffensbereichen kulturellen Lebens, so im kriegsverantwortlichen Deutschland, in Mittel- und Osteuropa wurden ganze Kunstlandschaften und ihre Einrichtungen vernichtet. Das hatte Auswirkungen auch auf zahlreiche Künstlerkarrieren, nicht zuletzt auf manche Sängerlaufbahn – verkürzend, beendend, annulierend.

Jean Löhe, der Sänger, an den diese CD-Edition erinnert, war von solchen zeitgeschichtlichen Einflüssen besonders schwer, nämlich gleich doppelt, betroffen. Er kam extrem spät zum Einstieg in die Professionalität. Und er musste absurd lange Zwangspausen in seiner Berufsausübung verkraften. Es blieben ihm ein schneller Aufstieg, aber nurmehr kurze Zeit begrenzten Ruhms, die Beschränkung auf kaum mehr als eine Aktionsebene und darum wesentlich auf ein Repertoiresegment. Er war ein für umfassende Einsatzfelder befähigter Künstler. Doch die Zeit, die Verhältnisse, Erfordernisse, Umstände versperrten ihm die Entfaltung einer angemessen glanzvollen Opern- und Konzertkarriere.

Wer von unten kommt ...

Schon seine allgemeinen Lebenschancen waren durch sein Herkommen eingeschränkt: Er stammte aus der sozialen Klasse, die man als „Proletariat“ benannte und erlebte. Am 9. August 1901, in der Hochphase der Ausprägung sozialer Gegensätze im Kaiserreich, kam er im Kölner Arbeiterviertel Vingst zur Welt. Der Vater war Former in einer Eisengießerei, lebte ein hartes Leben in körperlicher Schwerarbeit bei kargem Lohn. Die Familie hatte sechs Kinder. Allen wird musikalische Neigung und Begabung nachgesagt, doch an eine irgendwie bürgerlich-kulturbezogene Ausbildung war nicht zu denken.

Wie seine Geschwister musste auch der Sohn Jean ein Handwerk erlernen. Er wählte den Beruf eines Schildermalers. In diesem Metier konnte er gestalterische Begabung anwenden, sich zum Werbegraphiker weiterbilden. In der Freizeit folgte er seiner früh entwickelten Freude am Gesang, wurde Mitglied in Arbeiter-Chorgemeinschaften. Dort konnte er gelegentlich auch Solistenaufgaben übernehmen. So wurde er als begabter Tenorist auffällig. Einer der führenden Werkschöre des Rheinlands, die Chorgemeinschaft von Dynamit Nobel (genannt „Diamant Nobel“) bot ihm Arbeit im Unternehmen an und reihte ihn als Tenorführer in ihren Klangkörper ein. So erlangte er ein solides Einkommen, konnte eine Familie gründen.

Erst diese Existenzsicherung erlaubte dem gar nicht mehr so jungen Tenor, die Ausbildung seiner Stimme zu wagen. Er zählte 35 Lebensjahre, als er an der Rheinischen Musikschule in Köln in die Klasse des Professors Bruno A. Braumüller aufgenommen wurde. Man darf auf eine stimmliche Naturbegabung wie auf autodidaktisch erworbenes vokales Basiskönnen schließen – denn schon nach einem Studienjahr konnte Löhe das (an solchen Institutionen übliche) Staatsexamen als lyrischer Tenor ablegen, womit ihm Bühnenreife attestiert wurde. Es kam aber nicht sogleich zu einem Bühnenengagement. Die rigiden Bestimmungen im Zuge der Aufrüstungspolitik des Nazi-Staates zwangen ihn zum Verbleib im Firmenverband, der längst Teil der Rüstungsindustrie geworden war.

Verzögerter Einstieg. Kurze Erprobung.

Erst 1940, mitten im europäischen Mehrfrontenkrieg, gelang dem noch immer nicht professionell tätigen Sänger, inzwischen 39 Jahre alt, der Einstieg in ein Engagement: am Stadttheater Koblenz, wo eine kriegsbedingte Vakanz geschlossen werden musste. Neben ihm debütierte eine um mehr als zwei Jahrzehnte jüngere Elevin im Fach der Sopran-Soubrette; das war die später so berühmte Anneliese Rothenberger, nach dem Krieg eine seiner Partnerinnen.

Die Arbeit in Koblenz währte kaum zwei Spielzeiten, dann musste auch Löhe in den Krieg, an die Ostfront. Im Heeresverband wurde der Berufssänger nun häufig zu Auftritten im Rahmen sogenannter Truppenbetreuung bei bunten Abenden abkommandiert, was ihm manchen Kampfeinsatz ersparte und vielleicht sein Überleben rettete. Doch mit den Niederlagen an allen Fronten geriet er in russische Gefangenschaft. Wieder half ihm der Gesang, doch vor allem eine trickreiche Täuschung des Lagerkommandos über sein (stark voraus deklariertes) angebliches Alter. Als „nur beschränkt verwendungsfähig“ entging er schweren Arbeitseinsätzen, erreichte bald eine vorzeitige Entlassung. Der nun schon Mitvierziger fand dann auch seine Familie, noch am Evakuierungsort, in Thüringen wieder.

Später Zweitstart in Provisorien

Nun endlich konnte sich der Sänger um eine dauerhafte Festverpflichtung an einer der behelfsmäßig wieder eingerichteten Bühne bemühen. Er fand sie an den Stadttheatern von Altenburg (Thüringen) und Plauen (Vogtland /Sachsen). Sofort einsetzende lokale Erfolge ermutigten ihn 1948, nach Berlin zu fahren und dort bei Intendaten, Konzertagenturen, Orchestern, Rundfunkanstalten vorzusingen. Beim amerikanischen Sender RIAS konnte er erste Aufnahmen machen. Das als „Städtische Oper Berlin“ im Theater des Westens an der Charlottenburger Kantstraße mit ständigem Spielbetrieb und Festensemble wiederbeginnende Deutsche Opernhaus (die heutige DOB) ermöglichte ihm Auftritte im Lirico- und Leggiero-Fach. Beachtliche Flexibilität, Expansionskraft und problemlose Vokalisation in höchster Tessitura bewies er etwa als Nadir in Bizets „Perlenfischern“ und als Chapelou in Adams „Postillon von Lonjumeau“. 1948/49 war er zudem fest am kurzlebigen Neuen Operettentheater Berlin engagiert.

Bekannt und mit einiger Breitenwirkung beliebt wurde der Tenor aber durch immer häufigere Radio-Präsenz, im Studio und in Live-Konzerten, allerdings meist im Genre der Operette und „gehobenen Unterhaltungsmusik“. Diese Musiksparten erfreuten sich im zerstörten Deutschland (ähnlich Kinoschwänken, Heimatfilmen, Schlagerschnulzen) großer Beliebtheit – kein Wunder in einer Gesellschaft mit Bedarf an Ablenkung, Verdrängung, Restauration. So kam Jean Löhe gegen Ende seines fünften Lebensjahrzehnts zu einer extrem späten Sängerkarriere mit regionaler, dann landesweiter Ausstrahlung. In den 1950er Jahren war er auf allen Ätherwellen präsent, neben RIAS Berlin vornehmlich beim damaligen NWDR, Funkhaus Köln, unter dem das Operetten-Repertoire souverän betreuenden Dirigenten Franz Marszalek. Als Fachspezialist figurierte er neben den in Operettte+Musical+Unterhaltung vielpräsenten Tenören Groh, Fehringer, Glawitsch, Stracke, Dotzer, sogar Schock und Terkal.

Die kurzzeitig fast dominante Position Löhes im „leichten Metier“ führte rasch auch zu Schallplattenaufnahmen – als Interpret von J.Strauß, Millöcker, Zeller, Lehár, Kálman, Fall, Lincke, Künneke, Kattnigg, Kollo, Dostal, Benatzky, in Samplers und Potpourris, auch mit Tenorschlagern aller Art, bald exklusiv beim Label Telefunken. Dies obwohl sein Stimm-Material ihn keineswegs als Tenore leggiero ausweist. Leider nur wenige Opernarien, im Rundfunkstudio entstanden, dazu eine deutschsprachige, attraktiv besetzte RIAS-Aufnahme der „Perlenfischer“, zeigen das Potential eines Lirico mit Anlagen zum Spinto, mindestens in der Dimension eines Schock oder Fehenberger oder Bensing.

Oldtimer mit Starpotential

Versuche einer Positionsverlagerung zur Oper scheiterten am Lebensalter des Sängers. Am Opernhaus Köln sagte man es ihm unverblümt: Die Stimme für lyrische Helden habe er, aber nicht mehr die Option auf eine Langzeitentwicklung. In der Tat liefern etwa die „Perlenfischer“ von 1950 einen bezeichnenden Eindruck. Zwei attraktive Sänger parallel: Löhe, strömend, ausdrucksstark, hörbar ein reifer, gesetzter Künstler, daneben ganz hellfarbig, fast juvenil Fischer-Dieskau, damals noch reiner„Bariton Martin“. Das kehrt den beabsichtigten Eindruck Lirico//Pesante geradezu um.

Hört man sich konzentriert in Klanggepräge, Tonbildung, Phrasierung des Vokalisten Jean Löhe ein, kommt man zu überraschenden Wahrnehmungen. Das Timbre erinnert auffällig an den belgisch-deutschen Tenor Marcel Wittrisch, den führenden Lirico der Staatsoper Berlin und Bayreuther Lohengrin (neben Franz Völker) in den 1930ern, kaum weniger auch an Karl Friedrich, Mitglied der Wiener Staats- und Volksoper, erfolgreich nicht zuletzt als Operettenheld. Die Färbung und Tonbildung sehr ähnlich; allerdings klingt Löhes Organ nicht so „wattiert“ und leicht belegt wie Karl Friedrichs Tenor, bei gleicher Wärme klarer, ein wenig metallischer, nahe bei Wittrisch eben. Die Register sind bestens ausgeglichen. Die Höhe wird ohne Angleiten attackiert und sitzt selbst über dem B’ und C’’ perfekt, hat effektvollem Strahl. Die Gesangslinie baut sich auf substanzvoller, baritonal-präsenter Tiefe auf, zeigt gemessene Vibranz und dezentes Schwingen. Das charakteristische Timbre wird vielfach mit ganz leichten Klangumfärbungen garniert, doch nicht verzerrt.

Jean Löhe soll Beniamino Gigli als sein großes Vorbild benannt haben. Tatsächlich hat sein Stimmtypus keine Ähnlichkeit mit dem „Milch-und-Honig“-Timbre des populären Italieners, sein Singen kaum Nähe zu dessen seit den 1930er Jahren zügellosem Einsatz außermusikalischer Mittel. Löhe ist viel näher an den Gesangsmanieren des anderen Startenors seiner jungen Jahre – Richard Tauber. Dessen kalkuliert eingesetzte dezente Schluchzer und mannigfache Valeurs sind ihm gar nicht fremd. Das macht seinen Gesang belebt, individuell, farbenreich, nur manchmal etwas maniriert. Löhe war ein Tenor von eigenem Klangprofil, kalkuliertem Sinnenreiz, effektvollem Materialeinsatz – ein großes Talent, das die ihm gebührenden Chancen nicht erhielt und darum zu Unrecht in der Gesangshistorie ein Nischendasein führt.

Nach gerade zehnjähriger Prominenzlaufbahn im medialen Rampenlicht gab der fast 60jährige Sänger seine Karriere auf. Er trat gelegentlich noch als Oratoriensänger auf, gab private Konzerte, erschien bei festlichen Events. Fast wie zum Ausgleich für sein so kurzes Sängerwirken war ihm ein langes Leben beschert. Er starb 89jährig am 28. August 1990 in seiner Heimatstadt Köln. Sein Tenor zählt zu den großen Stimmen der deutschen Nachkriegs-Epoche. Sein klingendes Erbe verdient eine Wiederentdeckung.

                                                                                             
KUS




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Diese Anmerkungen zu Jean Löhe verdanken ihre Substanz in vielem
den Quellen- und Detailkenntnissen des Bayreuther Kenners und Sammlers
Karsten Ebertsch. Ihm dankt der Autor herzlich für Vorarbeiten und Hinweise.
 

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© Klaus Ulrich Spiegel