Juli 2013



Wojtyla der Heilige
Der reaktionärste Neuzeit-Papst avanciert zur „Ehre der Altäre“

Frohe Botschaft aus dem Vatikan: Der polnische Papst Johannes Paul II. wird
bis 2015 heiliggesprochen. Nach der nunmal vorher dazu erforderlichen Selig-
sprechung 2011 wird dies zehn Jahre nach seinem Tod 2005 die schnellste Zuerkennung des Heiligenstatus in der Geschichte der Kurie sein. Als voll- brachtes Wunder – auch das eine Voraussetzung – wird die Heilung einer
Nonne aus Costa Rica von der Parkinson-Krankheit anerkannt. Paradoxerweise verstarb der neue Heilige nach jahrelangem Siechtum selbst an Parkinson.

     Zusammen mit Johannes Paul soll der 1963 verstorbene Johannes XXIII., der
2000 seliggesprochen wurde, zum Heiligen erhoben werden. Dabei verkörpern beide Päpste den Gegensatz zwischen Reaktion und Fortschritt. Sorgte Wojtyla doch dafür, dass die von Johannes XXIII. ins Auge gefassten Reformen, wo er
sie noch nicht rückgängig machen konnte, stagnierten. Gemeinsam mit seinem Nachfolger Benedikt XVI. bekämpfte Johannes Paul II. erbittert die Befreiungs-theologie in Lateinamerika, machte gemeinsame Sache mit Faschisten vom Schlage eines Pinochet in Chile und der Putschloge P2. Er förderte in Italien die von dem Mediendiktator Silvio Berlusconi angeführte rechtsextreme Regierung mit AN-Faschisten und Rassisten, wo immer sich dazu Gelegenheit fand.
     Besonders nahm Karel Wojtyla aktiv am kalten Krieg gegen das sozialistische Lager teil und half mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln der anti- kommunistischen Opposition in seinem Heimatland. Im Februar 1992 berichtete die Washington Times, dass der polnische Papst und US-Präsident Ronald Reagan bereits bei einem Treffen am 7. Juni 1982 im Vatikan eine »Heilige Allianz gegen den Kommunismus« schmiedeten. Beide hätten übereingestimmt, die in Jalta festgelegte Nachkriegsordnung zu beseitigen. In ihrem Buch »Seine Heilig- keit Johannes Paul II. und die Geheimdiplomatie des Vatikans« (München 1996), schilderten Carl Bernstein und Marco Politi, wie Wojtyla auf dieser Basis eine enge konspirative Zusammenarbeit mit der CIA praktizierte, besonders mit
dem Malteser-Ritter General Vernon Walters, einem Italien-Experten und rang- höchsten Agentenführer.
     US-Gelder für die Untergrundarbeit der verbotenen antikommunistischen Gewerkschaft Solidarnosc in den 1980er Jahren liefen über den damaligen Chef der Vatikanbank IOR, Erzbischof Marcinkus. Wojtyla habe sie bei Reisen nach Polen in seinem Diplomatengepäck befördert. Laut E. R. Carmin »Das schwarze Reich« (München 2000) habe der polnische Papst persönlich schätzungsweise weit über 100 Millionen Dollar dazu beigesteuert. Wichtige Fäden diese Finan-zierung liefen über den Bankier der faschistischen Putschloge P2 Roberto Calvi, der laut Tagesspiegel vom 16. März 2009 kundgab, die Finanzhilfe für die Solidarnosc habe insgesamt mehr als eine Milliarde US-Dollar betragen. Als ein gefährlicher Mitwisser wurde Calvi deshalb von der Mafia 1982 in London umgebracht. Wojtyla scheute sich auch nicht, gemeinsam mit dem Geheimdienst des Vatikans Pro Deo und der CIA deren Spitzenagenten Corrado Simioni, der bei der Ermordung des christdemokratischen Parteiführers Aldo Moro die Fäden zog, anschließend zur Unterstützung der Solidarnosc nach Polen zu schicken.
     Wojtyla war ein überaus fleißiger Selig- und Heiligsprecher, womit er wohl sich selbst einen Platz in diesem erlesenen Kreise sichern wollte. Von ihm wurden sage und schreibe 1330 Personen selig und 428 heilig gesprochen. Alle Päpste der letzte 400 Jahre erreichen zusammen nur etwa die Hälfte der Heilig-sprechungen, die Wojtyla in gut einem Vierteljahrhundert vornahm. Zu den skandalträchtigsten gehörten die des Generalpräsidenten des klerikalfaschi-stischen Opus Dei (Werk Gottes), Maria Escrivá de Balaguer, und 1998, mitten
in der Vorbereitung des NATO-Überfalls auf Jugoslawien, die des früheren Erzbischofs von Zagreb, Kardinal Alojzije Stepanic, in dessen Amtszeit das faschistische Ustascha-Regime über eine Million Serben – Männer, Frauen und Kinder – auf grausamste Weise umbrachte.
     In die Selig- und Heiligsprechungen wurden schon hin und wieder Frauen
und Männer der katholischen Kirche eingereiht, die entgegen der herrschenden reaktionären Linie der Kurie mutig Reaktion und Faschismus entgegentraten, wie der in Auschwitz ermordete Pater Maximilian Kolbe oder die ebenfalls dort umgebrachte deutsche Jüdin Edith Stein. Auch jetzt wieder möchte die Kurie Ausgewogenheit demonstrieren und neben Johanes Paul II. Johannes XXIII.
zum Heiligen erheben. Dem Förderer von Faschismus und Reaktion Wojtyla
wird der Gegner des Hitler- und Mussolini-Faschismus, der Retter Tausender Juden vor den Konzentrationslagern, der Reformer und "Papst des Friedens" genannte Giuseppe Roncali, der spätere Papst Johannes XXIII., zur Seite gestellt. Prophete recht, Prophete links - heuchlerischer kann es kaum zugehen.
     Johannes XXIII. ward die für einen Papst seltene Ehre der Widmung auf der Gedenkmauer von Yad Vashem in Jerusalem zuteil. Er berief das II. Vatikanische Konzil (1962–1965) ein, mit dem er eine Öffnung der katholischen Kirche gegen- über der modernen Welt einleiten und sie auf realistischeren Grundlagen neuen Entwicklungsbedingungen anpassen wollte. Von Bedeutung waren vor allem die Beschlüsse zur Toleranz unter den Religionen (Religionsfreiheit), darunter die Absage an den Antijudaismus, mit der die Kirche »alle Hassausbrüche, Verfol-gungen und Manifestationen des Antisemitismus beklagte, die sich zu irgend­einer Zeit und von irgend jemanden gegen die Juden gerichtet haben«.
     Wie Vatikan-Kenner in Rom wissen wollen, soll Papst Franziskus, der an einem Rang als Reformer werkt, gezögert haben, den Polen Wojtyla so schnell zum Heilgen zu erheben. Wohl deshalb habe er sich zu dem nicht üblichen Schritt entschlossen, die Kardinäle aus aller Welt zu einem sogenannten Konsistorium einzuberufen, das seine Entscheidung besiegeln soll.
    (Heiligsprechung vollzogen 2015).

 

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                 Ergänzung – 6. Oktober 2015
          Was unter Gangstern so „heilig“ heißt.
     Seit diverse über Jahre hin verwickelt und verdeckt gewesene Vorgänge während des Entstehens jener politischen Appeasement-Richtung, die man „Eurokommunismus“ nannte, in Italien zu einem Zweckbündnis von PCI und Democrazia Cristiana (DC) zu führen begann, nun endlich als Gesamterschei- nung geklärt sind, wurde auch die Rolle des Vatikans und seines „Staatsober-haupts“ Wojtyla in der vom US-Geheimdienst CIA unter der Regie von Haig, Kissinger, Colby, Walters kreierte Staatsverschwörung mit der Geheimarmee Gladio und der Geheimloge Propaganda due (P2) in allen Aspekten, Facetten, Strukturen, Abläufen historisch dokumentiert.
     Neben 47 Großindustriellen, der gesamten Führungsspitze der italienischen Geheimdienste, 119 Bankiers und Hochfinanz-Funktionären, je drei amtierenden Ministern und Staatssekretären aus der DC, 18 hohen Justizrepräsentanten,
21 Spitzenjournalisten (darunter Direktoren der RAI und des Corriere della sera), 38 Parlamentariern aus DC und MSI, dazu Top-Kommandanten der sizilianisch-amerikanischen Mafia mit Salvatore „Toto“ Rina an der Spitze, zur Verfügung der P2-Präsiden Berlusconi, Craxi und Gelli, war in diesem Kreise auch der Kirchenstaat – in persönlicher Vertretung des Papstes durch dessen Vatikan- bankchef Roberto Calvi – beteiligt, dem zentralen Ziel der Verschwörung verbunden: der unbedingten Verhinderung einer Beteiligung der gemäßigten Reformkom-munisten an der Regierung Italiens mit der DC, vertreten durch den deshalb im Auftrag der P2/CIA-Machtkreise später entführten und ermordeten Aldo Moro.
     Um staatliche finanzpolizeiliche Ermittlungen gegen die Vatikanbank zu unterbinden, übernahm Papst Wojtyla, in seiner Rolle als „Staatsoberhaupt“ des Kirchenstaates, spektakulär eine persönliche Verantwortung für gesetzwidrige Transaktionen und „Investitionen“ dieses seines Banco Ambrogiano und verhinderte so Enthüllungen zu deren Rolle im Geflecht von P2 und Gladio.
Der Kirchenstaat musste dennoch 250.000 US-Dollar Entschädigung an geprellte Anleger zahlen.
     Der Bankchef Calvi wurde in London Opfer eines vom Kartell gebilligten Mafia-Mordes -- so wie eine Reihe weiterer Ermittler und Informanten, mit deren Aussagen die Tarnungen der Komplotte hätten auffliegen können. Wojtyla hat in dieser Zeit via Banco Ambrogiano siebenstellige Summen zum P2-Geflecht beisteuern lassen und selber im unkontrollierten Diplomatengepäck bis zu einer Milliarde US-Dollar an Walesas Solidarnosc nach Polen gebracht.
     Ein Mitwisser an Staatsverbrechen und Mordkomplotten, Schützer von Finanzgangsterei und Mafiakooperationen – nun in Rekordzeit zum Heiligen
der alleinseligmachenden heiligen Kirche erhoben. „Santo subito!“ – aber klar.

                                                                                       (Quelle: Gerhard Feldbauer / jW 5.10.2015)  

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