Diva ignorata
Elisabeth Löw-Szöky:
Die fällige Entdeckung eines bedeutenden dramatischen Soprans.
 

„Gehörte sie einst zu den Stützen der Stuttgarter Oper, so ist sie heute nur
mehr jenen Musikfreunden bekannt, die sie auf der Bühne erlebt haben. Offizielle Platten gibt es nicht. ... Die 1921 geborene Sopranistin Elisabeth Löw-Szöky ... gehörte zu jenem Typ Sängerinnen, die es heute kaum mehr gibt. Sie hatten ein Stammhaus, dem sie sich meist für immer verbunden fühlten. Sie gastierten verhalten, sagten nur selten ab, beherrschten alle Partien ihres Fachs absolut sicher, sangen heute Desdemona, morgen Tosca und übermorgen Martha - stets mit gleichem Einsatz. Sie hatten ihre treuen Fans, die sie feierten und auf Händen trugen. Es waren die klassischen Kammersängerinnen, ohne die guter seriöser Opernbetrieb nicht denkbar war. In der Regel waren sie keine Weltstars , die jeder Kenner unverwechselbar im Ohr hatte, die für immer mit bestimmten Partien in Verbindung gebracht werden .... In ihnen personifizierten sich Solidität und musikalische Verantwortung. Sie begriffen sich stets als Teil des Ensembles und wollten nicht darüber stehen ...“.


                                                           Sebastian Sternberg im orpheus (3+4/2011)
 

Die Charakterisierung des Berliner Fachautors, Kenners und Sammlers pointiert, welcher Sängerinnen-Typus der heutigen Opernbühne verloren gegangen ist. Dass es ihn zwar noch als Stimmkategorie, aber kaum mehr als Künstlerpersönlichkeit gibt, ist auch eine Folge der Auflösung fester Ensembles und des Trends zur medialen Überallvermarktung, die eine Konzentration auf nur eine Handvoll sogenannter Spitzenstars und einen Stagionebetrieb mit ständig wechselnden Stückbesetzungen an beliebig allen Häusern hervorgebracht hat. Die Sopranistin Elisabeth Löw-Szöky steht exemplarisch für das weithin verlorene Gegenbild zum Reisestar der Jetztzeit.

Was diesen Sängerinnen-Typus gerade qualitativ in der Gesangshistorie profiliert, kann man erkennen, wenn man rare Live-Dokumente der Sängerin wieder oder erstmals vor Ohren bekommt. Die Überraschung über Stimmpotential, Gesangskönnen und Darstellungspräsenz ist dann erheblich, momentweise frappierend. Man kann von Entdeckungen sprechen – und begreift erst recht, was es mit den legendären Ensembles auf sich hatte, die bis zum markthörigen Umbruch der Strukturen in den 1960ern in Musikzentren wie München, Hamburg, Köln, beiden Teilen Berlins und vor allem Stuttgart bestanden.

Subjektive Sicht auf ein Fach

Bei einem Interview des Verfassers als junger Redaktionsvolontär mit dem musikwissenschaftlichen Fachautor Friedrich Herzfeld (Du und die Musik / Magie des Taktstocks / Magie der Stimme) 1962 wandte sich der Befragte engagiert der Situation im Berliner Opernleben zu und erklärte zum aktuellen Sänger-Reservoir:
„Das größte Defizit besteht im Mangel an echten Jugendlich-Dramatischen. Wir haben hier die solide Musial und die vielseitige Exner, darüber die wundervolle Grümmer und dazu die hoffnungsvolle Lorengar. Kein schlechtes Angebot, aber Grümmer und Lorengar sind ungeachtet ihrer Ausflüge ins Dramatische doch Lyrikerinnen. Musial ist ohne echte dramatische Ressourcen, einzig die Exner hat das Potential, aber keinen Glamour, der sie in die Spitze heben könnte. Entweder braves Ensembleniveau oder Fachüberschreitungen – das reicht nicht für Berlin. Wo ist da eine Zukunftsoption?“.
Dem Frager wie dem Nestor war der Name Löw-Szöky nicht bekannt. Wir schwärmten vom Vorbild Maria Müller. Wenn das Interview Jahrzehnte später stattgefunden hätte, wäre dem pessimistischen Alten kaum zu widersprechen gewesen ...

Doch in den 1950ern sah die Situation so schwarz nicht aus. An den deutschen Opernhäusern sangen im dramatischen Sopranfach (echte Hochdramatische nicht mitgezählt) unter anderen Helene Bader, Paula Bauer, Paula Baumann, Maud Cunitz, Ingeborg Exner, Christel Goltz, Judith Hellwig, Nathalie Hinsch-Gröndahl, Daniza Ilitsch, Aga Joesten, Paula Kapper, Maria Kinas(iewicz), Hilde Konetzni, Gladys Kuchta, Hanne-Lore Kuhse, Annelies Kupper, Gerda Lammers, Edith Lang, Marion Lippert, Carla Martinis, Hedwig Müller-Bütow, Marianne Schech, Marlies Siemeling, Liane Synek, Lieselotte Thomamüller, Helene Werth, Walburga Wegner, Hertha Wilfert, Hilde Zadek, Laura Zschille und einige mehr bis zu Hildegard Hillebrecht und Ingrid Bjoner.

Goldene Stuttgarter Zeiten

Im großen, heute verklärten Nachkriegs-Ensemble der Württembergischen Staatsoper, einer Versammlung bedeutender und individueller Sängerdarsteller für jedes Fach, gab es mit Kapper, Eipperle und Kinas drei unterschiedlich profilierte Soprane, deren Repertoire ins jugendlich-dramatische Genre tendierte. Paula Kapper war lange die erste Verdi-Heroine des Hauses, schon seit der Vorkriegszeit, zuletzt bis zu ihrem Tod 1963 als ständiger beliebter Gast. Trude Eipperle war der zentrale, unglaublich vielseitige große Sopran im Ensemble – mit einem Universalrepertoire, das neben allen Sparten des Lyrischen bis zu jugendlichen Wagner-Partien wie Elsa und Elisabeth und zu Strauss-Diven reichte. Im sogenannten Zwischenfach dominierte bis 1960 die polnische Dramatische Maria Kinasiewicz, die sich in Deutschland Kinas nannte, in Farbe und Stil der berühmten Christel Goltz ähnlich, mit einem Rollenspektrum zwischen Mozarts Elettra bis Strauss’ Elektra. Als Gäste kamen in den 1940/50ern auch die Heroine Marta Fuchs und die ins jugendlich-dramatische Fach gewachsene Hilde Scheppan, zwei Prominente aus dem Berlin der 1930/40er; und die in Bayreuth erfolgreiche Gré Brouwenstijn dazu (die Hochdramatischen waren bei Martha Mödl und Inge Borkh gut aufgehoben). Wie auf allen sonstigen Positionen war das Stuttgarter Haus auch für jugendlich-dramatische Sopranpartien gut ausgestattet.

Mit Beginn der 1960er Jahre stellte sich jedoch für diesen Ensemblebereich die Frage eines Generationswechsels. Die Sängerinnen Müller, Kapper, Eipperle, Kinas erreichten das Ende ihrer Karrieren. Die Württembergische Standardqualität bedurfte der Sicherung durch Erneuerung. Man stützte sich auf verschiedene Gastsängerinnen, unter denen die von der Deutschen Oper am Rhein kommende, dann ihr Stammhaus in München findende Hildegard Hillebrecht, etwa gleichzeitig die Augsburger 1. Jugendliche Elisabeth Löw-Szöky dominierten. Hillebrecht war mit fülligem, mezzofarbenem, mitunter etwas dumpf klingendem Zwischenfachsopran vor allem im italienischen Fach und bei R.Strauss zuhause. Löw-Szöky sang ein breiter angelegtes Repertoire, das von der reinen Lyrikerin (mit Monteverdi, Mozart, Weber) über Zwischenpartien (Verdi, Puccini, Tschaikowsky, Verismo) bis ins Hochdramatische (Cherubini, Wagner, Strauss) tendierte und sogar Charakterpartien der Moderne meisterte. 1959 erstmals verpflichtet, avancierte sie bald zur zentralen jugendlich-dramatischen Sopranistin der Württembergischen Staatsoper für nahezu alle Repertoirebereiche, faktisch als Universalistin, wie das Institut sie zuvor mit anderen Akzenten allenfalls in Trude Eipperle besaß. Sie blieb fast ein Vierteljahrhundert lang in dieser Position – die dominante Stuttgarter Primadonna, nicht weniger.

Später Start. Beständige Leistung.

Die vielseitige Sängerin war 1921 in Pottendorf / Niederösterreich geboren worden. Sie studierte ab 1946 in Wien bei Professor Valerie Wilhelm und ab 1949 am Salzburger Mozarteum bei Stoja von Milinković. Ihr spätes Bühnendebüt hatte sie als schon 33jährige 1954 am angesehenen Opernhaus Augsburg, stets einer Wiege beachtlicher Sängerkarrieren. Sie gehörte dem Augsburger Ensemble bis 1958 an. Als Vertreterin des damals reich besetzten lyrisch-dramatischen Fachs hatte sie es, vielleicht auch ihres späten Bühnenstarts wegen, zunächst nicht leicht, sich durchzusetzen. Gastauftritte an ersten Häusern machten sie jedoch kontinuierlich bekannt. Mit ihrem Engagement an die Württembergische Staatsoper hatte sie einen Status erreicht, der als Basis einer Position in der ersten Reihe gelten konnte.

Sie entfaltete nun ein enorm breites Rollenspektrum, vor allem im italienischen Repertoire, mit Verdis Frauengestalten im Zentrum, aber auch in deutschen, französischen und slawischen Werken – darunter Mozarts Gräfin und Donna Elvira, Webers Agathe und Rezia, Wagners Irene, Senta, Elisabeth, Elsa, Eva, Verdis Leonoren, Amelia, Aida, Desdemona, Strauss Chrysothemis, Ariadne, Kaiserin. Sie erfüllte gleich souverän „schöne“ lyrische wie extreme hochdramatische Sopranpartien, brillierte auch als Offenbachs Giulietta, als Saffi im Zigeunerbaron, in Berlioz’ Trojanern wie in Egks Zaubergeige. Von vereinzelten Rundfunkauftritten abgesehen, konnte sie keinerlei offizielle Tonaufnahmen machen – wie so viele erstrangige Sänger der 1940-70er Jahre. Doch sie war als Gast an vielen bedeutenden Bühnen gefragt: so an der Deutschen Oper Berlin, der Bayerischen Staatsoper, dem Staatstheater Karlsruhe, besonders oft an den Opernhäusern Bern und Frankfurt/M., der Königlichen Oper Stockholm, am Sao Carlos Lissabon, bei interkontinentalen Auftritten von Athen bis Philadelphia, bei den Festspielen in Edinburgh und München, sogar beim Operettenfestival auf der Seebühne Mörbisch.

Tondokumente als Kulturfunde

Eine besonders enge Beziehung unterhielt die Sängerin zum Opernhaus der Schweizer Bundeshauptstadt Bern. Wie (außer vielleicht Zürich) alle vom Hauptstrom der Medienverwertung weithin unberührten großen Theater der Schweiz hatte dieses Dreispartenhaus einen Qualitätsstand auf dem Niveau deutschen Opernzentren und konnte sich mit bekannteren Bühnen wie Köln, Düsseldorf, Frankfurt, Hannover, oft genug auch mit den vier „großen“ deutschen Staatsopern, messen. International bekannte Sängerinnen und Sänger, kamen als Gäste – unter ihnen regelmäßig Elisabeth Löw-Szöky. Mit bis heute bekannten (oder noch zu entdeckenden) Partnern sang sie dort ihre großen Stuttgarter und eine Reihe neuer Partien, von Poppea und Medea bis Senta und Ariadne.

Diese Facette ihres Wirkens ist für heutige Rezipienten von größter Wichtigkeit. Sie liefert uns, neben Stuttgarter Mitschnitten, die entscheidend aussagekräftigen Tondokumente ihres Bühnenwirkens, ihrer stimmlichen Ressourcen und sängerischen Qualitäten. Wir verfügten kaum über genügend Spuren des Wirkens einer der bemerkenswertesten Sopranistinnen ihrer Zeit. Diese Wertung ist nicht zu hoch gegriffen, denn so wie die Sängerin hier in weitgespanntem Repertoire live erlebbar ist, muss man sie unter die bedeutenden Jugendlich-Dramatischen der 1960/70er Jahre rechnen. Trotz häufig „dunstiger“ Klangschärfe und oft schwacher Präsenz vermitteln die Aufnahmen attraktive, oft bewundernswerte, mitunter beglückende Eindrücke.

Dem Ideal nahe

Wir hören einen atemtechnisch sicher fundierten, runden, vollen, dabei kernigen und expansionsfähigen Sopran, mit strömender Phrasierung, exzellent registerverblendet, mit dezentem Vibrato entfaltet, von „sahniger“ Opulenz, bei Bedarf auch metallisch-klirrender Durchschlagskraft und einem im Stimmzentrum dramatisch-gesättigtem Habitus. Die Stimme ist nicht so schlank geführt wie bei Eipperle oder Watson, nicht so metallisch wie bei Kinas oder Bjoner, nicht so flackernd wie bei Kupper oder Cunitz. Löw-Szöky verbindet warmes, farbenreiches Klanggepräge mit schwingender, sinnlicher Tonfülle. Ihr Atem wird wohldosiert eingesetzt, wirkt daher fast unerschöpflich. Besonders faszinierend: Sie beherrscht das Instrumentarium für sängerische Effekte, wie man sie – selten genug – fast ausschließlich von nach der „alten“ Schule geformten Virtuosa des Verdi-Gesangs, wie etwa Martinis oder Gencer, zu hören bekommt. Belege bieten ihre fast explosiv wirkende Intonation und Tonbildung, darauf aufbauend eine fabelhafte Strömungstechnik mit meisterlichen Crescendi und Diminuendi – besonders fesselnd bei souverän modulierten Piano-Passagen im oberen Stimmregister.

Und nicht zuletzt: Ihre Persönlichkeit teilt sich in künstlerisch ausgewogener Balance als „feminin und heroisch“ mit. Es erscheint, auch im Vergleich mit den populären Konkurrentinnen ihrer Ära, unfassbar, dass eine Gesangskünstlerin dieser Klasse von Medien und Tonträgerproduzenten so vollständig übergangen werden konnte. Sie war ein Musterbeispiel für dramatische Singdarstellung fast ohne Grenzen – und dem Ideal oft nahe.

Diesen Standard bewahrte Elisabeth Löw-Szöky bis zu ihrem Bühnenabschied 1981. Sie blieb dem Musik- und Opernleben, zahlreichen Kollegen, Verehrern und Diskurspartnern vital, wach und neugierig verbunden. In beeindruckender Frische begeht sie im August 2011 ihren 90. Geburtstag. Ihr warm timbrierter, farbreicher, zu lyrischer Linie wie zu dramatischer Emphase fähiger Sopran und ihre engagierte Künstlerschaft verdienen, in Erinnerung zu bleiben.

                                                                                                         
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© Klaus Ulrich Spiegel